Die Ent­schei­dung des Fami­li­en­ge­richts im ver­ein­fach­ten Ver­fah­ren

Das Fami­li­en­ge­richt darf nur dann im ver­ein­fach­ten Ver­fah­ren nach § 155a Abs. 3 FamFG ent­schei­den, wenn die Mut­ter in ihrer Stel­lung­nah­me zum Antrag auf Ein­rich­tung der gemein­sa­men elter­li­chen Sor­ge kei­ner­lei kon­kre­te kind­be­zo­ge­nen Argu­men­te vor­trägt.

Die Ent­schei­dung des Fami­li­en­ge­richts im ver­ein­fach­ten Ver­fah­ren

Das ver­ein­fach­te Ver­fah­ren kommt nicht in Betracht, wenn – jeden­falls im Ansatz – Grün­de vor­ge­tra­gen wer­den, die im Bezug zum gemein­sa­men Kind, zum Eltern-Kind-Ver­hält­nis und/​oder kon­kret zum Ver­hält­nis der betei­lig­ten Eltern und somit im Zusam­men­hang mit der Ein­rich­tung des Sor­ge­rechts ste­hen kön­nen. Ob die­se genann­ten Grün­de die gesetz­li­che Ver­mu­tung nach § 1626a Abs. 2 Satz 2 BGB letzt­lich erschüt­tern kön­nen, ist für die Fra­ge der Ver­fah­rens­art uner­heb­lich und muss der mate­ri­ell-recht­li­chen Prü­fung vor­be­hal­ten blei­ben.

Geht das Fami­li­en­ge­richt unzu­tref­fend von den Vor­aus­set­zun­gen des § 155a Abs. 3 Satz 1 FamFG aus und ent­schei­det somit auf der Grund­la­ge des ver­ein­fach­ten Ver­fah­rens, führt dies – auf Antrag – regel­mä­ßig zur Zurück­ver­wei­sung 1.

In den Fäl­len des § 1626a Abs. 2 Satz 2 BGB soll das Gericht im schrift­li­chen Ver­fah­ren ohne Anhö­rung des Jugend­am­tes und ohne per­sön­li­che Anhö­rung der Eltern ent­schei­den, § 155 Abs. 3 Satz 1 FamFG. Vor­aus­set­zung für das ver­ein­fach­te Ver­fah­ren ist somit, dass der ande­re Eltern­teil kei­ne Grün­de vor­trägt, die der Über­tra­gung der gemein­sa­men elter­li­chen Sor­ge ent­ge­gen­ste­hen kön­nen und sol­che Grün­de auch sonst nicht ersicht­lich sind, § 1626a Abs. 2 Satz 2 BGB. Wer­den dem Gericht jedoch durch Vor­trag der Betei­lig­ten oder auf sons­ti­ge Wei­se Grün­de bekannt, die der gemein­sa­men elter­li­chen Sor­ge ent­ge­gen­ste­hen kön­nen, ist Erör­te­rungs­ter­min zu bestim­men, § 155a Abs. 4 Satz 1 FamFG. Eine Ent­schei­dung im schrift­li­chen Ver­fah­ren kommt dann nicht in Betracht.

Für die Fra­ge, ob das Gericht im ver­ein­fach­ten Ver­fah­ren ent­schei­den kann, kommt es somit maß­geb­lich dar­auf an, wel­che Anfor­de­run­gen an den Vor­trag der Betei­lig­ten, ins­be­son­de­re der Antrags­geg­ne­rin, gestellt wer­den 2.

Nach der Geset­zes­be­grün­dung lie­gen die Vor­aus­set­zun­gen für die Ver­mu­tung nach § 1626a Abs. 2 Satz 2 BGB und damit auch für das ver­ein­fach­te Ver­fah­ren nach § 155a Abs. 3 FamFG vor, wenn sich der ande­re Eltern­teil zum Antrag auf Ein­rich­tung der gemein­sa­men Sor­ge gar nicht äußert oder in sei­ner Stel­lung­nah­me kei­ne Grün­de vor­trägt, die der gemein­sa­men Sor­ge ent­ge­gen­ste­hen kön­nen, etwa weil der Vor­trag ohne jede Rele­vanz im Hin­blick auf das Kin­des­wohl ist 3. Unbe­acht­lich sind danach bei­spiels­wei­se Ein­wän­de der Mut­ter, sie wol­le auch in Zukunft lie­ber allein ent­schei­den, sie habe mit dem Vater eines frü­her gebo­re­nen Kin­des schlech­te Erfah­run­gen mit dem gemein­sa­men Sor­ge­recht gemacht oder es bestehe kei­ne Not­wen­dig­keit für ein gemein­sa­mes Sor­ge­recht, weil der Vater von ihr mit Voll­mach­ten aus­ge­stat­tet sei und in naher Zukunft ohne­hin kei­ne wich­ti­gen Ent­schei­dun­gen anstün­den 3. Die­se – vom Gesetz­ge­ber exem­pla­risch genann­ten – Grün­de haben die Gemein­sam­keit, dass sie kei­ner­lei kon­kre­ten kind­be­zo­ge­nen Argu­men­te ent­hal­ten, son­dern abs­trakt und all­ge­mein gehal­te­ne Befind­lich­kei­ten zum Aus­druck brin­gen. Sol­che Grün­de, die einen Bezug zum kon­kre­ten Fall oder zum Wohl des gemein­sa­men Kin­des ver­mis­sen las­sen, sind danach unbe­acht­lich 4.

Etwas ande­res muss jedoch gel­ten, wenn – jeden­falls im Ansatz – Grün­de vor­ge­tra­gen wer­den, die im Bezug zum gemein­sa­men Kind, zum Eltern-Kind-Ver­hält­nis und/​oder kon­kret zum Ver­hält­nis der betei­lig­ten Eltern und somit im Zusam­men­hang mit der Ein­rich­tung des Sor­ge­rechts ste­hen kön­nen 5. In die­sem Fall hat das Fami­li­en­ge­richt Erör­te­rungs­ter­min nach § 155 Abs. 2 und 3 FamFG durch­zu­füh­ren und das Jugend­amt zu betei­li­gen.

Ob die genann­ten Grün­de die gesetz­li­che Ver­mu­tung nach § 1626a Abs. 2 Satz 2 BGB letzt­lich erschüt­tern kön­nen, muss für die Fra­ge der Ver­fah­rens­art uner­heb­lich sein und der mate­ri­ell-recht­li­chen Prü­fung vor­be­hal­ten blei­ben 6. Die Anfor­de­run­gen für einen Wech­sel vom ver­ein­fach­ten schrift­li­chen Ver­fah­ren zum Regel­ver­fah­ren nach § 155 Abs. 3 und 4 FamFG dür­fen in Hin­blick auf das Kin­des­wohl sowie auf den Anspruch auf recht­li­ches Gehör der Eltern nach Art. 103 Abs. 1 GG nicht über­spannt wer­den. Andern­falls wäre die mate­ri­ell-recht­li­che Prü­fung der Vor­aus­set­zun­gen einer gemein­sa­men Sor­ge mit der ver­fah­rens­recht­li­chen Fra­ge betref­fend die Über­lei­tung vom ver­ein­fach­ten in das Regel­ver­fah­ren iden­tisch. Eine am Wohl des Kin­des ori­en­tier­te Ent­schei­dung kann jedoch sinn­voll nur im Ver­fah­ren nach § 155 Abs. 2 und 3 FamFG nach per­sön­li­cher Anhö­rung der Eltern, Mit­wir­kung des Jugend­am­tes sowie Erör­te­rung erfol­gen. Unge­ach­tet des­sen kann im Rah­men der Erör­te­rung mit den Eltern auf ein Ein­ver­neh­men, etwa die Abga­be der Sor­ge­er­klä­rung im Ter­min, hin­ge­wirkt und damit eine bes­se­re Akzep­tanz für die Ein­rich­tung der gemein­sa­men elter­li­chen Sor­ge geschaf­fen wer­den, §§ 155 Abs. 4 Satz 2, 156 Abs. 1 FamFG.

Vor­lie­gend hat die Antrags­geg­ne­rin über­wie­gend uner­heb­li­che Grün­de im Sin­ne des § 1626a Abs. 2 Satz 2 BGB vor­ge­tra­gen. Gleich­wohl wei­sen die Aus­füh­run­gen der Antrags­geg­ne­rin kon­kre­te Bezü­ge zum gemein­sa­men Kind sowie zur Fra­ge des gemein­sa­men Sor­ge­rechts im vor­lie­gen­den Fall auf, etwa den aus Sicht der Mut­ter unge­nü­gen­den Kon­takt zwi­schen Vater und Sohn oder die Fra­ge der Erreich­bar­keit des Vaters. Ob die genann­ten Grün­de letzt­lich der Ein­rich­tung der gemein­sa­men elter­li­chen Sor­ge ent­ge­gen ste­hen, ist jedoch im Ver­fah­ren nach § 155 Abs. 3 und 4 FamFG zu klä­ren.

Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he, Beschluss vom 13. Juni 2014 – 18 UF 103/​14

  1. OLG Frank­furt/​M. Fam­RZ 2014, 852 Tz.19; MünchKomm/​Schumann, FamFG, 2. Auf­la­ge 2013, § 155a Rz. 29; Keu­ter Fam­RZ 2012, 825, 827; Heil­mann NJW 2013, 1473, 1477[]
  2. vgl. etwa OLG Stutt­gart, 22.01.2014, 15 WF 254/​13, Tz. 12: bis­lang noch nicht hin­rei­chend geklärt[]
  3. BT-Drs. 17/​11048, S. 18 l. Sp.[][]
  4. s. MünchKomm/​Schumann, FamFG, 2. Auf­la­ge 2013, § 155a Rz. 23; Prütting/​Helms, FamFG, 3. Auf­la­ge 2014, 155a Rz. 25[]
  5. s. auch Prütting/​Helms, a.a.O., 155a Rz. 25: kei­ne hohen Anfor­de­run­gen[]
  6. ähn­lich Prütting/​Helms, a.a.O., 155a Rz. 27[]