Namens­sta­tut – fami­li­en­recht­li­ches Kol­li­si­ons­recht und die Rück­ver­wei­sung

Ver­weist Art. 21 EGBGB in das aus­län­di­sche Recht, so ist auch des­sen inter­na­tio­na­les Pri­vat­recht zu prü­fen.

Namens­sta­tut – fami­li­en­recht­li­ches Kol­li­si­ons­recht und die Rück­ver­wei­sung

Ob auch der Erwerb der elter­li­chen Sor­ge als fami­li­en­recht­li­cher Vor­gang, der eine Vor­fra­ge für die Namens­be­stim­mung dar­stellt, kol­li­si­ons­recht­lich unselbst­stän­dig anzu­knüp­fen, also nach dem Recht des Namens­sta­tuts zu beur­tei­len ist, kann offen blei­ben. Ist Namens­sta­tut wie hier das deut­sche Recht, so ist über die­se Vor­fra­ge nach Maß­ga­be der­je­ni­gen Rechts­ord­nung zu ent­schei­den, die von den Kol­li­si­ons­nor­men des deut­schen Inter­na­tio­na­len Pri­vat­rechts, hier also Art. 21 EGBGB, zur Anwen­dung beru­fen wird. Anders als in den Fäl­len, in denen das Namens­sta­tut aus­län­di­sches Recht ist, kommt es auf den Streit, ob die Vor­fra­ge dann unselbst­stän­dig unter Ein­schal­tung der fami­li­en­recht­li­chen Kol­li­si­ons­nor­men der aus­län­di­schen lex cau­sae oder selbst­stän­dig mit Hil­fe der Kol­li­si­ons­nor­men der deut­schen lex fori anzu­knüp­fen ist, hier nicht an 1. Denn auch bei einer unselbst­stän­di­gen Anknüp­fung wäre bei der Anwen­dung deut­schen Namens­rechts deut­sches Kol­li­si­ons­recht anzu­wen­den 2.

EGBGB wird vor­lie­gend weder durch das Haa­ger Über­ein­kom­men über die Zustän­dig­keit, das anzu­wen­den­de Recht, die Aner­ken­nung, Voll­stre­ckung und Zusam­men­ar­beit auf dem Gebiet der elter­li­chen Ver­ant­wor­tung und der Maß­nah­men zum Schutz von Kin­dern 3 (im Fol­gen­den: Haa­ger Kin­der­schutz­über­ein­kom­men = KSÜ) noch durch das Haa­ger Über­ein­kom­men über die Zustän­dig­keit der Behör­den und das anzu­wen­den­de Recht auf dem Gebiet des Schut­zes von Min­der­jäh­ri­gen vom 05.10.1961 4 (im Fol­gen­den: Haa­ger Min­der­jäh­ri­gen­schutz­ab­kom­men = MSA) ver­drängt. Zwar gehen die­se Abkom­men Art. 21 EGBGB gemäß Art. 3 Nr. 2 EGBGB vor. Das gilt aber nur, soweit der zu regeln­de Sach­ver­halt in ihren zeit­li­chen und sach­li­chen Anwen­dungs­be­reich fällt.

Das zum 1.01.2011 in Kraft getre­te­ne Haa­ger Kin­der­schutz­über­ein­kom­men 5, das gemäß Art. 16 f. iVm Art. 21 Abs. 1 KSÜ eine Anwen­dung (aus­län­di­schen) Kol­li­si­ons­rechts und damit eine Rück­ver­wei­sung aus­schließt, fin­det auf den vor­lie­gen­den Fall kei­ne Anwen­dung.

Für die recht­li­che Ein­ord­nung des hier maß­geb­li­chen Sach­ver­halts ist bezo­gen auf das zu beur­tei­len­de Sor­ge­rechts­ver­hält­nis der Zeit­raum von der Geburt des Kin­des (29.09.2006) bis Novem­ber 2006 maß­geb­lich. Für die Fra­ge des Rechts auf Bestim­mung des Namens ist fest­zu­stel­len, wer sei­ner­zeit sor­ge­be­rech­tigt war. Zu die­sem Zeit­punkt war das Haa­ger Kin­der­schutz­über­ein­kom­men in Deutsch­land indes noch nicht in Kraft getre­ten. Zwar hat der Bun­des­ge­richts­hof die­ses auch auf ein vor des­sen Inkraft­tre­ten ein­ge­lei­te­tes Sor­ge­rechts­ver­fah­ren ange­wandt. Dabei ging es aller­dings um die Ent­schei­dung, wie das Sor­ge­recht (für die Zukunft) zu regeln ist 6 und nicht wie hier um einen in der Ver­gan­gen­heit abge­schlos­se­nen Sach­ver­halt (Sor­ge­rechts­la­ge zum Zeit­punkt der Namens­be­stim­mung). Eine Anwen­dung des Haa­ger Kin­der­schutz­über­ein­kom­mens auch auf sol­che Sach­ver­hal­te wür­de eine ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu recht­fer­ti­gen­de ech­te Rück­wir­kung bedeu­ten.

Das Haa­ger Min­der­jäh­ri­gen­schutz­ab­kom­men, das gemäß Art. 2 Abs. 1 MSA eben­falls eine Rück­ver­wei­sung aus­schließt 7, ist zwar bezo­gen auf den hier maß­geb­li­chen Zeit­raum anwend­bar 8. Jedoch fehlt es am sach­li­chen Anwen­dungs­be­reich, weil vor­lie­gend kei­ne Schutz­maß­nah­me i.S.d. Haa­ger Min­der­jäh­ri­gen­schutz­ab­kom­mens in Rede steht 9.

Gemäß Art. 21 EGBGB unter­liegt das Rechts­ver­hält­nis zwi­schen einem Kind und sei­nen Eltern dem Recht des Staa­tes, in dem das Kind sei­nen gewöhn­li­chen Auf­ent­halt hat.

EGBGB beinhal­tet eine Gesamt­ver­wei­sung, umfasst also anders als das Haa­ger Kin­der­schutz­über­ein­kom­men und das Haa­ger Min­der­jäh­ri­gen­schutz­ab­kom­men auch das Kol­li­si­ons­recht 10. Die Rück­ver­wei­sung ist gemäß Art. 4 Abs. 1 Satz 1 EGBGB zu beach­ten, so dass nach Art. 4 Abs. 1 Satz 2 EGBGB die deut­schen Sach­vor­schrif­ten anzu­wen­den sind.

Ent­ge­gen einer ver­ein­zelt geblie­be­nen Auf­fas­sung wider­spricht die Anwen­dung des aus­län­di­schen Kol­li­si­ons­recht nicht dem Sinn der Ver­wei­sung gemäß Art. 4 Abs. 1 Satz 1 Halb­satz 2 EGBGB. Soweit ver­tre­ten wird, Art. 21 EGBGB bezwe­cke auch, den Ein­klang mit Art. 2 Abs. 1 iVm Art. 1 MSA her­zu­stel­len, wes­halb er wie die Rege­lung des Haa­ger Min­der­jäh­ri­gen­schutz­ab­kom­mens als Sach­norm­ver­wei­sung aus­zu­le­gen sei 11, über­zeugt dies nicht. Das Haa­ger Min­der­jäh­ri­gen­schutz­ab­kom­men und das Haa­ger Kin­der­schutz­über­ein­kom­men sind ohne­hin vor­ran­gig zu berück­sich­ti­gen. Soweit ihr Anwen­dungs­be­reich nicht eröff­net ist, besteht indes auch kei­ne Not­wen­dig­keit, das aus­län­di­sche Kol­li­si­ons­recht von der Anwen­dung aus­zu­schlie­ßen. Viel­mehr mag der aus­län­di­sche Staat gute Grün­de für eine ande­re Anknüp­fung als an den Auf­ent­halt haben 12. Gegen die Annah­me einer Sach­norm­ver­wei­sung spricht fer­ner, dass der Gesetz­ge­ber in ande­ren Fäl­len (vgl. Art. 26 EGBGB) klar­stel­len­de Nor­men geschaf­fen hat, bei Art. 21 EGBGB aber nicht 13.

Gemes­sen hier­an ist deut­sches Recht anzu­wen­den. Zwar hat­te das Kind unmit­tel­bar nach der Geburt und in den ers­ten Lebens­mo­na­ten sei­nen gewöhn­li­chen Auf­ent­halt in Spa­ni­en, weil es mit den Eltern dort leb­te. Das spa­ni­sche inter­na­tio­na­le Pri­vat­recht ver­weist aller­dings nach den von der Rechts­be­schwer­de nicht ange­grif­fe­nen und für den Bun­des­ge­richts­hof bin­den­den Fest­stel­lun­gen des Beschwer­de­ge­richts zum Inhalt des aus­län­di­schen Rechts 14 zurück in das deut­sche Recht.

Da die Eltern kei­ne Sor­ge­er­klä­run­gen abge­ge­ben haben und auch kei­ne gericht­li­che Rege­lung der elter­li­chen Sor­ge erfolgt war, ist die Mut­ter gemäß § 1626 a Abs. 2 iVm Abs. 1 BGB (in der Fas­sung vom 02.01.2002, heu­te § 1626 a Abs. 3 BGB) von der Geburt des Kin­des an allein sor­ge­be­rech­tigt 15.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 20. Juli 2016 – XII ZB 489/​15

  1. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 20.04.2016 XII ZB 15/​15 31 f. und BGHZ 90, 129 = Fam­RZ 1984, 576, 578[]
  2. vgl. Staudinger/​Hepting/​Hausmann BGB [2013] Art. 10 EGBGB Rn. 126[]
  3. ABl.2003 Nr. L 48 S. 3[]
  4. BGBl. II 1971, 219[]
  5. BGBl. II 2010, 1527[]
  6. BGH, Beschluss vom 16.03.2011 XII ZB 407/​10 Fam­RZ 2011, 796 Rn. 31[]
  7. NK-BGB/­Be­ni­cke 3. Aufl. Anh. – II zu Art. 24 EGBGB Rn. 10 mwN[]
  8. vgl. Palandt/​Thorn BGB 75. Aufl. Vor Art. 1 MSA Rn. 12[]
  9. vgl. hier­zu Staudinger/​Henrich BGB [2014] Art. 21 EGBGB Rn. 36[]
  10. Staudinger/​Henrich BGB [2014] Art. 21 EGBGB Rn. 32; Erman/​Hohloch BGB 14. Aufl. Art. 21 EGBGB Rn. 4; Beck­OK BGB/​Heiderhoff [Stand: 1.05.2015] Art. 21 EGBGB Rn. 18; Beck­OGK BGB/​Markwardt [Stand: 1.03.2016] Art. 21 EGBGB Rn. 43; Palandt/​Thorn BGB 75. Aufl. Art. 21 EGBGB Rn. 1[]
  11. Münch­Komm-BGB/Helms 6. Aufl. Art. 21 EGBGB Rn. 17 mwN[]
  12. Palandt/​Thorn BGB 75. Aufl. Art. 21 EGBGB Rn. 1[]
  13. Beck­OK BGB/​Heiderhoff [Stand: 1.05.2015] Art. 21 EGBGB Rn. 18[]
  14. BGHZ 198, 14 = NJW 2013, 3656 Rn. 13 ff. mwN[]
  15. vgl. auch BVerfG Fam­RZ 2010, 1403 Rn. 71 ff.[]