Sor­ge­rechts­sta­tut nach dem Haa­ger Kin­der­schutz­über­ein­kom­men

Die Kol­li­si­ons­nor­men des Haa­ger Über­ein­kom­mens über die Zustän­dig­keit, das anzu­wen­den­de Recht, die Aner­ken­nung, Voll­stre­ckung und Zusam­men­ar­beit auf dem Gebiet der elter­li­chen Ver­ant­wor­tung und der Maß­nah­men zum Schutz von Kin­dern vom 19.10.1996 (KSÜ) bestim­men auch dann das maß­ge­ben­de Recht, wenn sich die inter­na­tio­na­le Zustän­dig­keit aus der vor­ran­gi­gen Ver­ord­nung (EG) Nr. 2201/​2003 des Rates vom 27.11.2003 (Brüs­sel IIa-VO) ergibt. Dies gilt jeden­falls, wenn eine Zustän­dig­keit (auch) aus den Art. 5 ff. KSÜ – bei einer fik­ti­ven Anwen­dung – begrün­det wäre. Das Sor­ge­rechts­sta­tut nach Art. 16 Abs. 1 KSÜ ist grund­sätz­lich durch die Ver­le­gung des gewöhn­li­chen Auf­ent­halts ex nunc wan­del­bar. Es stellt sich die Fra­ge der Rück­wir­kung des Art. 16 Abs. 1 KSÜ für die bis zum Inkraft­tre­ten des Abkom­mens am 1.1.2011 abge­schlos­se­nen Tat­be­stän­de.

Sor­ge­rechts­sta­tut nach dem Haa­ger Kin­der­schutz­über­ein­kom­men

Im vor­lie­gend vom Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he ent­schie­de­nen Fall folgt die – vom Fami­li­en­ge­richt ange­nom­me­ne – Zustän­dig­keit der deut­schen Gerich­te, die bei Fäl­len mit Aus­lands­be­rüh­rung in jeder Lage des Ver­fah­rens von Amts wegen zu prü­fen und zu beach­ten ist, aus Art. 8 Abs. 1 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 2201/​2003 des Rates vom 27.11.2003 (Brüs­sel IIa-VO). Die­se Ver­ord­nung ist stets anwend­bar, wenn das betref­fen­de Kind sei­nen gewöhn­li­chen Auf­ent­halt im Hoheits­ge­biet eines Mit­glied­staa­tes hat, vgl. Art. 61 lit. a Brüs­sel IIa-VO. Grund­sätz­lich sind nach Art. 8 Abs. 1 Brüs­sel IIa-VO die Gerich­te des Staa­tes für die Sor­ge­rechts­re­ge­lung inter­na­tio­nal zustän­dig, in dem das Kind sei­nen gewöhn­li­chen Auf­ent­halt hat.

Das anzu­wen­den­de Recht bestimmt sich nach dem Haa­ger Über­ein­kom­men über die Zustän­dig­keit, das anzu­wen­den­de Recht, die Aner­ken­nung, Voll­stre­ckung und Zusam­men­ar­beit auf dem Gebiet der elter­li­chen Ver­ant­wor­tung und der Maß­nah­men zum Schutz von Kin­dern vom 19.10.1996 (KSÜ).

Die Kol­li­si­ons­nor­men des KSÜ bestim­men auch dann das maß­ge­ben­de Recht, wenn sich die inter­na­tio­na­le Zustän­dig­keit aus der vor­ran­gi­gen Brüs­sel IIa-VO ergibt [1]. Dies gilt jeden­falls, wenn eine Zustän­dig­keit (auch) aus den Art. 5 ff. KSÜ – bei einer fik­ti­ven Anwen­dung – begrün­det wäre [2]. Im vor­lie­gen­den Fall wäre die inter­na­tio­na­le Zustän­dig­keit nach Art. 5 Abs. 1 KSÜ anzu­neh­men, da das Kind T. sei­nen gewöhn­li­chen Auf­ent­halt in Deutsch­land hat.

Gemäß Art. 53 Abs. 1 KSÜ ist das Abkom­men auf gericht­li­che Maß­nah­men anzu­wen­den, die in einem Staat getrof­fen wer­den, nach­dem das Über­ein­kom­men für die­sen Staat in Kraft getre­ten ist. Für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ist das Abkom­men am 1.1.2011 in Kraft getre­ten [3]. Soweit es um die zu tref­fen­de Sor­ge­rechts­re­ge­lung geht, liegt eine Maß­nah­me im Sin­ne des Art. 1 Abs. 1 lit. a, b, Art. 3 lit. a, b KSÜ vor.

Nach Art. 15 Abs. 1 KSÜ gilt das lex fori-Prin­zip. Ist die Zustän­dig­keit eines Ver­trags­staa­tes begrün­det, wen­det die­ser sein eige­nes Recht an. Vor­lie­gend kommt des­we­gen deut­sches Recht zur Anwen­dung. Dabei ist uner­heb­lich, ob das betrof­fe­ne Kind Ange­hö­ri­ger eines Ver­trags­staa­tes oder eines Dritt­staa­tes ist [4]. Die – der Über­tra­gung des Sor­ge­rechts auf einen Eltern­teil vor­ge­la­ger­te – Fra­ge, wem die elter­li­che Ver­ant­wor­tung für ein Kind kraft Geset­zes zuge­wie­sen ist, bestimmt sich dem­ge­gen­über nach dem sich aus Art. 16 KSÜ erge­ben­den Sor­ge­rechts­sta­tut.
Nach Art. 16 Abs. 1 KSÜ bestimmt sich die Zuwei­sung oder das Erlö­schen der elter­li­chen Ver­ant­wor­tung kraft Geset­zes ohne Ein­schrei­ten eines Gerichts oder einer Ver­wal­tungs­be­hör­de nach dem Recht des Staa­tes des gewöhn­li­chen Auf­ent­halts des Kin­des. Inso­weit knüpft Art. 16 Abs. 1 KSÜ – eben­so wie Art. 21 EGBGB – an den gewöhn­li­chen Auf­ent­halt des Kin­des an. Das Sor­ge­rechts­sta­tut ist danach grund­sätz­lich durch die Ver­le­gung des gewöhn­li­chen Auf­ent­halts ex nunc wan­del­bar [5].

In Hin­blick dar­auf, dass sich das Sor­ge­rechts­sta­tut sowohl nach Art. 16 Abs. 1 KSÜ als auch nach Art. 21 EGBGB nach dem gewöhn­li­chen Auf­ent­halt des Kin­des rich­tet, stellt sich die Fra­ge der Rück­wir­kung des Art. 16 Abs. 1 KSÜ für die bis zum Inkraft­tre­ten des Abkom­mens am 1.1.2011 abge­schlos­se­nen Tat­be­stän­de zunächst nicht [6].

Bei der Geburt des Kin­des in Russ­land und in den nach­fol­gen­den Mona­ten, in denen das Kind mit der Mut­ter und – teil­wei­se – mit dem Vater in Russ­land leb­te, bestand kraft Geset­zes, nament­lich gemäß Art. 61 Abs. 1 des Fami­li­en­ge­setz­buchs der Rus­si­schen Föde­ra­ti­on, die gemein­sa­me elter­li­che Sor­ge der Eltern.

Mit dem – vor­lie­gend mit Ein­ver­ständ­nis des mit­sor­ge­be­rech­tig­ten Vaters vor­ge­nom­me­nen – Umzug des Kin­des nach Deutsch­land galt nach bis­he­ri­gem Recht für die Rech­te und Pflich­ten der Eltern sodann deut­sches Recht, so dass die elter­li­che Sor­ge nicht mit­ein­an­der ver­hei­ra­te­ter Eltern der Mut­ter nun­mehr allein zustand, da sie und der Vater kei­ne Sor­ge­er­klä­run­gen nach § 1626a BGB abge­ge­ben hat­ten [7].

Dem­ge­gen­über besteht nach Art. 16 Abs. 3 KSÜ die elter­li­che Ver­ant­wor­tung, die sich aus dem Recht des Staa­tes des (ehe­ma­li­gen) gewöhn­li­chen Auf­ent­halts des Kin­des ergibt, nach dem Umzug des Kin­des in einen ande­ren Staat fort [8]. Die Rege­lung führt dazu, dass ein Kind durch den Auf­ent­halts­wech­sel kei­nen Sor­ge­be­rech­tig­ten ver­liert [9].

Ob jedoch Art. 16 Abs. 3 KSÜ zur Anwen­dung gebracht wer­den kann, wenn sich – wie hier – der Auf­ent­halts­wech­sel des Kin­des und somit der Ver­lust der sor­ge­recht­li­chen Posi­ti­on eines Eltern­teils bereits zu einer Zeit voll­zo­gen hat, zu der das KSÜ in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land noch nicht in Kraft getre­ten war, mit der Fol­ge, dass nun­mehr mit Inkraft­tre­ten des Abkom­mens das gemein­sa­me Sor­ge­recht (wie­der) auf­lebt, ist zwei­fel­haft [10]. Dage­gen spricht, dass es für die Kol­li­si­ons­norm Art. 16 KSÜ kei­ne Über­lei­tungs­vor­schrift gibt, ins­be­son­de­re gilt Art. 53 KSÜ nicht [11]. Die Pro­ble­me des Über­gangs­rechts sind – da das Abkom­men kei­ne Rege­lun­gen ent­hält – durch natio­na­les Recht jedes Ver­trags­staa­tes zu lösen [12]. Vie­les spricht des­halb für die Gel­tung des Prin­zips der Nicht­rück­wir­kung des Abkom­mens auf abge­schlos­se­ne Tat­be­stän­de und die Anwen­dung des bis­he­ri­gen Inter­na­tio­na­len Pri­vat­rechts (vgl. Art. 220 Abs. 1, Art. 236 § 1 EGBGB) [13]. In die­sem Fall bestün­de vor­lie­gend kein gemein­sa­mes Sor­ge­recht der Eltern, son­dern die allei­ni­ge Sor­ge­be­rech­ti­gung der Mut­ter.

Die Fra­ge konn­te das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he vor­lie­gend jedoch dahin­ste­hen las­sen, da es nach sei­ner Ansicht – aus näher beschrie­be­nen tat­säch­li­chen Grün­den – dem Wohl des Kin­des am bes­ten ent­spricht, die gemein­sa­me elter­li­chen Sor­ge auf­zu­he­ben und auf die Mut­ter zu über­tra­gen, bzw. – soweit man von einer Allein­sor­ge der Mut­ter aus­geht – kein Anlass besteht, die gemein­sa­me Sor­ge ein­zu­rich­ten.

Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he, Beschluss vom 5. März 2013 – 18 UF 298/​12

  1. Palandt/​Thorn, BGB, 72. Auf­la­ge 2013, Anh zu EGBGB 24 Rz. 21; Staudinger/​Henrich, BGB, 2008, Art. 21 EGBGB Rz. 82; Staudinger/​Pirrung, BGB, 2009, Vorb. Art. 19 EGBGB Rz. C 216; Schulz, FamRZ 2011, 156, 159; Wagner/​Janzen, FPR 2011, 110, 112[]
  2. Hei­der­hoff in: Beck-Online-Kom­men­tar, BGB, Stand 1.2.2013, Art. 21 EGBGB Rz. 12; Solo­mon, FamRZ 2004, 1409, 1416[]
  3. BGBl. II 2010, 1527[]
  4. Palandt/​Thorn, a.a.O., Anh zu EGBGB 24 Rz. 18 a.E.[]
  5. BGH FamRZ 2011, 796 Tz. 32; Fin­ger, FamRB inter­na­tio­nal 2010, 95, 99; Rau­scher, NJW 2011, 2332, 2333; Bamberger/​Roth/​Heiderhoff, BGB, 3. Auf­la­ge 2012, Art. 21 EGBGB Rz. 13; zu Art. 21 EGBGB: Hen­rich, FamRZ 1998, 1401, 1404[]
  6. offen gelas­sen BGH FamRZ 2011, 796 Tz. 39; OLG Karls­ru­he FamRZ 2011, 1963 Tz. 27[]
  7. Hen­rich FamRZ 1998, 1401, 1404; Fin­ger FamRB inter­na­tio­nal 2010, 95, 100; Bamberger/​Roth/​Heiderhoff, a.a.O., Art. 21 EGBGB Rz. 14; Staudinger/​Henrich, BGB, Bear­bei­tung 2008, Art. 21 EGBGB Rz. 26; Schwab/​Motzer, Hand­buch des Schei­dungs­rechts, 6. Auf­la­ge 2010, Kap. III Rz. 307; a.A. Gärt­ner in: juris­PK-BGB, 6. Auf­la­ge 2012, Art. 21 EGBGB Rz. 75 wonach das gemein­sa­me Sor­ge­recht als wohl­erwor­be­nes Recht fort­gel­te[]
  8. dazu Schulz FamRZ 2011, 156, 159; Fin­ger FamRB inter­na­tio­nal 2010, 95, 100; Bamberger/​Roth/​Heiderhoff, a.a.O., Art. 21 EGBGB Rz. 13; Palandt/​Thorn, a.a.O., Anh Art. 24 EGBGB Rz. 23[]
  9. Schulz FamRZ 2011, 156, 159; Palandt/​Thorn, a.a.O., Anh Art. 24 EGBGB Rz. 23[]
  10. offen gelas­sen BGH FamRZ 2011, 796 Tz. 39 mit Anmer­kung Rau­scher NJW 2011, 2332; OLG Karls­ru­he FamRZ 2011, 1963 Tz. 27[]
  11. BT-Ds. 16/​12068 S. 72 Tz. 179[]
  12. BT-Ds. a.a.O.[]
  13. dazu Rau­scher NJW 2011, 2332, 2333[]