Über­tra­gung der elter­li­chen Sor­ge auf den bis­lang nicht sor­ge­be­rech­tig­ten Kin­des­va­ter

Mit dem Gesetz zur Reform der elter­li­chen Sor­ge nicht mit­ein­an­der ver­hei­ra­te­ter Eltern 1 hat der Gesetz­ge­ber dem gesetz­li­chen Leit­bild der gemein­sa­men elter­li­che Sor­ge Gel­tung ver­schafft. Danach erfor­dert eine Bei­be­hal­tung der Allein­sor­ge der mit dem Kin­des­va­ter nicht ver­hei­ra­te­ten Kin­des­mut­ter über eine schwer­wie­gen­de und nach­hal­ti­ge Stö­rung der elter­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on hin­aus die Fest­stel­lung, dass den Eltern eine gemein­sa­me Ent­schei­dungs­fin­dung nicht mög­lich sein wird und das Kind erheb­lich belas­tet wür­de, wenn sei­ne Eltern gezwun­gen wür­den, die elter­li­che Sor­ge gemein­sam zu tra­gen.

Über­tra­gung der elter­li­chen Sor­ge auf den bis­lang nicht sor­ge­be­rech­tig­ten Kin­des­va­ter

Inso­fern rei­chen weder die blo­ße Ableh­nung der gemein­sa­men elter­li­chen Sor­ge durch die Kin­des­mut­ter noch selbst mani­fest gewor­de­ne Kom­mu­ni­ka­ti­ons­schwie­rig­kei­ten der Kin­des­el­tern als sol­che aus.

Die­se Kri­te­ri­en gel­ten auch im Rah­men der Prü­fung, ob die elter­li­che Sor­ge oder Tei­le hier­von nach § 1671 Abs. 2 S. 1 und S. 2 Nr. 2 BGB n.F. auf den Kin­des­va­ter allein zu über­tra­gen ist.

Durch das am 19.05.2013 in Kraft getre­te­ne Gesetz zur Reform der elter­li­chen Sor­ge nicht mit­ein­an­der ver­hei­ra­te­ter Eltern vom 16.04.2013 2 hat nun­mehr der Gesetz­ge­ber die Bestim­mun­gen, unter denen nicht mit­ein­an­der ver­hei­ra­te­te Eltern die elter­li­che Sor­ge voll­stän­dig oder teil­wei­se gemein­sam aus­üben kön­nen oder aber die­se gar auf den Kin­des­va­ter allein zu über­tra­gen ist (vgl. ins­be­son­de­re die §§ 1626a, 1671 f., 1680 BGB a.F.), umfas­send neu gere­gelt. Dabei wur­de ins­be­son­de­re auch die durch die genann­te Ent­schei­dung des BVerfG 3 geschaf­fe­ne vor­läu­fi­ge Rege­lung abge­löst. Man­gels ent­ge­gen­ste­hen­der dies­be­züg­li­cher Über­lei­tungs­vor­schrift sind die neu­en gesetz­li­chen Rege­lun­gen auch in vor dem 19.05.2013 bereits anhän­gig gewor­de­nen gericht­li­chen Ver­fah­ren – wie hier der Fall – anzu­wen­den 4.

Nach den für die hier zu tref­fen­de Beschwer­de­ent­schei­dung folg­lich nun-mehr maß­geb­lich gewor­de­nen neu­en gesetz­li­chen Rege­lun­gen ist die elter­li­che Sor­ge oder ein Teil­be­reich hier­von den nicht mit­ein­an­der ver­hei­ra­te­ten Kin­des­el­tern gemein­sam zu über­tra­gen, wenn dies dem Kin­des­wohl nicht wider­spricht (§ 1626a Abs. 1 Nr. 3, Abs. 2 BGB n.F.). Der gegen­über der einst­wei­li­gen Anord­nung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 21.07.2010 ver­än­der­te Wort­laut ver­leiht in Gestalt der nun­mehr maß­geb­li­chen nega­ti­ven Kin­des­wohl­prü­fung einem neu­en Leit­bild gesetz­li­cher Sor­ge­ge­mein­sam­keit 5 Aus­druck. Danach geht die neue gesetz­li­che Kon­zep­ti­on nun­mehr davon aus, dass die gemein­sa­me elter­li­che Sor­ge grund­sätz­lich den Bedürf­nis­sen des Kin­des nach Bezie­hun­gen zu bei­den Eltern­tei­len ent­spricht und ihm ver­deut­licht, dass bei­de Eltern glei­cher­ma­ßen bereit sind, für das Kind Ver­ant­wor­tung zu tra­gen 6.

Gemäß § 1671 Abs. 2 S. 1 und S. 2 BGB n.F. kann bei dau­er­haf­tem Getrennt­le­ben der Eltern und bis­her bestehen­der Allein­sor­ge der mit dem Vater nicht ver­hei­ra­te­ten Mut­ter die elter­li­che Sor­ge ganz oder teil­wei­se die­sem auf sei­nen Antrag hin allein über­tra­gen wer­den, wenn ent­we­der die Mut­ter zustimmt (S. 2 Nr. 1) oder die gemein­sa­me Aus­übung der elter­li­chen Sor­ge nicht in Betracht kommt und zu erwar­ten ist, dass die Über­tra­gung (die­ses Teil­be­reichs) der elter­li­chen Sor­ge auf den Vater dem Kin­des­wohl am bes­ten ent­spricht (S. 2 Nr. 2). Anders als nach der der erst­in­stanz­li­chen Ent­schei­dung noch zugrun­de­lie­gen­den Rechts­la­ge setzt die Über­tra­gung auf den Kin­des­va­ter allein also nicht mehr vor­aus, dass die elter­li­che Sor­ge inso­weit der Kin­des­mut­ter gemäß § 1666 BGB ent­zo­gen wird mit der Fol­ge, dass sie gemäß 1680 Abs. 2 S. 2 i.V. mit Abs. 3 BGB a.F. dem Kin­des­va­ter zusteht. Zur Eröff­nung der Prü­fung, ob eine Über­tra­gung auf den Kin­des­va­ter vor­zu­neh­men ist, bedarf es mit­hin einer Kin­des­wohl­ge­fähr­dung bei Fort­be­stand der Allein­sor­ge der Mut­ter nicht mehr.

Ent­schei­dend ist viel­mehr, ob eine gemein­sa­me Aus­übung der elter­li­chen Sor­ge (inso­weit) im Hin­blick auf das Kin­des­wohl aus­schei­det 7. Zwar setzt die gemein­sa­me Wahr­neh­mung der elter­li­chen Ver­ant­wor­tung nach der Recht­spre­chung des BVerfG eine trag­fä­hi­ge sozia­le Bezie­hung zwi­schen den Eltern vor­aus und erfor­dert ein Min­dest­maß an Über­ein­stim­mung zwi­schen ihnen 8. Ange­sichts des vom Gesetz­ge­ber nun­mehr zugrun­de geleg­ten Leit­bil­des der gemein­sa­men elter­li­che Sor­ge rei­chen daher weder deren blo­ße Ableh­nung sei­tens der Kin­des­mut­ter noch selbst mani­fest gewor­de­ne Kom­mu­ni­ka­ti­ons­schwie­rig­kei­ten der Kin­des­el­tern als sol­che aus, um es bei der Allein­sor­ge der Mut­ter zu belas­sen. Da Ver­stän­di­gungs­pro­ble­me im Zuge einer Tren­nung von Kin­des­el­tern viel­fach auf­tre­ten, erfor­dert eine Bei­be­hal­tung der Allein­sor­ge eine schwer­wie­gen­de und nach­hal­ti­ge Stö­rung der elter­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on, die befürch­ten lässt, dass den Eltern eine gemein­sa­me Ent­schei­dungs­fin­dung nicht mög­lich sein wird und das Kind folg­lich erheb­lich belas­tet wür­de, wenn sei­ne Eltern gezwun­gen wären, die elter­li­che Sor­ge gemein­sam zu tra­gen 7.

Die­se Erwä­gun­gen gel­ten glei­cher­ma­ßen bei der Ent­schei­dung, ob die gemein­sa­me elter­li­che Sor­ge der nicht mit­ein­an­der ver­hei­ra­te­ten Eltern her­zu­stel­len oder aber die­se nun­mehr auf den Kin­des­va­ter allein zu über­tra­gen ist. Denn ange­sichts des jetzt gesetz­lich zugrun­de geleg­ten Leit­bil­des der gemein­sa­men elter­li­chen Sor­ge sind an die Beur­tei­lung, ob eine gemein­sa­me Aus­übung der elter­li­chen Ver­ant­wor­tung aus­schei­det, die glei­chen hohen Anfor­de­run­gen zu stel­len. Dies gilt umso mehr, als durch einen Wech­sel der elter­li­chen Sor­ge von der Mut­ter auf den Vater zudem das Bedürf­nis des Kin­des nach Sta­bi­li­tät und Kon­ti­nui­tät berührt wird 9.

Ober­lan­des­ge­richt Cel­le – Beschluss vom 16. Janu­ar 2014 – 10 UF 80/​13

  1. vom 16.04.2013, BGBl. I S. 795[]
  2. BGBl. I S. 795[]
  3. Beschluss vom 21.07.2010 – 1 BvR 420/​09BVerfGE 127, 132 ff., 160 ff. = Fam­RZ 2010, 1403 ff. = NJW 2010, 3008 ff.[]
  4. vgl. die amt­li­che Begrün­dung zu Art. 7 des genann­ten Geset­zes BT-Drs. 17/​11048, S. 25, sowie den neu ein­ge­füg­ten Art. 229 § 30 EGBGB[]
  5. BT-Drs. 17/​11048, S. 17; Palandt73 – Götz, BGB, § 1626a Rn. 2[]
  6. BT-Drs. 17/​11048, S. 17; BVerfG, Urteil vom 29.01.2003 – 1 BvL 20/​99 und 1 BvR 933/​01BVerfGE 107, 150 ff., 169 = Fam­RZ 2003, 285 ff. = NJW 2003, 955 ff.[]
  7. BT-Drs. 17/​11048, S.20[][]
  8. BVerfG, Urteil vom 29.01.2003 – 1 BvL 20/​99 und 1 BvR 933/​01BVerfGE 107, 150 ff., 169[]
  9. BVerfG, Beschluss vom 21.07.2010 – 1 BvR 420/​09BVerfGE 127, 132 ff., 160 ff.; BT-Drs. 17/​11048, a.a.O.[]
  10. vom 16.04.2013, BGBl. I S. 795[]