Die abge­lehn­te Betreu­ung – und die Beschwer­de des wider­spens­ti­gen Betrof­fe­nen

Mit dem Rechts­schutz­be­dürf­nis für die Beschwer­de des Betrof­fe­nen gegen einen die Ein­rich­tung einer Betreu­ung ableh­nen­den Beschluss hat­te sich aktu­ell der Bun­des­ge­richts­hof zu befas­sen.

Die abge­lehn­te Betreu­ung – und die Beschwer­de des wider­spens­ti­gen Betrof­fe­nen

Gegen die Ableh­nung der Betreu­ung ist dem Betrof­fe­nen unab­hän­gig davon, ob er in ers­ter Instanz mit einer Betreu­ung ein­ver­stan­den war, die Beschwer­de mit dem Ziel der Betreu­er­be­stel­lung eröff­net.

Im vor­lie­gen­den Fall hat­te das Gesund­heits­amt im Okto­ber 2015 beim Betreu­ungs­ge­richt die Ein­rich­tung einer Betreu­ung für den Betrof­fe­nen ange­regt und mit­ge­teilt, die­ser sei mit einer Betreu­ung nicht ein­ver­stan­den. Der dar­auf­hin mit der Begut­ach­tung des Betrof­fe­nen beauf­trag­te Sach­ver­stän­di­ge hat dem Betreu­ungs­ge­richt ledig­lich über ein kur­zes Gespräch mit dem Betrof­fe­nen berich­tet, bei dem er kei­ne Hin­wei­se auf eine höher­gra­di­ge kogni­ti­ve Beein­träch­ti­gung, Manie oder erkenn­ba­re psy­cho­ti­sche Erkran­kung habe fin­den kön­nen. Wäh­rend des erst­in­stanz­li­chen Ver­fah­rens hat der Betrof­fe­ne mehr­fach einer Betreu­ung wider­spro­chen. Das Amts­ge­richt hat schließ­lich die Bestel­lung eines Betreu­ers abge­lehnt.

Mit sei­ner Beschwer­de hat der Betrof­fe­ne bean­tragt, ihn "in den Teil­be­rei­chen Woh­nungs­an­ge­le­gen­hei­ten, Leis­tungs­ge­wäh­rung durch das Job­cen­ter Bochum und durch die Stadt Bochum, Amt für Sozia­les und Woh­nen, betreu­en zu las­sen." Das Land­ge­richt Bochum hat die Beschwer­de man­gels Rechts­schutz­be­dürf­nis­ses als unzu­läs­sig ver­wor­fen 1. Wie sich aus den Schrei­ben des Betrof­fe­nen erge­be, erstre­be er nicht die Ein­rich­tung einer Betreu­ung. Bei der von ihm gewünsch­ten "Betreu­ung" durch Job­cen­ter und Amt für Sozia­les und Woh­nen han­de­le es sich nicht um eine gesetz­li­che Ver­tre­tung.

Die Rechts­be­schwer­de des Betrof­fe­nen hat­te vor dem Bun­des­ge­richts­hof Erfolg. Das Land­ge­richt hat recht­lich unzu­tref­fend das Rechts­schutz­be­dürf­nis ver­neint, weil es das Beschwer­de­be­geh­ren des Betrof­fe­nen ver­kannt hat.

Aller­dings ist der Aus­gangs­punkt des Land­ge­richts zutref­fend, wonach (auch) für eine Beschwer­de gegen die Ableh­nung der Betreu­ung ein Rechts­schutz­be­dürf­nis erfor­der­lich ist. Das Rechts­mit­tel muss sich auf die Besei­ti­gung der in der Ableh­nung lie­gen­den Rechts­be­ein­träch­ti­gung und mit­hin auf die Bestel­lung eines Betreu­ers rich­ten. Ande­ren­falls hat der Rechts­mit­tel­füh­rer kein schutz­wür­di­ges Inter­es­se an der begehr­ten Ent­schei­dung 2.

Zu Unrecht ver­misst das Land­ge­richt aber ein sol­ches Beschwer­de­be­geh­ren des Betrof­fe­nen. Die­ser will nicht "durch das Job­cen­ter … und das Amt für Sozia­les und Woh­nen" betreut wer­den. Viel­mehr hat er mit der Nen­nung die­ser bei­den Behör­den ledig­lich die Stel­len ange­ge­ben, die ihm Leis­tun­gen ver­sagt haben, und damit die Berei­che, in denen er Hil­fe begehrt, ein­ge­grenzt. Auf­grund der For­mu­lie­rung sei­nes "Antrags" gege­be­nen­falls ver­blei­ben­de Zwei­fel wer­den durch die Antrags­be­grün­dung aus­ge­räumt, mit der der Betrof­fe­ne gel­tend macht, er sei seit über einem Jahr woh­nungs­los und bezie­he seit einem knap­pen hal­ben Jahr kei­ner­lei Sozi­al­leis­tun­gen mehr, weder vom Job­cen­ter noch vom Amt für Sozia­les und Woh­nen.

Schließ­lich steht der Zuläs­sig­keit der Beschwer­de auch nicht ent­ge­gen, dass der Betrof­fe­ne sich noch in ers­ter Instanz gegen eine Betreu­ung ver­wahrt hat­te. In dem von Amts wegen zu füh­ren­den Ver­fah­ren auf Bestel­lung eines Betreu­ers erlangt die Fra­ge, wie sich der Betrof­fe­ne zur Ein­rich­tung einer Betreu­ung stellt, im Zusam­men­hang mit § 1896 Abs. 1a BGB und damit mate­ri­ell­recht­li­che Bedeu­tung. Ver­fah­rens­recht­lich ist eine dies­be­züg­li­che Mei­nungs­än­de­rung inner­halb der oder zwi­schen den Tat­sa­chen­in­stan­zen für den Betrof­fe­nen nicht mit Nach­tei­len ver­bun­den, son­dern kann sich ledig­lich auf die gericht­li­chen Ermitt­lungs- und Anhö­rungs­pflich­ten aus­wir­ken 3. Gegen die Ableh­nung der Betreu­ung ist dem Betrof­fe­nen mit­hin unab­hän­gig davon, ob er in ers­ter Instanz mit einer Betreu­ung ein­ver­stan­den war, die Beschwer­de mit dem Ziel der Betreu­er­be­stel­lung eröff­net, weil die Ver­sa­gung der staat­li­chen Für­sor­ge­leis­tung des betreu­ungs­recht­li­chen Erwach­se­nen­schut­zes für den Betrof­fe­nen eine Rechts­be­ein­träch­ti­gung iSd § 59 Abs. 1 FamFG dar­stellt 4.

Die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung ist daher auf­zu­he­ben und die Sache an das Land­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen. Die­ses wird nun die erfor­der­li­chen Fest­stel­lun­gen zu tref­fen und hier­zu jeden­falls ein Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten zum Vor­lie­gen der medi­zi­ni­schen Vor­aus­set­zun­gen einer Betreu­ung beim Betrof­fe­nen ein­zu­ho­len sowie den Betrof­fe­nen anzu­hö­ren haben.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 12. Okto­ber 2016 – XII ZB 369/​16

  1. LG Bochum, Beschluss vom 11.05.2016 – I7 T 74/​16[]
  2. vgl. etwa BGH, Beschlüs­se vom 16.09.2015 XII ZB 526/​14 Fam­RZ 2016, 121 Rn. 5; und vom 03.12 2014 XII ZB 355/​14 Fam­RZ 2015, 486 Rn. 21[]
  3. vgl. etwa BGH, Beschlüs­se vom 24.06.2015 XII ZB 98/​15 Fam­RZ 2015, 1603 Rn. 7; vom 07.08.2013 XII ZB 188/​13 Fam­RZ 2013, 1800 Rn. 9; vom 16.05.2012 XII ZB 454/​11 Fam­RZ 2012, 1207 Rn. 21; und vom 16.03.2011 XII ZB 601/​10 Fam­RZ 2011, 880 Rn. 11 ff.[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 03.12 2014 XII ZB 355/​14 Fam­RZ 2015, 486 Rn. 21[]