Sozi­al-fami­liä­re Bezie­hun­gen – und das Umgangs­recht der Groß­tan­te

Die Anfor­de­run­gen an die Fest­stel­lung einer sozi­al-fami­liä­ren Bezie­hung gemäß § 1685 Abs. 2 S. 1 BGB sind gerin­ger, wenn nur durch den Kon­takt zu die­sem, den Umgang begeh­ren­den ent­fern­ten Ver­wand­ten (hier: einer Groß­tan­te) dem Bedürf­nis des Kin­des Rech­nung getra­gen wer­den kann, einen Teil sei­ner Her­kunfts­fa­mi­lie ken­nen zu ler­nen.

Sozi­al-fami­liä­re Bezie­hun­gen – und das Umgangs­recht der Groß­tan­te

Ein Umgangs­recht der Groß­tan­te des Kin­des kommt nur auf der Grund­la­ge des § 1685 Abs. 2 Satz 1 BGB in Betracht. Ein Recht auf Umgang mit einem Kind haben danach auch Per­so­nen mit einer sozi­al-fami­liä­ren Bezie­hung zum Kind, wenn die­se für das Kind tat­säch­li­che Ver­ant­wor­tung tra­gen oder getra­gen haben, § 1685 Abs. 2 Satz 1 BGB. Die Auf­zäh­lung der Umgangs­be­rech­tig­ten nach Abs. 1 der Vor­schrift, wel­che sich auf Groß­el­tern und Geschwis­ter eines Kin­des beschränkt, kann hin­ge­gen nicht auf ande­re Ver­wand­te ana­log ange­wen­det wer­den 1.

Maß­geb­lich ist somit das Ver­ständ­nis von dem Begriff der sozi­al-fami­liä­ren Bezie­hung zu einer engen Bezugs­per­son im Sin­ne von § 1685 Abs. 2 Satz 1 BGB. Der Begriff wur­de vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in einem Ver­fah­ren um das Umgangs­recht eines leib­li­chen – nicht aber recht­li­chen – Vaters ein­ge­führt 2. Hier­auf hat der Gesetz­ge­ber bei der Erwei­te­rung der umgangs­be­rech­tig­ten Per­so­nen auf wei­te­re Bezugs­per­so­nen des Kin­des zurück­ge­grif­fen 3.Danach muss zwi­schen dem Umgangs­wil­li­gen und dem Kind eine sozia­le Bezie­hung bestehen, die dar­auf beruht, dass der Umgangs­wil­li­ge zumin­dest eine Zeit lang tat­säch­lich Ver­ant­wor­tung für das Kind getra­gen hat 4. Es muss somit eine gewach­se­ne sozia­le Fami­li­en­be­zie­hung, in der das Kind gelebt hat, fest­zu­stel­len sein 5.

Neben die­ser mit einer Fami­lie ver­gleich­ba­ren Ver­trau­ens­be­zie­hung zwi­schen dem Umgangs­wil­li­gen und dem Kind muss es sich zudem um eine enge Bezugs­per­son des Kin­des han­deln. Durch die­se Begren­zung wird deut­lich gemacht, dass nur sol­che Per­so­nen erfasst sein sol­len, deren Ver­ant­wor­tung für das Kind fami­liä­re, ins­be­son­de­re eltern­glei­che Züge trägt 6.

Dabei kommt es nicht dar­auf an, dass die­se Ver­traut­heit zwi­schen der Groß­tan­te und ihrem Groß­nef­fen infol­ge des Zeit­ab­laufs wahr­schein­lich nicht mehr besteht. Es genügt viel­mehr, dass an eine frü­her auf­ge­bau­te enge Bezie­hung wie­der ange­knüpft wer­den kann 7. Eben­so wenig ist es erfor­der­lich, dass das Kind län­ge­re Zeit in häus­li­cher Gemein­schaft mit der Groß­tan­te gelebt hat, wie sich im Umkehr­schluss aus der Ver­mu­tungs­re­gel des § 1685 Abs. 2 Satz 2 BGB ent­neh­men lässt.

In dem hier ent­schie­de­nen VKH-Fall hat­te die Groß­tan­te nach ihrer Dar­stel­lung von Geburt an Kon­takt zu dem Kind. Nach der Tren­nung der Kin­des­el­tern Ende 2012 habe das Kind bis Okto­ber 2013 etwa jedes drit­te Wochen­en­de etwa fünf Stun­den in ihrem Haus­halt ver­bracht. Dabei sei sie zeit­wei­se allein für das Kind ver­ant­wort­lich gewe­sen, wenn der Kin­des­va­ter die Zeit für sich allein genutzt habe. Obgleich das Kind somit nur über einen Zeit­raum von etwa zehn Mona­ten und in einem Alter von ein bis zwei Jah­ren blo­ße Wochen­end­kon­tak­te zur Groß­tan­te hat­te, kann bei den gege­be­nen Umstän­den nicht von vorn­her­ein ange­nom­men wer­den, dass die Vor­aus­set­zun­gen einer sozi­al-fami­liä­ren Bezie­hung nicht vor­lie­gen. Aller­dings bleibt eine genaue­re Ermitt­lung der Häu­fig­keit, Dau­er und Aus­ge­stal­tung der frü­he­ren Kon­tak­te zwi­schen der Groß­tan­te und dem Kind dem Haupt­sa­che­ver­fah­ren vor­be­hal­ten. Ange­sichts der vor­lie­gen­den Aus­nah­me­si­tua­ti­on ist das Ober­lan­des­ge­richt der Auf­fas­sung, dass in die­sem beson­de­ren Ein­zel­fall ein groß­zü­gi­ger Maß­stab bei der Prü­fung gebo­ten ist, ob ein sozi­al-fami­liä­res Ver­hält­nis zwi­schen der Groß­tan­te und dem Kind im Sin­ne von § 1685 Abs. 2 Satz 1 BGB bestand. Zu berück­sich­ti­gen ist, dass die Groß­tan­te womög­lich die ein­zi­ge Bezugs­per­son des Kin­des zu sei­ner väter­li­chen Her­kunfts­fa­mi­lie sein könn­te, zumal die­se nicht dem deut­schen Kul­tur­kreis ent­stammt. Ein Umgangs­recht des Kin­des­va­ters, der auf­grund der Tötung der Kin­des­mut­ter zu einer mehr­jäh­ri­gen Frei­heits­stra­fe ver­ur­teilt wur­de, ist nach Kennt­nis des Ober­lan­des­ge­richts aus dem par­al­le­len Umgangs­ver­fah­ren zum Akten­zei­chen 10 WF 11/​15 offen. Auch zu den Groß­el­tern des Kin­des besteht auf­grund ihres Auf­ent­halts in der Tür­kei kein Kon­takt. Offen­bar sind auch kei­ne ande­ren umgangs­wil­li­gen Per­so­nen aus der väter­li­chen Fami­lie vor­han­den.

Somit bleibt die Groß­tan­te die ein­zi­ge Bezugs­per­son aus der väter­li­chen Fami­lie und könn­te damit aus ent­wick­lungs­psy­cho­lo­gi­scher Sicht eine wich­ti­ge Rol­le für die Iden­ti­täts­fin­dung des Kin­des spie­len, was in die Wür­di­gung der Umstän­de ein­zu­be­zie­hen ist. Es droht ange­sichts der beson­de­ren fami­liä­ren Situa­ti­on auch nicht der vom Gesetz­ge­ber bei Ein­füh­rung des § 1685 Abs. 2 BGB befürch­te­te "Umgangs­tou­ris­mus" im Fal­le eines zu gro­ßen Krei­ses von Umgangs­be­rech­tig­ten, wel­cher dem Kind nicht mehr aus­rei­chend Zeit für eige­ne Inter­es­sen belas­sen könn­te 8. Dem­nach spricht nichts dage­gen, den Begriff der sozi­al-fami­liä­ren Bezie­hung zu einer engen Bezugs­per­son vor­lie­gend in einem wei­ten Sin­ne zu ver­ste­hen, um dem even­tu­el­len Bedürf­nis des Kin­des nach einem Kon­takt zur Her­kunfts­fa­mi­lie väter­li­cher­seits gerecht wer­den zu kön­nen.

Im Haupt­sa­che­ver­fah­ren wird zunächst näher auf­zu­klä­ren sein, ob frü­her tat­säch­lich die erfor­der­li­che Ver­traut­heit zwi­schen der Groß­tan­te und dem Kind ent­stan­den ist, an wel­che nun­mehr im Fal­le eines erneu­ten Kon­takt­auf­baus ange­knüpft wer­den kann. Dabei ist nach den vor­ste­hen­den Aus­füh­run­gen ein groß­zü­gi­ger Maß­stab anzu­set­zen.

Sofern die sozi­al-fami­liä­re Bezie­hung im Sin­ne von § 1685 Abs. 2 Satz 1 BGB bejaht wird, bedarf es sodann der Fest­stel­lung, ob das Recht auf Umgang zwi­schen der Groß­tan­te und dem Kind dem Wohl des Kin­des dient, § 1685 Abs. 1 BGB. Ob und – wenn ja – wann und in wel­cher Form dies ange­sichts der Tat des Kin­des­va­ters, der Ent­wick­lung des Kin­des und der per­sön­li­chen Fähig­kei­ten der Groß­tan­te mög­lich ist, wird das Fami­li­en­ge­richt gege­be­nen­falls durch Ein­ho­lung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens gemäß § 26 FamFG näher auf­zu­klä­ren haben.

Ober­lan­des­ge­richt Cel­le, Beschluss vom 27. Novem­ber 2015 – 10 WF 303/​15

  1. Staudinger/​Rauscher, BGB, Bearb.2014, § 1685 Rn. 15[]
  2. vgl. BVerfG, Fam­RZ 2003, 816[]
  3. vgl. RegE v. 17.12 2003, BT-Drs. 15/​2253 S. 7[]
  4. BVerfG, aaO[]
  5. Staudinger/​Rauscher, aaO, § 1685 Rn. 9[]
  6. Staudinger/​Rauscher, aaO Rn. 9a[]
  7. BGH, Fam­RZ 2005, 705, 706[]
  8. vgl. Bun­des­rat, BT-Drs. 15/​2253, S. 16 und 15/​2761, S. 1[]