Mit­tel­lo­sig­keit wegen Behin­der­ten­tes­ta­ments – und die Betreu­er­ver­gü­tung aus der Staats­kas­se

Ob die durch ein Behin­der­ten­tes­ta­ment für den Betrof­fe­nen ange­ord­ne­te (Vor-)Erb­schaft bei gleich­zei­ti­ger Anord­nung der Tes­ta­ments­voll­stre­ckung zur Mit­tel­lo­sig­keit des Betrof­fe­nen führt, ist durch Aus­le­gung der an den Tes­ta­ments­voll­stre­cker adres­sier­ten Ver­wal­tungs­an­ord­nun­gen zu ermit­teln 1.

Mit­tel­lo­sig­keit wegen Behin­der­ten­tes­ta­ments – und die Betreu­er­ver­gü­tung aus der Staats­kas­se

Nach der gefes­tig­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zum so genann­ten Behin­der­ten­tes­ta­ment sind Ver­fü­gun­gen von Todes wegen, in denen Eltern eines behin­der­ten Kin­des die Nach­lass­ver­tei­lung durch eine kom­bi­nier­te Anord­nung von Vor- und Nach­erb­schaft sowie einer – mit kon­kre­ten Ver­wal­tungs­an­wei­sun­gen ver­se­he­nen – Dau­er­tes­ta­ments­voll­stre­ckung so gestal­ten, dass das Kind zwar Vor­tei­le aus dem Nach­lass­ver­mö­gen erhält, der Sozi­al­hil­fe­trä­ger auf die­ses jedoch nicht zugrei­fen kann, grund­sätz­lich nicht sit­ten­wid­rig, son­dern viel­mehr Aus­druck der sitt­lich anzu Sor­ge für das Wohl des Kin­des über den Tod der Eltern hin­aus 2.

Die ange­ord­ne­te Tes­ta­ments­voll­stre­ckung schränkt die Ver­fü­gungs­be­fug­nis des Betrof­fe­nen gemäß § 2211 BGB ein; dem­ge­mäß kön­nen sich die Gläu­bi­ger des Erben, die nicht zu den Nach­lass­gläu­bi­gern gehö­ren, nicht an die der Ver­wal­tung des Tes­ta­ments­voll­stre­ckers unter­lie­gen­den Nach­lass­ge­gen­stän­de hal­ten, § 2214 BGB 3.

Aller­dings hat der Betrof­fe­ne als Erbe einen durch­setz­ba­ren Anspruch dar­auf, dass der Tes­ta­ments­voll­stre­cker die vom Erb­las­ser getrof­fe­nen Ver­wal­tungs­an­ord­nun­gen im Sin­ne des § 2216 Abs. 2 BGB umsetzt 4. Für die inso­weit not­wen­di­ge Fest­stel­lung des Erb­las­ser­wil­lens gel­ten die all­ge­mei­nen Aus­le­gungs­re­geln der §§ 133, 2084 BGB. Hier­nach ist der wirk­li­che Wil­le des Erb­las­sers zu erfor­schen und nicht an dem buch­stäb­li­chen Sinn des Aus­drucks zu haf­ten.

Die­se Auf­ga­be der Aus­le­gung obliegt in ers­ter Linie dem Tatrich­ter. Sei­ne Aus­le­gung kann mit der Revi­si­on bzw. Rechts­be­schwer­de nur ange­grif­fen wer­den, wenn sie gegen gesetz­li­che Aus­le­gungs­re­geln, all­ge­mei­ne Denk­ge­set­ze oder Erfah­rungs­sät­ze oder Ver­fah­rens­vor­schrif­ten ver­stößt 5. Ent­spre­chen­de Aus­le­gungs­feh­ler sah der Bun­des­ge­richts­hof im hier ent­schie­de­nen Fall nicht:

Das Land­ge­richt hat weder wesent­li­che Tat­sa­chen­fra­gen miss­ach­tet noch gegen Aus­le­gungs­re­geln oder Denk­ge­set­ze oder Erfah­rungs­sät­ze ver­sto­ßen. Soweit die Rechts­be­schwer­de meint, dass die Betreu­ung eine über staat­li­che Sozi­al­leis­tun­gen hin­aus­ge­hen­de Ver­güns­ti­gung und daher nach dem Wil­len der Erb­las­se­rin aus dem Erbe zu finan­zie­ren sei, ergibt sich eine sol­che Ver­wal­tungs­an­ord­nung nicht zwin­gend aus dem Tes­ta­ment. Das Land­ge­richt hat viel­mehr unter Beach­tung des Wort­lauts und des inhalt­li­chen Zusam­men­hangs des Tes­ta­ments, ins­be­son­de­re der im Tes­ta­ment genann­ten Zwe­cke, für die Geld zur Ver­fü­gung zu stel­len ist, und unter Berück­sich­ti­gung der dar­aus erkenn­ba­ren Inter­es­sen der Erb­las­se­rin deren Anord­nun­gen so aus­ge­legt, dass der Betrof­fe­nen per­sön­li­che Ver­güns­ti­gun­gen über die staat­li­che Grund­si­che­rung hin­aus zukom­men sol­len. Dass das Land­ge­richt die Betreu­ung inso­weit als der staat­li­chen Grund­si­che­rung ähn­li­cher ein­stuft als dar­über hin­aus­ge­hen­de Ver­güns­ti­gun­gen und sie dar­um nicht als einen von der Bestim­mung der Erb­las­se­rin erfass­ten Zweck ansieht, bewegt sich im Rah­men des tatrich­ter­li­chen Ermes­sens. Für die Auf­fas­sung des Land­ge­richts spricht im Übri­gen, dass die Ein­rich­tung der Betreu­ung bei Vor­lie­gen der gesetz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen eine staat­li­che Pflicht im Rah­men des Erwach­se­nen­schut­zes ist. Die­se Pflicht besteht gegen­über jeder­mann unab­hän­gig von des­sen Ver­mö­gens­ver­hält­nis­sen und stellt somit kei­ne beson­de­re Ver­güns­ti­gung für die Betrof­fe­ne, son­dern – wie das Land­ge­richt rich­tig gese­hen hat – eher deren Grund­ver­sor­gung dar. Das Land­ge­richt hat inso­weit alle maß­geb­li­chen Umstän­de berück­sich­tigt und sein Ergeb­nis nach­voll­zieh­bar begrün­det.

Gleich­zei­tig ver­min­dert sich damit aber auch die Ver­gü­tung des Betreu­ers:

§ 5 VBVG regelt die pau­scha­len Stun­den­an­sät­ze für die Ver­gü­tung des Betreu­ers. Dabei sind unter­schied­li­che Stun­den­an­sät­ze für ver­mö­gen­de (Absatz 1) und für mit­tel­lo­se (Absatz 2) Betrof­fe­ne gere­gelt. Da die Betrof­fe­ne für die Ver­gü­tung nicht auf ihren Erb­teil zugrei­fen kann und nach den inso­weit nicht ange­grif­fe­nen Fest­stel­lun­gen des Land­ge­richts im Übri­gen mit­tel­los ist, sind für die Betreu­er­ver­gü­tung nach § 5 Abs. 2 Satz 1 Nr. 4 VBVG im vor­lie­gen­den Fall monat­lich zwei Stun­den in Ansatz zu brin­gen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 1. Febru­ar 2017 – XII ZB 299/​15

  1. im Anschluss an BGH, Beschluss vom 27.03.2013 – XII ZB 679/​11 Fam­RZ 2013, 874[]
  2. BGH, Beschluss vom 27.03.2013 – XII ZB 679/​11, Fam­RZ 2013, 874 Rn.20; BGHZ 188, 96 = Fam­RZ 2011, 472 Rn. 12 mwN[]
  3. BGH, Beschluss vom 27.03.2013 – XII ZB 679/​11, Fam­RZ 2013, 874 Rn. 21[]
  4. BGH, Beschluss vom 27.03.2013 – XII ZB 679/​11, Fam­RZ 2013, 874 Rn. 22[]
  5. BGH, Beschluss vom 27.03.2013 – XII ZB 679/​11, Fam­RZ 2013, 874 Rn. 24; BGH Beschluss vom 09.03.2011 – IV ZB 16/​10, Fam­RZ 2011, 1224 Rn. 9 mwN[]