Pri­va­ter För­der­un­ter­richt als unter­halts­recht­li­cher Mehr­be­darf

Kos­ten für den län­ger­fris­ti­gen Besuch von För­der­un­ter­richt bei einem pri­va­ten Lehr­in­sti­tut (hier: The­ra­pie einer Lese-Recht­schreib-Schwä­che) kön­nen unter­halts­recht­li­chen Mehr­be­darf begrün­den. Für berech­tig­ten Mehr­be­darf eines min­der­jäh­ri­gen Kin­des haben grund­sätz­lich bei­de Eltern­tei­le antei­lig nach ihren Ein­kom­mens­ver­hält­nis­sen und nach den Maß­stä­ben des § 1603 Abs. 1 BGB auf­zu­kom­men, so dass vor der Gegen­über­stel­lung der bei­der­sei­ti­gen unter­halts­re­le­van­ten Ein­künf­te gene­rell ein Sockel­be­trag in Höhe des ange­mes­se­nen Selbst­be­halts abzu­zie­hen ist 1.

Pri­va­ter För­der­un­ter­richt als unter­halts­recht­li­cher Mehr­be­darf

Die wäh­rend der Dau­er des ein­jäh­ri­gen För­der­un­ter­richts des Antrag­stel­lers anfal­len­den monat­li­chen Kos­ten kön­nen unter­halts­recht­li­chen Mehr­be­darf dar­stel­len. Als Mehr­be­darf ist der Teil des Lebens­be­darfs (§ 1610 BGB) anzu­se­hen, der regel­mä­ßig wäh­rend eines län­ge­ren Zeit­raums anfällt und das Übli­che der­art über­steigt, dass er beim Kin­des­un­ter­halt mit den Tabel­len­sät­zen nicht – zumin­dest nicht voll­stän­dig – erfasst wer­den kann, ande­rer­seits aber kal­ku­lier­bar ist und des­halb bei der Bemes­sung des lau­fen­den Unter­halts berück­sich­tigt wer­den kann 2.

Das Han­sea­ti­sche Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg 3 hat – dem Amts­ge­richt Ham­burg-Wands­bek 4 fol­gend – sei­ne Über­zeu­gung, dass der Sohn an einer för­de­rungs­be­dürf­ti­gen Recht­schreib­schwä­che lei­de, ins­be­son­de­re aus der Aus­wer­tung eines Schreib­tests gewon­nen, den der Sohn auf Anre­gung sei­nes Deutsch­leh­rers am 24.02.2011 bei dem L.Institut absol­viert hat; das dabei ange­wen­de­te Test­ver­fah­ren (sog. Ham­bur­ger Schreib­pro­be) kann die­ser Aus­wer­tung ent­nom­men wer­den. Die­se tatrich­ter­li­che Wür­di­gung lässt Rechts­feh­ler nicht erken­nen.

Es ent­spricht der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs, dass der Unter­halts­be­rech­tig­te den durch den kos­ten­aus­lö­sen­den Besuch einer pri­va­ten Bil­dungs­ein­rich­tung ent­stan­de­nen Mehr­be­darf nicht unbe­schränkt, son­dern nur beim Vor­lie­gen von sach­li­chen Grün­den gel­tend machen kann. Dar­über hin­aus bedarf es einer beson­de­ren Prü­fung der kon­kre­ten Umstän­de des Ein­zel­falls, wenn die Ent­schei­dung für den Besuch einer pri­va­ten Bil­dungs­ein­rich­tung einen nicht uner­heb­li­chen Mehr­be­darf im Ver­gleich mit ande­ren denk­ba­ren Lösun­gen des zugrun­de lie­gen­den schu­li­schen Pro­blems ver­ur­sacht 5. Im vor­lie­gen­den Fall war daher zu prü­fen, ob für die kos­ten­aus­lö­sen­de Inan­spruch­nah­me eines pri­va­ten Lehr­in­sti­tuts im Ver­gleich zu den schu­li­schen För­der­an­ge­bo­ten so gewich­ti­ge Grün­de vor­lie­gen, dass es gerecht­fer­tigt erscheint, die dadurch ver­ur­sach­ten Mehr­kos­ten zu Las­ten der Antrags­geg­ne­rin als ange­mes­se­ne Kos­ten der Aus­bil­dung im Sin­ne von § 1610 Abs. 2 BGB anzu­er­ken­nen.

Für berech­tig­ten Mehr­be­darf haben grund­sätz­lich bei­de Eltern­tei­le antei­lig nach ihren Ein­kom­mens­ver­hält­nis­sen 6 und nach den Maß­stä­ben des § 1603 Abs. 1 BGB auf­zu­kom­men, so dass vor der Gegen­über­stel­lung der bei­der­sei­ti­gen unter­halts­re­le­van­ten Ein­künf­te gene­rell ein Sockel­be­trag in Höhe des ange­mes­se­nen Selbst­be­halts abzu­zie­hen ist 7.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 10. Juli 2013 – XII ZB 298/​12

  1. im Anschluss an BGH, Urteil vom 26.11.2008 – XII ZR 65/​07, Fam­RZ 2009, 962
  2. BGH, Urteil vom 05.03.2008 – XII ZR 150/​05, Fam­RZ 2008, 1152 Rn. 24
  3. OLG Ham­burg, Beschluss vom 25.04.2012 – 2 UF 3/​12
  4. AG Ham­burg-Wands­bek, Beschluss vom 23.11.2011 – 733 F 90/​11
  5. vgl. BGH, Urteil vom 03.11.1982 – IVb ZR 324/​81, Fam­RZ 1983, 48, 49 zur Pri­vat­schu­le
  6. BGH, Urteil vom 05.03.2008 – XII ZR 150/​05, Fam­RZ 2008, 1152 Rn. 28
  7. BGH, Urteil vom 26.11.2008 – XII ZR 65/​07, Fam­RZ 2009, 962 Rn. 32