Erneu­te Anhö­rung im Beschwer­de­ver­fah­ren

Von einer erneu­ten Anhö­rung im Beschwer­de­ver­fah­ren sind in der Regel neue Erkennt­nis­se im Sin­ne des § 68 Abs. 3 Satz 2 FamFG zu erwar­ten, wenn der Betrof­fe­ne an sei­nem in der amts­ge­richt­li­chen Anhö­rung erklär­ten Ein­ver­ständ­nis mit einer Betreu­ung im Beschwer­de­ver­fah­ren nicht mehr fest­hält 1.

Erneu­te Anhö­rung im Beschwer­de­ver­fah­ren

Die ver­fah­rens­feh­ler­haft unter­blie­be­ne Anhö­rung des Betrof­fe­nen ist im Ver­fah­ren der Rechts­be­schwer­de nur auf ent­spre­chen­de Rüge zu berück­sich­ti­gen.

Das Beschwer­de­ver­fah­ren bestimmt sich gemäß § 68 Abs. 3 Satz 1 FamFG nach den Vor­schrif­ten über das Ver­fah­ren im ers­ten Rechts­zug. Das Beschwer­de­ge­richt kann nach § 68 Abs. 3 Satz 2 FamFG unter ande­rem von der Durch­füh­rung der per­sön­li­chen Anhö­rung des Betrof­fe­nen (§ 278 Abs. 1 Satz 1 FamFG) abse­hen, wenn die­se bereits im ers­ten Rechts­zug vor­ge­nom­men wur­de und von einer erneu­ten Vor­nah­me kei­ne zusätz­li­chen Erkennt­nis­se zu erwar­ten sind.

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist eine erneu­te Anhö­rung im Beschwer­de­ver­fah­ren immer dann erfor­der­lich, wenn von ihr neue Erkennt­nis­se im Sin­ne des § 68 Abs. 3 Satz 2 FamFG zu erwar­ten sind, was in der Regel dann der Fall ist, wenn der Betrof­fe­ne an sei­nem in der amts­ge­richt­li­chen Anhö­rung erklär­ten Ein­ver­ständ­nis mit einer Betreu­ung im Beschwer­de­ver­fah­ren nicht mehr fest­hält 2.

Gemes­sen hier­an hät­te das Beschwer­de­ge­richt im hier ent­schie­de­nen Fall den Betrof­fe­nen selbst anhö­ren müs­sen. Aus­weis­lich des amts­ge­richt­li­chen Beschlus­ses erfolg­te die Betreu­er­be­stel­lung "mit Wil­len des Betrof­fe­nen". Davon ist für das Beschwer­de­ver­fah­ren schon des­we­gen aus­zu­ge­hen, weil das Amts­ge­richt dies sei­ner Ent­schei­dung zugrun­de gelegt und sich mit der Beacht­lich­keit eines ent­ge­gen­ste­hen­den Wil­lens folg­lich nicht aus­ein­an­der­ge­setzt hat. Dass der Betrof­fe­ne wäh­rend der Anhö­rung eine Beschwer­de gegen die Betreu­er­be­stel­lung ange­kün­digt habe, wie das Land­ge­richt dem Nicht­ab­hil­fe­be­schluss des Amts­ge­richts ent­nom­men hat, konn­te das Land­ge­richt von der gebo­te­nen erneu­ten Anhö­rung des Betrof­fe­nen nicht ent­bin­den.

Die unter­blie­be­ne Anhö­rung ist als Ver­fah­rens­man­gel im Rechts­be­schwer­de­ver­fah­ren nur auf eine ent­spre­chen­de Rüge zu berück­sich­ti­gen. Gemäß § 74 Abs. 3 Satz 3 FamFG darf die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung auf Ver­fah­rens­män­gel, die nicht von Amts wegen zu berück­sich­ti­gen sind, nur geprüft wer­den, wenn die Män­gel nach § 71 Abs. 3 und § 73 Satz 2 FamFG gerügt wor­den sind.

Die unter­blie­be­ne Anhö­rung stellt kei­nen von Amts wegen zu berück­sich­ti­gen­den Ver­fah­rens­man­gel dar. Soweit sich einer Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts 3 mög­li­cher­wei­se die Auf­fas­sung ent­neh­men lie­ße, dass das ver­fah­rens­feh­ler­haf­te Unter­blei­ben der per­sön­li­chen Anhö­rung des Betrof­fe­nen vom Rechts­be­schwer­de­ge­richt von Amts wegen zu berück­sich­ti­gen sei, könn­te der Bun­des­ge­richts­hof dem nicht bei­tre­ten.

Die in § 74 Abs. 3 Satz 3 FamFG getrof­fe­ne gesetz­li­che Rege­lung beschränkt die Über­prü­fung von Ver­fah­rens­män­geln, soweit die­se nicht von Amts wegen zu berück­sich­ti­gen sind. Wäh­rend Ver­fah­rens­män­gel bei der frü­he­ren wei­te­ren Beschwer­de nach § 27 FGG noch umfas­send zu prü­fen waren, unter­lie­gen sie nun­mehr in Anglei­chung an die Revi­si­on und Rechts­be­schwer­de der Zivil­pro­zess­ord­nung nur noch der Nach­prü­fung, wenn sie in der Rechts­be­schwer­de­be­grün­dung (§ 71 Abs. 3 FamFG) oder in der Rechts­be­schwer­de­an­schluss­schrift (§ 73 Abs. 2 FamFG) gerügt wor­den sind 4.

Das Unter­blei­ben der Anhö­rung stellt einen Ver­fah­rens­man­gel dar. Die durch § 278 Abs. 1 FamFG ange­ord­ne­te per­sön­li­che Anhö­rung des Betrof­fe­nen in Betreu­ungs­sa­chen dient sowohl der Gewäh­rung des recht­li­chen Gehörs gemäß Art. 103 GG als auch der nach § 26 FamFG gebo­te­nen Sach­auf­klä­rung von Amts wegen 5. Unter­bleibt die Anhö­rung ver­fah­rens­feh­ler­haft, so begrün­det dies in bei­der­lei Hin­sicht einen Ver­fah­rens­man­gel im Sinn von § 74 Abs. 3 Satz 3 FamFG.

Das Unter­blei­ben der Anhö­rung ist als Ver­fah­rens­man­gel auch nicht aus­nahms­wei­se von Amts wegen zu berück­sich­ti­gen. Von Amts wegen sind nur sol­che Ver­fah­rens­män­gel zu berück­sich­ti­gen, die sich auf Ver­fah­rens- und Sach­ent­schei­dungs­vor­aus­set­zun­gen bezie­hen 6, die Zuläs­sig­keit der (Erst)Beschwerde betref­fen 7 oder die einen Man­gel der Beschwer­de­ent­schei­dung (§ 69 FamFG) begrün­den 8.

Dage­gen ist die Nach­prü­fung tat­säch­li­cher Fest­stel­lun­gen nur auf ent­spre­chen­de Rüge zuläs­sig (§ 74 Abs. 3 Satz 4 FamFG i.V.m. §§ 559 Abs. 1 Satz 2, 551 Abs. 3 Nr. 2 b ZPO) 9. Auch eine Ver­let­zung recht­li­chen Gehörs ist vom Rechts­be­schwer­de­ge­richt nur auf ent­spre­chen­de Ver­fah­rens­rüge hin zu über­prü­fen 10.

Im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren hat sich der Betrof­fe­ne in der Rechts­be­schwer­de­instanz dar­auf beru­fen, dass er vom Land­ge­richt zu Unrecht nicht ange­hört wor­den sei, und damit eine ord­nungs­ge­mä­ße Ver­fah­rens­rüge erho­ben.

Gemäß § 74 Abs. 5 FamFG ist der ange­foch­te­ne Beschluss auf­zu­he­ben. Eine abschlie­ßen­de Ent­schei­dung in der Sache gemäß § 74 Abs. 6 Satz 1 FamFG ist dem Bun­des­ge­richts­hof nicht mög­lich, da die­se wegen der durch das Beschwer­de­ge­richt noch durch­zu­füh­ren­den per­sön­li­chen Anhö­rung des Betrof­fe­nen nicht zur End­ent­schei­dung reif ist.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 24. Juni 2015 – XII ZB 98/​15

  1. im Anschluss an BGH, Beschlüs­se vom 07.08.2013 XII ZB 188/​13 Fam­RZ 2013, 1800; und vom 16.05.2012 XII ZB 454/​11 Fam­RZ 2012, 1207[]
  2. BGH, Beschluss vom 16.05.2012 XII ZB 454/​11 Fam­RZ 2012, 1207 Rn. 21[]
  3. BVerfG Fam­RZ 2015, 565 Rn. 34[]
  4. vgl. Schul­te-Bun­er­t/Wein­reich/Un­ger FamFG 4. Aufl. § 74 Rn. 11 mwN; vgl. BGHZ 198, 14 = NJW 2013, 3656 Rn. 24 ff. zur Über­prü­fung der Anwen­dung aus­län­di­schen Rechts[]
  5. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 02.07.2014 XII ZB 120/​14 Fam­RZ 2014, 1543 Rn. 11 ff.; und vom 26.11.2014 XII ZB 405/​14 Fam­RZ 2015, 485 Rn. 5[]
  6. BGH, Urteil BGHZ 176, 365 = Fam­RZ 2008, 1409 Rn. 13 inter­na­tio­na­le Zustän­dig­keit; BGH Beschluss vom 29.04.2004 – V ZB 46/​03 NJW-RR 2004, 1294 ord­nungs­ge­mä­ße Beset­zung des Beschwer­de­ge­richts[]
  7. vgl. BGH Beschluss vom 23.10.2003 – IX ZB 369/​02 NJW 2004, 1112, 1113 mwN[]
  8. vgl. Kei­del/­Mey­er-Holz FamFG 18. Aufl. § 74 Rn.19 ff.[]
  9. vgl. BGH, Beschluss vom 07.11.2012 XII ZB 229/​11 Fam­RZ 2013, 109 Rn. 62[]
  10. vgl. BGH Beschlüs­se vom 11.02.2003 – XI ZR 153/​02 NJW-RR 2003, 1003; und vom 11.05.2004 – XI ZR 22/​03 7 mwN[]