Die betrieb­li­che Inva­li­den­pen­si­on im schuld­recht­li­chen Ver­sor­gungs­aus­gleich

Aktu­ell muss­te sich der Bun­des­ge­richs­hof mit dem schuld­recht­li­chen Ver­sor­gungs­aus­gleich einer Inva­li­den­pen­si­on der Deut­schen Shell AG befas­sen:

Die betrieb­li­che Inva­li­den­pen­si­on im schuld­recht­li­chen Ver­sor­gungs­aus­gleich

Der Ver­sor­gungs­aus­gleich erfasst gemäß § 1587 Abs. 1 Satz 1 BGB aF die­je­ni­gen Anwart­schaf­ten und Aus­sich­ten auf Ver­sor­gun­gen bzw. lau­fen­de Ver­sor­gun­gen wegen Alters oder ver­min­der­ter Erwerbs­fä­hig­keit, die in der Ehe­zeit mit Hil­fe des Ver­mö­gens oder durch Arbeit eines Ehe­gat­ten begrün­det oder auf­recht­erhal­ten wor­den sind. Aus­zu­glei­chen sind nur Anrech­te, deren Zweck die Ver­sor­gung wegen Alters oder Erwerbs- oder Berufs­un­fä­hig­keit ist, wäh­rend Ansprü­che oder Aus­sich­ten auf Leis­tun­gen mit ande­rer Zweck­be­stim­mung hier­zu nicht gehö­ren 1. Unab­hän­gig von der Bezeich­nung durch den Ver­sor­gungs­trä­ger liegt eine Ver­sor­gung im Sin­ne des § 1587 Abs. 1 Satz 1 BGB aF etwa dann nicht vor, wenn es sich tat­säch­lich um eine Abfin­dung oder Über­brü­ckungs­zah­lung in Ren­ten­form han­delt 2.

Nach die­sen Maß­stä­ben unter­fal­len die monat­li­chen Zah­lun­gen der Deut­schen Shell GmbH als Inva­li­di­täts­ver­sor­gung gemäß § 3 a der "Pen­si­ons­re­ge­lung 1963 für die Mit­ar­bei­ter der Deut­schen Shell GmbH" dem schuld­recht­li­chen Ver­sor­gungs­aus­gleich 3.

Aus­weis­lich die­ser Pen­si­ons­re­ge­lung ver­pflich­tet sich die Deut­sche Shell GmbH gegen­über einem Mit­ar­bei­ter, der wegen Arbeits­un­fä­hig­keit aus den Diens­ten der Deut­schen Shell GmbH aus­schei­det, zur Zah­lung einer Inva­li­den­pen­si­on für die Dau­er der Arbeits­un­fä­hig­keit. Nach wei­te­rem Schrei­ben der Aktua­re vom 09.10.2009, wer­de dem Antrags­geg­ner eine Inva­li­den­pen­si­on gewährt, weil er auf Grund sei­ner andau­ern­den Arbeits­un­fä­hig­keit nicht mehr imstan­de gewe­sen sei, sei­ne bis­he­ri­ge Tätig­keit bei der Deut­schen Shell GmbH aus­zu­üben. Hier­bei sei nur auf inter­ne Belan­ge abge­stellt wor­den, ohne dass es dar­auf ange­kom­men sei, ob er die Vor­aus­set­zun­gen für den Bezug einer Ren­te wegen vol­ler Erwerbs­min­de­rung erfül­le. Die Ren­te sei ihm für die Dau­er sei­ner Arbeits­un­fä­hig­keit zuge­sagt wor­den, längs­tens bis zu dem Zeit­punkt des Bezugs einer Ren­te der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung.

Uner­heb­lich ist es dem­ge­gen­über, dass die dem ehe­ma­li­gen Mit­ar­bei­ter von der Deut­schen Shell GmbH bezahl­te Inva­li­den­pen­si­on ledig­lich eine vor­über­ge­hen­de Ver­sor­gung ist, die sich mit Voll­endung des 65. Lebens­jah­res in eine end­gül­ti­ge Alters­pen­si­on umwan­delt. Auch zeit­lich begrenz­te Ver­sor­gun­gen unter­fal­len dem Ver­sor­gungs­aus­gleich 4.

Auch der Umstand, dass der ehe­ma­li­ge Mit­ar­bei­ter die Vor­aus­set­zun­gen für den Bezug einer Alters- oder Inva­li­di­täts­ver­sor­gung aus der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung noch nicht erfüllt, steht der Durch­füh­rung des schuld­recht­li­chen Ver­sor­gungs­aus­gleichs nicht ent­ge­gen. Das Gesetz knüpft bei der Rege­lung der Fäl­lig­keit der Aus­gleichs­ren­te in § 1587 g Abs. 1 Satz 2 BGB allein an die Erlan­gung einer "Ver­sor­gung" an. Eine Ein­schrän­kung hin­sicht­lich der Art der Ver­sor­gung ist weder dem Wort­laut noch dem Sinn und Zweck des § 1587 g BGB zu ent­neh­men 5.

Vor­aus­set­zung des schuld­recht­li­chen Ver­sor­gungs­aus­gleichs ist auf Sei­ten des Ver­pflich­te­ten, dass die­ser schon eine Ver­sor­gung wegen Alters oder Inva­li­di­tät "tat­säch­lich" erlangt hat (§ 1587 g Abs. 1 Satz 2 BGB aF). Tat­säch­lich bezieht der Antrags­geg­ner seit dem 1.07.2001 eine Inva­li­den­pen­si­on gemäß § 3 a der Pen­si­ons­re­ge­lung, die ihm nach die­sen Rege­lun­gen von der Deut­schen Shell AG in Höhe der Gesamt­al­ters­ver­sor­gung ohne Anrech­nung einer (fik­ti­ven) Sozi­al­ver­si­che­rungs­ren­te gewährt wird. Eine Anrech­nung der gesetz­li­chen Ren­te fin­det erst dann statt, wenn die­se tat­säch­lich von dem Antrags­geg­ner bezo­gen wird. Aus­weis­lich der Aus­kunft der Aktua­re der Deut­schen Shell GmbH vom 07.01.2010 wird der Antrags­geg­ner die lau­fen­de Inva­li­den­pen­si­on in der aktu­ell vor­lie­gen­den Höhe für die Dau­er sei­ner Arbeits­un­fä­hig­keit, längs­tens aber bis zu dem Zeit­punkt bezie­hen, von dem an ihm eine Ren­te aus der gesetz­li­chen Ren­te bewil­ligt wird. Erst ab die­sem Zeit­punkt wird die gesetz­li­che Ren­te auf die bis­he­ri­ge Gesamt­al­ters­ver­sor­gung ange­rech­net, so dass sich die bis­he­ri­ge vor­läu­fi­ge Inva­li­den­pen­si­on durch die Kür­zung in eine end­gül­ti­ge Fir­men­pen­si­on umwan­delt.

Etwas ande­res ergibt sich auch nicht aus der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs 6. Die­se Recht­spre­chung betraf die Fra­ge, wie im öffent­lich­recht­li­chen Ver­sor­gungs­aus­gleich nach der soge­nann­ten VBL-Metho­de der Ehe­zeit­an­teil einer betrieb­li­chen Alters­ver­sor­gung als Teil eines Gesamt­ver­sor­gungs­sys­tems zu ermit­teln war.

Hier­mit ist der vor­lie­gen­de Fall nicht ver­gleich­bar, denn Ver­fah­rens­ge­gen­stand ist hier der schuld­recht­li­che Aus­gleich des Ehe­zeit­an­teils der dem Antrags­geg­ner aktu­ell gewähr­ten betrieb­li­chen Inva­li­di­täts­ver­sor­gung, die ihm durch den Trä­ger der betrieb­li­chen Alters­ver­sor­gung bis zum Bezug einer gesetz­li­chen Ren­te in vol­ler Höhe der Gesamt­ver­sor­gung gezahlt wird.

Soweit die Deut­sche Shell AG dem Antrags­geg­ner bis zum 65. Lebens­jahr anrech­nungs­frei die vol­le Gesamt­ver­sor­gung gewährt, stellt sie dem Antrags­geg­ner in die­sem Zeit­raum Leis­tun­gen zur Ver­fü­gung, die in Höhe sei­ner fik­ti­ven Sozi­al­ver­si­che­rungs­ren­te ein Sur­ro­gat für die­je­ni­ge Ver­sor­gung dar­stellt, deren Ehe­zeit­an­teil im öffent­lich­recht­li­chen Ver­sor­gungs­aus­gleich bereits voll­stän­dig aus­ge­gli­chen wor­den ist. Weil die Antrag­stel­le­rin aus ihren in der Ehe­zeit – und durch den Zuschlag an Ent­gelt­punk­ten durch den Ver­sor­gungs­aus­gleich – erwor­be­nen gesetz­li­chen Ren­ten­an­rech­ten bereits eine Erwerbs­min­de­rungs­ren­te bezieht, führ­te die Ermitt­lung der Aus­gleichs­ren­te durch for­ma­le Tei­lung der Wert­dif­fe­renz zwi­schen den bei­den schuld­recht­lich aus­zu­glei­chen­den betrieb­li­chen Ver­sor­gun­gen – wie die vom Amts­ge­richt ange­stell­ten Berech­nun­gen ver­deut­li­chen – tat­säch­lich dazu, dass der Antrag­stel­le­rin eine weit­aus höhe­re Ver­sor­gung zur Ver­fü­gung stün­de als dem Antrags­geg­ner nach Zah­lung der auf die­se Wei­se ermit­tel­ten Aus­gleichs­ren­te ver­bleibt.

Da die­ser Umstand nicht auf vor- oder nach­ehe­lich erwor­be­nen Ver­sor­gungs­an­rech­ten, son­dern auf einer – mit den Eigen­ar­ten der aus­zu­glei­chen­den Ver­sor­gung zu erklä­ren­den – unglei­chen Ver­tei­lung der von bei­den Ehe­gat­ten in der Ehe­zeit erwor­be­nen Ver­sor­gungs­an­rech­te beruht, ist eine Kor­rek­tur des Aus­gleich­s­er­geb­nis­ses nach § 1587 h Nr. 1 BGB aF gebo­ten.

Im Übri­gen kann im Rah­men des schuld­recht­li­chen Ver­sor­gungs­aus­gleichs die Anrech­nung der gesetz­li­chen Ren­te erst ab dem Zeit­punkt berück­sich­tigt wer­den, in dem über den Aus­gleich der end­gül­ti­gen Alters­pen­si­on des Antrags­geg­ners zu ent­schei­den ist. Einer mit der Ver­rin­ge­rung der Fir­men­pen­si­on mög­li­cher­wei­se ein­her­ge­hen­de Ver­rin­ge­rung der schuld­recht­li­chen Aus­gleichs­ren­te könn­te zu gege­be­ner Zeit im Wege der Abän­de­rung nach § 227 Abs. 1 iVm § 48 FamFG Rech­nung getra­gen wer­den 7.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 25. Juni 2014 – XII ZB 658/​10

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 01.06.1988 – IVb ZB 132/​85 , Fam­RZ 1988, 936, 937[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 31.08.2000 – XII ZB 89/​99 , Fam­RZ 2001, 27, 28[]
  3. zum schuld­recht­li­chen Ver­sor­gungs­aus­gleich bei Erwerbs­un­fä­hig­keits­ren­te einer kom­mu­na­len Zusatz­ver­sor­gung vgl. BGH, Beschluss BGHZ 98, 390 = Fam­RZ 1987, 145, 146[]
  4. vgl. Johannsen/​Henrich/​Hahne Ehe­recht 4. Aufl. § 1587 BGB Rn. 13[]
  5. BGH, Beschluss vom 31.08.2000 – XII ZB 89/​99 , Fam­RZ 2001, 27, 28 f.[]
  6. BGH, Beschluss vom 25.09.1991 – XII ZB 165/​88 , Fam­RZ 1991, 1416[]
  7. vgl. Münch­Komm-BGB/­Dörr 6. Aufl. § 227 FamFG Rn. 3, 7; Beck­OK-FamFG/​Hahne [Stand: Okto­ber 2013] § 227 Rn. 2; Hauß FPR 2011, 26, 31[]