Fami­li­en­ge­richt­li­che Bestim­mung des Kin­der­geld­be­rech­tig­ten

Das Fami­li­en­ge­richt ist für die Bestim­mung des Kin­der­geld­be­rech­tig­ten nicht zustän­dig, wenn zwi­schen zwei Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen aus­schließ­lich strei­tig ist, wer in einem bestimm­ten Zeit­raum tat­säch­lich allein die Obhut für ein Kind aus­ge­übt hat 1.

Fami­li­en­ge­richt­li­che Bestim­mung des Kin­der­geld­be­rech­tig­ten

Eine Unbil­lig­keit im Sin­ne von § 51 Abs. 3 Satz 2 FamG­KG, die die Abwei­chung vom gesetz­lich vor­ge­se­he­nen Fest­wert von 300 € für das Ver­fah­ren auf Bestim­mung des Kin­der­geld­be­rech­tig­ten recht­fer­tigt, kann regel­mä­ßig nicht allein unter Beru­fung auf die (ver­meint­li­che) Sum­me des in der Zeit der Bestim­mung anfal­len­den Kin­der­gel­des begrün­det wer­den. Inso­fern ist viel­mehr auf sämt­li­che kon­kre­ten Umstän­de des Ver­fah­rens, ins­be­son­de­re aber des­sen Umfang und Inten­si­tät abzu­stel­len.

Eine Fest­set­zung über dem Fest­wert kommt ins­be­son­de­re dann nicht in Betracht, wenn das Fami­li­en­ge­richt im Streit­fall für die Bestim­mung des Kin­der­geld­be­rech­tig­ten von vorn­her­ein erkenn­bar nicht zustän­dig war.

Für – wie vor­lie­gend ver­fah­rens­ge­gen­ständ­lich – Unter­halts­sa­chen, die nicht Fami­li­en­streit­sa­chen sind 2, beträgt der Ver­fah­rens­wert gemäß § 51 Abs. 3 Satz 1 FamG­KG 300 €. Eine Abwei­chung von die­sem (rela­ti­ven) Fest­wert kommt nach Satz 2 der Norm nur dann in Betracht, wenn der mit 300 € vor­ge­ge­be­ne Wert "nach den beson­de­ren Umstän­den des Ein­zel­falls unbil­lig" ist.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ten der Antrag­stel­le­rin sowie ihr spä­ter fol­gend des Amts­ge­rich­tes ist im vor­lie­gen­den Fall der gesetz­lich vor­ge­ge­be­ne Fest­wert von 300 € nicht im Sin­ne von § 51 Abs. 3 Satz 2 FamG­KG unbil­lig.

Eine Fest­set­zung ober­halb des Fest­wer­tes kommt ins­be­son­de­re in Betracht, wenn die Sache im Ein­zel­fall sehr umfang­reich ist oder äußerst strei­tig geführt wird 3. Nach die­sen Kri­te­ri­en ist im Streit­fall eine Unbil­lig­keit des Fest­wer­tes aus­ge­schlos­sen, da der Sach­vor­trag der Antrag­stel­le­rin umge­hend inhalt­lich von der Antrags­geg­ne­rin bestä­tigt wor­den ist und die­se dem Begeh­ren der Antrag­stel­le­rin im Ver­fah­ren auch in kei­ner Wei­se ent­ge­gen getre­ten ist, das Ver­fah­ren also beson­ders umfang­arm blieb und unstrei­tig geführt wur­de.

Allein aus einer hohen Sum­me der Kin­der­geld­leis­tun­gen, die von einer Ent­schei­dung des Fami­li­en­ge­rich­tes betrof­fen wer­den, kann eine Unbil­lig­keit des Fest­wer­tes dage­gen nicht her­ge­lei­tet wer­den, die viel­mehr nur in einer Gesamt­schau sämt­li­cher kon­kre­ten Umstän­de des Ver­fah­rens begrün­det wer­den kann.

Eine Abwei­chung vom gesetz­lich vor­ge­ge­be­nen Fest­wert kommt vor­lie­gend ins­be­son­de­re aber auch des­we­gen nicht in Betracht, weil das Fami­li­en­ge­richt unter den Umstän­den des Streit­fal­les für die Bestim­mung des Kin­der­geld­be­rech­tig­ten von vorn­her­ein nicht zustän­dig war und die Ent­schei­dung des Fami­li­en­ge­richts daher für die Antrag­stel­le­rin aus Rechts­grün­den wirt­schaft­li­che Aus­wir­kun­gen gar nicht ent­fal­ten konn­te.

§ 64 EStG weist die Bestim­mung des Kin­der­geld­be­rech­tig­ten aus­drück­lich ledig­lich in zwei spe­zi­fi­schen Kon­stel­la­tio­nen dem Fami­li­en­ge­richt zu. Zum einen in § 64 Abs. 2 Satz 3 EStG dann, wenn das Kind in den gemein­sa­men Haus­halt der Eltern (bzw. ande­rer Kin­der­geld­be­rech­tig­ter) auf­ge­nom­men ist und die bei­den Berech­tig­ten eine Bestim­mung des Aus­zah­lungs­be­rech­tig­ten nicht getrof­fen haben. Zum ande­ren in § 64 Abs. 3 Satz 4 EStG dann, wenn das Kind nicht in den Haus­halt eines Berech­tig­ten auf­ge­nom­men ist und kei­ner der Berech­tig­ten eine höhe­re Unter­halts­ren­te zahlt.

Über den Wort­laut von § 64 Abs. 2 EStG hin­aus hat der Bun­des­fi­nanz­hof aus­drück­lich in einer drit­ten Fall­grup­pe auf eine ent­spre­chen­de Anwen­dung von § 64 Abs. 2 Satz 2 bis 4 EStG erkannt und zwar in den – vom Gesetz nicht gere­gel­ten – Fäl­len, in denen das Kind annä­hernd gleich­wer­tig in die Haus­hal­te bei­der getrennt­le­ben­den Eltern­tei­le auf­ge­nom­men ist 4. Dem hat sich auch das Ober­lan­des­ge­richt Cel­le bereits aus­drück­lich ange­schlos­sen und es dabei für die Zuläs­sig­keit als aus­rei­chend ange­se­hen, wenn annä­hernd gleich­wer­ti­ge Betreu­ungs­an­tei­le schlüs­sig dar­ge­tan wer­den 5.

Dage­gen ist das Fami­li­en­ge­richt zur Bestim­mung des Kin­der­geld­be­rech­tig­ten unzwei­fel­haft nicht zustän­dig, wenn sich das Kind im Haus­halt eines Berech­tig­ten auf­ge­hal­ten hat und zwi­schen den Betei­lig­ten ledig­lich strei­tig ist, in wes­sen Haus­halt das Kind im maß­geb­li­chen Zeit­raum auf­ge­nom­men war 6.

Die­se letzt­ge­nann­te Kon­stel­la­ti­on liegt aber gera­de dem vor­lie­gen­den Streit­fall zugrun­de.

Im übri­gen wür­de eine – ent­ge­gen dem Vor­ge­sag­ten unter­stell­te – Unbil­lig­keit im Hin­blick auf die wirt­schaft­li­che Bedeu­tung für die Betei­lig­ten in kei­nem Fall dazu füh­ren kön­nen, den Ver­fah­rens­wert auf den Gesamt­be­trag des wirt­schaft­li­chen Inter­es­ses fest­zu­set­zen. Viel­mehr könn­te eine der­art ange­nom­me­ne wirt­schaft­li­che Bedeu­tung nur Grund­la­ge für eine ange­mes­se­ne Erhö­hung des Fest­wer­tes von 300 € dar­stell­ten, wie sie etwa vom OLG Köln 7 im Hin­blick auf eine eben­falls für meh­re­re Jah­re in die Ver­gan­gen­heit rei­chen­de Bestim­mung des Kin­der­geld­be­rech­tig­ten mit der Fest­set­zung eines Ver­fah­rens­werts nach der Gebüh­ren­stu­fe bis 1.000 € erfolgt ist.

Ober­lan­des­ge­richt Cel­le, Beschluss vom 22. Juli 2013 – 10 WF 188/​13

  1. Anschluss an OLG Nürn­berg, Beschluss vom 16.02.2011 – 7 WF 161/​11, Fam­RZ 2011, 1243; Thü­rO­LG, Beschluss vom 05.05.2011 – 1 WF 87/​11; OLG Mün­chen, Beschluss vom 07.06.2011 – 33 UF 21/​11, NJW-RR 2011, 1082[]
  2. vgl. dazu bereits Senats­be­schluß vom 31.05.2011 – 10 UF 297/​10, Fam­RZ 2011, 1616 f. = MDR 2011, 1180 f. = Jur­Bü­ro 2011, 494 = Rpfle­ger 2011, 604 f. = BeckRS 2011, 14904[]
  3. vgl. Schnei­der/­Wol­f/­Vol­pert-Schnei­der, FamG­KG § 51 Rz.197[]
  4. BFHE 209, 338; BFH – Urteil vom 23.03.2005 – III R 91/​03] = Fam­RZ 2005, 1173 f. = NJW 2005, 2175 f.; vgl. auch Fin­ke, FPR 2012, 155, 157; Bor­k/Ja­co­by­/­Schwab-Kodal, FamFG § 231 Rz. 10[]
  5. OLG Cel­le, Beschluß vom 14.05.2012 – 10 UF 94/​11, Fam­RZ 2012, 1963 ff. = Nds­Rpfl 2012, 242 ff. = NJW-RR 2012, 1351 ff. = Fam­FR 2012, 294 = BeckRS 2012, 10975[]
  6. vgl. OLG Nürn­berg, Beschluß vom 16.02.2011 – 7 WF 161/​11, Fam­RZ 2011, 1243 f. = MDR 2011, 731 f. = AGS 2011, 198; OLG Jena, Beschluß vom 05.05.2011 – 1 WF 87/​11, AGS 2011, 307; OLG Mün­chen, Beschluß vom 07.06.2011 – 33 UF 21/​11, NJW-RR 2011, 1082 f. = AGS 2011, 406 f[]
  7. OLG Köln, Beschluß vom 29.05.2012 – 4 UF 78/​12, BeckRS 2013, 02973[]