Lan­ge Tren­nungs­zeit als unbil­li­ge Här­te des schuld­recht­li­chen Ver­sor­gungs­aus­gleichs

Der Annah­me einer unbil­li­gen Här­te des schuld­recht­li­chen Aus­gleichs eines wäh­rend lan­ger Tren­nungs­zeit erwor­be­nen Ver­sor­gungs­an­rechts kann es ent­ge­gen­ste­hen, wenn zu Guns­ten des Aus­gleichs­pflich­ti­gen bereits Ver­sor­gun­gen, die der ande­re Ehe­gat­te wäh­rend der Tren­nungs­zeit erwor­ben hat­te, im öffent­lich-recht­li­chen Ver­sor­gungs­aus­gleich aus­ge­gli­chen wur­den.

Lan­ge Tren­nungs­zeit als unbil­li­ge Här­te des schuld­recht­li­chen Ver­sor­gungs­aus­gleichs

Nach § 27 VersAus­glG fin­det ein Ver­sor­gungs­aus­gleich aus­nahms­wei­se nicht statt, soweit er grob unbil­lig wäre. Dies ist nur der Fall, wenn die gesam­ten Umstän­de des Ein­zel­falls es recht­fer­ti­gen, von der Halb­tei­lung abzu­wei­chen. Ob und in wel­chem Umfang die Durch­füh­rung des Ver­sor­gungs­aus­gleichs grob unbil­lig erscheint, unter­liegt grund­sätz­lich der tatrich­ter­li­chen Beur­tei­lung, die im Ver­fah­ren der Rechts­be­schwer­de nur dar­auf hin zu über­prü­fen ist, ob alle wesent­li­chen Umstän­de berück­sich­tigt wur­den und das Ermes­sen in einer dem Geset­zes­zweck ent­spre­chen­den Wei­se aus­ge­übt wor­den ist 1.

Zwar kann eine lan­ge Tren­nungs­zeit der Par­tei­en Anlass sein, den Aus­schluss oder die Her­ab­set­zung des Ver­sor­gungs­aus­gleichs wegen gro­ber Unbil­lig­keit zu erwä­gen. Wie der Bun­des­ge­richts­hof bereits mehr­fach ent­schie­den hat, kön­nen im Rah­men der Bil­lig­keits­ab­wä­gung zu berück­sich­ti­gen­de Umstän­de auch dar­in bestehen, dass eine Ver­sor­gungs­ge­mein­schaft durch lan­ge Tren­nung der Ehe­gat­ten auf­ge­ho­ben wor­den war 2. In die­sen Fäl­len fehlt dem Ver­sor­gungs­aus­gleich die eigent­lich recht­fer­ti­gen­de Grund­la­ge, denn jede Ehe ist infol­ge der auf Lebens­zeit ange­leg­ten Gemein­schaft schon wäh­rend der Pha­se der Erwerbs­tä­tig­keit im Keim eine Ver­sor­gungs­ge­mein­schaft, die der bei­der­sei­ti­gen Alters­si­che­rung die­nen soll 3. Hat eine Ver­sor­gungs­ge­mein­schaft wegen lan­ger Tren­nungs­zeit nicht mehr bestan­den, kann eine Kor­rek­tur des Ver­sor­gungs­aus­gleichs des­halb unter Bil­lig­keits­ge­sichts­punk­ten gerecht­fer­tigt sein 4. Für die Dau­er der Tren­nung lässt sich dabei kein all­ge­mei­ner Maß­stab anle­gen. Sie wird aber umso eher zur Anwen­dung der Här­te­klau­sel füh­ren, je län­ger sie im Ver­hält­nis zum tat­säch­li­chen Zusam­men­le­ben gewährt hat 5.

Einer Beschrän­kung des Ver­sor­gungs­aus­gleichs steht dabei nicht ent­ge­gen, dass § 1 Abs. 1 VersAus­glG den Wert­aus­gleich grund­sätz­lich für die gesam­te Ehe­zeit vor­schreibt. Die Rege­lung beruht in ers­ter Linie auf Zweck­mä­ßig­keits­er­wä­gun­gen, ins­be­son­de­re woll­te der Gesetz­ge­ber dem Aus­gleichs­ver­pflich­te­ten die Mög­lich­keit neh­men, den Aus­gleichs­an­spruch durch Tren­nung von dem Ehe­gat­ten zu mani­pu­lie­ren 6.

Aller­dings erfor­dert § 27 VersAus­glG für einen Aus­schluss oder eine Her­ab­set­zung des Wert­aus­gleichs eine gro­be Unbil­lig­keit, d.h. eine rein sche­ma­ti­sche Durch­füh­rung des Ver­sor­gungs­aus­gleichs muss unter den beson­de­ren Gege­ben­hei­ten des kon­kre­ten Fal­les dem Grund­ge­dan­ken der gesetz­li­chen Rege­lung, näm­lich eine dau­er­haft gleich­mä­ßi­ge Teil­ha­be bei­der Ehe­gat­ten an den in der Ehe­zeit erwor­be­nen Ver­sor­gungs­an­rech­ten zu gewähr­leis­ten, in uner­träg­li­cher Wei­se wider­spre­chen 7. Die gro­be Unbil­lig­keit muss sich wegen des Aus­nah­me­cha­rak­ters von § 27 VersAus­glG im Ein­zel­fall aus einer Gesamt­ab­wä­gung der wirt­schaft­li­chen, sozia­len und per­sön­li­chen Ver­hält­nis­se bei­der Ehe­gat­ten erge­ben 8.

Nach die­sem Maß­stab sind für den Bun­des­ge­richts­hof in dem hier ent­schie­de­nen Fall die Erwä­gun­gen, mit denen das Schles­wig-Hol­stei­ni­sche Ober­lan­des­ge­richt das Vor­lie­gen eines Här­te­falls im Ergeb­nis ver­neint hat 9, nicht zu bean­stan­den: Das Ober­lan­des­ge­richt hat berück­sich­tigt, dass die Ehe­gat­ten eine lan­ge Zeit, näm­lich zwölf von ins­ge­samt rund 30 Ehe­jah­ren, getrennt gelebt haben. Auch hat das Ober­lan­des­ge­richt durch­aus berück­sich­tigt, dass der Antrag­stel­ler vor­zei­tig in den Ruhe­stand trat und damit am Ende der Ehe­zeit selbst kei­ne aus­gleichs­fä­hi­gen Ver­sor­gungs­an­rech­te mehr erwor­ben hat, ohne dass es hier ent­schei­dend dar­auf ankä­me, ob die Ver­ren­tung – wie vom Ober­lan­des­ge­richt ange­nom­men – im Jah­re 2005 oder – wie von der Rechts­be­schwer­de her­aus­ge­stellt – schon Mit­te 2003 ein­trat. Das Ober­lan­des­ge­richt hat das Vor­lie­gen einer unbil­li­gen Här­te näm­lich mit der tra­gen­den Begrün­dung ver­neint, dass die Antrags­geg­ne­rin ihrer­seits an den Ver­sor­gungs­an­wart­schaf­ten des Antrag­stel­lers par­ti­zi­piert habe, die die­ser in der seit 1994 wäh­ren­den Tren­nungs­zeit erwor­ben hat. Damit ist das Ober­lan­des­ge­richt zutref­fend davon aus­ge­gan­gen, dass es der Annah­me einer unbil­li­gen Här­te des schuld­recht­li­chen Aus­gleichs ent­ge­gen­ste­hen kann, wenn zu Guns­ten des Aus­gleichs­pflich­ti­gen bereits eine Ver­sor­gung, die der ande­re Ehe­gat­te wäh­rend der Tren­nungs­zeit erwor­ben hat­te, im öffent­lich­recht­li­chen Ver­sor­gungs­aus­gleich aus­ge­gli­chen wur­de. Denn ein wech­sel­sei­ti­ger Aus­gleich von wäh­rend der Tren­nungs­zeit erwor­be­nen Anrech­ten mil­dert die Här­te ab, die bei einem ein­sei­ti­gen Aus­gleich zu Las­ten nur eines Ehe­gat­ten ent­stün­de. Die Durch­füh­rung des schuld­recht­li­chen Ver­sor­gungs­aus­gleichs ist in der Gesamt­ab­wä­gung der wirt­schaft­li­chen, sozia­len und per­sön­li­chen Ver­hält­nis­se bei­der Ehe­gat­ten unter Berück­sich­ti­gung des zu Guns­ten der Antrags­geg­ne­rin bereits im Ver­bund­ver­fah­ren vor­ge­nom­me­nen Ver­sor­gungs­aus­gleichs somit auf der Grund­la­ge der nicht zu bean­stan­den­den Fest­stel­lun­gen des Ober­lan­des­ge­richts kei­ne unbil­li­ge Här­te.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 19. Sep­tem­ber 2012 – XII ZB 649/​11

  1. vgl. etwa BGH, Beschlüs­se vom 30.03.2011 – XII ZB 54/​09, Fam­RZ 2011, 877 Rn. 11; vom 11.09.2007 – XII ZB 107/​04, Fam­RZ 2007, 1964; vom 29.03.2006 – XII ZB 2/​02, Fam­RZ 2006, 769, 770; und vom 25.05.2005 – XII ZB 135/​02, Fam­RZ 2005, 1238[]
  2. BGH, Beschlüs­se vom 11.09.2007 – XII ZB 107/​04, Fam­RZ 2007, 1964; und vom 29.03.2006 – XII ZB 2/​02, Fam­RZ 2006, 769 mwN[]
  3. BGH, Beschlüs­se vom 28.09.2005 – XII ZB 177/​00, Fam­RZ 2005, 2052, 2053; vom 19.05.2004 – XII ZB 14/​03, Fam­RZ 2004, 1181, 1182; und vom 28.10.1992 – XII ZB 42/​91, Fam­RZ 1993, 302, 303[]
  4. BGH, Beschlüs­se vom 11.09.2007 – XII ZB 107/​04, Fam­RZ 2007, 1964; und vom 29.03.2006 – XII ZB 2/​02, Fam­RZ 2006, 769[]
  5. BGH, Beschluss vom 11.09.2007 – XII ZB 107/​04, Fam­RZ 2007, 1964[]
  6. vgl. bereits BGH, Beschlüs­se vom 29.03.2006 – XII ZB 2/​02, Fam­RZ 2006, 769; und vom 19.05.2004 – XII ZB 14/​03, Fam­RZ 2004, 1181, 1183; BT-Drucks. 7/​4361 S. 36[]
  7. BGH, Beschlüs­se vom 21.03.2012 – XII ZB 147/​10, Fam­RZ 2012, 845 Rn. 16; vom 30.03.2011 – XII ZB 54/​09, Fam­RZ 2011, 877 Rn. 11 mwN; vom 29.03.2006 – XII ZB 2/​02, Fam­RZ 2006, 769, 770; und vom 25.05.2005 XII ZB 135/​02, Fam­RZ 2005, 1238, 1239, jeweils zu §§ 1587 c, 1587 h BGB[]
  8. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 21.03.2012 – XII ZB 147/​10, Fam­RZ 2012, 845 Rn. 16; vom 30.03.2011 – XII ZB 54/​09, Fam­RZ 2011, 877 Rn. 11 und vom 29.03.2006 – XII ZB 2/​02, Fam­RZ 2006, 769, 770; BVerfG Fam­RZ 2003, 1173, 1174[]
  9. OLG Schles­wig, Beschluss vom 22.11.2011 – 15 UF 105/​11[]