Fol­ge­sa­chen­an­trä­ge im Schei­dungs­ver­bund­ver­fah­ren und die Zwei-Wochen-Frist

Sol­len im Schei­dungs­ver­bund­ver­fah­ren Fol­ge­sa­chen­an­trä­ge anhän­gig gemacht wer­den, so muss die Zwei-Wochen-Frist des § 137 Abs. 2 Satz 1 FamFG ein­ge­hal­ten wer­den kön­nen 1. Ist das durch das Fami­li­en­ge­richt nicht beach­tet, ist einem hier­auf gestütz­ten Ter­mins­ver­le­gungs­an­trag statt­zu­ge­ben.

Fol­ge­sa­chen­an­trä­ge im Schei­dungs­ver­bund­ver­fah­ren und die Zwei-Wochen-Frist

Nach § 137 Abs. 2 Satz 1 FamG ist für die Ein­be­zie­hung von – dort näher auf­ge­führ­ten – Fol­ge­sa­chen in den Ver­bund vor­aus­zu­set­zen, dass eine Ent­schei­dung für den Fall der Schei­dung zu tref­fen ist und die Fami­li­en­sa­che spä­tes­tens zwei Wochen vor der münd­li­chen Ver­hand­lung im ers­ten Rechts­zug in der Schei­dungs­sa­che von einem Ehe­gat­ten anhän­gig gemacht wird. Hier­an fehl­te es in dem jetzt vom Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart ent­schie­de­nen Fall. Der zwi­schen Zustel­lung der Ter­mins­la­dung und dem Ter­min lie­gen­de Zeit­raum war indes auch kei­ne zwei Wochen lang. Das führt dazu, dass die Antrag­stel­le­rin die Zwei­wo­chen­frist nicht ein­ge­hal­ten hat und die­se – bezo­gen auf die Kennt­nis­nah­me vom Ter­mins­tag – auch nicht mehr ein­hal­ten konn­te. Ent­spre­chend dem jewei­li­gen Vor­brin­gen im Beschwer­de­ver­fah­ren gibt es des­halb zwei Mög­lich­kei­ten, die auf­ge­zeig­te Pro­ble­ma­tik zu lösen: Ent­we­der man stellt allein auf den Wort­laut der Norm ab oder man legt die Bestim­mung der Frist ein­schrän­kend dahin aus, dass die­se jeden­falls ein­ge­hal­ten wer­den kön­nen muss.

Das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart folgt der letzt­ge­nann­ten Vari­an­te und schließt sich damit dem Ober­lan­des­ge­richt Olden­burg 2 an.

Für ein Abstel­len auf den Geset­zes­wort­laut 3 sprä­che ins­be­son­de­re, wenn gera­de die­ses in Ver­bin­dung mit dem durch das Gesetz ver­folg­ten Zweck ein­her gin­ge. Indes lässt sich, wie auch das Ober­lan­des­ge­richt Olden­burg 2 zutref­fend aus­ge­führt hat, aus den Geset­zes­ma­te­ria­li­en nichts dafür her­lei­ten. Viel­mehr war sowohl im Refe­ren­ten­ent­wurf aus dem Jah­re 2005 4 als auch im Gesetz­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung 5 zunächst vor­ge­se­hen gewe­sen, dass Fol­ge­sa­chen – der frü­he­ren Geset­zes­la­ge ent­spre­chend – bis zum Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung anhän­gig gemacht wer­den kön­nen, bevor der Bun­des­rat die genann­te Frist in das Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren ein­ge­bracht hat 6.

Begrün­det wur­de dies mit einer Ver­hin­de­rung miss­bräuch­lich gestell­ter Fol­ge­sa­chen­an­trä­ge, vor allem für die Fäl­le, in wel­chen sol­che Anträ­ge zum Her­bei­füh­ren tak­ti­scher Vor­tei­le oder von „Ver­hand­lungs­mas­se“ erst in der münd­li­chen Ver­hand­lung über­ge­ben wür­den, eine Vor­be­rei­tung weder durch Gericht noch Gegen­sei­te zulie­ßen und des­halb zur Ver­le­gung oder Ver­ta­gung von Ver­hand­lungs­ter­mi­nen führ­ten. Mit glei­cher Begrün­dung wur­de die Zwei­wo­chen­frist durch Gesetz­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung vom 7. Sep­tem­ber 2007 in den Bun­des­tag ein­ge­bracht 7.

Im Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren fin­den sich indes kei­ne Erwä­gun­gen zu der Fra­ge, ob und auf wel­che Wei­se die Ein­hal­tung der Frist sicher­zu­stel­len sei. In Fäl­len wie dem vor­lie­gen­den führt die Rege­lung ent­we­der dazu, dass – wie durch das Fami­li­en­ge­richt gesche­hen – ein Fol­ge­sa­chen­an­trag im Ver­bund nicht ermög­licht oder aber ein bereits fest­ge­leg­ter Ter­min im Nach­hin­ein zu ver­le­gen ist. Mit dem Geset­zes­zweck, näm­lich der Ver­hin­de­rung von miss­bräuch­li­chem Pro­ce­de­re, hat bei­des nichts zu tun. Der Senat ist des­halb der Auf­fas­sung, dass das Fami­li­en­ge­richt in ver­fas­sungs­kon­for­mer Anwen­dung des § 137 Abs. 2 Satz 1 FamFG Ver­hand­lungs­ter­mi­ne in Schei­dungs­sa­chen zu ver­le­gen hat, falls – wie hier – zwi­schen Zustel­lung der Ter­mins­la­dung und dem Ter­min nicht ein­mal zwei Wochen lie­gen. Gera­de bei der Über­prü­fung der Anwen­dung von Ver­spä­tungs­vor­schrif­ten hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt wie­der­holt dar­auf hin­ge­wie­sen, dass ins­be­son­de­re die Ver­fah­rens­ge­stal­tung rechts­staat­li­chen Maß­stä­ben ent­spre­chen muss. Auf den vor­lie­gen­den Fall über­tra­gen bedeu­tet dies, dass es nach Zugang der Ladung für den Betei­lig­ten noch mög­lich sein muss, Fol­ge­sa­chen anhän­gig zu machen. Erst von die­sem Zeit­punkt an wis­sen die Betei­lig­ten sicher, dass sie han­deln müs­sen, wenn sie Ansprü­che noch in den Ver­bund ein­be­zie­hen wol­len 8. Mit Rück­sicht hier­auf erfol­gen­de Ter­mins­ver­le­gun­gen erfor­dern auch kei­nen grö­ße­ren Auf­wand bei der Ter­mins­be­stim­mung an sich, viel­mehr las­sen sich die maß­geb­li­chen Daten im Nach­hin­ein unschwer fest­stel­len.

Für die hier pro­ble­ma­ti­sier­te Berech­nung sind weder Ladungs- noch Ein­las­sungs­fris­ten zu beden­ken. § 113 Abs. 1 FamFG ver­weist für die Ladungs­frist nicht auf § 32 Abs. 2 FamFG, son­dern in sei­nem Satz 2 auf § 217 ZPO. Danach beträgt die Ladungs­frist in Anwalts­pro­zes­sen min­des­tens eine Woche. Iso­liert betrach­tet könn­te sie des­halb auch inner­halb der Zwei­wo­chen­frist des § 137 Abs. 2 Satz 1 FamFG lie­gen, also begin­nen und ablau­fen. Indem nur die letzt­ge­nann­te Frist ein­ge­hal­ten wer­den (kön­nen) muss, sind Ladungs­fris­ten auch nicht zu addie­ren 9.

Weber 10 erach­tet die Zwei­wo­chen­frist für ins­ge­samt zu kurz. Das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart ver­tritt hier­zu die Auf­fas­sung, dass Ein­las­sungs­fris­ten im gege­be­nen Zusam­men­hang uner­heb­lich sind, weil sie nicht den Antrag­stel­ler, son­dern des­sen Geg­ner schüt­zen. Rich­tig ist frei­lich, dass selbst die Wah­rung der Zwei­wo­chen­frist dem Geg­ner kei­ne hin­rei­chen­de Vor­be­rei­tung mehr ermög­licht. Soll die­ses erreicht wer­den, könn­te kor­ri­gie­rend nur der Gesetz­ge­ber ein­grei­fen. Das geht mit der Über­le­gung ein­her, ob die Zwei­wo­chen­frist durch Nicht­er­schei­nen und/​oder Nicht­ver­han­deln im Ter­min nicht sogar mehr oder weni­ger sank­ti­ons­los unter­lau­fen wer­den könn­te 11. Das indes hat das Ober­lan­des­ge­richt nicht zu klä­ren.

Zur Gewähr­leis­tung eines fai­ren Ver­fah­rens hät­te das Fami­li­en­ge­richt dem durch die Antrag­stel­le­rin gestell­ten Ver­le­gungs­an­trag nach alle­dem ent­spre­chen müs­sen, um die Auf­nah­me des Fol­ge­sa­chen­an­trags in den Schei­dungs­ver­bund zu ermög­li­chen. Hin­ge­gen hat es ohne Ter­mins­ver­le­gung in der Sache ent­schie­den und den Fol­ge­sa­chen­an­trag als unzu­läs­sig abge­wie­sen. Das beruht auf einem Ver­fah­rens­feh­ler, der antrags­ge­mäß zur Auf­he­bung der Ent­schei­dung und zur Zurück­ver­wei­sung an das Fami­li­en­ge­richt führt.

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Beschluss vom 11. Janu­ar 2011 – 17 UF 304/​10

  1. im Anschluss an OLG Olden­burg, Fam­RZ 2010, 2015 m. Anm. Löh­nig[]
  2. OLG Olden­burg, a.a.O.[][]
  3. sie­he mit ein­ge­hen­der Begrün­dung Hei­ter, in Münch­KommZ­PO, FamFG, § 137 Rn. 44 – 52; vgl. fer­ner: Zöller/​Phil­ip­pi, ZPO, 28. Aufl., § 137 FamFG Rn. 32; Hüß­te­ge, in: Thomas/​Putzo, ZPO, 31. Aufl., § 137 FamFG Rn. 20; Musielak/​Borth, Fami­li­en­ge­richt­li­ches Ver­fah­ren, § 137 FamFG Rn. 28; Strei­cher, in: Schwab, Hand­buch des Schei­dungs­rechts, 6. Aufl., Kapi­tel I Rn. 320 a ; ein­schrän­kend Schrö­der, in: Schul­te-Bun­er­t/Wein­reich, FamFG 2. Aufl., § 137 Rn. 4: Zwei Wochen vor Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung[]
  4. BMJ, Refe­ren­ten­ent­wurf, Sei­te 83, im Ent­wurf: § 146[]
  5. Gesetz­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung, Sei­te 37[]
  6. BR-Drs. 309/​07 vom 06.07.2007, Sei­te 34[]
  7. BT-Drs. 16/​6308 vom 07.09.2007, Sei­te 374[]
  8. OLG Olden­burg a.a.O., Sei­te 2017[]
  9. vgl. Hei­ter, a.a.O., Rn. 51; anders OLG Olden­burg, a.a.O., Sei­te 2017 m.w.N.; Löh­nig, in: Bork/​Jacoby/​Schwab, FamFG, § 137 Rn. 7; ders., Anmer­kung zur Ent­schei­dung des OLG Olden­burg, Fam­RZ 2010, 2015, 2017 f.; ders., Fam­RZ 2009, 737, 738; Helms, in: Prütting/​Helms, FamFG, § 137 Rn. 48[]
  10. in: Kei­del, FamFG, 16. Aufl., § 137 Rn. 19[]
  11. vgl. Löh­nig, Fam­RZ 2010, 2017, 2018[]