Klau­seler­tei­lung für aus­län­di­sche Unter­halts­ti­tel – und die Beschwer­de­be­grün­dung

Unbe­scha­det der Qua­li­fi­ka­ti­on des Klau­seler­tei­lungs­ver­fah­rens als Fami­li­en­streit­sa­che hängt die Zuläs­sig­keit einer Beschwer­de nach § 43 AUG nicht von einer frist­ge­bun­de­nen Beschwer­de­grün­dung ab; § 117 Abs. 1 FamFG ist nicht anwend­bar.

Klau­seler­tei­lung für aus­län­di­sche Unter­halts­ti­tel – und die Beschwer­de­be­grün­dung

Soweit das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen 1 im Anschluss an sei­ne eige­ne bis­he­ri­ge Recht­spre­chung 2 wei­ter­hin die Ansicht ver­tritt, dass über die all­ge­mei­ne Ver­wei­sung in § 2 AUG die für das Beschwer­de­ver­fah­ren in Ehe­sa­chen und Fami­li­en­streit­sa­chen gel­ten­de Vor­schrift des § 117 Abs. 1 FamFG ergän­zend her­an­zu­zie­hen ist, ver­mag der Bun­des­ge­richts­hof die­ser Auf­fas­sung nicht bei­zu­tre­ten. Unbe­scha­det der Qua­li­fi­ka­ti­on des Klau­seler­tei­lungs­ver­fah­rens als Fami­li­en­streit­sa­che spre­chen sowohl die in der Begrün­dung des Gesetz­ent­wurfs zu Tage getre­te­nen Inten­tio­nen des Gesetz­ge­bers als auch teleo­lo­gi­sche und sys­te­ma­ti­sche Grün­de dafür, dass die Zuläs­sig­keit einer Beschwer­de nach § 43 AUG nicht von einer frist­ge­bun­de­nen Beschwer­de­be­grün­dung abhän­gen soll.

Die §§ 36 ff. AUG regeln im Anwen­dungs­be­reich der Euro­päi­schen Unter­halts­ver­ord­nung jene Fäl­le, in denen gemäß Art. 26 ff. EuUnth­VO aus­nahms­wei­se die Durch­füh­rung eines Exe­qua­tur­ver­fah­rens erfor­der­lich ist. Im Übri­gen bezie­hen sich die §§ 36 ff. AUG auf die Fäl­le des revi­dier­ten Luga­ner Über­ein­kom­mens von 2007 (LugÜ 2007) und nach Maß­ga­be von § 57 AUG auf Exe­qua­tur­ver­fah­ren nach dem Luga­ner Über­ein­kom­men von 1988 (LugÜ 1988) sowie dem Haa­ger Über­ein­kom­mens über die Aner­ken­nung und Voll­stre­ckung von Unter­halts­ent­schei­dun­gen vom 2. Okto­ber 1973 3 (Haa­ger Unter­halts­voll­stre­ckungs­ab­kom­men von 1973, HUVÜ 73). Weil die genann­ten uni­ons­recht­li­chen und staats­ver­trag­li­chen Exe­qua­tur­ver­fah­ren unge­ach­tet ihrer teil­wei­se spe­zi­el­len Aus­rich­tung auf Unter­halts­sa­chen im Wesent­li­chen den­je­ni­gen ähneln, die für Deutsch­land in Zivil- und Han­dels­sa­chen nach Maß­ga­be des Aner­ken­nungs- und Voll­stre­ckungs­aus­füh­rungs­ge­set­zes (AVAG) aus­zu­füh­ren sind, hat der Gesetz­ge­ber die §§ 36 ff. AUG par­al­lel zum Klau­seler­tei­lungs­ver­fah­ren nach dem AVAG kon­zi­pie­ren und inhalt­lich ledig­lich klei­ne­re Ände­run­gen vor­neh­men wol­len 4.

Im Beschwer­de­ver­fah­ren nach § 11 AVAG ist eine not­wen­di­ge Begrün­dung der Beschwer­de nicht vor­ge­se­hen; sie ergibt sich auch nicht aus den im Beschwer­de­ver­fah­ren nach dem AVAG ergän­zend her­an­zu­zie­hen­den 5 Vor­schrif­ten über das Ver­fah­ren der sofor­ti­gen Beschwer­de nach den §§ 567 ff. ZPO. Durch das Erfor­der­nis einer frist­ge­bun­de­nen Rechts­mit­tel­be­grün­dung wäre das Beschwer­de­ver­fah­ren nach § 43 AUG dem­ge­gen­über durch ein typi­sches Ele­ment des zivil­pro­zes­sua­len Beru­fungs­rechts geprägt. Der­ar­ti­ge erheb­li­che struk­tu­rel­le Unter­schie­de zwi­schen den Beschwer­de­ver­fah­ren haben ersicht­lich nicht den Vor­stel­lun­gen des Gesetz­ge­bers ent­spro­chen; viel­mehr soll­te § 43 AUG in sei­nem Rege­lungs­ge­halt "im Wesent­li­chen" § 11 AVAG nach­emp­fun­den wer­den 6.

Dar­über hin­aus ist das Klau­seler­tei­lungs­ver­fah­ren davon geprägt, dass es in der ers­ten Instanz ein­sei­tig geführt wird und kei­ne Anhö­rung des Schuld­ners statt­fin­det (vgl. Art. 30 Satz 2 EuUnth­VO; Art. 41 Satz 2 LugÜ 2007; § 58 AUG; vgl. auch § 6 Abs. 1 AVAG). Einen kon­tra­dik­to­ri­schen Cha­rak­ter erlangt das Ver­fah­ren erst­mals mit der Beschwer­de eines Betei­lig­ten 7. Durch den Rechts­be­helf nach § 43 AUG ver­schafft sich der Schuld­ner somit Zugang zur ers­ten (und ein­zi­gen) Tat­sa­chen­in­stanz, in der er mit sei­nen Ein­wen­dun­gen gegen die Voll­streck­bar­er­klä­rung der aus­län­di­schen Ent­schei­dung recht­li­ches Gehör fin­den kann. Auch dies legt die Annah­me nahe, dass der Gesetz­ge­ber den Zugang zu die­ser Instanz nicht durch ein Begrün­dungs­er­for­der­nis als beson­de­re Zuläs­sig­keits­vor­aus­set­zung erschwe­ren woll­te.

Gegen die Ver­pflich­tung zur Begrün­dung der Beschwer­de spricht auch die Rege­lung des § 45 Abs. 2 AUG, wonach die Betei­lig­ten zu Pro­to­koll der Geschäfts­stel­le Anträ­ge stel­len und Erklä­run­gen abge­ben kön­nen, solan­ge eine münd­li­che Ver­hand­lung im Beschwer­de­ver­fah­ren nicht ange­ord­net ist. Die frist­ge­bun­de­ne Ein­rei­chung einer Rechts­mit­tel­be­grün­dung die auch in Fami­li­en­streit­sa­chen ent­spre­chend § 520 Abs. 3 ZPO bestimm­ten for­mel­len und inhalt­li­chen Min­dest­an­for­de­run­gen genü­gen muss 8 wird den Betei­lig­ten ansons­ten nur in sol­chen Ver­fah­ren abver­langt, in denen auch eine anwalt­li­che Ver­tre­tung vor­ge­schrie­ben ist. Denn dadurch wird ins­be­son­de­re gewähr­leis­tet, dass die mit der Begrün­dung der Beschwer­de ein­her­ge­hen­de Prü­fung der Erfolgs­aus­sich­ten des Rechts­mit­tels gründ­lich und sach­ge­recht durch eine rechts­kun­di­ge Per­son vor­ge­nom­men wird.

In die­sem Zusam­men­hang wür­de auch der Norm­zweck des § 117 Abs. 1 FamFG in vie­len Fäl­len das Erfor­der­nis einer Beschwer­de­be­grün­dung im Rah­men eines Klau­seler­tei­lungs­ver­fah­rens kaum recht­fer­ti­gen kön­nen. Durch den Zwang, eine Beschwer­de­be­grün­dung anzu­brin­gen, soll der Beschwer­de­füh­rer ins­be­son­de­re dazu ange­hal­ten wer­den, die tat­säch­li­che und recht­li­che Wür­di­gung des Streit­falls durch das vor­in­stanz­li­che Gericht zu über­prü­fen und auf die­ser Grund­la­ge zu beur­tei­len, ob er die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung als falsch dar­le­gen kann und des­halb über­haupt ein Rechts­mit­tel durch­füh­ren soll­te 9. Soweit aber das Aus­lands­un­ter­halts­ge­setz der Durch­füh­rung eines Exe­qua­tur­ver­fah­rens nach der Euro­päi­schen Unter­halts­ver­ord­nung oder des Luga­ner Über­ein­kom­mens von 2007 dient, ist die Tätig­keit des erst­in­stanz­li­chen Gerichts von vorn­her­ein (im Wesent­li­chen) auf die Prü­fung von Förm­lich­kei­ten beschränkt; gera­de die Prü­fung von Aner­ken­nungs­ver­sa­gungs­grün­den ist dem erst­in­stanz­li­chen Gericht aus­drück­lich unter­sagt (Art. 30 Satz 1 EuUnth­VO bzw. Art. 41 Satz 1 LugÜ 2007). Zu die­sem zen­tra­len Punkt des Exe­qua­tur­ver­fah­rens kann die erst­in­stanz­li­che Ent­schei­dung des­halb weder tat­säch­li­che Fest­stel­lun­gen noch recht­li­che Erwä­gun­gen ent­hal­ten, mit denen sich der Schuld­ner im Rah­men einer Beschwer­de­be­grün­dung aus­ein­an­der­set­zen könn­te.

Im Übri­gen wird dem Gläu­bi­ger regel­mä­ßig an einer beson­ders zügi­gen Ertei­lung der inlän­di­schen Voll­stre­ckungs­klau­sel gele­gen sein, nach­dem bereits die Erstrei­tung des aus­län­di­schen Unter­halts­ti­tels Zeit in Anspruch genom­men hat. Eine zwei­mo­na­ti­ge Begrün­dungs­frist gemäß § 117 Abs. 1 Satz 3 FamFG, die mög­li­cher­wei­se einer wei­te­ren Ver­län­ge­rung nach § 117 Abs. 1 Satz 4 FamFG, § 520 Abs. 2 Satz 2 und 3 ZPO zugäng­lich wäre, wür­de dem­ge­gen­über die Gefahr einer Ver­fah­rens­ver­zö­ge­rung in sich ber­gen und dem Beschleu­ni­gungs­in­ter­es­se des Gläu­bi­gers ent­ge­gen­wir­ken.

Schließ­lich weist der Bun­des­ge­richts­hof dar­auf hin, dass § 47 Abs. 2 AUG (in Anleh­nung an § 16 Abs. 2 Satz 1 AVAG) für das Rechts­be­schwer­de­ver­fah­ren aus­drück­lich die Begrün­dung des Rechts­mit­tels vor­schreibt. Eine sol­che Rege­lung wäre ver­zicht­bar gewe­sen, wenn sich das Begrün­dungs­er­for­der­nis aus der in § 2 AUG ent­hal­te­nen Ver­wei­sung auf § 71 Abs. 2 Satz 1 FamFG her­lei­ten lie­ße. Dies recht­fer­tigt in sys­te­ma­ti­scher Hin­sicht die Schluss­fol­ge­rung, dass der Gesetz­ge­ber alle Fäl­le einer not­wen­di­gen Rechts­mit­tel­be­grün­dung im Aus­lands­un­ter­halts­ge­setz selbst regeln woll­te und es sich des­halb bei den in den §§ 43 bis 46 AUG feh­len­den Bestim­mun­gen zum Erfor­der­nis einer Beschwer­de­be­grün­dung nicht um eine durch den Rück­griff auf § 2 AUG in Ver­bin­dung mit § 117 Abs. 1 FamFG aus­zu­fül­len­de Rege­lungs­lü­cke han­delt.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 31. Mai 2017 – XII ZB 122/​16

  1. OLG Mün­chen, Beschluss vom 01.02.2016 – 12 UF 633/​14[]
  2. OLG Mün­chen Fam­RZ 2015, 775; eben­so OLG Frank­furt Fam­RZ 2016, 1603, 1604 und Fam­RZ 2016, 397, 399[]
  3. BGBl. 1986 II S. 826[]
  4. vgl. BT-Drs. 17/​4887 S. 42; vgl. auch Prütting/​Helms/​Hau FamFG 3. Aufl. Anhang 2 zu § 110 [AUG] Rn. 41[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 02.09.2015 XII ZB 75/​13 Fam­RZ 2015, 2043 Rn. 10[]
  6. vgl. BT-Drs. 17/​4887 S. 46 f.[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 02.09.2015 XII ZB 75/​13 Fam­RZ 2015, 2043 Rn. 12; BGH Beschluss vom 04.02.2010 – IX ZB 57/​09 NJW-RR 2010, 571 Rn. 7 zum Klau­seler­tei­lungs­ver­fah­ren nach dem AVAG[]
  8. vgl. dazu BGH, Beschlüs­se vom 22.07.2015 XII ZB 131/​15 Fam­RZ 2015, 1791 Rn. 15 ff.; und vom 01.04.2015 XII ZB 503/​14 Fam­RZ 2015, 1009 Rn. 10 ff. mwN[]
  9. vgl. Stein/​Jonas/​Althammer ZPO 22. Aufl. § 520 Rn. 1; Wieczorek/​Schütze/​Gerken ZPO 4. Aufl. § 522 Rn. 5; Oeh­ler MDR 1986, 447, 448[]