Heim­li­che Begut­ach­tung im Betreu­ungs­ver­fah­ren

Sofern der Gut­ach­ter nicht zugleich behan­deln­der Arzt des Betrof­fe­nen ist und wenn kei­ne kon­kre­ten Anhalts­punk­te dafür vor­lie­gen, dass dem Betrof­fe­nen sei­ne Begut­ach­tung ver­bor­gen geblie­ben ist, kann im Regel­fall, in dem dem Betrof­fe­nen vor­ab der Beweis­be­schluss bekannt­ge­ge­ben wor­den ist, unter­stellt wer­den, dass der Sach­ver­stän­di­ge den Betrof­fe­nen über die beab­sich­tig­te Begut­ach­tung unter­rich­tet hat 1.

Heim­li­che Begut­ach­tung im Betreu­ungs­ver­fah­ren

Zwar ist es rich­tig, dass § 280 Abs. 1 Satz 1 FamFG für das Betreu­ungs­ver­fah­ren eine förm­li­che Beweis­auf­nah­me vor­sieht. Danach hat der Sach­ver­stän­di­ge den Betrof­fe­nen gemäß § 280 Abs. 2 Satz 1 FamFG vor Erstat­tung des Gut­ach­tens per­sön­lich zu unter­su­chen oder zu befra­gen, wobei er vor der Unter­su­chung des Betrof­fe­nen bereits zum Sach­ver­stän­di­gen bestellt sein und ihm den Zweck der Unter­su­chung eröff­net haben muss, damit der Betrof­fe­ne sein Recht, an der Beweis­auf­nah­me teil­zu­neh­men, sinn­voll aus­üben kann 2.

Sofern der Gut­ach­ter nicht zugleich behan­deln­der Arzt des Betrof­fe­nen ist und wenn kei­ne kon­kre­ten Anhalts­punk­te dafür vor­lie­gen, dass dem Betrof­fe­nen sei­ne Begut­ach­tung ver­bor­gen geblie­ben ist, kann im Regel­fall, in dem dem Betrof­fe­nen vor­ab der Beweis­be­schluss bekannt­ge­ge­ben wor­den ist, unter­stellt wer­den, dass der Sach­ver­stän­di­ge den Betrof­fe­nen über die beab­sich­tig­te Begut­ach­tung unter­rich­tet hat. Die vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fäl­le 3 zeich­nen sich – wie die Rechts­be­schwer­de­er­wi­de­rung zu Recht ein­wen­det – durch die Beson­der­heit aus, dass dort jeweils der behan­deln­de Arzt zum Gut­ach­ter bestellt wor­den war. In einem sol­chen Fall liegt es nahe, dass der Betrof­fe­ne davon aus­geht, von die­sem – ihm bereits bekann­ten – Arzt behan­delt zu wer­den, ohne dass er mit einer Begut­ach­tung rech­nen muss. Des­halb muss der Arzt dem Betrof­fe­nen deut­lich zu erken­nen geben, dass er von sei­ner Bestel­lung zum Sach­ver­stän­di­gen an (auch) als Gut­ach­ter tätig sein wird. In die­ser Funk­ti­on muss er den Betrof­fe­nen unter­su­chen und darf sich für sein Gut­ach­ten nicht dar­auf beschrän­ken, die aus der vor­he­ri­gen Behand­lung gewon­ne­nen Erkennt­nis­se zu ver­wer­ten 4.

Im hier ent­schie­de­nen Fall ist nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs weder dar­ge­tan noch ersicht­lich, dass der Gut­ach­ter den Betrof­fe­nen zuvor als Arzt behan­delt hat. Eben­so wenig sind kon­kre­te Anhalts­punk­te dafür ersicht­lich, dass dem Betrof­fe­nen sei­ne Begut­ach­tung ver­bor­gen geblie­ben ist. Den Gerichts­ak­ten ist zu ent­neh­men, dass der Beweis­be­schluss des Amts­ge­richts vom 18.08.2017 dem Betrof­fe­nen vor sei­ner Unter­su­chung bekannt­ge­ge­ben wor­den ist. Man­gels ent­ge­gen­ste­hen­der Anhalts­punk­te erscheint es im Übri­gen – wor­auf die Rechts­be­schwer­de­er­wi­de­rung zu Recht hin­weist – fern­lie­gend, dass der Gut­ach­ter sich dem Betrof­fe­nen nicht in sei­ner Funk­ti­on vor­ge­stellt haben soll.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 5. Febru­ar 2020 – XII ZB 252/​19

  1. Abgren­zung zu BGH, Beschlüs­sen vom 06.02.2019 – XII ZB 393/​18 Fam­RZ 2019, 724; vom 07.08.2013 XII ZB 691/​12 Fam­RZ 2013, 1725; und vom 15.09.2010 – XII ZB 383/​10 Fam­RZ 2010, 1726[]
  2. BGH, Beschluss vom 06.02.2019 – XII ZB 393/​18 Fam­RZ 2019, 724 Rn. 15 mwN[]
  3. BGH, Beschlüs­se vom 06.02.2019 – XII ZB 393/​18 Fam­RZ 2019, 724 Rn. 16; vom 07.08.2013 – XII ZB 691/​12 Fam­RZ 2013, 1725 Rn. 9; und vom 15.09.2010 – XII ZB 383/​10 Fam­RZ 2010, 1726 Rn. 11[]
  4. BGH, Beschluss vom 06.02.2019 – XII ZB 393/​18 Fam­RZ 2019, 724 Rn. 16 mwN[]