Kon­dom­be­nut­zung in der Vater­schafts­an­fech­tung

Der Umstand, dass beim Geschlechts­ver­kehr mit einem ande­ren Mann als dem recht­li­chen Vater Kon­do­me benutzt wur­den, schließt die Kennt­nis von der Mög­lich­keit der Abstam­mung des Kin­des von die­sem ande­ren Mann nicht aus 1.

Kon­dom­be­nut­zung in der Vater­schafts­an­fech­tung

Nach § 1600 b Abs. 1 Satz 1 BGB kann die Vater­schaft bin­nen zwei Jah­ren gericht­lich ange­foch­ten wer­den. Die Frist beginnt nach § 1600 b Abs. 1 Satz 2 Halb­satz 1 BGB mit dem Zeit­punkt, in dem der Berech­tig­te von den Umstän­den erfährt, die gegen die Vater­schaft spre­chen, aber nicht vor der Geburt des Kin­des (§ 1600 b Abs. 2 Satz 1 BGB).

Zu den Umstän­den, deren Kennt­nis die Anfech­tungs­frist in Lauf setzt, gehört regel­mä­ßig bereits ein ein­ma­li­ger außer­ehe­li­cher Geschlechts­ver­kehr der Kin­des­mut­ter wäh­rend der gesetz­li­chen Emp­fäng­nis­zeit, und zwar auch dann, wenn der Ehe­mann inner­halb die­ser Zeit der Kin­des­mut­ter eben­falls bei­gewohnt hat und es den Umstän­den nach nicht aus­ge­schlos­sen erscheint, dass das Kind aus der außer­ehe­li­chen Bei­woh­nung stammt. Ins­be­son­de­re setzt der Beginn der Anfech­tungs­frist nicht vor­aus, dass auf­grund der dem Anfech­ten­den bekann­ten Umstän­de die Vater­schaft eines Drit­ten wahr­schein­li­cher ist als die des Ehe­manns 2.

Aller­dings gilt die Regel, dass bereits die Kennt­nis von einem außer­ehe­li­chen Geschlechts­ver­kehr der Mut­ter wäh­rend der Emp­fäng­nis­zeit die Anfech­tungs­frist in Lauf setzt, nicht unein­ge­schränkt. Viel­mehr kommt es dar­auf an, ob sich aus der Tat­sa­che des außer­ehe­li­chen Ver­kehrs die nicht ganz fern lie­gen­de Mög­lich­keit der Abstam­mung des Kin­des von einem Drit­ten ergibt. Ganz fern lie­gend kann die Mög­lich­keit einer sol­chen Abstam­mung sein, wenn der außer­ehe­li­che Ver­kehr unter Begleit­um­stän­den statt­ge­fun­den hat, nach denen eine Emp­fäng­nis in hohem Maße unwahr­schein­lich ist 3.

Bei der Fra­ge, ob die dem Anfech­ten­den bekannt gewor­de­nen Gesamt­um­stän­de die Mög­lich­keit der Vater­schaft eines ande­ren Man­nes als nicht ganz fern lie­gend erschei­nen las­sen, ist auf die objek­ti­ve Beur­tei­lung aus der Sicht eines ver­stän­di­gen Betrach­ters abzu­stel­len. Dabei ist der Beur­tei­lungs­maß­stab nicht an medi­zi­nisch­na­tur­wis­sen­schaft­li­chen Spe­zi­al­kennt­nis­sen aus­zu­rich­ten, da sol­che von einem Lai­en nicht erwar­tet wer­den kön­nen. Viel­mehr ist inso­weit von dem Erkennt­nis­stand aus­zu­ge­hen, der bei einem ver­stän­di­gen Lai­en in der Regel erwar­tet wer­den kann 4.

Dass der Geschlechts­ver­kehr unter Ver­wen­dung von Kon­do­men statt­fand, schließt die grund­sätz­lich bestehen­de Kennt­nis noch nicht aus, weil auch in die­sem Fall die ander­wei­ti­ge Abstam­mung des Kin­des nicht ganz fern­lie­gend ist. Inso­weit hat der Bun­des­ge­richts­hof bereits dar­auf hin­ge­wie­sen, es sei all­ge­mein bekannt, dass die Zuver­läs­sig­keit der Emp­fäng­nis­ver­hü­tung mit Kon­do­men deut­lich gerin­ger sei als die ande­rer Ver­hü­tungs­mit­tel wie etwa der "Pil­le". Er hat dar­auf Bezug genom­men, dass nach dem soge­nann­ten "Pear­lIn­dex" bei regel­mä­ßi­ger Ver­wen­dung von Kon­do­men 2 bis 12 von 100 Frau­en inner­halb eines Jah­res schwan­ger wer­den gegen­über der deut­lich höhe­ren Sicher­heit bei Ein­nah­me der "Pil­le" 5. Zwar kön­ne die Kennt­nis der Grö­ßen­ord­nung die­ser Ver­sa­gens­quo­ten nicht all­ge­mein vor­aus­ge­setzt wer­den; eine unge­fäh­re Vor­stel­lung von die­sem Risi­ko müs­se aber zum All­ge­mein­wis­sen gezählt wer­den 6.

An die­sen Grund­sät­zen hält der Bun­des­ge­richts­hof fest. Das Ver­sa­gens­ri­si­ko von Kon­do­men liegt im Wesent­li­chen in der feh­ler­haf­ten Anwen­dung begrün­det. Das wird nicht nur in der gesund­heit­li­chen Auf­klä­rung (vgl. etwa die Hin­wei­se der Bun­des­zen­tra­le für gesund­heit­li­che Auf­klä­rung 7 beson­ders betont, son­dern ist nicht zuletzt im Hin­blick auf die wich­ti­ge Fra­ge der Ver­mei­dung unge­woll­ter Schwan­ger­schaf­ten auch Lai­en regel­mä­ßig bekannt. Da auf die objek­ti­ve und ver­stän­di­ge Beur­tei­lung abzu­stel­len ist, kommt es auf den indi­vi­du­el­len Bil­dungs­stand des Anfech­tungs­be­rech­tig­ten nicht ent­schei­dend an 8. Auch eine im Ein­zel­fall etwa bestehen­de beson­de­re Sorg­lo­sig­keit oder Gleich­gül­tig­keit des Anfech­tungs­be­rech­tig­ten ist daher außer Acht zu las­sen.

Auf­grund der all­ge­mein bekann­ten Mög­lich­keit von Anwen­dungs­feh­lern kann dem­nach jeden­falls ein ver­stän­di­ger Laie die Mög­lich­keit der Abstam­mung des Kin­des von einem ande­ren Mann nicht schon als in hohem Maße unwahr­schein­lich und mit­hin als ganz fern lie­gend anse­hen. Dass beim ander­wei­ti­gen Geschlechts­ver­kehr Kon­do­me benutzt wur­den, schließt somit die Kennt­nis von der Mög­lich­keit der Abstam­mung von einem ande­ren Mann als dem recht­li­chen Vater nicht aus.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 11. Dezem­ber 2013 – XII ZR 58/​12

  1. im Anschluss an BGH, Urteil vom 29.03.2006 – XII ZR 207/​03, Fam­RZ 2006, 771[]
  2. BGH, Urteil vom 29.03.2006 – XII ZR 207/​03, Fam­RZ 2006, 771, 772 mwN[]
  3. BGH, Urteil vom 29.03.2006 – XII ZR 207/​03, Fam­RZ 2006, 771, 772 f. mwN[]
  4. vgl. BGH, Urtei­le vom 29.03.2006 – XII ZR 207/​03, Fam­RZ 2006, 771, 773; vom 14.02.1990 – XII ZR 12/​89, Fam­RZ 1990, 507, 509; und vom 05.10.1988 – IVb ZR 99/​87, Fam­RZ 1989, 169, 170[]
  5. BGH, Urteil vom 29.03.2006 – XII ZR 207/​03, Fam­RZ 2006, 771, 773[]
  6. BGH, Urteil vom 29.03.2006 – XII ZR 207/​03, Fam­RZ 2006, 771, 773; eben­so OLG Karls­ru­he Fam­RZ 2013, 555, 556 f.; Staudinger/​Rauscher BGB [2011] § 1600 b Rn. 29a; aA OLG Hamm Fam­RZ 1999, 1362, 1363[]
  7. Stand: 11.12.2013[]
  8. vgl. BGH, Urtei­le vom 29.03.2006 – XII ZR 207/​03, Fam­RZ 2006, 771, 773; vom 14.02.1990 – XII ZR 12/​89, Fam­RZ 1990, 507, 509; und vom 05.10.1988 – IVb ZR 99/​87, Fam­RZ 1989, 169, 170; Staudinger/​Rauscher BGB [2011] § 1600 b Rn. 18a[]