Recht­li­che Vater­schafts­ver­mu­tung – und die Wahl des zutref­fen­den Rechts­sta­tuts

Mit der Kon­kur­renz der ver­schie­de­nen Anknüp­fungs­al­ter­na­ti­ven in Art.19 Abs. 1 EGBGB hat­te sich aktu­ell der Bun­des­ge­richts­hof zu befas­sen:

Recht­li­che Vater­schafts­ver­mu­tung – und die Wahl des zutref­fen­den Rechts­sta­tuts

Nach Art.19 Abs. 1 Satz 1 EGBGB unter­liegt die Abstam­mung eines Kin­des dem Recht des Staa­tes, in dem das Kind sei­nen gewöhn­li­chen Auf­ent­halt hat (Auf­ent­halts­sta­tut). Sie kann gemäß Art.19 Abs. 1 Satz 2 EGBGB im Ver­hält­nis zu jedem Eltern­teil auch nach dem Recht des Staa­tes bestimmt wer­den, dem die­ser Eltern­teil ange­hört (Per­so­nal­sta­tut), oder, wenn die Mut­ter ver­hei­ra­tet ist, gemäß Art.19 Abs. 1 Satz 3 Halb­satz 1 EGBGB nach dem Recht, dem die all­ge­mei­nen Wir­kun­gen ihrer Ehe bei der Geburt nach Art. 14 Abs. 1 EGBGB unter­lie­gen (Ehe­wir­kungs­sta­tut). Der Bun­des­ge­richts­hof hat bereits aus­ge­spro­chen, dass das Per­so­nal­sta­tut und das Ehe­wir­kungs­sta­tut dem Auf­ent­halts­sta­tut grund­sätz­lich gleich­wer­ti­ge Zusat­zan­knüp­fun­gen sind 1.

Wird ein Kind mit gewöhn­li­chem Auf­ent­halt in Deutsch­land nach der Schei­dung der Ehe sei­ner Mut­ter gebo­ren und könn­te es des­halb ins­be­son­de­re ohne vor­an­ge­hen­de Vater­schafts­an­fech­tung nach deut­schem Recht von einem Drit­ten ohne wei­te­res aner­kannt wer­den, kann dies zu Kon­flik­ten mit sol­chen über Art.19 Abs. 2 Satz 2 und 3 EGBGB beru­fe­nen Rechts­ord­nun­gen füh­ren, die wie etwa das tür­ki­sche, grie­chi­sche oder pol­ni­sche Recht 2 das Kind als Abkömm­ling des (geschie­de­nen) Ehe­man­nes anse­hen, wenn die Emp­fäng­nis­zeit noch in die Zeit vor Been­di­gung der Ehe fiel. Zur Auf­lö­sung eines sol­chen Kon­flikts wer­den im Wesent­li­chen drei ver­schie­de­ne Lösungs­an­sät­ze ver­tre­ten:

Nach einer Ansicht soll das Abstam­mungs­sta­tut in sol­chen Fäl­len vor­ran­gig an den gewöhn­li­chen Auf­ent­halt des Kin­des ange­knüpft wer­den, weil der Gesetz­ge­ber Art.19 Abs. 1 Satz 1 EGBGB einer­seits als Regelan­knüp­fung aus­ge­stal­tet habe und der gewöhn­li­che Auf­ent­halt des Kin­des ande­rer­seits die engs­te Bezie­hung zum Sach­ver­halt auf­wei­se 3.

Die wohl über­wie­gen­de Mei­nung in Recht­spre­chung und Lite­ra­tur ver­tritt mit unter­schied­li­chen Begrün­dun­gen die Ansicht, dass die­je­ni­ge Rechts­ord­nung maß­geb­lich sein soll, die dem Kind schon mit der Geburt zu einem Vater ver­hel­fe (Prio­ri­täts­grund­satz). Hier­zu wird teil­wei­se auf das Güns­tig­keits­prin­zip rekur­riert, weil es dem Wohl des Kin­des im Hin­blick auf sei­ne unter­halts- und erbrecht­li­che Absi­che­rung am bes­ten ent­spre­che, wenn ihm schon zum frü­hest­mög­li­chen Zeit­punkt ein Vater zuge­ord­net wer­de 4. Teil­wei­se wird der Prio­ri­täts­grund­satz nicht aus einem kin­des­wohl­be­zo­ge­nen Güns­tig­keits­prin­zip, son­dern aus dem for­ma­len Ord­nungs­kri­te­ri­um her­ge­lei­tet, dass alle nach Art.19 Abs. 1 EGBGB beru­fe­nen Rech­te gleich­ran­gig sei­en 5 und die­je­ni­ge Rechts­ord­nung, die dem Kind zeit­lich als ers­tes einen Vater zuord­ne, dem­zu­fol­ge nur durch eine Vater­schafts­an­fech­tung wie­der ver­drängt wer­den kön­ne 6.

Frei­lich kann der Prio­ri­täts­grund­satz den Wer­tungs­kon­flikt zwi­schen ver­schie­de­nen gemäß Art.19 Abs. 1 EGBGB beru­fe­nen Rech­ten für sich genom­men nicht auf­lö­sen, wenn eine alle Wirk­sam­keits­vor­aus­set­zun­gen erfül­len­de prä­na­ta­le Vater­schafts­an­er­ken­nung durch den mut­maß­li­chen Erzeu­ger des Kin­des (etwa nach deut­schem Recht) mit einer nach­wir­ken­den Vater­schafts­ver­mu­tung zuguns­ten des geschie­de­nen Ehe­man­nes der Kin­des­mut­ter nach dem gemäß Art.19 Abs. 1 Satz 2 oder 3 BGB beru­fen­den Aus­lands­recht kon­kur­riert. Wei­sen die alter­na­tiv beru­fe­nen Rechts­ord­nun­gen dem Kind des­halb schon bei der Geburt unter­schied­li­che Väter zu, wird von der über­wie­gen­den Auf­fas­sung nach dem Güns­tig­keits­prin­zip der­je­ni­gen Rechts­ord­nung der Vor­zug gege­ben, die zum wirk­li­chen Vater des Kin­des führt 7.

Eine wei­te­re Ansicht meint, dass der Gesichts­punkt der Abstam­mungs­wahr­heit von vorn­her­ein als wesent­li­ches Kri­te­ri­um des Güns­tig­keits­prin­zips anzu­se­hen und die vor­zugs­wür­di­ge Rechts­ord­nung des­halb gene­rell die­je­ni­ge sei, die dem Kind ohne Umwe­ge mög­lichst schnell und ohne unnö­ti­ge Kos­ten zu sei­nem wirk­li­chen Vater ver­hel­fe 8. Auf die­ser gedank­li­chen Grund­la­ge soll sich auch eine wirk­sa­me post­na­ta­le Vater­schafts­an­er­ken­nung durch den mut­maß­li­chen Erzeu­ger gegen­über der auf einer geschie­de­nen Ehe gegrün­de­ten Vater­schafts­ver­mu­tung nach aus­län­di­schem Recht durch­set­zen kön­nen, wenn die Aner­ken­nung der Vater­schaft "zeit­nah" nach der Geburt ange­kün­digt wird und die wirk­sa­me Vater­schafts­an­er­ken­nung im Zeit­punkt der Beur­kun­dung der Geburt durch den Stan­des­be­am­ten vor­liegt 9.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat zwar bis­lang offen­ge­las­sen, in wel­chem Ver­hält­nis die Anknüp­fungs­al­ter­na­ti­ven zuein­an­der ste­hen, wenn die­se zu unter­schied­li­chen Eltern-Kind-Zuord­nun­gen füh­ren, und wel­cher Alter­na­ti­ve im Kon­kur­renz­fall der Vor­rang gebührt 10. Die­se Fra­ge stellt sich unter den hier obwal­ten­den Umstän­den aller­dings nicht. Im vor­lie­gen­den Fall ist die Aner­ken­nung der Vater­schaft für das Kind M. durch einen ande­ren Mann weder erfolgt noch beab­sich­tigt. Die nach Art.19 Abs. 1 Satz 1 EGBGB vor­zu­neh­men­de Anknüp­fung des Abstam­mungs­sta­tuts an den gewöhn­li­chen Auf­ent­halt des Kin­des in Deutsch­land wür­de des­halb dazu füh­ren, dass dem Kind M. über­haupt kein Vater zuge­ord­net wer­den könn­te, weil die Mut­ter von M. zum Zeit­punkt der Geburt nicht mehr ver­hei­ra­tet war (§ 1592 Nr. 1 BGB) und weder eine Aner­ken­nung der Vater­schaft durch einen ande­ren Mann (§ 1592 Nr. 2 BGB) noch eine gericht­li­che Vater­schafts­fest­stel­lung (§ 1592 Nr. 3 BGB) vor­lie­gen. Dem­ge­gen­über wür­de die Anknüp­fung an das Per­so­nal­sta­tut des Schein­va­ters gemäß Art.19 Abs. 1 Satz 2 EGBGB im vor­lie­gen­den Fall dazu füh­ren, dass dem Kind M. der Schein­va­ter als recht­li­cher Vater zuge­ord­net wird, weil der geschie­de­ne Ehe­mann nach Art. 285 Abs. 1 des tür­ki­schen Zivil­ge­setz­bu­ches auch dann noch als recht­li­cher Vater des Kin­des gilt, wenn die­ses von der geschie­de­nen Ehe­frau wie es hier der Fall ist vor Ablauf von 300 Tagen nach Been­di­gung der Ehe gebo­ren wor­den ist.

Bei einer sol­chen Sach­ver­halts­kon­stel­la­ti­on kommt es folg­lich schon nicht dazu, dass die ver­schie­de­nen Anknüp­fungs­al­ter­na­ti­ven des Art.19 Abs. 1 EGBGB zu unter­schied­li­chen Vater-Kind-Zuord­nun­gen füh­ren, weil das nach Art.19 Abs. 1 Satz 1 EGBGB beru­fe­ne deut­sche Auf­ent­halts­recht dem Kind M. über­haupt kei­nen recht­li­chen Vater zuweist und es damit nicht um die Aus­wahl zwi­schen meh­re­ren in Betracht kom­men­den Vätern geht. Die gänz­li­che recht­li­che Vater­lo­sig­keit ist indes­sen ein auch kol­li­si­ons­recht­lich uner­wünsch­ter Zustand, der durch die nach Art.19 Abs. 1 EGBGB eröff­ne­te Mehr­fach­anknüp­fung gera­de ver­mie­den wer­den soll. Dar­über, dass eine durch ein alter­na­tiv beru­fe­nes Aus­lands­recht ermög­lich­te Vater-Kind-Zuord­nung auf­grund geschie­de­ner Ehe der völ­li­gen Vater­lo­sig­keit vor­zu­zie­hen ist, besteht soweit ersicht­lich in Recht­spre­chung und Lite­ra­tur Einig­keit 11, und zwar auch bei den Ver­tre­tern der­je­ni­gen Ansich­ten, die dem von der herr­schen­den Mei­nung bevor­zug­ten (stren­gen) Prio­ri­täts­grund­satz im Aus­gangs­punkt nicht fol­gen wol­len 12. Dabei spielt es auch kei­ne ent­schei­den­de Rol­le, dass dem Kind bei einer Vater-Kind-Zuord­nung auf­grund nach­wir­ken­der Vater­schafts­ver­mu­tung mit dem geschie­de­nen Ehe­mann der Mut­ter häu­fig ein Vater zuge­wie­sen wird, der wie es auch in die­sem Fall zu sein scheint nicht der Erzeu­ger des Kin­des ist. Inso­weit ist nur ergän­zend dar­auf hin­zu­wei­sen, dass auch dem deut­schen Abstam­mungs­recht ins­be­son­de­re bei der Ehe­lich­keits­ver­mu­tung des § 1592 Nr. 1 BGB Vater-Kind-Zuord­nun­gen geläu­fig sind, die zwar auf einer typi­sier­ten Vater­schafts­wahr­schein­lich­keit beru­hen, aber feh­ler­haf­te Zuord­nun­gen vor­be­halt­lich bestehen­der Anfech­tungs­mög­lich­kei­ten bewusst in Kauf neh­men.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 3. August 2016 – XII ZB 110/​16

  1. BGH, Urteil BGHZ 168, 79 Rn. 12 = Fam­RZ 2006, 1745 und BGH, Beschluss vom 20.04.2006 XII ZB 15/​15 28[]
  2. wei­te­re Bei­spie­le bei juris­PK-BGB/Gärt­ner/​Duden [Stand: Dezem­ber 2015] Art.19 EGBGB Rn. 64[]
  3. vgl. Andrae Inter­na­tio­na­les Fami­li­en­recht 3. Aufl. § 5 Rn. 27 und 33 ff.; Deth­l­off IPrax 2005, 326, 329 f.[]
  4. vgl. BayO­bLG Fam­RZ 2002, 686, 687; OLG Frank­furt Fam­RZ 2002, 688, 689; OLG Nürn­berg Fam­RZ 2005, 1697, 1698 und Fam­RZ 2016, 920, 922; OLG Hamm Fam­RZ 2014, 1559, 1560 und Fam­RZ 2009, 126, 128; OLG Köln StAZ 2013, 319, 320; juris­PK-BGB/Gärt­ner/­Du­den [Stand: Dezem­ber 2015] Art.19 EGBGB Rn. 70; NK-BGB/­Bi­sch­off 3. Aufl. Art.19 EGBGB Rn. 24[]
  5. vgl. Frank StAZ 2009, 65, 67[]
  6. vgl. Münch­Komm-BGB/Helms BGB 6. Aufl. Art.19 EGBGB Rn. 16[]
  7. vgl. hier­zu im Ein­zel­nen Staudinger/​Henrich BGB [2014] Art.19 EGBGB Rn. 38; juris­PK-BGB/Gärt­ner/­Du­den [Stand: Dezem­ber 2015] Art.19 EGBGB Rn. 72 ff.[]
  8. Hen­rich Fam­RZ 1998, 1401, 1402[]
  9. vgl. OLG Karls­ru­he [11. Zivil­se­nat] Fam­RZ 2015, 1636, 1638; AG Karls­ru­he Fam­RZ 2007, 1585, 1586; AG Regens­burg Fam­RZ 2003, 1856, 1857; Staudinger/​Henrich BGB [2014] Art.19 EGBGB Rn. 38; vgl. auch AG Han­no­ver Fam­RZ 2002, 1722, 1724 f.[]
  10. vgl. BGH, Beschluss vom 20.04.2016 XII ZB 15/​15, Fam­RZ 2016, 1251 Rn. 29[]
  11. so aus­drück­lich Münch­Komm-BGB/Helms BGB 6. Aufl. Art.19 EGBGB Rn.20; juris­PK-BGB/Gärt­ner/­Du­den [Stand: Dezem­ber 2015] Art.19 EGBGB Rn. 62[]
  12. vgl. ins­be­son­de­re Deth­l­off IPrax 2005, 325, 329; Staudinger/​Henrich BGB [2014] Art.19 EGBGB Rn. 37; Hen­rich Fam­RZ 2016, 926[]