Die Ver­gü­tung des Betreu­ers – und der Zeit­punkt der Mit­tel­lo­sig­keit des Betreuten

Ver­gü­tungs­schuld­ner des Berufs­be­treu­ers ist bei Mit­tel­lo­sig­keit des Betreu­ten die Staats­kas­se und bei vor­han­de­nem ver­wert­ba­ren Ver­mö­gen der Betreu­te. Für die Fest­stel­lung, ob der Betreu­te mit­tel­los oder ver­mö­gend ist, ist auf den Zeit­punkt der Ent­schei­dung in der letz­ten Tat­sa­chen­in­stanz abzu­stel­len1. Für den Umfang des dem Betreu­er zu ver­gü­ten­den Zeit­auf­wands ist hin­ge­gen dar­auf abzu­stel­len, ob der Betreu­te im Ver­gü­tungs­zeit­raum mit­tel­los war2.

Die Ver­gü­tung des Betreu­ers – und der Zeit­punkt der Mit­tel­lo­sig­keit des Betreuten

Gemäß § 5 Abs. 1 Satz 2 Nr. 4 VBVG aF ist der dem Betreu­er zu ver­gü­ten­de Zeit­auf­wand, wenn der Betreu­te sei­nen gewöhn­li­chen Auf­ent­halt nicht in einem Heim hat, nach den ers­ten zwölf Mona­ten der Betreu­ung für einen ver­mö­gen­den Betreu­ten mit vier­ein­halb Stun­den und nach § 5 Abs. 2 Satz 2 Nr. 4 VBVG aF für einen mit­tel­lo­sen Betreu­ten mit drei­ein­halb Stun­den anzu­set­zen. Für den Umfang des dem Betreu­er zu ver­gü­ten­den Zeit­auf­wands ist danach dar­auf abzu­stel­len, ob der Betreu­te im Ver­gü­tungs­zeit­raum mit­tel­los war3. Die­se für die Wahl des Stun­den­an­sat­zes maß­ge­ben­de Fra­ge der Mit­tel­lo­sig­keit ist für jeden Abrech­nungs­mo­nat ein­heit­lich zu beur­tei­len, wobei es ent­schei­dend auf die finan­zi­el­le Situa­ti­on des Betreu­ten am Ende des Abrech­nungs­mo­nats ankommt4.

Als mit­tel­los gilt gemäß §§ 1908 i Abs. 1, 1836 d BGB ein Betreu­ter, der die Ver­gü­tung aus sei­nem ein­zu­set­zen­den Ein­kom­men oder Ver­mö­gen nicht oder nur zum Teil oder nur in Raten oder nur im Wege gericht­li­cher Gel­tend­ma­chung von Unter­halts­an­sprü­chen auf­brin­gen kann. Das ein­zu­set­zen­de Ver­mö­gen bestimmt sich nach § 1836 c Nr. 2 BGB gemäß § 90 SGB XII. Danach ist das gesam­te ver­wert­ba­re Ver­mö­gen (§ 90 Abs. 1 SGB XII) mit Aus­nah­me des in § 90 Abs. 2 SGB XII im Ein­zel­nen auf­ge­führ­ten Schon­ver­mö­gens ein­zu­set­zen, soweit dies kei­ne Här­te bedeu­tet (§ 90 Abs. 3 SGB XII). Bei der Ermitt­lung des danach ver­wert­ba­ren Ver­mö­gens kommt es, ent­spre­chend dem Zweck der sozi­al­hil­fe­recht­li­chen Leis­tun­gen einer tat­säch­li­chen Not­la­ge abzu­hel­fen bezie­hungs­wei­se einen tat­säch­li­chen Bedarf abzu­de­cken, auf die tat­säch­lich vor­han­de­nen und tat­säch­lich ver­wert­ba­ren Ver­mö­gens­wer­te an. Dabei ist grund­sätz­lich nicht zu berück­sich­ti­gen, ob den Ver­mö­gens­wer­ten Schul­den oder Ver­pflich­tun­gen des Hil­fe­be­dürf­ti­gen gegen­über­ste­hen5.

Weiterlesen:
Das Sachverständigengutachten im Betreuungsverfahren - und die unterbliebene persönliche Untersuchung

Bei der Ermitt­lung des ein­zu­set­zen­den Ver­mö­gens fin­det eine Sal­die­rung des Aktiv­ver­mö­gens mit Ver­bind­lich­kei­ten nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs grund­sätz­lich nicht statt. 

Für den hier ent­schie­de­nen Fall bedeu­tet dies: Die fest­zu­set­zen­de Betreu­er­ver­gü­tung beein­träch­tigt das vor­han­de­ne und tat­säch­lich ver­wert­ba­re Ver­mö­gen des Betrof­fe­nen (noch) nicht. Sie ist zwar für den gesam­ten Abrech­nungs­zeit­raum bereits ent­stan­den6, aber der Höhe nach noch nicht kon­kre­ti­siert7. Viel­mehr ist die Höhe die­ser Ver­gü­tung Gegen­stand des Fest­set­zungs­ver­fah­rens nach §§ 292 Abs. 1, 168 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2, Satz 2 FamFG. Die Auf­fas­sung der Rechts­be­schwer­de, zur Ermitt­lung der Höhe der Ver­gü­tung sei die fest­zu­set­zen­de Ver­gü­tung vor­ab fik­tiv als Ver­bind­lich­keit vom Ver­mö­gen des Betrof­fe­nen abzu­zie­hen, erscheint danach zir­kel­schlüs­sig. Weder der Umstand, dass die Betei­lig­te zu 1 in der Ver­gan­gen­heit Betreu­ungs­leis­tun­gen bereits erbracht hat, noch der Gedan­ke der Begüns­ti­gung der Staats­kas­se8 ver­mö­gen ein sol­ches Vor­ge­hen zu rechtfertigen.

Schließ­lich hat das Beschwer­de­ge­richt im vor­lie­gen­den Fall für den letz­ten Abrech­nungs­mo­nat April 2017 zutref­fend einen zu ver­gü­ten­den Zeit­auf­wand von drei­ein­halb Stun­den für einen mit­tel­lo­sen Betreu­ten ange­setzt. Der Betreu­te ver­füg­te zum Ende die­ses Abrech­nungs­mo­nats über ein Ver­mö­gen von 2.700 € und ein Gut­ha­ben von rund 300 € auf dem Giro­kon­to. Dass das Beschwer­de­ge­richt den Betrof­fe­nen als mit­tel­los erach­tet hat, beruht dabei nicht auf einer inkon­se­quen­ten Anwen­dung des § 1836 d BGB nur für den letz­ten Abrech­nungs­mo­nat, son­dern folgt aus der zwi­schen­zeit­li­chen Erhö­hung des Schon­ver­mö­gens auf 5.000 €.

Weiterlesen:
Betreuung trotz Vorsorgevollmacht - der ungeeignete Bevollmächtigte

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 7. Juli 2021 – XII ZB 106/​18

  1. im Anschluss an BGH, Beschlüs­se vom 19.08.2015 – XII ZB 314/​13 FamRZ 2015, 1880; und vom 06.02.2013 XII ZB 582/​12 FamRZ 2013, 620[]
  2. im Anschluss an BGH, Beschluss vom 06.02.2013 – XII ZB 582/​12 FamRZ 2013, 620[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 06.02.2013 – XII ZB 582/​12 FamRZ 2013, 620 Rn. 11[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 15.12.2010 – XII ZB 170/​08 FamRZ 2011, 368 Rn. 10 ff. mwN[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 06.02.2013- XII ZB 582/​12 FamRZ 2013, 620 Rn. 12 f. mwN[]
  6. vgl. dazu BGH, Beschluss vom 15.12.2010 – XII ZB 170/​08 FamRZ 2011, 368 Rn. 11 mwN[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 06.02.2013 – XII ZB 582/​12 FamRZ 2013, 620 Rn. 15 mwN[]
  8. vgl. dazu BT-Drs. 15/​4874 S. 32; BVerfG FamRZ 2009, 1899 Rn. 11 mwN[]

Bild­nach­weis:

Weiterlesen:
Austausch des Betreuers - ohne Anhörung der Betroffenen?