Fami­li­en­recht im Febru­ar 2015

Schen­kun­gen der Ex-Schwie­ger­el­tern, Zusam­men­ver­an­la­gung in der Insol­venz, das Span­nungs­ver­hält­nis zwi­schen Woh­nungs­zu­wei­sung und Gewalt­schutz, ein nich­ti­ges Ver­löb­nis, und jede Men­ge Pro­ble­me aus dem Betreu­ungs­recht.

Ärzt­li­che Zwangs­maß­nah­men – for­ma­le Anfor­de­run­gen an ihre Anord­nung

Bei der Geneh­mi­gung der Ein­wil­li­gung in eine ärzt­li­che Zwangs­maß­nah­me han­delt es sich nach § 312 Satz 1 Nr. 1 FamFG um eine Unter­brin­gungs­sa­che. Die Statt­haf­tig­keit der Rechts­be­schwer­de ergibt sich auch im Fall der hier auf­grund Zeit­ab­laufs ein­ge­tre­te­nen Erle­di­gung aus § 70 Abs. 3 Satz 1 Nr. 2 FamFG 2.

Die Ent­schei­dun­gen von Amts- und Land­ge­richt zur ärzt­li­chen Zwangs­maß­nah­me haben die Betrof­fe­ne in ihren Rech­ten ver­letzt, was – nach ihrem zeit­li­chen Ablauf – nach der in der Rechts­be­schwer­de­instanz ent­spre­chend anwend­ba­ren Vor­schrift des § 62 FamFG 3 fest­zu­stel­len ist.

Im vor­lie­gend vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall hat das Amts­ge­richt Lübeck 4 ein psych­ia­tri­sches Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten zur Not­wen­dig­keit einer geschlos­se­nen Unter­brin­gung sowie zum Vor­lie­gen der medi­zi­ni­schen Vor­aus­set­zun­gen für eine zwangs­wei­se Behand­lung der Betrof­fe­nen ein­ge­holt und die Betrof­fe­ne ange­hört. Auf die­ser Grund­la­ge ist – teil­wei­se ergän­zend durch das Land­ge­richt Lübeck 5 – fest­ge­stellt wor­den, dass bei vor­lie­gen­der para­noi­der Schi­zo­phre­nie der Betrof­fe­nen eine Medi­ka­ti­on zur Behand­lung aku­ter Agi­tiert­heit und Aggres­si­vi­tät und zudem zum Woh­le der Betrof­fe­nen erfor­der­lich sei, um einen dro­hen­den erheb­li­chen gesund­heit­li­chen Scha­den abzu­wen­den. Ange­sichts des vor­he­ri­gen Abset­zens der ora­len Medi­ka­ti­on sei bereits eine Befund­ver­schlech­te­rung ein­ge­tre­ten. Es müs­se mit einer wei­te­ren Befund­ver­schlech­te­rung und einer Chro­ni­fi­zie­rung auf nied­ri­gem Niveau gerech­net wer­den. Es ste­he inso­weit im Vor­der­grund, zunächst die wahn­haf­te Sym­pto­ma­tik zu behan­deln. Es müs­se davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass die Betrof­fe­ne im Fal­le der nicht erfolg­ten Medi­ka­ti­on dau­er­haft geschlos­sen unter­ge­bracht wer­den müs­se. Auch schwer­wie­gen­de Ein­grif­fe wie Fixie­run­gen, zu denen es immer wie­der gekom­men sei, könn­ten und soll­ten durch die Medi­ka­ti­on ver­mie­den wer­den. Der zu erwar­ten­de Nut­zen der ärzt­li­chen Zwangs­maß­nah­me über­wie­ge die von die­ser zu erwar­ten­den Beein­träch­ti­gun­gen. Der Sach­ver­stän­di­ge habe sich auch mit den mög­li­chen Neben­wir­kun­gen der Behand­lung aus­ein­an­der­ge­setzt und mit­ge­teilt, dass nicht tole­ra­ble Neben­wir­kun­gen auch im Hin­blick auf die vor­lie­gen­de Herz­er­kran­kung der Betrof­fe­nen bis­her nicht auf­ge­tre­ten sei­en. Die Betrof­fe­ne sei nicht in der Lage, einen frei­en Wil­len zu bil­den. Auf­grund ihrer wahn­haf­ten Stö­rung sei sie nicht in der Lage, die Not­wen­dig­keit einer medi­zi­ni­schen Behand­lung zu erken­nen und danach zu han­deln. Bei­de Instan­zen haben danach die Vor­aus­set­zun­gen für eine Zwangs­be­hand­lung für gege­ben erach­tet. Das Land­ge­richt hat in sei­nem Beschluss dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die Beschluss­for­mel in künf­ti­gen Fäl­len gemäß § 323 Abs. 2 FamFG zu ergän­zen sein wer­de.

Die Ent­schei­dun­gen des Amts- und Land­ge­richts hal­ten inso­weit einer recht­li­chen Über­prü­fung nicht stand.

Gemäß § 323 Abs. 2 FamFG muss die Beschluss­for­mel bei der Geneh­mi­gung einer Ein­wil­li­gung in eine ärzt­li­che Zwangs­maß­nah­me oder bei deren Anord­nung Anga­ben dar­über ent­hal­ten, dass die Zwangs­maß­nah­me unter der Ver­ant­wor­tung eines Arz­tes durch­zu­füh­ren und zu doku­men­tie­ren ist 6. Hier­bei han­delt es sich nicht ledig­lich um einen klar­stel­len­den Aus­spruch. Viel­mehr wird durch den Beschluss­te­nor die Recht­mä­ßig­keit der ärzt­li­chen Zwangs­maß­nah­me unab­hän­gig von aus dem zivil­recht­li­chen Behand­lungs­ver­trag fol­gen­den Pflich­ten dar­an geknüpft, dass die­se Vor­ga­ben erfüllt sind 7.

An den danach zwin­gend erfor­der­li­chen Anord­nun­gen fehlt es im amts­ge­richt­li­chen Beschluss. Das Land­ge­richt hät­te die dage­gen ein­ge­leg­te Beschwer­de nicht zurück­wei­sen dür­fen, ohne der Beschluss­for­mel die nach § 323 Abs. 2 FamFG erfor­der­li­chen Anga­ben zur Durch­füh­rung und Doku­men­ta­ti­on die­ser Maß­nah­me in der Ver­ant­wor­tung eines Arz­tes zuzu­fü­gen. Durch die­ses Unter­las­sen bleibt die Anord­nung ins­ge­samt geset­zes­wid­rig und wird die Betrof­fe­ne in ihren Rech­ten ver­letzt.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 14. Janu­ar 2015 – XII ZB 470/​14

  1. im Anschluss an BGH, Beschluss vom 04.06.2014 – XII ZB 121/​14 , Fam­RZ 2014, 1358[]
  2. BGH, Beschlüs­se vom 04.06.2014 – XII ZB 121/​14 , Fam­RZ 2014, 1358 Rn. 4; und vom 29.01.2014 – XII ZB 330/​13 , Fam­RZ 2014, 649 Rn. 7[]
  3. BGH, Beschlüs­se vom 04.06.2014 – XII ZB 121/​14 , Fam­RZ 2014, 1358 Rn. 5; und vom 29.01.2014 – XII ZB 330/​13 , Fam­RZ 2014, 649 Rn. 8[]
  4. AG Lübeck, Beschluss vom 09.07.2014 – 4 XVII B 24348[]
  5. LG Lübeck, Beschluss vom 20.08.2014 – 7 T 483/​14[]
  6. BT-Drs. 17/​11513 S. 8; vgl. auch BGH, Beschluss BGHZ 193, 337 = Fam­RZ 2012, 1366 Rn. 40[]
  7. BGH, Beschluss vom 04.06.2014 – XII ZB 121/​14 , Fam­RZ 2014, 1358 Rn. 22; vgl. auch Keidel/​Budde FamFG 18. Aufl. § 323 Rn. 8[]