Die ita­lie­ni­sche Tren­nung von Tisch und Bett

Wur­de die Tren­nung von Tisch und Bett nach ita­lie­ni­schem Recht vor dem 21.06.2012 aus­ge­spro­chen, so fin­det auf den nach die­sem Datum beim Fami­li­en­ge­richt ein­ge­reich­ten Schei­dungs­an­trag gemäß Art. 9 Abs. 1 VO (EU) Nr. 1259/​10 vom 20.12.2010 ("Rom III-Ver­ord­nung") zu der Wah­rung der Sta­tus­ein­heit eben­falls ita­lie­ni­sches Schei­dungs­recht Anwen­dung.

Die ita­lie­ni­sche Tren­nung von Tisch und Bett

Nach Art. 9 Abs. 1 VO (EU) Nr. 1259/​10 vom 20.12.2010 ist bei Umwand­lung einer Tren­nung ohne die Auf­lö­sung des Ehe­ban­des in eine Ehe­schei­dung das auf die Ehe­schei­dung anzu­wen­den­de Recht das Recht, das auf die Tren­nung ohne Auf­lö­sung des Ehe­ban­des ange­wen­det wur­de, sofern die Par­tei­en nicht gemäß Art. 5 VO (EU) Nr. 1259/​10 vom 20.12.2010 etwas ande­res ver­ein­bart haben. Die­se Vor­schrift stellt eine kol­li­si­ons­recht­li­che Par­al­lel­re­ge­lung zu Art. 5 EuE­he­VO dar. Es han­delt sich dabei um eine Son­der­an­knüp­fungs­re­gel, die dazu führt, dass nach­fol­gen­de Sta­tu­ten­wech­sel unbe­acht­lich blei­ben. Sie dient den Kon­ti­nui­täts­in­ter­es­sen der Ehe­gat­ten (Gru­ber, Schei­dung auf Euro­pä­isch – die Rom III-Ver­ord­nung, IPRax 2012, 381, 388).

Die­se Rege­lung zur Wah­rung der Sta­tus­ein­heit fin­det spe­zi­ell Anwen­dung auf den Fall des ita­lie­ni­schen Ehe­schei­dungs­ver­fah­rens, wenn also die Umwand­lung einer Tren­nung von Tisch und Bett nach ita­lie­ni­schem Recht in eine Ehe­schei­dung begehrt wird. Daher kommt das auf die Tren­nung tat­säch­lich ange­wand­te Recht zur Anwen­dung und nicht das nach Art. 8 VO (EU) Nr. 1259/​10 vom 20.12.2010 eigent­lich anzu­wen­den­de 1. Die­se vom Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart geteil­te Rechts­auf­fas­sung ergibt sich auch aus dem Erwä­gungs­grund Nr. 23 zur VO (EU) Nr. 1259/​10 vom 20.12.2010, wonach dann, wenn das Gericht ange­ru­fen wird, um eine Tren­nung ohne Auf­lö­sung des Ehe­ban­des in eine Ehe­schei­dung umzu­wan­deln, das Recht, das auf die Tren­nung ohne Auf­lö­sung des Ehe­ban­des ange­wandt wur­de, auch auf die Ehe­schei­dung ange­wandt wer­den soll, da eine sol­che Kon­ti­nui­tät den Ehe­gat­ten eine bes­se­re Bere­chen­bar­keit bie­ten und die Rechts­si­cher­heit stär­ken wür­de.

Es greift auch nicht Art. 9 Abs. 2 VO (EU) Nr. 1259/​10 vom 20.12.2010, über wel­che Vor­schrift wie­der­um Art. 8 VO (EU) Nr. 1259/​10 vom 20.12.2010 anwend­bar wäre. Denn die­se Vor­schrift ist nur in Fäl­len anwend­bar, in denen das Recht, das auf die Tren­nung ohne Auf­lö­sung des Ehe­ban­des ange­wen­det wur­de, kei­ne Umwand­lung der Tren­nung ohne Auf­lö­sung des Ehe­ban­des in eine Ehe­schei­dung vor­sieht, da hier kein Kon­ti­nui­täts­in­ter­es­se der Ehe­gat­ten besteht, so dass die Sta­tus­ein­heit nicht gewahrt wer­den muss. Vor­lie­gend haben die Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten auch kei­ne Rechts­wahl nach Art. 5 VO (EU) Nr. 1259/​10 vom 20.12.2010 getrof­fen.

Dies bedeu­tet, dass im vor­lie­gend vom Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart ent­schie­de­nen Fall die Ehe­schei­dung nach ita­lie­ni­schem Recht eine Ein­heit aus gericht­li­cher Tren­nung und Ehe­schei­dung bil­det und daher wegen Unan­wend­bar­keit von Art. 8 lit. a VO (EU) Nr. 1259/​10 vom 20.12.2010 auch für die Ehe­schei­dung wie für die Ehe­tren­nung ent­spre­chend des Beschlus­ses vom 14.12.2011 ita­lie­ni­sches Recht anzu­wen­den ist. Der von der Antrag­stel­le­rin ein­ge­reich­te Schei­dungs­an­trag ist des­halb ver­früht, denn nach Art. 3 Nr. 2 lit. b Abs. 2 des Ita­lie­ni­schen Geset­zes Nr. 898 vom 01.12.1970 über die Rege­lung der Fäl­le der Ehe­auf­lö­sung muss für die Ein­rei­chung des Antrags auf Auf­lö­sung der Ehe oder Been­di­gung ihrer zivil­recht­li­chen Wir­kun­gen die Tren­nung zwi­schen den Ehe­gat­ten unun­ter­bro­chen min­des­tens 3 Jah­re gedau­ert habe, gerech­net ab dem Zeit­punkt der gericht­li­chen Anhö­rung der Ehe­gat­ten im Tren­nungs­ver­fah­ren. Dies bedeu­tet für das vor­lie­gen­de Ver­fah­ren, dass die Antrag­stel­le­rin den Schei­dungs­an­trag frü­hes­tens am 13.10.2013 ein­rei­chen kann.

Dass Ehe­gat­ten mit ita­lie­ni­scher Staats­an­ge­hö­rig­keit, die in der Bund­e­re­pu­blik Deutsch­land leben und vor dem 21.06.2012 kein Ehe­tren­nungs­ver­fah­ren durch­ge­führt haben, wegen der sofor­ti­gen Anwend­bar­keit deut­schen Rechts nach Art. 8 lit. a VO (EU) Nr. 1259/​10 vom 20.12.2010 einen zeit­li­chen Vor­teil haben, ist die unver­meid­li­che, aber hin­zu­neh­men­de Fol­ge von Art. 9 Abs. 1 VO (EU) Nr. 1259/​10 vom 20.12.2010.

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Beschluss vom 17. Janu­ar 2013 – 17 WF 251/​12

  1. Gru­ber, a.a.O.; Dimmler/​Bißmaier „Rom III“ in der Pra­xis, FamRB­int 2012, 66, 67; Palandt, BGB, 72. Aufl. 2013, Rom III 9, Rn. 1[]