Unter­brin­gung zum Zwe­cke Zwangs­be­hand­lung

Mit den Vor­aus­set­zun­gen der Geneh­mi­gung der Ein­wil­li­gung in eine ärzt­li­che Zwangs­be­hand­lung hat­te sich der Bun­des­ge­richts­hof jetzt erneut1 zu befas­sen:

Unter­brin­gung zum Zwe­cke Zwangs­be­hand­lung

§ 321 Abs. 1 Satz 1 FamFG sieht für das Unter­brin­gungs­ver­fah­ren im Hin­blick auf die damit ein­her­ge­hen­den erheb­li­chen Ein­grif­fe in die Frei­heits­rech­te eine förm­li­che Beweis­auf­nah­me vor, die gemäß § 30 Abs. 1 i.V.m. Abs. 2 FamFG ent­spre­chend der Zivil­pro­zess­ord­nung durch­zu­füh­ren ist. Danach bedarf es zwar nicht zwin­gend eines förm­li­chen Beweis­be­schlus­ses (vgl. § 358 ZPO). Jedoch ist die Ernen­nung des Sach­ver­stän­di­gen dem Betrof­fe­nen wenn nicht förm­lich zuzu­stel­len, so doch zumin­dest vor Beginn der Begut­ach­tung form­los mit­zu­tei­len, damit die­ser gege­be­nen­falls von sei­nem Ableh­nungs­recht nach § 30 Abs. 1 FamFG i.V.m. § 406 ZPO Gebrauch machen kann2.

Die­sen recht­li­chen Anfor­de­run­gen hat das Amts­ge­richt nicht genügt, als es den Sach­ver­stän­di­gen fern­münd­lich beauf­tragt und dies der Betrof­fe­nen nicht mit­ge­teilt hat. Auf die­sem Feh­ler beru­hen die ange­foch­te­nen Ent­schei­dun­gen jedoch nicht. Denn die Betrof­fe­ne hat spä­tes­tens mit Beginn des Explo­ra­ti­ons­ge­sprächs Kennt­nis von der Beauf­tra­gung des Sach­ver­stän­di­gen erlangt. Sie hat den Sach­ver­stän­di­gen im Übri­gen nach Kennt­nis­er­lan­gung nicht gegen­über dem Gericht gemäß § 30 Abs. 1 FamFG i.V.m. § 406 Abs. 2 Satz 1 ZPO abge­lehnt, was hier auch nach der Explo­ra­ti­on und selbst nach Erstat­tung des schrift­li­chen Gut­ach­tens mög­lich gewe­sen wäre. Soweit sie gegen­über dem Sach­ver­stän­di­gen selbst ein­gangs der Unter­su­chung geäu­ßert hat, sie ver­lan­ge im Hin­blick auf das Vor­gut­ach­ten einen neu­en, "unbe­las­te­ten" Gut­ach­ter, stellt das kei­nen ver­fah­rens­recht­lich beacht­li­chen Ableh­nungs­an­trag dar.

Die Zuläs­sig­keit einer zwangs­wei­sen Behand­lung setzt gemäß § 1906 Abs. 3 Satz 1 Nr. 2 BGB vor­aus, dass vor der Ein­wil­li­gung in die ärzt­li­che Zwangs­maß­nah­me ver­sucht wur­de, den Betrof­fe­nen von der Not­wen­dig­keit der ärzt­li­chen Maß­nah­me zu über­zeu­gen und sei­ne auf Ver­trau­en gegrün­de­te Zustim­mung zu errei­chen. Die­ser Ver­such muss ernst­haft, mit dem nöti­gen Zeit­auf­wand und ohne Aus­übung unzu­läs­si­gen Drucks durch eine über­zeu­gungs­fä­hi­ge und berei­te Per­son unter­nom­men wor­den sein, was das Gericht in jedem Ein­zel­fall fest­zu­stel­len und in sei­ner Ent­schei­dung in nach­prüf­ba­rer Wei­se dar­zu­le­gen hat3.

Dem wird die vor­lie­gen­de Ent­schei­dung gerecht: Das Land­ge­richt hat der von ihm ein­ge­hol­ten Stel­lung­nah­me des die Betrof­fe­ne behan­deln­den Sta­ti­ons­arz­tes ent­nom­men, dass seit Janu­ar 2015 min­des­tens zwei­mal wöchent­lich im Rah­men der Visi­ten­ge­sprä­che durch Sta­ti­ons­arzt und Ober­ärz­tin erfolg­los ver­sucht wur­de, der Betrof­fe­nen Sinn­haf­tig­keit, Not­wen­dig­keit und Grün­de der Behand­lung zu ver­mit­teln. Damit sind sowohl hin­sicht­lich der die Über­zeu­gungs­ver­su­che durch­füh­ren­den Per­so­nen als auch zu zeit­li­chem Umfang und inhalt­li­cher Aus­ge­stal­tung die Anfor­de­run­gen erfüllt, die § 1906 Abs. 3 Satz 1 Nr. 2 BGB als mate­ri­ell­recht­li­che Vor­aus­set­zung der Ein­wil­li­gung in die ärzt­li­che Zwangs­be­hand­lung auf­stellt.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 2. Sep­tem­ber 2015 – XII ZB 226/​15

  1. im Anschluss an die BGH, Beschlüs­se vom 14.01.2015 – XII ZB 470/​14 , Fam­RZ 2015, 573; vom 30.07.2014 – XII ZB 169/​14 , Fam­RZ 2014, 1694 und BGHZ 201, 324 = Fam­RZ 2014, 1358 []
  2. BGH, Beschlüs­se vom 19.08.2015 – XII ZB 610/​14 – zur Ver­öf­fent­li­chung bestimmt; und vom 15.09.2010 – XII ZB 383/​10 , Fam­RZ 2010, 1726 Rn.19 []
  3. BGH, Beschlüs­se vom 30.07.2014 – XII ZB 169/​14 , Fam­RZ 2014, 1694 Rn. 15 und BGHZ 201, 324 = Fam­RZ 2014, 1358 Rn. 15; BVerfG Beschluss vom 14.07.2015 – 2 BvR 1549/​14 31 []