Rechen­feh­ler beim Ver­sor­gungs­aus­gleich

Blo­ße Feh­ler der Aus­gangs­ent­schei­dung wie Rechen- und Metho­den­feh­ler, unge­nü­gen­de Berech­nungs­grund­la­gen, eine feh­ler­haf­te Bestim­mung der Ehe­zeit oder unrich­ti­ge Aus­künf­te der Ver­sor­gungs­trä­ger eröff­nen das Abän­de­rungs­ver­fah­ren nach § 225 FamFG nicht1.

Rechen­feh­ler beim Ver­sor­gungs­aus­gleich

Hat sich der ehe­zeit­be­zo­ge­ne Wert eines Anrechts dage­gen durch nach­träg­lich ein­ge­tre­te­ne Umstän­de recht­li­cher oder tat­säch­li­cher Art rück­wir­kend wesent­lich ver­än­dert und fin­det unter die­sen Vor­aus­set­zun­gen in Bezug auf die­ses Anrecht ein Abän­de­rungs­ver­fah­ren statt, sind in der Aus­gangs­ent­schei­dung ent­hal­te­ne Feh­ler bei der Berech­nung des Anrechts mit zu kor­ri­gie­ren.

Nach § 225 Abs. 1 FamFG ist die Abän­de­rung des Wert­aus­gleichs bei der Schei­dung (§§ 919 VersAus­glG) in den Aus­gleichs­for­men des inter­nen und exter­nen Aus­gleichs zuläs­sig, soweit Anrech­te aus den Regel­si­che­rungs­sys­te­men des § 32 VersAus­glG betrof­fen sind. Inner­halb die­ses Anwen­dungs­be­reichs kön­nen auch Abän­de­rungs­ent­schei­dun­gen, die nach den §§ 225, 226 FamFG oder wie hier nach § 51 VersAus­glG getrof­fen wor­den sind, ihrer­seits einer noch­ma­li­gen Abän­de­rung unter­lie­gen2.

Die Abän­de­rung setzt nach § 225 Abs. 2 VersAus­glG eine nach­e­he­zeit­lich ein­ge­tre­te­ne, auf recht­li­chen oder tat­säch­li­chen Ände­run­gen beru­hen­de Ver­än­de­rung vor­aus, die rück­wir­kend auf den Stich­tag des Ehe­zei­ten­des zu einem wesent­lich (§ 225 Abs. 3 FamFG) ande­ren Aus­gleichs­wert eines Anrechts führt. Dem­ge­gen­über kön­nen Feh­ler, die im Aus­gangs­ver­fah­ren bei der Ent­schei­dungs­fin­dung unter­lau­fen sind, für sich genom­men kei­ne Zuläs­sig­keit des Abän­de­rungs­ver­fah­rens nach § 225 FamFG begrün­den. Die­se Aus­le­gung ent­spricht nicht nur dem Wort­laut der Norm, son­dern auch dem Wil­len des Gesetz­ge­bers.

Mit der Rege­lung des § 225 VersAus­glG hat sich der Gesetz­ge­ber bewusst dafür ent­schie­den, die nach frü­he­rem Recht in wei­tem Umfang bestehen­den Abän­de­rungs­mög­lich­kei­ten nach § 10 a VAHRG ein­zu­schrän­ken. Nach § 10 a Abs. 1 Nr. 1 VAHRG war eine Abän­de­rung for­mell und mate­ri­ell rechts­kräf­ti­ger Ent­schei­dun­gen zur Ver­wirk­li­chung des mate­ri­ell rich­ti­gen Aus­gleich­s­er­geb­nis­ses nicht nur bei nach­träg­li­chen und unvor­her­seh­ba­ren Ver­än­de­run­gen der Anrech­te mög­lich. Viel­mehr genüg­te auch das Vor­lie­gen blo­ßer Feh­ler der Aus­gangs­ent­schei­dung wie Rechen- und Metho­den­feh­ler, unge­nü­gen­de Berech­nungs­grund­la­gen, eine feh­ler­haf­te Bestim­mung der Ehe­zeit oder unrich­ti­ge Aus­künf­te der Ver­sor­gungs­trä­ger, um mit einem Ver­fah­ren nach § 10 a VAHRG die Rechts­kraft der Aus­gangs­ent­schei­dung durch­bre­chen zu kön­nen3.

Im Zuge der Struk­tur­re­form des Ver­sor­gungs­aus­gleichs war es ein Anlie­gen des Gesetz­ge­bers, die Vor­aus­set­zun­gen für ein Abän­de­rungs­ver­fah­ren bes­ser auf die all­ge­mei­nen Regeln der Rechts­kraft­durch­bre­chung abzu­stim­men4. Die­ses Ziel hat der Gesetz­ge­ber für sol­che Ent­schei­dun­gen, die unter dem seit dem 1.09.2009 gel­ten­den Rechts­zu­stand erlas­sen wur­den, in den §§ 225, 226 FamFG umge­setzt. Zwar soll­te aus ver­fas­sungs­recht­li­chen Grün­den auch wei­ter­hin die Mög­lich­keit bestehen, gericht­li­che Ent­schei­dun­gen über den Ver­sor­gungs­aus­gleich abzu­än­dern, wenn sich die Anrech­te der Ehe­gat­ten nach der Schei­dung aus tat­säch­li­chen oder recht­li­chen Grün­den bis zum Ein­tritt des Ver­sor­gungs­falls wesent­lich ver­än­dert haben. Eine Rechts­kraft­durch­bre­chung zum allei­ni­gen Zweck der Feh­ler­kor­rek­tur, wie sie § 10 a VAHRG mit dem Prin­zip der Total­re­vi­si­on noch ver­folgt hat­te, sieht § 225 FamFG dem­ge­gen­über gera­de nicht mehr vor5.

§ 225 FamFG liegt der Gedan­ke zugrun­de, dass ein Abän­de­rungs­ver­fah­ren dann und nur dann eröff­net wer­den soll, wenn sich der ehe­zeit­be­zo­ge­ne Wert eines Anrechts durch nach­träg­lich ein­ge­tre­te­ne Umstän­de recht­li­cher oder tat­säch­li­cher Art rück­wir­kend wesent­lich ver­än­dert. Die von der Rechts­be­schwer­de auf­ge­zeig­ten Gesichts­punk­te ver­mö­gen die­se Beur­tei­lung nicht in Zwei­fel zu zie­hen.

Zwar soll die Abkehr von der Total­re­vi­si­on nach der Begrün­dung des Gesetz­ent­wur­fes nicht bedeu­ten, dass die Ver­sor­gungs­trä­ger gehal­ten sei­en, bei­spiels­wei­se "Berech­nungs- oder Buchungs­feh­ler auch im Abän­de­rungs­ver­fah­ren bei­zu­be­hal­ten". Inso­weit kön­ne "wie nach bis­lang gel­ten­dem Recht" im Rah­men der begrenz­ten Abän­de­rung in Bezug auf das ent­spre­chen­de Anrecht eine Feh­ler­kor­rek­tur erfol­gen6.

Allein die­sen Aus­füh­run­gen lässt sich aber nicht ent­neh­men, dass schon Feh­ler der Aus­gangs­ent­schei­dung für sich genom­men den Ein­stieg in ein Abän­de­rungs­ver­fah­ren ermög­li­chen sol­len. Aus dem Gesamt­zu­sam­men­hang der Ent­wurfs­be­grün­dung ergibt sich das Gegen­teil, ins­be­son­de­re aus dem Hin­weis dar­auf, mit den Rege­lun­gen bezüg­lich der Abän­der­bar­keit von Ent­schei­dun­gen zum Wert­aus­gleich die Anre­gun­gen der Kom­mis­si­on "Struk­tur­re­form des Ver­sor­gungs­aus­gleichs" auf­ge­grif­fen zu haben, um die Abän­de­rung von gericht­li­chen Ent­schei­dun­gen zum Ver­sor­gungs­aus­gleich bes­ser mit den all­ge­mei­nen Regeln der Rechts­kraft­durch­bre­chung abzu­stim­men7. In den in die­sem Zusam­men­hang in der Ent­wurfs­be­grün­dung zitier­ten Emp­feh­lun­gen der Kom­mis­si­on (Abschluss­be­richt der Kom­mis­si­on "Struk­tur­re­form des Ver­sor­gungs­aus­gleichs" S. 98 f.) gibt die­se unmiss­ver­ständ­lich zu erken­nen, dass das Gesetz kein "über die Mög­lich­keit des regu­lä­ren Rechts­mit­tel­ver­fah­rens hin­aus­ge­hen­des geson­der­tes Abän­de­rungs­ver­fah­ren für eine blo­ße Kor­rek­tur von Feh­lern der Aus­gangs­ent­schei­dung" anbie­ten sol­le, weil die­se Mög­lich­keit auch bei ande­ren rechts­kräf­ti­gen Ent­schei­dun­gen nicht bestehe8.

Ledig­lich in den Fäl­len, in denen unter den Vor­aus­set­zun­gen des § 225 Abs. 2 und Abs. 3 FamFG in Bezug auf das von der wesent­li­chen Wert­än­de­rung betrof­fe­ne Anrecht eine erneu­te Ent­schei­dung über den Wert­aus­gleich statt­fin­det, sind dar­über hin­aus in der Aus­gangs­ent­schei­dung ent­hal­te­ne Feh­ler bei der Berech­nung die­ses Anrechts mit zu kor­ri­gie­ren, weil die­se Feh­ler in der Abän­de­rungs­ent­schei­dung nicht per­p­etu­iert wer­den sol­len9.

Auch der ange­zo­ge­ne Ver­gleich mit dem unter­halts­recht­li­chen Abän­de­rungs­ver­fah­ren nach § 238 FamFG lie­fert kei­nen ande­ren recht­li­chen Befund.

Der Abän­de­rungs­an­trag nach § 238 FamFG eröff­net in unter­halts­recht­li­chen Ver­fah­ren die Kor­rek­tur einer fehl­ge­gan­ge­nen Pro­gno­se, nicht aber die Über­prü­fung der Aus­gangs­ent­schei­dung zwecks Besei­ti­gung von Feh­lern bei der Rechts­an­wen­dung und Tat­sa­chen­fest­stel­lung. Dies ist dem Rechts­mit­tel­zug im Aus­gangs­ver­fah­ren vor­be­hal­ten10; die­ser grund­le­gen­den Kon­zep­ti­on folgt nach der Reform des Ver­sor­gungs­aus­gleichs auch § 225 FamFG. Wäh­rend die Abän­de­rung einer Unter­halts­ent­schei­dung aber grund­sätz­lich nicht wei­ter gehen darf, als die­se aus Grün­den der geän­der­ten Ver­hält­nis­se not­wen­dig ist, soll das mit einem Abän­de­rungs­ver­fah­ren nach §§ 225, 226 FamFG befass­te Gericht nach den Vor­stel­lun­gen des Gesetz­ge­bers nicht dar­auf beschränkt sein, die Ent­schei­dung zum Wert­aus­gleich unter Per­p­etu­ie­rung der im Aus­gangs­ver­fah­ren unter­lau­fe­nen Feh­ler ledig­lich an die nach­e­he­zeit­lich geän­der­ten Umstän­de anzu­pas­sen. Die­ser Unter­schied erklärt sich dadurch, dass im Ver­fah­ren über den Ver­sor­gungs­aus­gleich mit den Ver­sor­gungs­trä­gern Drit­te betei­ligt sind, denen der Gesetz­ge­ber nicht zumu­ten will, objek­tiv feh­ler­haf­te Daten für ein etwai­ges Abän­de­rungs­ver­fah­ren vor­zu­hal­ten.

Es ist auch nicht mög­lich, § 225 FamFG über die gesetz­li­che Rege­lung hin­aus ent­spre­chend anzu­wen­den, um auch ohne nach­e­he­zeit­li­che Wert­ver­än­de­run­gen eine anrechts­be­zo­ge­ne Kor­rek­tur feh­ler­haf­ter Aus­gangs­ent­schei­dun­gen zu errei­chen. Wegen der bewuss­ten Ent­schei­dung des Gesetz­ge­bers für eine Ein­schrän­kung der bis­he­ri­gen Abän­de­rungs­mög­lich­kei­ten fehlt es hier­für an einer plan­wid­ri­gen Rege­lungs­lü­cke.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 27. Mai 2015 – XII ZB 564/​12

  1. Fort­füh­rung der BGH, Beschlüs­se BGHZ 198, 91 = Fam­RZ 2013, 1548; und vom 22.10.2014 – XII ZB 323/​13, Fam­RZ 2015, 125 []
  2. Münch­Komm-FamFG/Stein 2. Aufl. § 225 Rn. 1 []
  3. BGH, Beschluss BGHZ 198, 91 = Fam­RZ 2013, 1548 Rn. 18 mwN zur frü­he­ren Rechts­la­ge []
  4. BT-Drs. 16/​10144 S. 96 []
  5. vgl. BGH, Beschlüs­se BGHZ 198, 91 = Fam­RZ 2013, 1548 Rn.19; und vom 22.10.2014 – XII ZB 323/​13, Fam­RZ 2015, 125 Rn. 14 jeweils zu § 51 VersAus­glG []
  6. BT-Drs. 16/​10144 S. 97 []
  7. BT-Drs. 16/​10144 S. 96 []
  8. vgl. bereits BGH, Beschluss BGHZ 198, 91 = Fam­RZ 2013, 1548 Rn.19 []
  9. Wick Ver­sor­gungs­aus­gleich 3. Aufl. Rn. 842; Musielak/​Borth FamFG 5. Aufl. § 225 Rn. 5; Johannsen/​Henrich/​Holzwarth Fami­li­en­recht 6. Aufl. § 225 FamFG Rn. 3; Keidel/​Weber FamFG 18. Aufl. § 225 Rn. 11; Münch­Komm-FamFG/Stein 2. Aufl. § 225 Rn.20; Beck­OK-FamFG/H­ah­ne [Stand: Janu­ar 2015] § 225 Rn. 3 []
  10. BGH, Urteil vom 21.02.2001 – XII ZR 276/​98, Fam­RZ 2001, 1364, 1365 []