Unbe­glei­te­te min­der­jäh­ri­ge Flücht­lin­ge – und das Ende der Vor­mund­schaft

Soweit das Hei­mat­recht des unbe­glei­te­ten min­der­jäh­ri­gen Flücht­lings die Been­di­gung der Vor­mund­schaft an die glei­chen Vor­aus­set­zun­gen knüpft wie das deut­sche Recht in §§ 1882, 1773 Abs. 1 BGB, kann dahin­ste­hen, ob sich das inso­weit anwend­ba­re Recht tat­säch­lich nach Art. 24 Abs. 1 Satz 1 EGBGB bestimmt oder sich aus Art. 16 Abs. 1 des Haa­ger Über­ein­kom­mens über die Zustän­dig­keit, das anzu­wen­den­de Recht, die Aner­ken­nung, Voll­stre­ckung und Zusam­men­ar­beit auf dem Gebiet der elter­li­chen Ver­ant­wor­tung und der Maß­nah­men zum Schutz von Kin­dern vom 19.10.1996 (Kin­der­schutz­über­ein­kom­men – KSÜ)1 eine vor­ran­gi­ge Ver­wei­sung in das deut­sche Recht ergibt2.

Unbe­glei­te­te min­der­jäh­ri­ge Flücht­lin­ge – und das Ende der Vor­mund­schaft

Für die Fra­ge, wann der min­der­jäh­ri­ge Flücht­ling voll­jäh­rig wird, ist im Grund­satz auf § 2 BGB iVm ggf. über § 2 Abs. 1 AsylG Art. 12 Abs. 1 des Abkom­mens über die Rechts­stel­lung der Flücht­lin­ge vom 28.07.1951 (Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on – GFK)3 abzu­stel­len, das für das Per­so­nal­sta­tut eines Flücht­lings in das Recht sei­nes Wohn­sit­zes und in Erman­ge­lung eines sol­chen sei­nes Auf­ent­halts­lan­des ver­weist4. Nicht aus­rei­chend ist dage­gen, wenn das Gericht zur Fra­ge der Flücht­lings­ei­gen­schaft des Betrof­fe­nen kei­ne Fest­stel­lun­gen trifft, son­dern sich mit Blick auf Art. 7 Abs. 1 Satz 1 EGBGB allein auf das Hei­mat­recht des Betrof­fe­nen (hier: Recht der Repu­blik Gui­nea) stützt.

Der deut­sche Tatrich­ter hat aus­län­di­sches Recht im Wege des Frei­be­wei­ses zu ermit­teln. In wel­cher Wei­se er sich die not­wen­di­gen Kennt­nis­se ver­schafft, liegt in sei­nem pflicht­ge­mä­ßen Ermes­sen. Das Rechts­be­schwer­de­ge­richt über­prüft inso­weit auf ent­spre­chen­de Ver­fah­rens­rüge nur, ob der Tatrich­ter sein Ermes­sen rechts­feh­ler­frei aus­ge­übt, ins­be­son­de­re die sich anbie­ten­den Erkennt­nis­quel­len unter Berück­sich­ti­gung der Umstän­de des Ein­zel­falls hin­rei­chend aus­ge­schöpft hat. An die Ermitt­lungs­pflicht sind dabei umso höhe­re Anfor­de­run­gen zu stel­len, je kom­ple­xer und je frem­der im Ver­gleich zum deut­schen das anzu­wen­den­de Recht ist. Bei Anwen­dung einer dem deut­schen Recht ver­wand­ten Rechts­ord­nung und bei kla­ren Rechts­nor­men sind die Anfor­de­run­gen gerin­ger5.

Gemes­sen hier­an bezwei­fel­te der Bun­des­ge­richts­hof, dass die Voll­jäh­rig­keit (auch) nach dem Recht der Repu­blik Gui­nea mit der Voll­endung des 18. Lebens­jah­res ein­tritt.

Wel­ches Voll­jäh­rig­keits­al­ter nach dem Recht der Repu­blik Gui­nea gilt, wird in der ober­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung unein­heit­lich beant­wor­tet. Wäh­rend eini­ge Ober­lan­des­ge­rich­te von der Voll­jäh­rig­keit erst mit Voll­endung des 21. Lebens­jah­res aus­ge­hen, stim­men ande­re mit der ange­foch­te­nen Ent­schei­dung über­ein. Dabei ist der Aus­gangs­punkt jeweils iden­tisch, wonach gemäß dem bis­lang nicht aus­drück­lich auf­ge­ho­be­nen Art. 443 Code Civil die Voll­jäh­rig­keit auf das voll­ende­te 21. Lebens­jahr fest­ge­setzt wird. Unter­schied­lich wird hin­ge­gen ein­ge­schätzt, wel­che recht­li­chen Kon­se­quen­zen sich aus dem im Jahr 2008 ein­ge­führ­ten Code de l´Enfant und ins­be­son­de­re aus des­sen Art. 168 erge­ben, der nach den tatrich­ter­li­chen Fest­stel­lun­gen besagt, dass ein Kind unter 18 Jah­ren nur mit Zustim­mung sei­ner Eltern bzw. des Inha­bers der elter­li­chen Sor­ge Ver­trä­ge abschlie­ßen kann. Teil­wei­se wird der Code de l´Enfant allein als Geset­zes­werk gese­hen, das die Rech­te von Kin­dern in Gui­nea näher rege­le, nur Anwen­dung auf Per­so­nen unter 18 Jah­ren fin­de und kei­ne Rege­lun­gen über den Ein­tritt der Voll­jäh­rig­keit ent­hal­te. Dem­ge­gen­über wird zur Begrün­dung einer mit die­sem Geset­zes­werk ver­bun­de­nen nach Art. 6 Code Civil mög­li­chen still­schwei­gen­den Ände­rung des Voll­jäh­rig­keits­al­ters dar­auf ver­wie­sen, dass das Gesetz unter ande­rem in Art. 271 ff. Bestim­mun­gen zur Ent­las­sung aus der elter­li­chen Sor­ge ent­hal­te, die die­je­ni­gen im Code Civil zu die­ser Mate­rie ersetz­ten und zum Teil von ihnen abwi­chen6.

Das Ober­lan­des­ge­richt hat sich auf die Mit­tei­lun­gen des Minis­te­ri­ums für Aus­wär­ti­ge Ange­le­gen­hei­ten der Repu­blik Gui­nea vom 03.05.20167 und der Bot­schaft der Repu­blik Gui­nea vom 30.09.2016 gestützt. Aller­dings hat­te Letz­te­re noch unter dem 19.09.2016 erklärt, die Voll­jäh­rig­keit wer­de „laut Zivil­ge­setz­buch mit 21 Jah­ren erreicht”. Ange­sichts die­ser aus sich her­aus unkla­ren Geset­zes­la­ge, die zu diver­gie­ren­den Beur­tei­lun­gen in der ober­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung geführt hat, und den unter­schied­li­chen Aus­künf­ten der Behör­den Gui­ne­as sind an die Ermitt­lungs­pflicht höhe­re Anfor­de­run­gen zu stel­len. Das Ober­lan­des­ge­richt hät­te daher hier nicht von der Ein­ho­lung eines aus­sa­ge­kräf­ti­gen Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens abse­hen dür­fen8.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 7. März 2018 – XII ZB 422/​17

  1. BGBl.2009 – II S. 602, 603
  2. vgl. dazu BGH, Beschluss vom 20.12 2017 XII ZB 333/​17 NJW 2018, 613 Rn.19 f. mwN
  3. BGBl.1953 – II S. 559, 560
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 20.12 2017 XII ZB 333/​17 NJW 2018, 613 Rn. 23 mwN
  5. BGH, Beschluss vom 24.05.2017 XII ZB 337/​15 Fam­RZ 2017, 1209 Rn. 13 f. mwN
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 20.12 2017 XII ZB 333/​17 NJW 2018, 613 Rn. 28 mwN
  7. mit Bezug­nah­me auf die Aus­kunft des Jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums der Repu­blik Gui­nea vom 19.04.2016
  8. vgl. BGH, Beschluss vom 20.12 2017 XII ZB 333/​17 NJW 2018, 613 Rn. 27 ff.