Die Kon­takt­ver­wei­ge­rung des unter­halts­be­rech­tig­ten Eltern­teils

Eine schwe­re Ver­feh­lung gemäß § 1611 Abs. 1 Satz 1 Alt. 3 BGB kann regel­mä­ßig nur bei einer tief­grei­fen­den Beein­träch­ti­gung schutz­wür­di­ger wirt­schaft­li­cher Inter­es­sen oder per­sön­li­cher Belan­ge des Pflich­ti­gen ange­nom­men wer­den 1.

Die Kon­takt­ver­wei­ge­rung des unter­halts­be­rech­tig­ten Eltern­teils

Ein vom unter­halts­be­rech­tig­ten Eltern­teil aus­ge­hen­der Kon­takt­ab­bruch stellt regel­mä­ßig eine Ver­feh­lung dar. Sie führt indes nur aus­nahms­wei­se bei Vor­lie­gen wei­te­rer Umstän­de, die das Ver­hal­ten des Unter­halts­be­rech­tig­ten auch als schwe­re Ver­feh­lung i.S.d. § 1611 Abs. 1 Satz 1 Alt. 3 BGB erschei­nen las­sen, zur Ver­wir­kung des Eltern­un­ter­halts.

Gemäß § 1611 Abs. 1 Satz 1 Alt. 3 BGB braucht der Ver­pflich­te­te nur einen Bei­trag zum Unter­halt in der Höhe zu leis­ten, die der Bil­lig­keit ent­spricht, wenn sich der Unter­halts­be­rech­tig­te vor­sätz­lich einer schwe­ren Ver­feh­lung gegen den Unter­halts­pflich­ti­gen schul­dig gemacht hat. Die Unter­halts­pflicht ent­fällt voll­stän­dig, wenn die Inan­spruch­nah­me des Ver­pflich­te­ten im Hin­blick dar­auf grob unbil­lig wäre, § 1611 Abs. 1 Satz 2 BGB.

Eine schwe­re Ver­feh­lung gemäß § 1611 Abs. 1 Satz 1 Alt. 3 BGB kann regel­mä­ßig nur bei einer tief­grei­fen­den Beein­träch­ti­gung schutz­wür­di­ger wirt­schaft­li­cher Inter­es­sen oder per­sön­li­cher Belan­ge des Pflich­ti­gen ange­nom­men wer­den. Als Bege­hungs­for­men kom­men akti­ves Tun und Unter­las­sen in Betracht, letz­te­res aller­dings nur, wenn der Berech­tig­te dadurch eine Rechts­pflicht zum Han­deln ver­letzt. Daher kann sich auch eine – durch Unter­las­sen her­bei­ge­führ­te – Ver­let­zung elter­li­cher Pflich­ten, wie etwa der Pflicht zu Bei­stand und Rück­sicht im Sin­ne von § 1618 a BGB, der auch auf das Ver­hält­nis zwi­schen Eltern und ihren voll­jäh­ri­gen Kin­dern Anwen­dung fin­det 2, als Ver­feh­lung gegen das Kind dar­stel­len 3.

Eine "schwe­re Ver­feh­lung" im vor­ge­nann­ten Sinn ist nicht auf ein­zel­ne, schwer­wie­gen­de Über­grif­fe gegen den Unter­halts­pflich­ti­gen oder des­sen nahe Ange­hö­ri­ge beschränkt. Bereits in den Moti­ven zum Bür­ger­li­chen Gesetz­buch wur­de ein­ge­räumt, dass erheb­li­che Grün­de dafür spre­chen, die Unter­halts­pflicht in Fäl­len, in denen der Bedürf­ti­ge durch unwür­di­ges Ver­hal­ten das Fami­li­en­band zer­ris­sen hat, nicht nur zu beschrän­ken, son­dern ganz weg­fal­len zu las­sen 4. Ein sol­ches Ver­hal­ten kann sich zum einen in ein­zel­nen beson­ders schwer­wie­gen­den Ver­feh­lun­gen zei­gen; eine schwe­re Ver­feh­lung im Sin­ne des § 1611 Abs. 1 Satz 1 Alt. 3 BGB kann sich zum ande­ren aber auch aus einer Gesamt­schau des Ver­hal­tens des Unter­halts­be­rech­tig­ten erge­ben. Selbst wenn die ein­zel­nen Ver­feh­lun­gen dabei nicht beson­ders schwer wie­gen, kommt es maß­geb­lich dar­auf an, ob sie zusam­men­ge­nom­men zei­gen, dass sich der Unter­halts­be­rech­tig­te in beson­ders vor­zu­wer­fen­der Wei­se aus der fami­liä­ren Soli­da­ri­tät gelöst und damit letzt­lich bezo­gen auf sei­ne fami­liä­ren Ver­pflich­tun­gen eine schwe­re Ver­feh­lung began­gen hat.

Eine vom Unter­halts­be­rech­tig­ten aus­ge­hen­de Kon­takt­ver­wei­ge­rung kann, wenn nicht wei­te­re Umstän­de hin­zu­tre­ten, nur in ganz beson­ders gela­ger­ten Aus­nah­me­fäl­len eine Ver­wir­kung des Unter­halts gemäß § 1611 Abs. 1 BGB begrün­den.

Beim Kin­des­un­ter­halt ver­mag aller­dings die Ableh­nung jeder per­sön­li­chen Kon­takt­auf­nah­me zu dem unter­halts­pflich­ti­gen Eltern­teil durch das (voll­jäh­ri­ge) Kind allein oder auch in Ver­bin­dung mit unhöf­li­chen und unan­ge­mes­se­nen Äuße­run­gen die­sem gegen­über eine Her­ab­set­zung oder den Aus­schluss des Unter­halts nach § 1611 Abs. 1 BGB nicht zu recht­fer­ti­gen 5. Beim Eltern­un­ter­halt kann eine Ver­wir­kung dem­ge­gen­über dann gerecht­fer­tigt sein, wenn der Eltern­teil sein Kind, das er spä­ter auf Eltern­un­ter­halt in Anspruch nimmt, schon im Klein­kind­al­ter bei den Groß­el­tern zurück­ge­las­sen und sich in der Fol­ge­zeit nicht mehr in nen­nens­wer­tem Umfang um es geküm­mert hat. Dann offen­bart das Unter­las­sen des Eltern­teils einen so gro­ben Man­gel an elter­li­cher Ver­ant­wor­tung und mensch­li­cher Rück­sicht­nah­me, dass nach Abwä­gung aller Umstän­de von einer schwe­ren Ver­feh­lung aus­ge­gan­gen wer­den kann 6.

Zwar stellt der vom Vater aus­ge­gan­ge­ne Kon­takt­ab­bruch eine Ver­feh­lung i.S.v. § 1611 Abs. 1 Satz 1 Alt. 3 BGB dar. Indes han­delt es sich nicht um eine schwe­re Ver­feh­lung im Sin­ne die­ser Vor­schrift.

Indem der Vater eine Bezie­hung zu sei­nem Sohn ver­mie­den und dadurch den Antrags­geg­ner nach den Fest­stel­lun­gen des Ober­lan­des­ge­richts nach­hal­tig belas­tet hat, hat der Vater gegen sei­ne Ver­pflich­tung ver­sto­ßen, sei­nem Sohn bei­zu­ste­hen und auf sei­ne Belan­ge Rück­sicht zu neh­men. Die­se Ver­pflich­tung hat der Gesetz­ge­ber mit Wir­kung vom 01.01.1980 mit § 1618 a auch im Ver­hält­nis zu voll­jäh­ri­gen Kin­dern in das Bür­ger­li­che Gesetz­buch auf­ge­nom­men (Art. 1 Nr. 1 des Geset­zes zur Neu­re­ge­lung des Rechts der elter­li­chen Sor­ge vom 18.07.1979 7). Auch wenn die­se Norm zu dem Zeit­punkt, als der Vater den Kon­takt zum Antrags­geg­ner im Jahr 1972 abge­bro­chen hat­te, noch nicht galt, begrün­de­te sie jeden­falls für die Zeit ab 1980 das Eltern­Kind­Ver­hält­nis prä­gen­de Rechts­pflich­ten, deren künf­ti­ge Ver­let­zung unter den Vor­aus­set­zun­gen des § 1611 Abs. 1 Satz 1 3. Alt. BGB Bedeu­tung zukommt 8.

Die in Form der Kon­takt­ver­wei­ge­rung began­ge­ne Ver­feh­lung hat der Vater vor­lie­gend noch dadurch doku­men­tiert, dass er sei­nen Sohn im Jahr 1998 ent­erbt hat. Die Errich­tung die­ses Tes­ta­ments selbst stellt aller­dings kei­ne Ver­feh­lung dar. Viel­mehr hat der Vater ledig­lich von sei­nem Recht auf Tes­tier­frei­heit Gebrauch gemacht (vgl. §§ 2064 ff., 2303 Abs. 1 Satz 1 BGB).

Die­ses Ver­hal­ten des Vaters sei­nem Sohn gegen­über wur­de nicht durch die sei­ner­zeit lang­jäh­rig bestehen­den Ehe­kon­flik­te rela­ti­viert. Denn die per­sön­li­chen Kon­flik­te haben unmit­tel­bar nur die Ehe­leu­te betrof­fen und den Vater nicht dazu berech­tigt, sich auch gegen­über sei­nem Sohn zurück­zu­zie­hen.

Jedoch han­delt es sich nicht um eine schwe­re Ver­feh­lung i.S.d. § 1611 Abs. 1 Satz 1 Alt. 3 BGB.

Zwar mag der Vater durch sein Ver­hal­ten das fami­liä­re Band zu sei­nem Sohn auf­ge­kün­digt haben. Sein Ver­hal­ten offen­bart jedoch nicht einen so gro­ben Man­gel an elter­li­cher Ver­ant­wor­tung und mensch­li­cher Rück­sicht­nah­me, dass von einer schwe­ren Ver­feh­lung aus­ge­gan­gen wer­den könn­te 9. Denn bis zur Tren­nung der Eltern im Jahr 1971 und mit­hin in den ers­ten 18 Lebens­jah­ren des Antrags­geg­ners war der Vater Teil des Fami­li­en­ver­bands und hat sich um den Antrags­geg­ner geküm­mert. Der Vater hat daher gera­de in den regel­mä­ßig eine beson­ders inten­si­ve elter­li­che Für­sor­ge erfor­dern­den Lebens­pha­sen sei­nes Soh­nes bis zum Errei­chen der Voll­jäh­rig­keit im Wesent­li­chen den aus sei­ner Eltern­stel­lung fol­gen­den Rechts­pflich­ten genügt. Als es im Jahr 1972 zum Kon­takt­ab­bruch kam, war der damals fast 19jährige Antrags­geg­ner zwar nach dama­li­ger Rechts­la­ge noch nicht voll­jäh­rig, hat­te jedoch bereits erfolg­reich das Abitur abge­legt und damit eine gewis­se Selb­stän­dig­keit erlangt. Das in die Zeit ab dem 19. Lebens­jahr des Antrags­geg­ners fal­len­de Ver­hal­ten des Vaters stellt sich im Hin­blick dar­auf nicht als eine schwe­re Ver­feh­lung i.S.d. § 1611 Abs. 1 Satz 1 Alt. 3 BGB dar. Inso­weit unter­schei­det sich die­ser Fall maß­geb­lich von der vom Bun­des­ge­richts­hof im Jahr 2004 ent­schie­de­nen Kon­stel­la­ti­on, in der die (unter­halts­be­rech­tig­te) Mut­ter ihr Kind im Klein­kind­al­ter ver­las­sen hat­te 10.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 12. Febru­ar 2014 – XII ZB 607/​12

  1. im Anschluss an BGH, Urteil vom 19.05.2004 – XII ZR 304/​02 , Fam­RZ 2004, 1559[]
  2. Palandt/​Götz BGB 73. Aufl. § 1618 a Rn. 1[]
  3. BGH, Urtei­le vom 15.09.2010 – XII ZR 148/​09, Fam­RZ 2010, 1888 Rn. 32; und vom 19.05.2004 – XII ZR 304/​02, Fam­RZ 2004, 1559, 1560[]
  4. BT-Drs. V/​2370 S. 41[]
  5. BGH, Urteil vom 25.01.1995 – XII ZR 240/​93 Fam­RZ 1995, 475, 476[]
  6. BGH, Urteil vom 19.05.2004 – XII ZR 304/​02, Fam­RZ 2004, 1559, 1560[]
  7. BGBl. I 1061[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 19.05.2004 – XII ZR 304/​02, Fam­RZ 2004, 1559, 1560[]
  9. vgl. dazu BGH, Urteil vom 19.05.2004 – XII ZR 304/​02 , Fam­RZ 2004, 1559, 1560 mwN[]
  10. BGH, Urteil vom 19.05.2004 – XII ZR 304/​02, Fam­RZ 2004, 1559[]
  11. Geset­zes­fas­sung vom 01.10.2002[]