Unter­brin­gung bei Alko­hol­ab­hän­gig­keit – und der freie Wil­le des Betrof­fe­nen

Mit den Vor­aus­set­zun­gen der zivil­recht­li­chen Unter­brin­gung bei Alko­hol­ab­hän­gig­keit hat­te sich aktu­ell der Bun­des­ge­richts­hof zu befas­sen:

Unter­brin­gung bei Alko­hol­ab­hän­gig­keit – und der freie Wil­le des Betrof­fe­nen

Gemäß § 1906 Abs. 1 Nr. 1 BGB ist eine Unter­brin­gung des Betreu­ten durch den Betreu­er, die mit Frei­heits­ent­zie­hung ver­bun­den ist, nur zuläs­sig, so lan­ge sie zum Wohl des Betreu­ten erfor­der­lich ist, weil auf­grund einer psy­chi­schen Krank­heit oder geis­ti­gen oder see­li­schen Behin­de­rung des Betreu­ten die Gefahr besteht, dass er sich selbst tötet oder erheb­li­chen gesund­heit­li­chen Scha­den zufügt, und ein ent­ge­gen­ste­hen­der frei­er Wil­le des Betreu­ten nicht besteht.

Alko­ho­lis­mus für sich gese­hen ist kei­ne psy­chi­sche Krank­heit bzw. geis­ti­ge oder see­li­sche Behin­de­rung im Sin­ne von § 1906 Abs. 1 Nr. 1 BGB, so dass allein dar­auf die Geneh­mi­gung der Unter­brin­gung nicht gestützt wer­den darf. Eben­so wenig ver­mag die blo­ße Rück­fall­ge­fahr eine Anord­nung der zivil­recht­li­chen Unter­brin­gung zu recht­fer­ti­gen [1].

Etwas Ande­res gilt nur dann, wenn der Alko­ho­lis­mus ent­we­der im ursäch­li­chen Zusam­men­hang mit einem geis­ti­gen Gebre­chen, ins­be­son­de­re einer psy­chi­schen Erkran­kung steht, oder ein auf den Alko­hol­miss­brauch zurück­zu­füh­ren­der Zustand ein­ge­tre­ten ist, der das Aus­maß eines geis­ti­gen Gebre­chens erreicht hat [1].

Aus der Alko­hol­ab­hän­gig­keit für sich genom­men und dem dar­auf beru­hen­den Man­gel an Steue­rungs­fä­hig­keit in Bezug auf den Kon­sum von Alko­hol kann nicht auf ein Unver­mö­gen zur frei­en Wil­lens­bil­dung geschlos­sen wer­den [2]. Unter der Vor­aus­set­zung eines noch frei­en Wil­lens steht es jedoch nach der Ver­fas­sung jeder­mann frei, Hil­fe zurück­zu­wei­sen, sofern dadurch nicht Rechts­gü­ter ande­rer oder der All­ge­mein­heit in Mit­lei­den­schaft gezo­gen wer­den [3].

Soweit das Gericht von einem krank­heits­be­ding­ten Feh­len des frei­en Wil­lens hin­sicht­lich der Unter­brin­gungs­ent­schei­dung aus­geht, kann dies nur auf einer ver­wert­ba­ren; vom Gesetz gefor­der­ten gut­ach­ter­li­chen Grund­la­ge erfol­gen (§ 321 Abs. 1 FamFG) [4].

Wegen des einer Heil­be­hand­lung gegen­wär­tig noch ent­ge­gen­ste­hen­den frei­en Wil­lens des Betrof­fe­nen sind auch die Vor­aus­set­zun­gen einer Unter­brin­gung zur Heil­be­hand­lung nach § 1906 Abs. 1 Nr. 2 BGB nicht hin­rei­chend fest­ge­stellt [5].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 13. April 2016 – XII ZB 95/​16

  1. BGH, Beschlüs­se vom 25.03.2015 – XII ZA 12/​15, FamRZ 2015, 1017 Rn. 7 ff.; und vom 03.02.2016 – XII ZB 317/​15 3[][]
  2. vgl. BVerfG FamRZ 2015, 565 Rn. 31[]
  3. BGH, Beschluss vom 17.08.2011 – XII ZB 241/​11, FamRZ 2011, 1725 Rn. 12[]
  4. vgl. inso­weit BGH, Beschluss vom 16.12 2015 – XII ZB 381/​15, FamRZ 2016, 456 Rn. 10 mwN[]
  5. vgl. inso­weit BGH, Beschluss vom 23.01.2013 – XII ZB 395/​12, FamRZ 2013, 618 Rn. 10 f.[]