Kein schuld­recht­li­cher Ver­sor­gungs­aus­gleich wegen Kuckucks­kind

Ver­schweigt die Ehe­frau ihrem Ehe­mann, dass ein wäh­rend der Ehe gebo­re­nes Kind mög­li­cher­wei­se von einem ande­ren Mann abstammt, kann dies zu einem voll­stän­di­gen oder teil­wei­sen Aus­schluss des Ver­sor­gungs­aus­gleichs füh­ren. Beruft sich im Ver­sor­gungs­aus­gleichs­ver­fah­ren ein Eltern­teil auf die Nicht-abstam­mung des Kin­des vom recht­li­chen Vater, so ist zu prü­fen, ob eine Aus-nah­me von der Rechts­aus­übungs­sper­re des § 1599 Abs. 1 BGB zuzu­las­sen ist [1]. Die feh­len­de Abstam­mung vom Ehe­mann kann nicht nur ange­nom­men wer­den, wenn die ander­wei­ti­ge leib­li­che Vater­schaft unstrei­tig ist, son­dern auch dann, wenn der Aus­schluss der leib­li­chen Vater­schaft des Ehe­man­nes in zuläs­si­ger Wei­se fest­ge­stellt wor­den ist [2].

Kein schuld­recht­li­cher Ver­sor­gungs­aus­gleich wegen Kuckucks­kind

Gemäß § 1587 h Nr. 1 BGB besteht ein Aus­gleichs­an­spruch nicht, soweit der Berech­tig­te den nach sei­nen Lebens­ver­hält­nis­sen ange­mes­se­nen Unter­halt aus sei­nen Ein­künf­ten und sei­nem Ver­mö­gen bestrei­ten kann und die Gewäh­rung des Ver­sor­gungs­aus­gleichs für den Ver­pflich­te­ten bei Berück­sich­ti­gung der bei­der­sei­ti­gen wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se eine unbil­li­ge Här­te bedeu­ten wür­de. Bei der Prü­fung der Bedarfs­de­ckung nach § 1587 h Nr. 1 BGB muss das Gericht sein im Unter­halts­rechts­streit gewon­ne­nes Erkennt­nis auch dann zugrun­de­le­gen, wenn die­ses noch nicht rechts­kräf­tig ist.

Zwi­schen der unbil­li­gen Här­te im Sin­ne des § 1587 h Nr. 1 BGB und der gro­ben Unbil­lig­keit nach § 1587 c Nr. 1 BGB besteht kein gra­du­el­ler Unter­schied [3]. Nach jener Vor­schrift fin­det ein Ver­sor­gungs­aus­gleich nicht statt, soweit die Inan­spruch­nah­me des Ver­pflich­te­ten unter Berück­sich­ti­gung der bei­der­sei­ti­gen Ver­hält­nis­se, ins­be­son­de­re des bei­der­sei­ti­gen Ver­mö­gens­er­werbs wäh­rend der Ehe oder im Zusam­men­hang mit der Schei­dung, grob unbil­lig wäre; hier­bei dür­fen Umstän­de nicht allein des­halb berück­sich­tigt wer­den, weil sie zum Schei­tern der Ehe geführt haben.

Eine unbil­li­ge Här­te liegt vor, wenn eine Durch­füh­rung des Ver­sor­gungs­aus­gleichs unter den beson­de­ren Gege­ben­hei­ten des kon­kre­ten Fal­les dem Grund­ge­dan­ken des Ver­sor­gungs­aus­gleichs in uner­träg­li­cher Wei­se wider­spre­chen wür­de. Dabei ver­bie­tet sich eine sche­ma­ti­sche Betrach­tungs­wei­se. Die gro­be Unbil­lig­keit muss sich viel­mehr wegen des Aus­nah­me­cha­rak­ters von § 1587 h Nr. 1 BGB im Ein­zel­fall aus einer Gesamt­ab­wä­gung der wirt­schaft­li­chen, sozia­len und per­sön­li­chen Ver­hält­nis­se bei­der Ehe­gat­ten erge­ben. Ob und in wel­chem Umfang die Durch­füh­rung des Ver­sor­gungs­aus­gleichs grob unbil­lig erscheint, unter­liegt grund­sätz­lich der tatrich­ter­li­chen Beur­tei­lung, die im Ver­fah­ren der Rechts­be­schwer­de nur dar­auf hin zu über­prü­fen ist, ob alle wesent­li­chen Umstän­de berück­sich­tigt wur­den und das Ermes­sen in einer dem Geset­zes­zweck ent­spre­chen­den Wei­se aus­ge­übt wor­den ist [4].

Im vor­lie­gend vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Rechts­streit beruft sich der (Ex-)Ehemann im Rah­men der Bil­lig­keits­er­wä­gun­gen mit Erfolg auf den Umstand, dass der 1984 gebo­re­ne Sohn nicht von ihm abstammt. Dem steht nicht die Rechts­aus­übungs­sper­re des § 1599 Abs. 1 BGB ent­ge­gen. Zwar hält der Bun­des­ge­richts­hof im Aus­gangs­punkt wei­ter­hin dar­an fest, dass es auch in Ver­fah­ren, an denen das Kind nicht unmit­tel­bar betei­ligt ist, grund­sätz­lich nicht zuläs­sig ist, des­sen nicht­ehe­li­che Abstam­mung inzi­dent gel­tend zu machen [5]. Die fest­ste­hen­de recht­li­che Vater­schaft stellt aber kei­nen gene­rel­len Hin­de­rungs­grund für die Auf­klä­rung der bio­lo­gi­schen Abstam­mung dar. Viel­mehr hat der (recht­li­che) Vater nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ein von Art. 2 Abs. 1 iVm Art. 1 Abs. 1 GG gewähr­leis­te­tes Recht auf Kennt­nis der Abstam­mung sei­nes Kin­des von ihm [6]. Auf­grund des­sen hat der Gesetz­ge­ber das sog. Abstam­mungs­klä­rungs­ver­fah­ren nach § 1598 a BGB ein­ge­führt, das vom recht­li­chen Sta­tus gänz­lich unab­hän­gig ist [7]. Dar­an zeigt sich, dass das Gesetz dem Fami­li­en­frie­den und einer bewusst nicht auf­ge­klär­ten bio­lo­gi­schen Abstam­mung jeden­falls dann nicht mehr den Vor­rang ein­räumt, wenn der recht­li­che Vater als einer der Klä­rungs­be­rech­tig­ten eine Auf­klä­rung der leib­li­chen Abstam­mung anstrebt und er gegen Mut­ter und Kind einen Anspruch auf Mit­wir­kung an der Unter­su­chung hat oder letz­te­re – soweit zur Klä­rung des Vater­schafts­aus­schlus­ses erfor­der­lich – zur Mit­wir­kung bereit sind [8].

Sind Erkennt­nis­se über die Vater­schaft – wie im hier ent­schie­de­nen Fall – bereits in zuläs­si­ger Wei­se durch Ein­ho­lung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens in einem par­al­lel geführ­ten Unter­halts­rechts­streit gewon­nen, steht die Rechts­aus­übungs­sper­re des § 1599 Abs. 1 BGB einer Ver­wer­tung des Gut­ach­tens im Ver­sor­gungs­aus­gleichs­ver­fah­ren nicht ent­ge­gen. Rügen, die sich auf das Ver­fah­ren zur Ver­wer­tung der in dem ande­ren Rechts­streit gewon­ne­nen Beweis­ergeb­nis­se bezö­gen, sind nicht erho­ben.

Gegen die Bil­lig­keits­er­wä­gung, den schuld­recht­li­chen Ver­sor­gungs­aus­gleich für den­je­ni­gen Teil der Ehe­zeit aus­zu­schlie­ßen, in dem die (Ex-)Ehefrau ihrem Ehe­mann die mög­li­che Abstam­mung des Kin­des von einem ande­ren Mann ver­schwie­gen hat, ist im Ansatz aus Rechts­grün­den nichts zu erin­nern. Denn das Ver­schwei­gen der mög­li­chen Vater­schaft eines ande­ren Man­nes stellt ein offen­sicht­lich schwer­wie­gen­des Fehl­ver­hal­ten dar [9]. Dabei ist in die Erwä­gun­gen ein­zu­be­zie­hen, dass die Ehe­frau an den in die­sem Zeit­raum erwor­be­nen gesetz­li­chen Ren­ten­an­wart­schaf­ten bereits durch den durch­ge­führ­ten öffent­lich-recht­li­chen Ver­sor­gungs­aus­gleich teil­hat. Dass die Ehe­frau im Zuge des Schei­dungs­ver­fah­rens auf die Durch­füh­rung des erwei­ter­ten Split­tings oder einer Bei­trags­zah­lung gemäß § 3 b VAHRG ver­zich­tet hat­te, muss schon des­halb nicht zu ihren Guns­ten berück­sich­tigt wer­den, weil ihr unter Zugrun­de­le­gung des wah­ren Sach­ver­halts auch sei­ner­zeit schon ein Anspruch nach § 3 b VAHRG für die vom Ver­sor­gungs­aus­gleich aus­zu­schlie­ßen­de Ehe­zeit nicht zuge­stan­den hät­te.

Aller­dings hat das Ober­lan­des­ge­richt den­je­ni­gen Anteil, der der Ehe­frau auf der Grund­la­ge der getrof­fe­nen Erwä­gun­gen zuzu­spre­chen wäre, unzu­tref­fend berech­net, indem es einen Quo­ti­en­ten aus dem Zeit­an­teil der Ehe vor der Geburt des Soh­nes zur Gesamte­he­zeit gebil­det hat. Viel­mehr muss der Kür­zungs­be­trag der­ge­stalt ermit­telt wer­den, dass die vom Ehe­mann in der Gesamte­he­zeit erwor­be­ne Anwart­schaft um die­je­ni­ge gekürzt wird, die er in der aus­zu­schlie­ßen­den Zeit erwor­ben hat, um anschlie­ßend den Wert­un­ter­schied aus der so berei­nig­ten Ver­sor­gungs­an­wart­schaft aus­zu­glei­chen [10]. Es sind also die auf die aus­zu­schlie­ßen­de Zeit ent­fal­len­den Anwart­schaf­ten auf das gesetz­li­che Ehe­zei­t­en­de bezo­gen zu ermit­teln und die­se von den auf die gesam­te Ehe­zeit ent­fal­len­den Anwart­schaf­ten abzu­zie­hen [11].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 21. März 2012 – XII ZB 147/​10

  1. im Anschluss an BGH, Beschluss vom 25.06.2008 – XII ZB 163/​06FamRZ 2008, 1836[]
  2. im Anschluss an BGH, Urteil vom 15.02.2012 – XII ZR 137/​09[]
  3. BGH, Beschluss vom 05.11.2008 – XII ZB 217/​04, FamRZ 2009, 205[]
  4. BGH, Beschluss vom 25.06.2008 – XII ZB 163/​06, FamRZ 2008, 1836 Rn. 11 mwN[]
  5. BGH, Beschluss vom 25.06.2008 – XII ZB 163/​06, FamRZ 2008, 1836 Rn. 21[]
  6. BVerfG FamRZ 2007, 441[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 25.06.2008 – XII ZB 163/​06, FamRZ 2008, 1836 mwN[]
  8. BGH, Urteil vom 15.02.2012 – XII ZR 137/​09[]
  9. BGH, Urteil vom 15.02.2012 – XII ZR 137/​09; OLG Hamm NJW-RR 2008, 1031[]
  10. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 25.06.2008 – XII ZB 163/​06, FamRZ 2008, 1836; vom 29.03.2006 – XII ZB 2/​02, FamRZ 2006, 769, 771 und vom 26.11.2003 – XII ZB 75/​02, FamRZ 2004, 256, 257 mwN.[]
  11. Wick Der Ver­sor­gungs­aus­gleich 2. Aufl. Rn. 255a[]