Kind­schafts­sa­chen – und der Kom­pe­tenz­streit zwi­schen Ober­lan­des­ge­rich­ten

Will in einer Kind­schafts­sa­che ein Ober­lan­des­ge­richt das Ver­fah­ren aus wich­ti­gem Grund an ein ande­res Ober­lan­des­ge­richt abge­ben und erklärt sich das ange­ru­fe­ne Ober­lan­des­ge­richt nicht zur Über­nah­me bereit, ist nicht der Bun­des­ge­richts­hof zur Bestim­mung des zustän­di­gen Gerichts beru­fen, son­dern nach § 5 Abs. 2 FamFG das Ober­lan­des­ge­richt, zu des­sen Bezirk das zuerst mit der Sache befass­te Gericht gehört.

Kind­schafts­sa­chen – und der Kom­pe­tenz­streit zwi­schen Ober­lan­des­ge­rich­ten

Nach § 36 Abs. 3 ZPO ent­schei­det der Bun­des­ge­richts­hof, wenn ein Ober­lan­des­ge­richt bei der Bestim­mung des zustän­di­gen Gerichts in einer Rechts­fra­ge von der Ent­schei­dung eines ande­ren Ober­lan­des­ge­richts oder des Bun­des­ge­richts­hofs abwei­chen will. Eine direk­te Anwen­dung die­ser Vor­schrift kommt im vor­lie­gen­den Fall schon des­halb nicht in Betracht, weil die Abga­be­ent­schei­dung des Ober­lan­des­ge­richts in einer Kind­schafts­sa­che im Sin­ne von §§ 111 Nr. 2, 151 Nr. 1 FamFG ergan­gen ist und sich daher das Ver­fah­ren allein nach den Vor­schrif­ten des Geset­zes über das Ver­fah­ren in Fami­li­en­sa­chen und in den Ange­le­gen­hei­ten der frei­wil­li­gen Gerichts­bar­keit bestimmt. Dort fin­det sich in § 5 FamFG eine spe­zi­el­le Vor­schrift, die die Zustän­dig­keit für die Bestim­mung des zustän­di­gen Gerichts regelt. § 36 Abs. 3 ZPO ist gemäß § 113 Abs. 1 FamFG nur in Ehe­sa­chen (§§ 111 Nr. 1, 121 FamFG) und Fami­li­en­streit­sa­chen (§ 112 FamFG) anwend­bar.

Eine Zustän­dig­keit des Bun­des­ge­richts­hofs zur Bestim­mung des zustän­di­gen Ober­lan­des­ge­richts lässt sich auch nicht mit einer ent­spre­chen­den Anwen­dung des § 36 Abs. 3 ZPO begrün­den. Hier­für fehlt es bereits an der für eine Ana­lo­gie erfor­der­li­chen plan­wid­ri­gen Rege­lungs­lü­cke.

Möch­te ein Gericht ein Ver­fah­ren nach § 4 FamFG aus wich­ti­gem Grund abge­ben und kön­nen sich die betei­lig­ten Gerich­te nicht eini­gen, wird das zustän­di­ge Gericht nach § 5 Abs. 1 Nr. 5 FamFG grund­sätz­lich durch das nächst­hö­he­re gemein­sa­me Gericht bestimmt. Ist das nächst­hö­he­re gemein­sa­me Gericht der Bun­des­ge­richts­hof, wird das zustän­di­ge Gericht durch das Ober­lan­des­ge­richt bestimmt, zu des­sen Bezirk das zuerst mit der Sache befass­te Gericht gehört (§ 5 Abs. 2 FamFG).

§ 5 FamFG ent­hält für Ver­fah­ren in Fami­li­en­sa­chen mit Aus­nah­me von Ehe­sa­chen und Fami­li­en­streit­sa­chen, für die auf die Zivil­pro­zess­ord­nung ver­wie­sen wird (vgl. § 113 Abs. 1 Satz 2 FamFG) und in den Ange­le­gen­hei­ten der frei­wil­li­gen Gerichts­bar­keit eine abschlie­ßen­de Rege­lung der gericht­li­chen Zustän­dig­kei­ten in Kom­pe­tenz­kon­flik­ten. Eine Bestim­mungs­zu­stän­dig­keit des Bun­des­ge­richts­hofs sieht die Vor­schrift nicht vor. Auch eine dem § 36 Abs. 3 ZPO ver­gleich­ba­re Diver­genz­vor­la­ge zum Bun­des­ge­richts­hof fin­det sich in § 5 FamFG nicht 1.

§ 5 Abs. 2 FamFG knüpft an die frü­he­re Vor­schrift des § 5 Abs. 1 Satz 1 Halb­satz 2 FGG an 2. Dar­in war bereits die Rege­lung ent­hal­ten, dass die Zustän­dig­keit durch das mit der Sache zuerst befass­te Ober­lan­des­ge­richt bestimmt wird, wenn der Bun­des­ge­richts­hof das gemein­schaft­li­che obe­re Gericht ist. An die­ser Ent­las­tung des Bun­des­ge­richts­hofs von Auf­ga­ben bei der Bestim­mung des zustän­di­gen Gerichts woll­te der Gesetz­ge­ber bei der Neu­re­ge­lung des § 5 FamFG ersicht­lich fest­hal­ten. Auch der Hin­weis in den Gesetz­ge­bungs­ma­te­ria­li­en auf § 46 Abs. 2 FGG 3 belegt, dass der Gesetz­ge­ber bei der Gestal­tung von § 5 FamFG eine Zustän­dig­keit des Bun­des­ge­richts­hofs für Ent­schei­dun­gen in Kom­pe­tenz­kon­flik­ten ver­mei­den woll­te. Denn § 46 Abs. 2 FGG ent­hielt für den Fall der Abga­be einer Vor­mund­schaft eben­falls eine Rege­lung, die die Bestim­mungs­zu­stän­dig­keit auf die Ebe­ne der Ober­lan­des­ge­rich­te ver­la­ger­te, wenn der Bun­des­ge­richts­hof das gemein­schaft­li­che obe­re Gericht ist. Zudem sah der Ent­wurf des Geset­zes zur Reform des Ver­fah­rens in Fami­li­en­sa­chen und in den Ange­le­gen­hei­ten der frei­wil­li­gen Gerichts­bar­keit zunächst eine Zustän­dig­keit des Bun­des­ge­richts­hofs zumin­dest in den Fäl­len des § 5 Abs. 1 Nr. 1 FamFG vor 4. In der end­gül­ti­gen Geset­zes­fas­sung wur­de jedoch auf Emp­feh­lung des Rechts­aus­schus­ses von die­ser Rege­lung abge­se­hen, um die Vor­schrift mit § 36 Abs. 2 ZPO zu har­mo­ni­sie­ren 5, der eben­falls kei­ne regu­lä­re Bestim­mungs­zu­stän­dig­keit des Bun­des­ge­richts­hofs als höhe­res gemein­schaft­li­ches Gericht vor­sieht 6.

Dies erhellt, dass der Gesetz­ge­ber zur Ent­las­tung des Bun­des­ge­richts­hofs bewusst die Ent­schei­dung von Kom­pe­tenz­kon­flik­ten auf die Ebe­ne der Ober­lan­des­ge­rich­te ver­la­gern woll­te. Eine plan­wid­ri­ge Rege­lungs­lü­cke als Vor­aus­set­zung für eine ana­lo­ge Anwen­dung des § 36 Abs. 3 ZPO liegt daher nicht vor.

Der Bun­des­ge­richts­hof ist somit nicht zur Ent­schei­dung über den Kom­pe­tenz­kon­flikt beru­fen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 26. Okto­ber 2016 – XII ARZ 40/​16

  1. vgl. Keidel/​Sternal FamFG 18. Aufl. § 5 Rn. 42; Prütting/​Helms/​Prütting FamFG 3. Aufl. § 5 Rn. 36[]
  2. BT-Drs. 16/​6308 S. 176[]
  3. vgl. BT-Drs. 16/​6308 S. 176[]
  4. BT-Drs. 309/​07 S. 24[]
  5. vgl. BT-Drs. 16/​9733 S. 24, 287[]
  6. vgl. Zöller/​Vollkommer ZPO 31. Aufl. § 36 Rn. 4 a[]