Kin­der­ehen unter syri­schen Flücht­lin­gen

Der Bun­des­ge­richts­hofs hat ein bei ihm anhän­gi­ges Ver­fah­ren aus­ge­setzt und dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zur Ent­schei­dung vor­ge­legt, in dem es maß­geb­lich auf die Wirk­sam­keit des Geset­zes zur Bekämp­fung von Kin­der­ehen ankommt. Der Bun­des­ge­richts­hof bezwei­felt die Ver­fas­sungs­ge­mäß­heit der gesetz­li­chen Rege­lung des Art. 13 Abs. 3 Nr. 1 EGBGB.

Kin­der­ehen unter syri­schen Flücht­lin­gen

Der am 1. Janu­ar 1994 gebo­re­ne Antrag­stel­ler und die am 1. Janu­ar 2001 gebo­re­ne min­der­jäh­ri­ge Betrof­fe­ne sind syri­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge. Sie wuch­sen im sel­ben Dorf in Syri­en auf. Am 10. Febru­ar 2015 schlos­sen sie vor dem Scha­ria-Gericht in Sarakeb/​Syrien die Ehe. Auf­grund der Kriegs­er­eig­nis­se flüch­te­ten sie über die soge­nann­te "Bal­kan­rou­te" von Syri­en nach Deutsch­land, wo sie im August 2015 anka­men. Nach ihrer Regis­trie­rung in einer Erst­auf­nah­me­ein­rich­tung wur­de die Betrof­fe­ne, die bis dahin seit Febru­ar 2015 mit dem Antrag­stel­ler zusam­men­ge­lebt hat­te, im Sep­tem­ber 2015 vom Jugend­amt in Obhut genom­men, vom Antrag­stel­ler getrennt und in eine Jugend­hil­feein­rich­tung für weib­li­che min­der­jäh­ri­ge unbe­glei­te­te Flücht­lin­ge ver­bracht. Das Amts­ge­richt stell­te das Ruhen der elter­li­chen Sor­ge fest und ord­ne­te Vor­mund­schaft an. Zum Vor­mund wur­de das zustän­di­ge Stadt­ju­gend­amt bestellt. Der Antrag­stel­ler, der zunächst nicht wuss­te, wohin die Betrof­fe­ne ver­bracht wor­den war, hat sich im Dezem­ber 2015 an das Amts­ge­richt gewandt und eine Über­prü­fung der Inob­hut­nah­me sowie die Rück­füh­rung der Betrof­fe­nen bean­tragt.

Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Amts­ge­richt Aschaf­fen­burg, das das Begeh­ren des Antrag­stel­lers in einen Antrag auf Rege­lung des Umgangs­rechts zwi­schen dem Antrag­stel­ler und der Betrof­fe­nen umge­deu­tet hat, hat das Umgangs­recht dahin­ge­hend gere­gelt, dass die Betrof­fe­ne das Recht habe, jedes Wochen­en­de von Frei­tag 17 Uhr bis Sonn­tag 17 Uhr mit dem Antrag­stel­ler zu ver­brin­gen 1. Das Ober­lan­des­ge­richt Bam­berg hat die hier­ge­gen gerich­te­te Beschwer­de des Vor­munds, mit der die­ser ein Umgangs­recht von nur ein­mal wöchent­lich in der Zeit von 14 bis 17 Uhr in Beglei­tung eines Drit­ten errei­chen woll­te, zurück­ge­wie­sen 2; zugleich hat es die Ent­schei­dung des Amts­ge­richts von Amts wegen auf­ge­ho­ben, weil dem Vor­mund wegen der auch in Deutsch­land gül­ti­gen Ehe kei­ne Ent­schei­dungs­be­fug­nis für den Auf­ent­halt der Betrof­fe­nen zuste­he. Dage­gen rich­tet sich die zuge­las­se­ne Rechts­be­schwer­de des Vor­munds der Betrof­fe­nen, der wei­ter­hin ein redu­zier­tes Umgangs­recht nur in Beglei­tung eines Drit­ten errei­chen will.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat nun das Ver­fah­ren aus­ge­setzt, um eine Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zu der Fra­ge ein­zu­ho­len, ob Art. 13 Abs. 3 Nr. 1 EGBGB in der Fas­sung des Geset­zes zur Bekämp­fung von Kin­der­ehen vom 17. Juli 2017 3 mit Art. 1, 2 Abs. 1, 3 Abs. 1 und 6 Abs. 1 GG ver­ein­bar ist, soweit eine unter Betei­li­gung eines nach aus­län­di­schem Recht ehe­mün­di­gen Min­der­jäh­ri­gen geschlos­se­ne Ehe nach deut­schem Recht – vor­be­halt­lich der Aus­nah­men in der Über­gangs­vor­schrift des Art. 229 § 44 Abs. 4 EGBGB – ohne ein­zel­fall­be­zo­ge­ne Prü­fung als Nicht­ehe qua­li­fi­ziert wird, wenn der Min­der­jäh­ri­ge im Zeit­punkt der Ehe­schlie­ßung das 16. Lebens­jahr nicht voll­endet hat­te.

Der Aus­gang des Ver­fah­rens hängt von der Wirk­sam­keit der Ehe des Antrag­stel­lers und der Betrof­fe­nen nach deut­schem Recht ab, weil eine wirk­sa­me Ehe eine Aus­übung des dem Vor­mund nach §§ 1800, 1631 bis 1632 BGB zuste­hen­den Sor­ge­rechts dahin­ge­hend, dass die Betrof­fe­ne nur ein­mal wöchent­lich die Zeit von 14 bis 17 Uhr in Beglei­tung eines Drit­ten mit dem Antrag­stel­ler ver­brin­gen darf, aus­schließt.

Der Bun­des­ge­richts­hof ist der Über­zeu­gung, dass die gesetz­li­che Anord­nung der Unwirk­sam­keit der von einem noch nicht 16-jäh­ri­gen Min­der­jäh­ri­gen nach aus­län­di­schem Recht wirk­sam geschlos­se­nen Ehe in Art. 13 Abs. 3 Nr. 1 EGBGB – vor­be­halt­lich der Aus­nah­men in der Über­gangs­vor­schrift des Art. 229 § 44 Abs. 4 EGBGB – inso­fern mit Art. 1, Art. 2 Abs. 1, Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 Abs. 1 GG unver­ein­bar ist, als die Wirk­sam­keit der Ehe nach deut­schem Recht gene­rell und ohne Rück­sicht auf den kon­kre­ten Fall ver­sagt wird, und – im Gegen­satz zur Über­gangs­re­ge­lung für im Inland geschlos­se­ne Kin­der­ehen nach Art. 229 § 44 Abs. 1 EGBGB – auch sol­che vor dem 22. Juli 2017 nach aus­län­di­schen Recht wirk­sam geschlos­se­ne Ehen unwirk­sam wer­den, die – wie die vor­lie­gend zu beur­tei­len­de Ehe – bis zum Inkraft­tre­ten des Geset­zes zur Bekämp­fung von Kin­der­ehen auch nach deut­schem Recht wirk­sam und nur auf­heb­bar waren.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 14. Novem­ber 2018 – – XII ZB 292/​16

  1. AG Aschaf­fen­burg, Beschluss vom 07.03.2016 – 7 F 2013/​15[]
  2. OLG Bam­berg, Beschluss vom 12.05.2016 – 2 UF 58/​16, Fam­RZ 2016/​1270[]
  3. BGBl. I S. 2429[]