Qua­li­fi­ka­ti­ons­ab­hän­gi­ge Betreu­er­ver­gü­tung

Eine Erhö­hung des dem Berufs­be­treu­er zu ver­gü­ten­den Stun­den­sat­zes nach § 4 Abs. 1 Satz 2 VBVG setzt vor­aus, dass die­ser sei­ne Qua­li­fi­ka­ti­on durch eine abge­schlos­se­ne Leh­re, ein abge­schlos­se­nes Hoch­schul­stu­di­um oder eine ver­gleich­ba­re abge­schlos­se­ne Aus­bil­dung erwor­ben hat. Eine Qua­li­fi­ka­ti­on, die auf Berufs­er­fah­rung oder Fort­bil­dungs­maß­nah­men zurück­zu­füh­ren ist, wirkt sich nicht ver­gü­tungs­er­hö­hend aus.

Qua­li­fi­ka­ti­ons­ab­hän­gi­ge Betreu­er­ver­gü­tung

Ob ein Berufs­be­treu­er im Ein­zel­fall die Vor­aus­set­zun­gen für eine erhöh­te Ver­gü­tung gemäß § 4 Abs. 1 Satz 2 Nr. 2 VBVG erfüllt, unter­liegt einer wer­ten­den Betrach­tungs­wei­se.

Beson­de­re Kennt­nis­se im Sin­ne von § 4 Abs. 1 Satz 2 VBVG sind Kennt­nis­se, die – bezo­gen auf ein bestimm­tes Sach­ge­biet – über ein Grund­wis­sen deut­lich hin­aus­ge­hen. Für die Füh­rung einer Betreu­ung nutz­bar sind Fach­kennt­nis­se, die ihrer Art nach betreu­ungs­re­le­vant sind und den Betreu­er befä­hi­gen, sei­ne Auf­ga­ben zum Wohl des Betreu­ten bes­ser und effek­ti­ver zu erfül­len und somit eine erhöh­te Leis­tung zu erbrin­gen 1. Es genügt die poten­ti­el­le Nütz­lich­keit die­ser Fach­kennt­nis­se 2.

Einer Hoch­schul­aus­bil­dung ver­gleich­bar ist eine Aus­bil­dung, die in ihrer Wer­tig­keit einer Hoch­schul­aus­bil­dung ent­spricht und einen for­ma­len Abschluss auf­weist. Gleich­wer­tig ist eine Aus­bil­dung, wenn sie staat­lich regle­men­tiert oder zumin­dest staat­lich aner­kannt ist und der durch sie ver­mit­tel­te Wis­sens­stand nach Art und Umfang dem eines Hoch­schul­stu­di­ums ent­spricht 3. Als Kri­te­ri­en kön­nen somit ins­be­son­de­re der mit der Aus­bil­dung ver­bun­de­ne Zeit­auf­wand, der Umfang und Inhalt des Lehr­stof­fes und die Zulas­sungs­vor­aus­set­zun­gen her­an­ge­zo­gen wer­den 4. Dem­ge­gen­über kommt es auf die Bezeich­nung der Ein­rich­tung nicht an 5.

Bei die­ser Prü­fung der Ver­gleich­bar­keit sind stren­ge Maß­stä­be anzu­le­gen 6.

Fort­bil­dun­gen, Lebens- und Berufs­er­fah­rung sind grund­sätz­lich nicht als Quel­le für den Erwerb von ver­gü­tungs­er­hö­hen­den nutz­ba­ren Fach­kennt­nis­sen anzu­er­ken­nen 7. Denn § 4 VBVG knüpft aus­schließ­lich an den typi­sier­ten Aus­bil­dungs­gang an. Mit dem nach der Art der Aus­bil­dung gestaf­fel­ten Stun­den­satz woll­te der Gesetz­ge­ber den Gerich­ten eine leicht zu hand­ha­ben­de Rege­lung zur Ver­fü­gung stel­len und auf die­se Wei­se eine ein­heit­li­che Ver­gü­tungs­pra­xis sichern 8. Wort­laut und Zweck der Vor­schrift ste­hen des­halb auch einer Gesamt­be­trach­tung dahin, dass meh­re­re Aus­bil­dun­gen und Fort­bil­dungs­maß­nah­men ins­ge­samt einer Hoch­schul­aus­bil­dung ver­gleich­bar sind, ent­ge­gen.

Im kon­kre­ten Fall befand der Bun­des­ge­richts­hof, dass die Aus­bil­dun­gen der Betreue­rin den Anfor­de­run­gen des § 4 Abs. 1 Satz 2 Nr. 2 VBVG nicht genügt:

Die Aus­bil­dun­gen zur Kran­ken­schwes­ter und Kran­ken­pfle­ge­hel­fe­rin sind einer Hoch­schul­aus­bil­dung nicht ver­gleich­bar.

Der Besuch der Fach­schu­le für Betriebs­wirt­schaft – Fach­rich­tung Sozi­al­we­sen – ist kei­ne Aus­bil­dung an einer Hoch­schu­le. Die abge­schlos­se­ne Aus­bil­dung der Betreue­rin zur staat­lich aner­kann­ten Sozi­al­wir­tin ist auch nicht mit einem Abschluss an einer Hoch­schu­le ver­gleich­bar iSv § 4 Abs. 1 Satz 2 Nr. 2 VBVG.

Der ver­mit­tel­te Wis­sens­stand ent­spricht bereits nach Art und Umfang kei­nem Hoch­schul­stu­di­um. Der mit der Aus­bil­dung ver­bun­de­ne Zeit­auf­wand reicht nicht an den eines Hoch­schul­stu­di­ums her­an. Mit dem von der Rechts­be­schwer­de als Ver­gleich ange­führ­ten Bache­lor­Grad, der eben­so wie der Abschluss der Betreue­rin bereits in drei Jah­ren erreicht wer­den kann, lässt sich der vor­lie­gen­de Abschluss nicht ver­glei­chen. Zu berück­sich­ti­gen ist nicht nur die Semest­er­zahl, son­dern auch der nach Unter­richts­stun­den zu bemes­sen­de Gesamt­zeit­auf­wand. Die von der Betreue­rin absol­vier­te berufs­be­glei­ten­de Zusatz­aus­bil­dung zur Sozi­al­wir­tin erreicht mit ledig­lich 900 Unter­richts­ein­hei­ten nicht den für einen Hoch­schul- oder Fach­hoch­schul­ab­schluss erfor­der­li­chen Zeit­auf­wand. Dar­über hin­aus setzt die Zulas­sung zu die­ser Aus­bil­dung auch kei­nen Hoch­schul­ab­schluss vor­aus.

Nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs ist auch kei­ne Gesamt­be­trach­tung der betreu­ungs­re­le­van­ten Aus­bil­dun­gen und Fort­bil­dungs­maß­nah­men der Betreue­rin vor­zu­neh­men. Eine sol­che sieht § 4 VBVG nicht vor.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 18. Janu­ar 2012 – XII ZB 409/​10

  1. vgl. BayO­bLG BtPrax 2003, 135 zu § 1 Abs. 1 Satz 2 BVormVG mwN; OLG Saar­brü­cken BtPrax 2003, 227, 228 mwN; Münch­Komm-BGB/Frösch­le 5. Aufl. § 4 VBVG Rn. 10; Jür­gens Betreu­ungs­recht 4. Aufl. § 4 VBVG Rn. 3; Jaschin­ski in juris­PK-BGB 5. Aufl. § 3 VBVG Rn. 16[]
  2. BGH, Beschluss vom 23.07.2003 – XII ZB 87/​03, Fam­RZ 2003, 1653[]
  3. OLG Frank­furt OLGR 2009, 317 Rn. 11; OLG Karls­ru­he OLGR 2007, 167 Rn. 5; BayO­bLG BayO­bLGR 2000, 35[]
  4. BayO­bLG Fam­RZ 2001, 187[]
  5. vgl. OLG Hamm Fam­RZ 2001, 1398; HKBUR Lüt­gens Stand 2005 vor §§ 3, 4 VBVG Rn. 15[]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 23.07.2003 – XII ZB 87/​03, Fam­RZ 2003, 1653[]
  7. vgl. HKBUR Lüt­gens Stand 2005 vor §§ 3, 4 VBVG Rn. 66 mwN; Jurgeleit/​Maier Betreu­ungs­recht 2. Aufl. § 4 VBVG Rn. 15[]
  8. für §§ 1836 Abs. 2 Satz 2, 1836 a BGB aF iVm § 1 BVormVG vgl. BT-Drucks. 13/​7158 S. 14, 28[]