Inter­na­tio­na­le Zustän­dig­keit des Fami­li­en­ge­richts – Brüs­sel-IIa und die vor­her­ge­gan­ge­ne einst­wei­li­ge Anord­nung

Ent­hält die eine einst­wei­li­ge Maß­nah­me anord­nen­de Ent­schei­dung kei­ne ein­deu­ti­ge Begrün­dung für die Zustän­dig­keit des Ursprungs­ge­richts in der Haupt­sa­che unter Bezug­nah­me auf eine der in den Art. 8 bis 14 Brüs­sel IIa-VO genann­ten Zustän­dig­kei­ten, und ergibt sich die Haupt­sa­che­zu­stän­dig­keit auch nicht offen­sicht­lich aus der erlas­se­nen Ent­schei­dung, ist davon aus­zu­ge­hen, dass die Ent­schei­dung nicht nach den Zustän­dig­keits­vor­schrif­ten der Brüs­sel IIa-VO ergan­gen ist. In die­sem Fall ist zu prü­fen, ob die Ent­schei­dung unter die Öff­nungs­klau­sel des Art.20 Brüs­sel IIa-VO fällt 1.

Inter­na­tio­na­le Zustän­dig­keit des Fami­li­en­ge­richts – Brüs­sel-IIa und die vor­her­ge­gan­ge­ne einst­wei­li­ge Anord­nung

Sind auch die Vor­aus­set­zun­gen des Art.20 Brüs­sel IIa-VO nicht gege­ben, kommt eine Aner­ken­nung und Voll­stre­ckung der von einem nach der Brüs­sel IIa-VO unzu­stän­di­gen Gericht erlas­se­nen einst­wei­li­gen Maß­nah­me nicht in Betracht 1.

Dring­lich­keit i.S.d. Art.20 Abs. 1 Brüs­sel IIa-VO bezieht sich sowohl auf die Lage, in der sich das Kind befin­det, als auch auf die prak­ti­sche Unmög­lich­keit, den die elter­li­che Ver­ant­wor­tung betref­fen­den Antrag vor dem Gericht zu stel­len, das für die Ent­schei­dung in der Haupt­sa­che zustän­dig ist 2.

Einst­wei­li­ge Maß­nah­men i.S.v. Art.20 Abs. 1 Brüs­sel IIa-VO kön­nen nur in Bezug auf Per­so­nen erlas­sen wer­den, die sich in dem Mit­glied­staat befin­den, in dem das für den Erlass die­ser Maß­nah­men zustän­di­ge Gericht sei­nen Sitz hat. Das gilt in Ver­fah­ren über die elter­li­che Ver­ant­wor­tung nicht nur für das Kind selbst, son­dern auch für den Eltern­teil, dem durch den Erlass der Maß­nah­me das Sor­ge­recht genom­men wird 2.

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall begehr­te die Kin­des­mut­ter die Voll­streck­bar­er­klä­rung einer pol­ni­schen Ent­schei­dung über die Kin­des­her­aus­ga­be.

Aus der Ehe der Kin­des­el­tern ging das 2012 in Augs­burg gebo­re­ne Kind R. her­vor. Die nun­mehr getrennt leben­den Eltern bei­de pol­ni­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge wohn­ten gemein­sam mit dem Kind in Augs­burg. Im Mai 2013 reis­te die Mut­ter mit dem 2012 in Augs­burg gebo­re­ne Kind R. her­vor. Die nun­mehr getrennt leben­den Eltern bei­de pol­ni­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge wohn­ten gemein­sam mit dem Kind in Augs­burg. Im Mai 2013 reis­te die Mut­ter mit dem Kind nach Polen und ver­blieb dort. Der Vater, der hier­mit nicht ein­ver­stan­den war, lei­te­te dar­auf­hin in Polen ein Ver­fah­ren nach dem Haa­ger Über­ein­kom­men über die zivil­recht­li­chen Aspek­te inter­na­tio­na­ler Kin­des­ent­füh­rung vom 25.10.1980 3 ein. Anfang Sep­tem­ber 2013 kehr­te die Mut­ter mit dem Kind nach Augs­burg zurück. Bereits am 30.09.2013 zog sie mit dem Kind gegen den Wil­len des Vaters wie­der nach Polen. Der Vater stell­te dar­auf­hin erneut in Polen einen Antrag nach dem Haa­ger Kin­des­ent­füh­rungs­über­ein­kom­men auf Rück­füh­rung des Kin­des. Vor einer Ent­schei­dung hier­über ver­brach­te er das Kind am 13.07.2014 eigen­mäch­tig wie­der nach Deutsch­land. Sein Rück­füh­rungs­an­trag wur­de dar­auf­hin abge­wie­sen.

Zwi­schen den Eltern ist in Polen ein Schei­dungs­ver­fah­ren anhän­gig, in des­sen Rah­men auch ein Sor­ge­rechts­ver­fah­ren ein­ge­lei­tet wur­de. In die­sem Ver­fah­ren ord­ne­te das Bezirks­ge­richt L. am 14.07.2014 auf Antrag der Mut­ter in einer Siche­rungs­ver­fü­gung an, dass der Auf­ent­halt des Kin­des für die Dau­er des Ver­fah­rens bei der Mut­ter lie­ge. Zudem ver­pflich­te­te es den Vater, das Kind an die Mut­ter her­aus­zu­ge­ben.

Die Mut­ter hat in Deutsch­land bean­tragt, die Siche­rungs­ver­fü­gung für voll­streck­bar zu erklä­ren und sodann die Voll­stre­ckung vor­zu­neh­men. Das erst­in­stanz­lich hier­mit befas­se Amts­ge­richt Mün­chen hat die Anträ­ge abge­wie­sen 4. Auf die Beschwer­de der Mut­ter hat dage­gen das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen die Ent­schei­dung des Amts­ge­richts auf­ge­ho­ben und die Siche­rungs­ver­fü­gung hin­sicht­lich der Her­aus­ga­be­ver­pflich­tung mit einer Voll­stre­ckungs­klau­sel ver­se­hen 5. Hier­ge­gen wen­det sich der Vater mit der Rechts­be­schwer­de und erhielt vom Bun­des­ge­richts­hof Recht, der den abwei­sen­den Beschluss des Amts­ge­richts Mün­chen wie­der her­stell­te.

Die nach §§ 28 des Geset­zes zur Aus- und Durch­füh­rung bestimm­ter Rechts­in­stru­men­te auf dem Gebiet des inter­na­tio­na­len Fami­li­en­rechts (Inter­na­tio­na­les Fami­li­en­rechts­ver­fah­rens­ge­setz – Int­Fam­RVG), 574 Abs. 1 Nr. 1 ZPO statt­haf­te Rechts­be­schwer­de ist auch im Übri­gen zuläs­sig. Eine Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs ist zur Siche­rung einer ein­heit­li­chen Recht­spre­chung erfor­der­lich (§§ 28 Int­Fam­RVG, 574 Abs. 2 Nr. 2 Alt. 2 ZPO). Mit Recht macht die Rechts­be­schwer­de gel­tend, dass die Beschwer­de­ent­schei­dung auf einer Abwei­chung von der Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs 6 beruht.

Die in der Siche­rungs­ver­fü­gung ange­ord­ne­te aus der elter­li­chen Sor­ge resul­tie­ren­de Auf­ent­halts­be­stim­mung und die damit ein­her­ge­hen­de Her­aus­ga­be­ver­pflich­tung fal­len in den sach­li­chen Anwen­dungs­be­reich der Brüs­sel-IIa-Ver­ord­nung (Art. 1 Abs. 1 lit. b Alt. 2, Art. 2 Nr. 7 und Nr. 9 Brüs­sel IIa-VO). Die Vor­aus­set­zun­gen für eine Voll­stre­ckung ohne Voll­streck­bar­er­klä­rung nach Art. 42 Abs. 1, 40 Abs. 1 lit. b, 11 Abs. 8 Brüs­sel IIa-VO lie­gen im hier ent­schie­de­nen Fall jedoch nicht vor.

Eine voll­streck­ba­re Ent­schei­dung im Sin­ne von Art. 28 Brüs­sel IIa-VO liegt nicht vor, weil nicht ersicht­lich ist, dass das pol­ni­sche Gericht sei­ne inter­na­tio­na­le Zustän­dig­keit auf die Art. 8 ff. Brüs­sel IIa-VO gestützt hat.

Erlässt das Gericht eine einst­wei­li­ge Maß­nah­me, die den Bereich der elter­li­chen Sor­ge betrifft, ist für die Anwen­dung der Art. 21 ff. Brüs­sel IIa-VO dar­auf abzu­stel­len, ob das Ursprungs­ge­richt sei­ne Zustän­dig­keit auf Art. 8 ff. Brüs­sel IIa-VO gestützt hat. Ist dies zwei­fel­haft, ist anhand der Aus­füh­run­gen in der Ent­schei­dung zu prü­fen, ob das Ursprungs­ge­richt sei­ne Zustän­dig­keit auf eine Vor­schrift der Brüs­sel IIa-Ver­ord­nung stüt­zen woll­te 7. Kann das nicht fest­ge­stellt wer­den, so ist davon aus­zu­ge­hen, dass die zu voll­stre­cken­de Ent­schei­dung nicht nach den Zustän­dig­keits­vor­schrif­ten der Brüs­sel IIa-Ver­ord­nung ergan­gen ist 8. In die­sem Fall kann eine Maß­nah­me nach Art.20 Brüs­sel IIa-VO vor­lie­gen. Die­se Vor­schrift begrün­det aber kei­ne Zustän­dig­keit im Sin­ne der Ver­ord­nung, wes­halb auf der­ar­ti­ge Ver­fah­ren die Art. 21 ff. Brüs­sel IIa-VO nicht anwend­bar sind 9.

Gemes­sen hier­an ver­neint der Bun­des­ge­richts­hof die Anwend­bar­keit der Art. 21 ff. Brüs­sel IIa-VO:

Das pol­ni­sche Bezirks­ge­richt L. hat in sei­ner Ent­schei­dung auf die Brüs­sel IIa-Ver­ord­nung nicht Bezug genom­men. Soweit es aus­führt, dass das Kind sei­nen gewöhn­li­chen Auf­ent­halt in Polen habe, gibt es nur den Vor­trag der Mut­ter wie­der, ohne dass erkenn­bar wird, inwie­weit hier­aus ein Grund für die inter­na­tio­na­le Zustän­dig­keit abge­lei­tet wer­den soll. Zutref­fend hat das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen aus­ge­führt, dass es für die Zustän­dig­keit viel­mehr aus­schließ­lich Nor­men des pol­ni­schen Rechts zitiert und die­se im Wesent­li­chen aus dem lau­fen­den Ver­fah­ren in der Haupt­sa­che her­ge­lei­tet hat, ohne dass die Zustän­dig­keit hier­für begrün­det wird. Damit liegt weder eine ein­deu­ti­ge Begrün­dung der Zustän­dig­keit nach der Brüs­sel IIa-Ver­ord­nung vor, noch ergibt sich die­se offen­sicht­lich aus der Ent­schei­dung.

Auch die Vor­aus­set­zun­gen der Öff­nungs­klau­sel des Art.20 Brüs­sel IIa-VO lie­gen im hier ent­schie­de­nen Fall nicht vor:

Die feh­len­de Anwend­bar­keit der Art. 21 ff. Brüs­sel IIa-VO steht indes der Aner­ken­nung und Voll­stre­ckung einer auf der Grund­la­ge des Art.20 Brüs­sel IIa-VO ergan­ge­nen Maß­nah­me in ande­ren Mit­glied­staa­ten nicht von vorn­her­ein ent­ge­gen. Viel­mehr han­delt es sich bei Art.20 Brüs­sel IIa-VO um eine Öff­nungs­klau­sel. Wäh­rend die Brüs­sel IIa-Ver­ord­nung grund­sätz­lich unter den in Art. 59 bis 63 der Ver­ord­nung genann­ten Vor­aus­set­zun­gen Vor­rang vor den meis­ten ein­schlä­gi­gen inter­na­tio­na­len Über­ein­kom­men hat, lässt Art.20 Brüs­sel IIa-VO unter den dort genann­ten Vor­aus­set­zun­gen den Rück­griff auch auf an sich nach­ran­gi­ge Über­ein­kom­men und gege­be­nen­falls auf das natio­na­le Recht zu. Dies bedeu­tet nicht nur, dass sich die Zustän­dig­keit für einst­wei­li­ge Maß­nah­men unter den Vor­aus­set­zun­gen des Art.20 Brüs­sel IIa-VO aus nach­ran­gi­gen Über­ein­kom­men und dem natio­na­len Recht erge­ben kann, son­dern auch, dass die Aner­ken­nung und Voll­stre­ckung sol­cher Maß­nah­men auf der Grund­la­ge der dort ent­hal­te­nen Rechts­in­stru­men­te in Betracht kommt 10.

Jedoch lie­gen die Vor­aus­set­zun­gen des Art.20 Abs. 1 Brüs­sel IIa-VO nach den getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen nicht vor.

Abs. 1 Brüs­sel IIa-VO hat drei Vor­aus­set­zun­gen, die alle­samt erfüllt sein müs­sen, damit die Öff­nungs­klau­sel Platz greift. Die Maß­nah­me muss dring­lich sein, sie muss in Bezug auf Per­so­nen oder Ver­mö­gens­ge­gen­stän­de getrof­fen wer­den, die sich in dem Mit­glied­staat befin­den, in dem das Gericht sei­nen Sitz hat, und sie muss vor­über­ge­hen­der Art sein 11.

Der Begriff der Dring­lich­keit bezieht sich dabei sowohl auf die Situa­ti­on des Kin­des als auch auf die prak­ti­sche Unmög­lich­keit, eine Ent­schei­dung des in der Haupt­sa­che zustän­di­gen Gerichts zur elter­li­chen Ver­ant­wor­tung her­bei­zu­füh­ren 12. Bei der Aus­le­gung die­ses Tat­be­stands­merk­mals ist das Ziel der Brüs­sel IIa-Ver­ord­nung zu beach­ten, die Betei­lig­ten davon abzu­hal­ten, die Kin­der rechts­wid­rig in einen ande­ren Mit­glied­staat zu ver­brin­gen oder in einem sol­chen zurück­zu­hal­ten. Dürf­te eine Maß­nah­me, die zu einer Ver­än­de­rung der elter­li­chen Ver­ant­wor­tung und damit zu einer Ver­fes­ti­gung der aus rechts­wid­ri­gem Han­deln ent­stan­de­nen tat­säch­li­chen Situa­ti­on führt, nach Art.20 Abs. 1 Brüs­sel IIa-VO erlas­sen wer­den, lie­fe das dar­auf hin­aus, die Posi­ti­on des hier­für ver­ant­wort­li­chen Eltern­teils zu stär­ken 13.

Dane­ben ist schon dem Wort­laut von Art.20 Abs. 1 Brüs­sel IIa-VO zu ent­neh­men, dass einst­wei­li­ge Maß­nah­men nur in Bezug auf Per­so­nen zu erlas­sen sind, die sich in dem Mit­glied­staat befin­den, in dem das für den Erlass die­ser Maß­nah­men zustän­di­ge Gericht sei­nen Sitz hat. Han­delt es sich bei der einst­wei­li­gen Maß­nah­me um eine Sor­ge­rechts­ent­schei­dung (hier in Form der Auf­ent­halts­be­stim­mung und Her­aus­ga­be­ver­pflich­tung), wird die­se nicht nur in Bezug auf das Kind, son­dern auch in Bezug auf den Eltern­teil getrof­fen, dem die elter­li­che Sor­ge ent­zo­gen wird, so dass die Anwe­sen­heit des Kin­des und des betrof­fe­nen Eltern­teils im Mit­glied­staat des ange­ru­fe­nen Gerichts erfor­der­lich ist 14.

Schließ­lich muss die Maß­nah­me vor­über­ge­hen­der Art sein, es darf sich also nicht um eine Haupt­sa­che­ent­schei­dung han­deln.

Hier hat das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen rechts­feh­ler­haft Art.20 Brüs­sel IIa-VO ange­wandt, obgleich weder die Dring­lich­keit noch die Anwe­sen­heit der betrof­fe­nen Per­so­nen gege­ben waren.

Das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen hat einen drin­gen­den Fall i.S.d. Art.20 Abs. 1 Brüs­sel IIa-VO ange­nom­men ohne zu prü­fen, ob es der Mut­ter nicht mög­lich war, recht­zei­tig eine Ent­schei­dung zur elter­li­chen Ver­ant­wor­tung durch die deut­schen Gerich­te her­bei­zu­füh­ren. Von deren Zustän­dig­keit gemäß Art. 8 i.V.m. Art. 10 Brüs­sel IIa-VO ist nach den getrof­fe­nen und nicht ange­grif­fe­nen Fest­stel­lun­gen aus­zu­ge­hen. Das Kind hat­te vor dem wider­recht­li­chen Ver­brin­gen durch sei­ne Mut­ter sei­nen gewöhn­li­chen Auf­ent­halt in Deutsch­land. Die Vor­aus­set­zun­gen des Art. 10 Brüs­sel IIa-VO für einen Wech­sel der Zustän­dig­keit lie­gen ersicht­lich nicht vor; eben­so wenig sind die Vor­aus­set­zun­gen der Zustän­dig­keit der pol­ni­schen Gerich­te nach Art. 12 Brüs­sel IIa-VO erkenn­bar. Nach Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts Mün­chen hat das Kind sei­nen gewöhn­li­chen Auf­ent­halt nach wie vor in Deutsch­land. Grün­de, war­um die Anru­fung der deut­schen Gerich­te nicht mög­lich gewe­sen sein soll, sind nach alle­dem nicht ersicht­lich.

Gegen die Annah­me, dass hier ein drin­gen­der Fall vor­liegt, spricht im Übri­gen das Ziel der Brüs­sel IIa-Ver­ord­nung, die Betei­lig­ten von einem rechts­wid­ri­gen Ver­brin­gen oder Zurück­hal­ten der Kin­der abzu­hal­ten. Denn die Voll­stre­ckung der Siche­rungs­ver­fü­gung hät­te zur Fol­ge, dass der Auf­ent­halt des Kin­des in Polen ver­fes­tigt und legi­ti­miert wird, obgleich die Mut­ter das Kind nach den Fest­stel­lun­gen des Ober­lan­des­ge­richts Mün­chen zuvor wie­der­holt wider­recht­lich nach Polen ver­bracht hat. Dass der Vater durch die eigen­mäch­ti­ge Rück­ho­lung des Kin­des selbst rechts­wid­rig gehan­delt hat, führt für sich genom­men nicht zu einer ande­ren Bewer­tung der Dring­lich­keit.

Des Wei­te­ren hat das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen nicht beach­tet, dass es an der nach Art.20 Abs. 1 Brüs­sel IIa-VO erfor­der­li­chen Anwe­sen­heit der von der Maß­nah­me Betrof­fe­nen fehlt. Nach den Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts hat­te der Vater mit dem Kind Polen bereits am 13.07.2014 ver­las­sen. Die Siche­rungs­ver­fü­gung datiert dem­ge­gen­über vom 14.07.2014. Die Vor­aus­set­zun­gen des Art.20 Brüs­sel IIa-VO, wonach der Vater und das Kind als die von der Siche­rungs­ver­fü­gung betrof­fe­nen Per­so­nen bei Erlass der Siche­rungs­ver­fü­gung in Polen hät­ten anwe­send sein müs­sen, waren dem­nach nicht erfüllt.

Sind schließ­lich wie hier auch die Vor­aus­set­zun­gen des Art.20 Brüs­sel IIa-VO nicht gege­ben, kommt eine Aner­ken­nung und Voll­stre­ckung der von einem nach der Brüs­sel IIa-Ver­ord­nung unzu­stän­di­gen Gericht erlas­se­nen einst­wei­li­gen Maß­nah­me nicht in Betracht. Art.20 Brüs­sel IIa-VO erlaubt den Rück­griff auf die genann­ten ande­ren Rechts­in­stru­men­te nur, wenn die zu tref­fen­de Maß­nah­me dring­lich ist, einst­wei­li­gen Cha­rak­ter hat und sich auf Per­so­nen oder Ver­mö­gens­ge­gen­stän­de bezieht, die sich in dem Mit­glied­staat befin­den, in dem das mit der Sache befass­te Gericht sei­nen Sitz hat. Ist dies nicht der Fall, bleibt es bei dem abschlie­ßen­den Cha­rak­ter der Brüs­sel IIa-Ver­ord­nung 15.

Da eine Voll­streck­bar­er­klä­rung damit ohne­hin aus­schei­det, kann die Fra­ge dahin­ste­hen, ob auch Art. 16 HKÜ einer Voll­streck­bar­er­klä­rung der wäh­rend des lau­fen­den HKÜ-Ver­fah­rens erlas­se­nen Siche­rungs­ver­fü­gung ent­ge­gen­steht 16.

Weil weder eine unmit­tel­ba­re Voll­stre­ckung aus der Siche­rungs­ver­fü­gung noch deren Voll­streck­bar­er­klä­rung in Betracht kommt, hat das Amts­ge­richt Mün­chen die Anträ­ge im Ergeb­nis zu Recht abge­lehnt.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 10. Febru­ar 2016 – XII ZB 38/​15

  1. im Anschluss an BGH, Beschluss BGHZ 188, 270 = Fam­RZ 2011, 542[][]
  2. im Anschluss an EuGH Fam­RZ 2010, 525[][]
  3. BGBl.1990 – II S.206; im Fol­gen­den: Haa­ger Kin­des­ent­füh­rungs­über­ein­kom­men HKÜ[]
  4. AG Mün­chen, Beschluss vom 15.10.2014 – 517 F 8888/​14[]
  5. OLG Mün­chen, Beschluss vom 22.01.2015 – 12 UF 1821/​14, Fam­RZ 2015, 777[]
  6. EuGH Fam­RZ 2010, 525 Rn. 42[]
  7. BGH, Beschlüs­se BGHZ 205, 10 = Fam­RZ 2015, 1011 Rn.19 und BGHZ 188, 270 = Fam­RZ 2011, 542 Rn. 23; EuGH Fam­RZ 2010, 1521 Rn. 73 ff.[]
  8. EuGH Fam­RZ 2010, 1521 Rn. 76; BGH, Beschluss BGHZ 188, 270 = Fam­RZ 2011, 542 Rn. 24[]
  9. EuGH Fam­RZ 2010, 1521 Rn. 83 ff.; BGH, Beschluss BGHZ 188, 270 = Fam­RZ 2011, 542 Rn. 17[]
  10. BGH, Beschluss BGHZ 188, 270 = Fam­RZ 2011, 542 Rn. 18 mwN[]
  11. EuGH Fam­RZ 2010, 525 Rn. 39 und Fam­RZ 2010, 1521 Rn. 77; BGH, Beschluss BGHZ 188, 270 = Fam­RZ 2011, 542 Rn.19[]
  12. EuGH Fam­RZ 2010, 525 Rn. 42 und Fam­RZ 2010, 1521 Rn. 94[]
  13. vgl. EuGH Fam­RZ 2010, 525 Rn. 49, 57[]
  14. vgl. EuGH Fam­RZ 2010, 525 Rn. 50 f.[]
  15. BGH, Beschluss BGHZ 188, 270 = Fam­RZ 2011, 542 Rn.19 mwN; vgl. auch EuGH Fam­RZ 2010, 525 Rn. 38 ff.; Helms Fam­RZ 2011, 546[]
  16. vgl. dazu BGH, Beschluss vom 28.04.2011 XII ZB 170/​11 Fam­RZ 2011, 959 Rn. 13 mwN[]