Pro­zess­kos­ten­hil­fe für den anwalt­li­chen Berufs­vor­mund

Einem anwalt­li­chen Berufs­vor­mund darf Pro­zess­kos­ten­hil­fe nicht mit der Begrün­dung ver­wei­gert wer­den, sein Anspruch auf anwalt­li­che Ver­gü­tung und auf Erstat­tung mög­li­cher Ver­fah­rens­kos­ten sei durch § 1836 BGB i.V.m. § 1 Abs. 2 Satz 1 VBVG und § 1835 Abs. 1 und Abs. 3 BGB sowie die Haf­tung der Staats­kas­se für die­se Ansprü­che bei Mit­tel­lo­sig­keit des Mün­dels [1] aus­rei­chend abge­deckt.

Pro­zess­kos­ten­hil­fe für den anwalt­li­chen Berufs­vor­mund

Bei der Prü­fung der Bedürf­tig­keit im Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ver­fah­ren ist auch dann allein auf die wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se des Mün­dels abzu­stel­len, wenn der Vor­mund die Inter­es­sen des Mün­dels nicht als des­sen gesetz­li­cher Ver­tre­ter wahr­nimmt, son­dern – wie im Umgangs­rechts­ver­fah­ren – als Inha­ber der Per­so­nen­sor­ge selbst Ver­fah­rens­be­tei­lig­ter ist.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat für den Fall der Ver­tre­tung eines mit­tel­lo­sen Betreu­ten in einem gericht­li­chen Ver­fah­ren durch einen Anwalts­be­treu­er ent­schie­den, dass dann, wenn dem Betreu­ten ein Anspruch auf Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe zuste­he, ihm die­se auch für die Ver­fah­rens­füh­rung durch sei­nen Anwalts­be­treu­er unter des­sen Bei­ord­nung als Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten zu gewäh­ren sei [2].

Zur Begrün­dung hat der Bun­des­ge­richts­hof im Wesent­li­chen aus­ge­führt, dass der Anwalts­be­treu­er schon aus dem Gesichts­punkt einer kos­ten­spa­ren­den Amts­füh­rung ver­pflich­tet sei, für die gericht­li­che Ver­tre­tung des Betrof­fe­nen Pro­zess­kos­ten­hil­fe zu bean­tra­gen. Eine abwei­chen­de Beur­tei­lung der anwalt­li­chen Pflich­ten bei der Wahr­neh­mung der recht­li­chen Inter­es­sen eines mit­tel­lo­sen Betreu­ten sei nicht des­halb gerecht­fer­tigt, weil über §§ 1835 Abs. 4, 1908 i Abs. 1 Satz 1 BGB auch außer­halb der Pro­zess­kos­ten­hil­fe ein Zugriff auf die Staats­kas­se wegen der Gebüh­ren­an­sprü­che des für den Betreu­ten täti­gen Rechts­an­walts eröff­net wer­den kön­ne. Zudem die­ne die bevor­zug­te Inan­spruch­nah­me von (raten­zah­lungs­frei­er) Pro­zess­kos­ten­hil­fe wegen der unter­schied­li­chen Fris­ten für die Gel­tend­ma­chung von Regress­an­sprü­chen den Inter­es­sen des Betreu­ten für den Fall eines nach­träg­li­chen Ver­mö­gens­er­werbs. Durch eine vor­ran­gi­ge Inan­spruch­nah­me von Pro­zess­kos­ten­hil­fe kön­ne auch ver­hin­dert wer­den, dass ein mit­tel­lo­ser Betreu­ter für eine Rechts­ver­fol­gung oder Rechts­ver­tei­di­gung, mit der er vor­aus­sicht­lich nicht durch­drin­gen kön­ne, die ihm aber aus ande­ren Grün­den – etwa zur Ver­zö­ge­rung von Voll­stre­ckungs­maß­nah­men des Pro­zess­geg­ners – nütz­lich sei, eine Pro­zess­fi­nan­zie­rung aus öffent­li­chen Mit­teln erlan­gen kön­ne, die eine mit­tel­lo­se Par­tei, für die kei­ne Betreu­ung errich­tet wor­den sei, nicht erhiel­te. Die in §§ 1835 Abs. 4, 1908 i Abs. 1 Satz 1 BGB gere­gel­te Mit­haf­tung der Staats­kas­se für die Auf­wen­dun­gen eines Betreu­ers ver­fol­ge nicht das Ziel, einem mit­tel­lo­sen Betreu­ten eine Pro­zess­füh­rung zu ermög­li­chen, die über den durch das Insti­tut der Pro­zess­kos­ten­hil­fe gebo­te­nen Rah­men hin­aus­ge­he. Das aus Art. 3 Abs. 3 Satz 1 GG her­zu­lei­ten­de Prin­zip der Rechts­gleich­heit ver­lan­ge kei­ne voll­stän­di­ge Gleich­stel­lung von bemit­tel­ten und unbe­mit­tel­ten Per­so­nen, so dass es ver­fas­sungs­recht­lich nicht gebo­ten sei, unbe­mit­tel­ten Per­so­nen den Zugang zu den Gerich­ten auch dann zu ermög­li­chen, wenn die von ihnen beab­sich­tig­te Rechts­ver­fol­gung oder Rechts­ver­tei­di­gung kei­ne hin­rei­chen­de Aus­sicht auf Erfolg ver­spre­che oder mut­wil­lig im Sin­ne des § 114 ZPO erschei­ne.

Die­ser Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs haben sich die ober­ge­richt­li­che Recht­spre­chung und das Schrift­tum ange­schlos­sen [3].

Da sich der Anspruch auf Ver­gü­tung und Ersatz von Auf­wen­dun­gen für Betreu­er und Vor­mund glei­cher­ma­ßen nach §§ 1835 ff. BGB und den Vor­schrif­ten des Vor­mün­der- und Betreu­er­ver­gü­tungs­ge­set­zes [4] bestimmt, gel­ten die­se Erwä­gun­gen grund­sätz­lich auch, wenn ein zum Berufs­vor­mund bestell­ter Rechts­an­walt im Rah­men der ihm über­tra­ge­nen Auf­ga­ben an einem gericht­li­chen Ver­fah­ren betei­ligt ist. Die­sem darf daher Pro­zess­kos­ten­hil­fe nicht mit der Begrün­dung ver­wei­gert wer­den, der Anspruch auf anwalt­li­che Ver­gü­tung und auf Erstat­tung mög­li­cher Ver­fah­rens­kos­ten sei durch § 1836 BGB i.V.m. § 1 Abs. 2 Satz 1 VBVG und § 1835 Abs. 1 und Abs. 3 BGB sowie die Haf­tung der Staats­kas­se für die­se Ansprü­che, falls das Mün­del mit­tel­los ist (§ 1835 Abs. 4 BGB, § 1 Abs. 2 Satz 2 VBVG), aus­rei­chend abge­deckt.

Etwas ande­res ergibt sich nicht dar­aus, dass der Antrags­geg­ner im Umgangs­rechts­ver­fah­ren selbst Ver­fah­rens­be­tei­lig­ter ist und nicht nur als gesetz­li­cher Ver­tre­ter des Mün­dels tätig wird.

Nach dem Wort­laut der §§ 114, 115 ZPO ist bei der Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe auf die per­sön­li­chen und wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se der Par­tei abzu­stel­len [5]. Par­tei in die­sem Sin­ne ist jeder, dem gegen­über die gericht­li­che Ent­schei­dung unmit­tel­bar mate­ri­ell­recht­li­che Wir­kung hat [6]. Bei der Pro­zess­füh­rung durch einen Ver­tre­ter sind daher allein die Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se des Ver­tre­te­nen für die Beur­tei­lung der Bedürf­tig­keit maß­geb­lich [7]. Ist ein Vor­mund als gesetz­li­cher Ver­tre­ter des Mün­dels an einem gericht­li­chen Ver­fah­ren betei­ligt, folgt dar­aus, dass bei der Prü­fung der wirt­schaft­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe grund­sätz­lich auf die Ein­kom­mens- und Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se des Kin­des abzu­stel­len ist [8].

In einem Umgangs­rechts­ver­fah­ren wie hier wird der Vor­mund aller­dings nicht als Ver­tre­ter des Kin­des tätig. Denn als Inha­ber des Rechts, den Umgang des Kin­des mit Drit­ten zu bestim­men (§§ 1800, 1632 Abs. 2 BGB) ist er selbst Ver­fah­rens­be­tei­lig­ter. Sei­ne Rechts­stel­lung im Umgangs­rechts­ver­fah­ren weist jedoch eine ent­schei­den­de Beson­der­heit auf. Denn obwohl der Vor­mund for­mal Betei­lig­ter ist und das Ver­fah­ren im eige­nen Namen betreibt, wer­den von ihm aus­schließ­lich die Inter­es­sen des ihm anver­trau­ten Mün­dels ver­folgt. Sei­ne Ver­fah­rens­be­tei­li­gung beruht allein auf den ihm durch die Bestel­lung zum Vor­mund (§ 1789 Satz 1 BGB) über­tra­ge­nen Rech­ten und Pflich­ten (§ 1793 Abs. 1 Satz 1 BGB), die auch das Umgangs­recht als Teil der über­tra­ge­nen elter­li­chen Sor­ge erfas­sen (§§ 1800, 1631 Abs. 1, 1632 Abs. 2 BGB).

Inso­fern ähnelt sei­ne Rechts­stel­lung im Umgangs­rechts­ver­fah­ren der einer Par­tei kraft Amtes, die zwar als Pro­zess­par­tei auf­tritt, dabei aber kraft des ihr über­tra­ge­nen Amtes nur die Belan­ge ande­rer ver­tritt [5]. Da die Par­tei kraft Amtes im Regel­fall aus­schließ­lich im Inter­es­se der von ihr ver­tre­te­nen Ver­mö­gens­mas­se tätig wird, hat sie nicht mit ihrem eige­nen Ver­mö­gen für die Kos­ten auf­zu­kom­men (vgl. § 116 Satz 1 Nr. 1 ZPO).

Zwar ent­spricht es ganz herr­schen­der Mei­nung, dass der Vor­mund nicht als Par­tei kraft Amtes ange­se­hen wer­den kann [9]. Die Ver­gleich­bar­keit der Rechts­stel­lung des Vor­munds im Umgangs­rechts­ver­fah­ren mit der einer Par­tei kraft Amtes gebie­tet es jedoch, im Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ver­fah­ren auch dann allein auf die wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se des Mün­dels abzu­stel­len, wenn der Vor­mund die Inter­es­sen des Mün­dels nicht als des­sen gesetz­li­cher Ver­tre­ter wahr­nimmt, son­dern als Inha­ber der Per­so­nen­sor­ge unmit­tel­bar Ver­fah­rens­be­tei­lig­ter ist [10].

Da das Mün­del offen­kun­dig bedürf­tig ist, durf­te das Gericht dem Antrags­geg­ner die begehr­te Pro­zess­kos­ten­hil­fe nicht ver­sa­gen. Die Bei­ord­nung ergibt sich aus § 121 Abs. 2 ZPO [11].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschlüs­se vom 19. Janu­ar 2011 – XII ZB 322/​10 und XII ZB 323/​10

  1. § 1835 Abs. 4 BGB, § 1 Abs. 2 Satz 2 VBVG[]
  2. BGH, Beschluss vom 20.12.2006 – XII ZB 118/​03 FamRZ 2007, 381 ff.[]
  3. vgl. OLG Frank­furt a.M. FamRZ 2010, 64 Rn. 17 f.; und Beschluss vom 18.12.2009 – 20 W 85/​09; OLG Köln BtPrax 2009, 839 f.; MünchKommBGB/​Wagenitz 5. Aufl. § 1835 Rn. 47; Palandt/​Diederichsen BGB 70. Aufl. § 1835 Rn. 13; Pamm­ler-Klein/­Pamm­ler in: juris­PK-BGB, 5. Aufl. 2010 § 1835 BGB Rn. 86; Jür­gens Betreu­ungs­recht 4. Aufl. § 1835 BGB Rn. 16[]
  4. Gesetz über die Ver­gü­tung von Vor­mün­dern und Betreu­ern (Vor­mün­der- und Betreu­er­ver­gü­tungs­ge­setz – VBVG) vom 21.04.2005, BGBl I S. 1076[]
  5. BGH, Beschluss vom 11.05.2005 – XII ZB 242/​03, FamRZ 2005, 1164, 1166[][]
  6. Münch-KommZPO/­Mot­zer 3. Aufl. § 114 Rn. 42[]
  7. OLG Jena FamRZ 1998, 1302; Münch-KommZPO/­Mot­zer 3. Aufl. § 114 Rn. 46; Musielak/​Fischer ZPO 7. Aufl. § 114 Rn. 4; Reichold in Thomas/​Putzo ZPO 31. Aufl. § 114 Rn. 12; Prütting/​Gehrlein/​Völker/​Zempel ZPO § 116 Rn. 2; Zöller/​Geimer ZPO 28. Aufl. § 114 Rn. 8[]
  8. anders für Aktiv­pro­zes­se des Vor­munds: Bork in Stein/​Jonas ZPO 22. Aufl. § 114 Rn. 4[]
  9. statt aller Münch-KommZPO/­Mot­zer 3. Aufl. § 116 Rn. 6[]
  10. vgl. auch OLG Düs­sel­dorf FamRZ 1995, 373[]
  11. vgl. MünchKommZPO/​Motzer 3. Aufl. § 116 Rn. 19; Zöller/​Geimer ZPO 29. Aufl. § 121 Rn. 1[]