Frist zur Nach­ho­lung der Begrün­dung einer Rechts­be­schwer­de

Die Rege­lung in § 18 FamFG ist ver­fas­sungs­kon­form dahin aus­zu­le­gen, dass die Frist zur Nach­ho­lung der Begrün­dung der Rechts­be­schwer­de nicht zwei Wochen, son­dern einen Monat beträgt [1].

Frist zur Nach­ho­lung der Begrün­dung einer Rechts­be­schwer­de

Im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall war die Mut­ter vor Bewil­li­gung der bean­trag­ten Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe an der Ein­le­gung und Begrün­dung der Rechts­be­schwer­de gehin­dert und hat Ein­le­gung und Begrün­dung sodann inner­halb von vier Wochen nach Bewil­li­gung der Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe nach­ge­hot. Der Bun­des­ge­richts­hof sah dies als recht­zei­tig an:

Die Begrün­dung der Rechts­be­schwer­de ist indes­sen anders als deren Ein­le­gung nicht inner­halb der in § 18 Abs. 3 Satz 2 FamFG auf­ge­führ­ten Frist nach­ge­holt wor­den. Gemäß § 18 Abs. 3 Satz 2 FamFG ist die ver­säum­te Rechts­hand­lung inner­halb der Antrags­frist für die Wie­der­ein­set­zung nach­zu­ho­len, wel­che nach § 18 Abs. 1 FamFG zwei Wochen nach Weg­fall des Hin­der­nis­ses beträgt. Das Hin­der­nis war die Ver­fah­rens­kos­ten­be­dürf­tig­keit der Mut­ter, wel­che durch die Bewil­li­gung von Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe durch den Bun­des­ge­richts­hof ent­fal­len ist [2].

Die Frist von zwei Wochen, die im Hin­blick auf die Begrün­dung der Rechts­be­schwer­de nach dem Geset­zes­wort­laut abge­lau­fen wäre, ist hin­ge­gen aus ver­fas­sungs­recht­li­chen Grün­den auf die Rechts­mit­tel­be­grün­dung nicht anzu­wen­den. Denn ande­ren­falls wäre die nach Art. 3 Abs. 1 GG gebo­te­ne Gleich- behand­lung bemit­tel­ter und unbe­mit­tel­ter Ver­fah­rens­be­tei­lig­ter nicht mehr gewähr­leis­tet [3]. Die hier gebo­te­ne ver­fas­sungs­kon­for­me Aus­le­gung führt zu einer Wie­der­ein­set­zungs­frist für die Begrün­dung der Rechts­be­schwer­de von einem Monat.

Die Rege­lung in § 18 FamFG muss, eben­so wie die inhalts­glei­che Rege­lung in § 234 Abs. 1 ZPO in der bis zum 31.08.2004 gel­ten­den Fas­sung [4], ver­fas­sungs­kon­form aus­ge­legt wer­den [5]. Der Gesetz­ge­ber hat sich bei der For­mu­lie­rung von § 18 FamFG an dem frü­he­ren § 22 FGG einer­seits und an § 60 VwGO ande­rer­seits aus­ge­rich­tet [6]. Er hat dabei aber über­se­hen, dass das frü­he­re Gesetz über die Ange­le­gen­hei­ten der frei­wil­li­gen Gerichts­bar­keit kei­ne beson­de­re Begrün­dungs­frist kann­te und § 60 Abs. 2 Satz 1 VwGO (eben­so wie § 234 ZPO) durch das 1. Jus­tiz­mo­der­ni­sie­rungs­ge­setz vom 24.08.2004 [7] um eine beson­de­re Monats­frist bei der Ver­säu­mung der Begrün­dungs­frist ergänzt wor­den ist, um der ansons­ten ent­ste­hen­den ver­fas­sungs­recht­lich nicht hin­nehm­ba­ren Ver­kür­zung der Frist für eine bedürf­ti­ge Par­tei ent­ge­gen­zu­wir­ken [8].

Bei der danach gebo­te­nen ver­fas­sungs­kon­for­men Anwen­dung der Vor­schrift beginnt die Frist zur Nach­ho­lung der Begrün­dung zwar gemäß § 18 Abs. 1 FamFG mit der Bewil­li­gung von Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe [2]. Sie beträgt aber nicht zwei Wochen. Es gilt viel­mehr die Monats­frist des § 71 Abs. 2 Satz 1 FamFG [8].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 26. Okto­ber 2011 – XII ZB 247/​11

  1. im Anschluss an BGHZ 184, 323 = NJW 2008, 3500[]
  2. vgl. BGHZ 176, 379, 381 f. = NJW 2008, 3500[][]
  3. vgl. BVerfG NJW 1987, 1191; FamRZ 2000, 474, 475[]
  4. dazu BGH, Beschluss vom 09.07.2003 – XII ZB 147/​02, FamRZ 2003, 1462, 1463[]
  5. BGHZ 184, 323 = FamRZ 2010, 809 [LS] Rn. 9 mwN[]
  6. Ent­wurfs­be­grün­dung BT-Drucks. 16/​6308 S. 183[]
  7. BGBl. I S. 2198[]
  8. BGHZ 184, 323 = FamRZ 2010, 809 [LS] Rn. 9[][]