Schuld­recht­li­cher Ver­sor­gungs­aus­gleich – und die Kran­ken­ver­si­che­rungs­kos­ten

Auf­wen­dun­gen für Kran­ken­be­hand­lungs­kos­ten, die ein pri­vat kran­ken­ver­si­cher­ter Aus­gleichs­pflich­ti­ger im Rah­men eines von ihm gewähl­ten Ver­si­che­rungs­ta­rifs mit Selbst­be­tei­li­gung selbst tra­gen muss, sind anders als die Ver­si­che­rungs­prä­mi­en kei­ne mit Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­gen „ver­gleich­ba­ren Auf­wen­dun­gen“ im Sin­ne von § 20 Abs. 1 Satz 2 VersAus­glG.

Schuld­recht­li­cher Ver­sor­gungs­aus­gleich – und die Kran­ken­ver­si­che­rungs­kos­ten

Nach § 20 Abs. 1 Satz 2 VersAus­glG sind zur Wah­rung des Halb­tei­lungs­grund­sat­zes vom Aus­gleichs­wert der lau­fen­den Brut­to­ren­te die hier­auf ent­fal­len­den Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge oder ver­gleich­ba­re Auf­wen­dun­gen abzu­zie­hen. Ver­gleich­ba­re Auf­wen­dun­gen im Sin­ne von § 20 Abs. 1 Satz 2 VersAus­glG sind aus­weis­lich der Geset­zes­ma­te­ria­li­en ins­be­son­de­re Bei­trä­ge für eine pri­va­te Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rung [1].

Im Ein­klang mit der über­wie­gen­den Ansicht in Recht­spre­chung und Lite­ra­tur [2] sind Selbst­be­tei­li­gun­gen an Kran­ken­be­hand­lungs­kos­ten kei­ne ver­gleich­ba­ren Auf­wen­dun­gen im Sin­ne von § 20 Abs. 1 Satz 2 VersAus­glG.

Dafür spricht schon die Ent­ste­hungs­ge­schich­te der Vor­schrift. Der Regie­rungs­ent­wurf hat­te ursprüng­lich nur den Abzug von Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­gen vor­ge­se­hen, wodurch in aus­drück­li­cher Abkehr von der durch die frü­he­re Bun­des­ge­richts­hofs­recht­spre­chung geschaf­fe­nen Rechts­la­ge [3] vor allem pflicht­ver­si­cher­ten Betriebs­rent­nern eine Ent­las­tung unab­hän­gig von einer indi­vi­du­el­len Här­te­fall­prü­fung ver­schafft wer­den soll­te [4]. Erst auf Beschluss­emp­feh­lung des Rechts­aus­schus­ses des Bun­des­ta­ges ist die Rege­lung auf „ver­gleich­ba­re Auf­wen­dun­gen“ aus­ge­dehnt wor­den, weil mit die­ser Ergän­zung eine Klar­stel­lung bezweckt war, die einem ver­gleich­ba­ren Rege­lungs­be­darf bei pri­vat­ver­si­cher­ten Aus­gleichs­pflich­ti­gen Rech­nung tra­gen soll­te [5]. Dar­aus erschließt sich, dass der Gesetz­ge­ber mit der For­mu­lie­rung „ver­gleich­ba­re Auf­wen­dun­gen“ aus­schließ­lich sol­che Belas­tun­gen erfasst wis­sen woll­te, die ihrer Funk­ti­on nach Ver­si­che­rungs­bei­trä­gen gleich­kom­men [6]. Eine der­ar­ti­ge Funk­ti­on über­neh­men Selbst­be­tei­li­gun­gen an Krank­heits­kos­ten im Rah­men eines pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rungs­ta­rifs gera­de nicht, weil ihr Anfall genau wie in der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung bei den eben­falls nicht berück­sich­ti­gungs­fä­hi­gen Zuzah­lun­gen für Arz­nei- und Ver­bands­mit­tel (§§ 31 Abs. 3 Satz 1, 61 Satz 1 SGB V) oder für Kran­ken­haus­be­hand­lun­gen (§§ 39 Abs. 4 Satz 1, 61 Satz 2 SGB V) vom tat­säch­li­chen Umfang der Inan­spruch­nah­me medi­zi­ni­scher Leis­tun­gen abhän­gig ist [7].

Hin­sicht­lich der Höhe der nach § 20 Abs. 1 Satz 2 VersAus­glG berück­sich­ti­gungs­fä­hi­gen Auf­wen­dun­gen für eine pri­va­te Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rung ent­spricht es zwar einer ver­brei­te­ten Auf­fas­sung, dass etwa mit Hil­fe der zu § 10 Abs. 1 Nr. 3 EStG ergan­ge­nen Kran­ken­ver­si­che­rungs­bei­trags­an­teil-Ermitt­lungs­ver­ord­nung vom 11.08.2009 [8] sol­che Prä­mi­en­an­tei­le her­aus­ge­rech­net wer­den müss­ten, die ein zusätz­li­ches und das Leis­tungs­ni­veau der gesetz­li­chen Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rung über­stei­gen­des Leis­tungs­spek­trum abde­cken [9]. In die­ser All­ge­mein­heit erscheint dies aber zwei­fel­haft. Weder aus dem Gesetz noch aus den Geset­zes­ma­te­ria­li­en lässt sich ent­neh­men, dass ein iden­ti­sches Leis­tungs­spek­trum zwin­gen­de Vor­aus­set­zung für die Ver­gleich­bar­keit von Bei­trä­gen zur gesetz­li­chen und zur pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung ist. Gera­de dann, wenn der pri­vat­ver­si­cher­te Aus­gleichs­pflich­ti­ge sei­ne Bei­trags­be­las­tung durch die Ver­ein­ba­rung einer Selbst­be­tei­li­gung bereits deut­lich gemin­dert hat, erscheint es unter dem Gesichts­punkt des der Rege­lung des § 20 Abs. 1 Satz 2 VersAus­glG zugrun­de lie­gen­den Halb­tei­lungs­grund­sat­zes bedenk­lich, die von ihm auf­ge­brach­ten Ver­si­che­rungs­bei­trä­ge zusätz­lich nach dem Maß­stab des Leis­tungs­ni­veaus der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung zu kür­zen.

Im vor­lie­gen­den Fall kommt es dar­auf aber nicht an, weil der von dem Ehe­mann gewähl­te Ver­si­che­rungs­ta­rif kei­ne (nen­nens­wer­ten) Wahl­leis­tun­gen ent­hält, die über das Leis­tungs­spek­trum der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung hin­aus­ge­hen. Die von dem Ehe­mann auf­ge­brach­ten Bei­trä­ge zur pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung waren daher in vol­ler Höhe zu berück­sich­ti­gen.

Die Bei­trä­ge des Ehe­manns zur pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung sind auch nicht in vol­ler Höhe (allein) von der aus­zu­glei­chen­den Betriebs­ren­te abzu­set­zen, weil die­se Bei­trä­ge ein­kom­mens­un­ab­hän­gig gezahlt wer­den müss­ten.

Rich­tig ist dabei, dass die Auf­wen­dun­gen des Ehe­manns für sei­ne pri­va­te Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rung unab­hän­gig von der Höhe sei­ner Alters­ren­te aus der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung und sei­ner betrieb­li­chen Alters­ver­sor­gung sind und des­halb nicht unmit­tel­bar dem Aus­gleichs­wert zuge­ord­net wer­den kön­nen. Da dem Antrag­stel­ler indes­sen sei­ne gesam­ten Alters­ein­künf­te für die Auf­brin­gung der Ver­si­che­rungs­bei­trä­ge zur Ver­fü­gung ste­hen, ist auch kein trag­fä­hi­ger Grund ersicht­lich, sei­ne gesetz­li­che Ren­te bei der Beur­tei­lung der Fra­ge außer Betracht zu las­sen, wel­cher Teil der Bei­trä­ge zur pri­va­ten Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rung nach § 20 Abs. 1 Satz 2 VersAus­glG auf den Aus­gleichs­wert ent­fällt.

Teil­wei­se wird ver­tre­ten, dass Auf­wen­dun­gen zur pri­va­ten Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rung über­haupt nicht im Sin­ne von § 20 Abs. 1 Satz 2 VersAus­glG auf den Aus­gleichs­wert „ent­fal­len“, wenn dem Aus­gleichs­pflich­ti­gen selbst nach Zah­lung einer unge­kürz­ten schuld­recht­li­chen Aus­gleichs­ren­te ins­ge­samt noch Brut­to­al­ters­ein­künf­te ver­blei­ben, die über der Jah­res­ar­beits­ent­gelt­gren­ze (Bei­trags­be­mes­sungs­gren­ze) des § 6 Abs. 7 SGB V lie­gen [10]. Dies erscheint mit Blick auf den Halb­tei­lungs­grund­satz zwei­fel­haft [11], bedarf hier aber kei­ner wei­te­ren Erör­te­rung, weil das Beschwer­de­ge­richt die­ser Auf­fas­sung inso­weit für den Ehe­mann als Rechts­mit­tel­füh­rer güns­tig nicht näher­ge­tre­ten ist.

Das Beschwer­de­ge­richt hat den auf den Aus­gleichs­wert ent­fal­len­den Anteil der pri­va­ten Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge des Ehe­manns ermit­telt, indem es die berück­sich­ti­gungs­fä­hi­gen Bei­trä­ge zur pri­va­ten Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rung mit dem Quo­ti­en­ten aus Aus­gleichs­wert und Gesamt­al­ters­ein­künf­ten des Ehe­manns mul­ti­pli­ziert hat [12]. Gegen die­se Berech­nungs­wei­se las­sen sich, so der Bun­des­ge­richts­hof, aus Rechts­grün­den kei­ne Beden­ken erhe­ben.

Fer­ner hat das Beschwer­de­ge­richt den Bei­trags­zu­schuss zur pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung, der dem Ehe­mann zur gesetz­li­chen Alters­ren­te in Höhe der Hälf­te des all­ge­mei­nen Bei­trags­sat­zes zur gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung gezahlt wird (§ 106 Abs. 1 und Abs. 3 Satz 1 SGB VI), des­halb unbe­rück­sich­tigt gelas­sen, weil die­ser Zuschuss den bei der Quo­ten­be­rech­nung auf die gesetz­li­che Ren­te des Ehe­manns ent­fal­len­den Anteil an sei­nen Ver­si­che­rungs­prä­mi­en für die pri­va­te Kran­ken­ver­si­che­rung nicht über­steigt [13]. Dies ist für den Ehe­mann güns­tig und wird von der Rechts­be­schwer­de auch nicht bean­stan­det.

Das Rechen­werk der ange­foch­te­nen Ent­schei­dung lei­det aller­dings inso­weit an einem offen­sicht­li­chen Feh­ler, als das Beschwer­de­ge­richt hin­sicht­lich der aus der unmit­tel­ba­ren Ver­sor­gungs­zu­sa­ge der PVS einer­seits und der mit­tel­ba­ren Ver­sor­gungs­zu­sa­ge durch die Unter­stüt­zungs­kas­se der PVS ande­rer­seits gezahl­ten Brut­to­ren­ten von unrich­ti­gen Wer­ten aus­ge­gan­gen ist. Zwar hat das Beschwer­de­ge­richt den gesam­ten Brut­to­ren­ten­be­trag, der dem Ehe­mann durch sei­ne betrieb­li­chen Ver­sor­gungs­trä­ger geleis­tet wird, in der Sum­me für alle betrof­fe­nen Zeit­räu­me zutref­fend ermit­telt. Es hat den Gesamt­be­trag aller­dings ersicht­lich wegen einer feh­ler­haf­ten Aus­wer­tung der in den Gehalts­be­schei­ni­gun­gen mit­ge­teil­ten kumu­lier­ten Jah­res­be­trä­ge nicht rich­tig zwi­schen den bei­den unter­schied­li­chen Ver­sor­gun­gen auf­ge­teilt. Die­ser Feh­ler wirkt sich jeden­falls auf den Aus­spruch des Beschwer­de­ge­richts zur Abtre­tung künf­ti­ger Ver­sor­gungs­an­sprü­che gegen­über den bei­den Ver­sor­gungs­trä­gern aus.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 9. Dezem­ber 2015 – XII ZB 586/​13

  1. vgl. BT-Drs. 16/​11903 S. 55[]
  2. vgl. OLG Hamm FamRZ 2013, 1895, 1899; OLG Frank­furt Beschluss vom 16.03.2012 4 UF 143/​11 52; Johannsen/​Henrich/​Holzwarth Fami­li­en­recht 6. Aufl. § 20 VersAus­glG Rn. 38; NK-BGB/­Göt­sche 3. Aufl. § 20 VersAus­glG Rn. 18; FA-Fam­R/­Wag­ner/­Gut­deutsch 10. Aufl. Kap. 7 Rn. 175; wohl auch Hauß/​Bührer Ver­sor­gungs­aus­gleich und Ver­fah­ren in der Pra­xis 2. Aufl. Rn. 602; aA Beck­OK-BGB/­Gut­deutsch [Stand: August 2015] § 20 VersAus­glG Rn. 6[]
  3. vgl. dazu ein­ge­hend BGH, Beschluss vom 02.02.2011 XII ZB 133/​08 FamRZ 2011, 706 Rn. 45 ff.[]
  4. vgl. BT-Drs. 16/​10144 S. 64[]
  5. BT-Drs. 16/​11903 S. 55[]
  6. vgl. auch OLG Bre­men FamRZ 2012, 1723, 1725[]
  7. zutref­fend OLG Frank­furt Beschluss vom 16.03.2012 4 UF 143/​11 52; Johannsen/​Henrich/​Holzwarth Fami­li­en­recht 6. Aufl. § 20 VersAus­glG Rn. 38[]
  8. BGBl. I S. 2730[]
  9. vgl. OLG Hamm FamRZ 2013, 1895, 1899; OLG Frank­furt Beschluss vom 16.03.2012 4 UF 143/​11 52 und NJW 2015, 2672, 2673; NK-BGB/­Göt­sche 3. Aufl. § 20 VersAus­glG Rn. 18; BeckOGK/​Fricke BGB [Stand: Novem­ber 2015] § 20 VersAus­glG Rn. 63; aA Johannsen/​Henrich/​Holzwarth Fami­li­en­recht 6. Aufl. § 20 VersAus­glG Rn. 37[]
  10. OLG Stutt­gart FamRZ 2011, 1870, 1871[]
  11. vgl. nur OLG Hamm FamRZ 2013, 1895, 1899; Johannsen/​Henrich/​Holzwarth Fami­li­en­recht 6. Aufl. § 20 VersAus­glG Rn. 40; NK-BGB/­Göt­sche 3. Aufl. § 20 VersAus­glG Rn. 18; BeckOGK/​Fricke BGB [Stand: Novem­ber 2015] § 20 VersAus­glG Rn. 63.1; Borth FamRZ 2011, 1871, 1872[]
  12. vgl. OLG Hamm FamRZ 2013, 1895, 1899; OLG Frank­furt Beschluss vom 16.03.2012 4 UF 143/​11 44; OLG Bre­men FamRZ 2012, 1723, 1725; Johannsen/​Henrich/​Holzwarth Fami­li­en­recht 6. Aufl. § 20 VersAus­glG Rn. 39; NK-BGB/­Göt­sche 3. Aufl. § 20 VersAus­glG Rn. 18; BeckOGK/​Fricke BGB [Stand: Novem­ber 2015] § 20 VersAus­glG Rn. 64[]
  13. vgl. OLG Frank­furt Beschluss vom 16.03.2012 4 UF 143/​11 44; OLG Hamm FamRZ 2013, 1895, 1899[]