Rechts­mit­tel und Meist­be­güns­ti­gung

Ent­schei­det das Fami­li­en­ge­richt statt nach dem – noch fort­gel­ten­den – alten Ver­fah­rens­recht nicht durch Urteil, son­dern feh­ler­haft nach neu­em Ver­fah­rens­recht durch Beschluss, wird auch durch die Ein­le­gung einer Beschwer­de beim Aus­gangs­ge­richt die Rechts­mit­tel­frist gewahrt (Grund­satz der "Meist­be­güns­ti­gung") 1.

Rechts­mit­tel und Meist­be­güns­ti­gung

Nach all­ge­mei­ner Auf­fas­sung dür­fen die Pro­zess­par­tei­en dadurch, dass das Gericht sei­ne Ent­schei­dung in einer fal­schen Form erlässt, kei­nen Rechts­nach­teil erlei­den. Ihnen steht des­halb sowohl das Rechts­mit­tel zu, das nach der Art der tat­säch­lich ergan­ge­nen Ent­schei­dung statt­haft ist, als auch das Rechts­mit­tel, das bei einer in der rich­ti­gen Form erlas­se­nen Ent­schei­dung zuläs­sig wäre (Grund­satz der "Meist­be­güns­ti­gung") 2. Der Schutz­ge­dan­ke der Meist­be­güns­ti­gung soll die beschwer­te Par­tei vor Nach­tei­len schüt­zen, die auf der unrich­ti­gen Ent­schei­dungs­form beru­hen. Der Grund­satz der Meist­be­güns­ti­gung führt aller­dings nicht dazu, dass das Rechts­mit­tel auf dem vom erst­in­stanz­li­chen Gericht ein­ge­schla­ge­nen fal­schen Weg wei­ter­ge­hen müss­te; viel­mehr hat das Rechts­mit­tel­ge­richt das Ver­fah­ren so wei­ter zu betrei­ben, wie dies im Fal­le einer for­mell rich­ti­gen Ent­schei­dung durch die Vor­in­stanz und dem danach gege­be­nen Rechts­mit­tel gesche­hen wäre 3.

Der Grund­satz der Meist­be­güns­ti­gung fin­det eben­so Anwen­dung, wenn – wie hier – das Gericht nach dem von ihm ange­wand­ten Ver­fah­rens­recht die Ent­schei­dungs­art zwar zutref­fend gewählt hat, der Feh­ler jedoch auf der Anwen­dung fal­schen Ver­fah­rens­rechts beruht. Denn auch in die­sen Fäl­len ist das Ver­trau­en der Betei­lig­ten auf die Rich­tig­keit der gewähl­ten Ent­schei­dungs- bzw. Ver­fah­rens­form schutz­wür­dig 4.

Gemes­sen an die­sen Anfor­de­run­gen hät­te das Beru­fungs­ge­richt das Rechts­mit­tel des Beklag­ten nicht als unzu­läs­sig ver­wer­fen dür­fen. Nach dem vom Amts­ge­richt gewähl­ten Ver­fah­ren und der damit ein­her­ge­hen­den Ent­schei­dungs­form des Beschlus­ses (§ 38 FamFG) ist gemäß § 58 ff. FamFG die Beschwer­de statt­haft, die gemäß §§ 63 f. FamFG bin­nen einer Frist von einem Monat bei dem Gericht ein­zu­le­gen ist, des­sen Beschluss ange­foch­ten wird. Die­sen Anfor­de­run­gen wird die vom Beklag­ten ein­ge­leg­te Beschwer­de gerecht. Anstatt das Rechts­mit­tel als unzu­läs­sig zu ver­wer­fen, hät­te das Beru­fungs­ge­richt es in das Beru­fungs­ver­fah­ren über­lei­ten und – nach münd­li­cher Ver­hand­lung – über die Beschwer­de durch Urteil befin­den müs­sen 5.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 6. April 2011 – XII ZB 553/​10

  1. im Anschluss an BGH, Beschluss vom 17.12.2008 – XII ZB 125/​06MDR 2009, 1000[]
  2. stän­di­ge Recht­spre­chung, vgl. BGH, Beschluss vom 17.12.2008 – XII ZB 125/​06, MDR 2009, 1000 Rn. 17 mwN[]
  3. BGH, Beschluss vom 17.12.2008 – XII ZB 125/​06, MDR 2009, 1000 Rn. 28[]
  4. eben­so OLG Zwei­brü­cken Beschluss vom 21.10.2010 – 6 UF 77/​10, für den umge­kehr­ten Fall, dass das Fami­li­en­ge­richt noch nach altem Recht durch Urteil statt nach dem FamFG durch Beschluss ent­schie­den hat[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 17.12. 2008 – XII ZB 125/​06, MDR 2009, 1000 Rn. 28[]