Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de des Ver­fah­rens­pfle­gers

In sei­ner Eigen­schaft als Ver­fah­rens­pfle­ger im Unter­brin­gungs­ver­fah­ren ist der Bet­Ver­fah­rens­pfle­ger­reu­er als Par­tei kraft Amtes berech­tigt, Rech­te des Betrof­fe­nen auch im Ver­fas­sungs­be­schwer­de­ver­fah­ren in eige­nem Namen wahr­zu­neh­men.

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de des Ver­fah­rens­pfle­gers

Zwar sind mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de grund­sätz­lich eige­ne Rech­te in eige­nem Namen gel­tend zu machen 1. Es ist jedoch aner­kannt, dass in Aus­nah­me­fäl­len auch im Ver­fas­sungs­be­schwer­de­ver­fah­ren frem­de Rech­te in eige­nem Namen gel­tend gemacht wer­den kön­nen 2. Dies gilt ins­be­son­de­re, wenn ansons­ten die Gefahr bestün­de, dass gericht­li­che Ent­schei­dun­gen über­haupt nicht mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de ange­grif­fen wer­den könn­ten 3.

Eine sol­che Gefahr besteht auf­grund der schwe­ren psy­chi­schen Erkran­kung des Betrof­fe­nen auch im Unter­brin­gungs­ver­fah­ren. Die ein­fach­recht­li­chen Vor­schrif­ten über die Ver­fah­rens­pfleg­schaft sind des­halb so aus­zu­le­gen, dass sie die Befug­nis des Ver­fah­rens­pfle­gers umfas­sen, die Rech­te des Betrof­fe­nen im Ver­fas­sungs­be­schwer­de­ver­fah­ren gel­tend zu machen.

Im Unter­brin­gungs­ver­fah­ren wird dem Betrof­fe­nen gemäß § 317 FamFG ein Ver­fah­rens­pfle­ger bestellt, wenn dies zur Wah­rung sei­ner Inter­es­sen erfor­der­lich ist. Der Ver­fah­rens­pfle­ger hat die Pflicht, die ver­fah­rens­mä­ßi­gen Rech­te des Betrof­fe­nen, ins­be­son­de­re des­sen Anspruch auf recht­li­ches Gehör, zu wah­ren, hier­für den tat­säch­li­chen und mut­maß­li­chen Wil­len des Betrof­fe­nen zu erkun­den und in des­sen Inter­es­se ein­zu­brin­gen 4. Anders als der Betreu­er ist der Ver­fah­rens­pfle­ger nicht der Ver­tre­ter des Betrof­fe­nen; er han­delt viel­mehr als eigen­stän­di­ger Ver­fah­rens­be­tei­lig­ter (§ 315 Abs. 2 FamFG) stets in eige­nem Namen 5. Als sol­cher kann er aller­dings die glei­chen Rech­te gel­tend machen, die auch dem Betrof­fe­nen zuste­hen. So ist er ins­be­son­de­re befugt, eigen­stän­dig Rechts­mit­tel ein­zu­le­gen 6.

Sind Zwangs­maß­nah­men im Rah­men der Unter­brin­gung Ver­fah­rens­ge­gen­stand und steht der Betrof­fe­ne – wie im vor­lie­gen­den Fall – nicht unter Betreu­ung, sind die Vor­schrif­ten über die Ver­fah­rens­pfleg­schaft dahin aus­zu­le­gen, dass sie dem für das Unter­brin­gungs­ver­fah­ren bestell­ten Ver­fah­rens­pfle­ger die Befug­nis ein­räu­men, im Inter­es­se des Betrof­fe­nen über die ein­fach­recht­li­chen Rechts­mit­tel hin­aus Ver­fas­sungs­be­schwer­de zu erhe­ben 7. Andern­falls bestün­de in der­ar­ti­gen Kon­stel­la­tio­nen ent­ge­gen dem Grund­ge­dan­ken des Art. 93 Abs. 1 Nr. 4a GG die Gefahr, dass Grund­rech­te des Betrof­fe­nen von vorn­her­ein nicht zeit­ge­recht und wir­kungs­voll im Wege einer Ver­fas­sungs­be­schwer­de gel­tend gemacht wer­den könn­ten, weil die­ser selbst auf­grund sei­ner Erkran­kung hier­zu nicht in der Lage ist 8.

Anders als der Betreu­er in den jewei­li­gen Auf­ga­ben­krei­sen ist der Ver­fah­rens­pfle­ger nicht der gesetz­li­che Ver­tre­ter des Betrof­fe­nen 9.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Urteil des Zwei­tens vom 24. Juli 2018 – 2 BvR 309/​15

  1. vgl. BVerfGE 2, 292, 294; 10, 134, 136; 56, 296, 297; stRspr[]
  2. vgl. BVerfGE 10, 229, 230; 21, 139, 143; 27, 326, 333; 51, 405, 409; 65, 182, 190[]
  3. vgl. BVerfGE 77, 263, 269[]
  4. BVerfGK 20, 304, 305; sie­he auch Mei­er, in: Jur­ge­leit, Betreu­ungs­recht, 3. Aufl.2013, § 317 FamFG Rn. 2 ff.; Bud­de, in: Kei­del, FamFG, 19. Aufl.2017, § 317 Rn. 1[]
  5. vgl. BVerfGK 20, 304, 306; Bud­de, in: Kei­del, FamFG, 19. Aufl.2017, § 276 Rn. 26[]
  6. vgl. Bud­de, in: Kei­del, FamFG, 19. Aufl.2017, § 276 Rn. 23, 27; Gün­ter, in: Hahne/​Schlögel/​Schlünder, Beck’scher Online Kom­men­tar FamFG, 25. Edi­ti­on, § 276 Rn. 5, Janu­ar 2018[]
  7. vgl. BVerfGK 20, 304, 306; BVerfG, Beschluss vom 16.03.2018 – 2 BvR 253/​18 14, zur Beschwer­de­be­fug­nis des Ver­fah­rens­pfle­gers in Unter­brin­gungs­ver­fah­ren[]
  8. vgl. BVerfGK 20, 304, 306; BVerfG, Beschluss vom 16.03.2018 – 2 BvR 253/​18 14[]
  9. vgl. BGH, Beschluss vom 22.08.2012 – XII ZB 474/​11 13; Hei­de­bach, in: Hauß­lei­ter, FamFG Kom­men­tar, 2. Aufl.2017, § 276 Rn. 1[]