Die Vater­schafts­an­fech­tung des nicht­ehe­li­chen Vaters – und die Bestel­lung eines Ergän­zungs­pfle­gers

Begehrt der nicht ehe­li­che Vater die Fest­stel­lung, dass das Kind nicht sein Kind sei, so legt es die indi­zier­te Kon­flikt­la­ge nahe, der allein sor­ge­be­rech­tig­ten Mut­ter die gesetz­li­che Ver­tre­tungs­macht im Ver­fah­ren zu ent­zie­hen und einen Ergän­zungs­pfle­ger zu bestel­len.

Die Vater­schafts­an­fech­tung des nicht­ehe­li­chen Vaters – und die Bestel­lung eines Ergän­zungs­pfle­gers

Zwar ist zwei­fel­haft, ob die Mut­ter, wovon das Fami­li­en­ge­richt aus­geht, gemäß § 1795 BGB kraft Geset­zes von der Ver­tre­tung des Kin­des aus­ge­schlos­sen ist. Zu Recht macht sie gel­tend, dass der Bun­des­ge­richts­hof am 21.03.2012 den gesetz­li­chen Ver­tre­tungs­aus­schluss der Mut­ter damit begrün­det hat, dass sie mit dem Vater ver­hei­ra­tet sei und dass er zugleich fest­ge­stellt hat, allein aus ihrer not­wen­di­gen Betei­li­gung am Abstam­mungs­ver­fah­ren fol­ge noch kein Aus­schluss von der Ver­tre­tung des Kin­des 1. Die Begrün­dung die­ser Ent­schei­dung ist aller­dings nicht unwi­der­spro­chen geblie­ben 2. Jeden­falls greift die Beschwer­de zu kurz, wenn sie davon aus­geht, ein gesetz­li­cher Ver­tre­tungs­aus­schluss grei­fe nur dann, wenn die Mut­ter mit dem am Anfech­tungs­ver­fah­ren betei­lig­ten Vater ver­hei­ra­tet sei. Viel­mehr hat der Bun­des­ge­richts­hof bereits zum alten Recht erkannt, dass auch die nicht mit dem Anfech­ten­den ver­hei­ra­te­te Mut­ter bei gemein­sa­mer elter­li­cher Sor­ge von der Ver­tre­tung des Kin­des im Ver­fah­ren kraft Geset­zes aus­ge­schlos­sen sei 3 und dass sie als allein sor­ge­be­rech­tig­ter Eltern­teil dann von der Ver­tre­tung kraft Geset­zes aus­ge­schlos­sen ist, wenn sie selbst die Vater­schaft anficht 4; die­se Recht­spre­chung bean­sprucht nach der Geset­zes­än­de­rung gera­de vor dem Hin­ter­grund der Begrün­dung der Ent­schei­dung vom 21.03.2012 nach wie vor Gel­tung 5. Zwar wird hier in Erman­ge­lung ander­wei­ti­ger Fest­stel­lun­gen davon aus­zu­ge­hen sein, dass die Mut­ter gemäß § 1626a Abs. 3 BGB Allein­in­ha­be­rin der elter­li­chen Sor­ge für das betei­lig­te Kind ist; die Mut­ter hat den Anfech­tungs­an­trag auch nicht selbst gestellt. Jeden­falls aber indi­ziert die hier gege­be­ne Kon­stel­la­ti­on das Bestehen gegen­läu­fi­ger Inter­es­sen von Eltern und Kind und damit den Aus­schluss der Ver­tre­tungs­macht nach § 1629 Abs. 2 Satz 3, § 1796 Abs. 1 BGB.

Für das Ver­fah­ren der rechts­fol­gen­lo­sen Abstam­mungs­klä­rung gemäß § 1598a Abs. 2 BGB ord­net das Gesetz den Aus­schluss der Ver­tre­tungs­be­fug­nis bei­der Eltern­tei­le vor dem Hin­ter­grund die­ses Inter­es­sen­kon­flik­tes aus­drück­lich an (§ 1629 Abs. 2a BGB). Dem liegt die Auf­fas­sung der Bun­des­re­gie­rung zu Grun­de, dass die Eltern "durch die Fra­ge der Vater­schaft stets auch in eige­nen, mög­li­cher­wei­se von denen des Kin­des abwei­chen­den Inter­es­sen betrof­fen sind" 6. Auch wenn die Beschwer­de zu Recht dar­auf hin­weist, dass der Bun­des­ge­richts­hof am 21.03.2012 mit­ge­teilt hat, das Gesetz tref­fe bewusst die Wer­tung, dass die Mut­ter grund­sätz­lich dazu in der Lage sei, das Kind sei­nen Inter­es­sen ent­spre­chend im Ver­fah­ren zu ver­tre­ten 7, so muss auch in der hier gege­be­nen Kon­stel­la­ti­on davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass das Inter­es­se des Kin­des zu dem Inter­es­se der Mut­ter in erheb­li­chem Gegen­satz steht 8. Zur Inter­es­sen­la­ge der Mut­ter im Ehe­lich­keits­an­fech­tungs­streit hat der Bun­des­ge­richts­hof aus­ge­führt: "In die­sem [Ver­fah­ren] geht das Inter­es­se des Kin­des auf die Ermitt­lung sei­nes wirk­li­chen Erzeu­gers. Das Inter­es­se der Mut­ter kann in glei­cher Rich­tung lau­fen. In vie­len Fäl­len kann die Mut­ter aber auch das ent­ge­gen gesetz­te Ziel ver­fol­gen. So kön­nen bei ihr wirt­schaft­li­che Inter­es­sen vor­lie­gen, die dem Inter­es­se des Kin­des an der Fest­stel­lung der wirk­li­chen Vater­schaft wider­spre­chen. Es kann ihr dar­an lie­gen, ihren tat­säch­li­chen ehe­li­chen Fehl­tritt zu ver­ber­gen. Sol­che und ähn­li­che Kon­flikt­si­tua­tio­nen las­sen sich nicht aus­schlie­ßen" 9. Die­se in der hier vor­lie­gen­den Kon­stel­la­ti­on indi­zier­te Kon­flikt­la­ge legt eine Ent­zie­hung der gesetz­li­chen Ver­tre­tung nahe 10, so dass sich jeden­falls die Prü­fung gebie­tet, ob im Ein­zel­fall ein erheb­li­cher Inter­es­sen­ge­gen­satz i.S.v. § 1796 BGB besteht 11.

Hier bestä­tigt sich der Ver­dacht eines sol­chen Inter­es­sen­ge­gen­sat­zes durch die Äuße­run­gen der Mut­ter im Ver­fah­ren vor dem Fami­li­en­ge­richt. Unter dem 29.10.2013 hat sie beto­nen las­sen, dass der von dem Vater geäu­ßer­te Ver­dacht für sie "belei­di­gend und ver­leum­de­risch" sei. Die Mut­ter sieht sich also bereits durch das Ansin­nen einer Klä­rung der Vater­schaft im Rah­men eines Anfech­tungs­ver­fah­rens in einer Wei­se in ihrer per­sön­li­chen Ehre ange­gan­gen, die dar­auf schlie­ßen lässt, dass ihr Inter­es­se, die­se Ehre zu ver­tei­di­gen mit den Inter­es­sen des Kin­des, Gewiss­heit über sei­nen Vater zu erlan­gen, in kon­kre­tem Gegen­satz steht. Grün­de die gegen die Vater­schafts­an­fech­tung spre­chen, wie etwa, dass das Kind mit der Mut­ter und dem recht­li­chen Vater in einer intak­ten sozia­len Fami­lie lebt und zu erwar­ten ist, dass dies so bleibt, sind hier nicht ersicht­lich 12. Unter­halts­si­che­rungs­in­ter­es­sen wer­den hin­ter dem Inter­es­se des Kin­des an der Kennt­nis sei­ner Abstam­mung zurück­zu­ste­hen haben 13.

Jeden­falls wegen des hier bestehen­den erheb­li­chen Inter­es­sen­ge­gen­sat­zes zwi­schen dem Kind und bei­den Eltern­tei­len, bedarf es vor­lie­gend eines Aus­schlus­ses der Ver­tre­tungs­macht bei­der Eltern­tei­le und damit der Bestel­lung eines Ergän­zungs­pfle­gers. Mit der Zuzie­hung eines Ver­fah­rens­bei­stands kann sich das Fami­li­en­ge­richt inso­weit nicht behel­fen 14.

Die Erfolgs­aus­sicht der Haupt­sa­che ist im Ver­fah­ren zur Anord­nung einer Ergän­zungs­pfleg­schaft nicht zu prü­fen 15; ins­be­son­de­re die Fra­ge, ob der Antrag­stel­ler einen hin­rei­chen­den Anfangs­ver­dacht dar­ge­tan hat oder nicht, ist also gegen­wär­tig nicht zu beant­wor­ten 16. Die Bestel­lung des Ergän­zungs­pfle­gers macht im Übri­gen die Zuzie­hung eines Ver­fah­rens­bei­stands ent­behr­lich (§ 158 Abs. 5 FamFG, Stö­ßer, Fam­RZ 2012, 862 a.E.).

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Beschluss vom 25. April 2014 – 16 WF 56/​14

  1. BGH, 21.03.2012, XII ZB 510/​10, Fam­RZ 2012, 859 ff. Leit­satz 3 und Rn 20[]
  2. Stö­ßer, Fam­RZ 2012, 862 m.w.N.; ders. in Prütting/​Helms, FamFG, 3. Aufl. § 172 Rn 4; Veit in Stau­din­ger, BGB, Neu­be­ar­bei­tung 2014, § 1795 Rn 60 m.w.N.; Schwon­berg in Rahm/​Künkel, Hand­buch Fami­li­en- und Fami­li­en­ver­fah­rens­rechts, 5. Aufl. Lie­fe­rung 11.2013, C. Rn 43[]
  3. BGH, 14.06.1972, IV ZR 53/​71, Fam­RZ 1972, 498 ff.; vgl. BGH, 18.02.2009, XII ZR 156/​07, Fam­RZ 2009, 861 ff. Rn 30 zur Anfech­tungs­kla­ge des Kin­des[]
  4. BGH, 27.03.2002, XII ZR 203/​99, Fam­RZ 2002, 880 ff. Leit­satz 1[]
  5. OLG Olden­burg, 27.11.2012, 13 UF 128/​12, Fam­RZ 2013, 1671 f., Leit­satz; OLG Cel­le, 25.06.2012, 15 UF 73/​12, Fam­RZ 2013, 230 f., bei11 zum Anfech­tungs­an­trag des Kin­des[]
  6. Begrün­dung des Regie­rungs­ent­wurfs, BT-Drs. 16/​6561, Sei­te 15 rechts[]
  7. BGH, 21.03.2012, a.a.O. Rn 20 mit Ver­weis auf Huber in Mün­che­ner Kom­men­tar zum BGB, 6. Aufl. § 1629 Rn 62[]
  8. OLG Düs­sel­dorf, 24.09.2010, 7 UF 112/​10, Fam­RZ 2011, 232, bei23 – inso­weit von BGH, 21.03.2012, a.a.O. unkom­men­tiert belas­sen[]
  9. BGH, 14.06.1972, IV ZR 53/​71, Fam­RZ 1972, 498 ff., bei17[]
  10. Lafon­tai­ne in juris­PK-BGB, 6. Aufl.2012, Stand 28.06.2013, § 1795 BGB Rn 61.4; Rau­scher JR 2013, 213 f., 214[]
  11. Götz in Palandt, BGB, 73. Aufl. § 1629 Rn 16[]
  12. vgl. Huber, Mün­che­ner Kom­men­tar a.a.O. Rn 65 m.w.N.[]
  13. Huber, a.a.O. m.w.N.[]
  14. vgl. BGH, 21.03.2012, a.a.O. Rn 18 m.w.N.[]
  15. BGH, 21.03.2012, a.a.O. Rn 22[]
  16. vgl. inso­weit z.B. OLG Bre­men, 02.03.2012, 4 WF 20/​12, Fam­RZ 2012, 1736 f., bei6 m.w.N.[]