Unter­brin­gungs­ver­fah­ren – und das vor­ent­hal­te­ne Gut­ach­ten

Das in einem Unter­brin­gungs­ver­fah­ren ein­ge­hol­te Gut­ach­ten ist mit sei­nem vol­len Wort­laut grund­sätz­lich auch dem Betrof­fe­nen per­sön­lich im Hin­blick auf des­sen Ver­fah­rens­fä­hig­keit zur Ver­fü­gung zu stel­len 1.

Unter­brin­gungs­ver­fah­ren – und das vor­ent­hal­te­ne Gut­ach­ten

Die Ver­wer­tung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens als Ent­schei­dungs­grund­la­ge setzt gemäß § 37 Abs. 2 FamFG vor­aus, dass das Gericht den Betei­lig­ten Gele­gen­heit zur Stel­lung­nah­me ein­ge­räumt hat. Inso­weit ist das Gut­ach­ten mit sei­nem vol­len Wort­laut grund­sätz­lich auch dem Betrof­fe­nen per­sön­lich im Hin­blick auf des­sen Ver­fah­rens­fä­hig­keit (§ 316 FamFG) zur Ver­fü­gung zu stel­len. Davon kann nur unter den Vor­aus­set­zun­gen des § 288 Abs. 1 FamFG abge­se­hen wer­den 2.

Die­sen Anfor­de­run­gen wur­de das Ver­fah­ren in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall nicht gerecht:

Aus der Ver­fü­gung des Amts­ge­richts vom 23.12 2016 ergibt sich, dass das Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten vom 14.12 2016 ledig­lich an den Betreu­er und den Ver­fah­rens­pfle­ger über­sandt wor­den ist. Dem­ge­mäß hat der Betrof­fe­ne in der Anhö­rung vor dem Land­ge­richt aus­ge­führt, dass ihm das Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten vom 14.12 2016 nicht bekannt sei.

Zwar haben der Betreu­er sowie die getrennt leben­de Ehe­frau des Betrof­fe­nen aus­ge­führt, dass mit dem Betrof­fe­nen über das Gut­ach­ten gespro­chen wor­den sei. Das genügt indes nicht, um dem Anspruch des Betrof­fe­nen auf recht­li­ches Gehör gerecht zu wer­den. Da auch kei­ne Grün­de i.S.d. § 325 Abs. 1 FamFG fest­ge­stellt wor­den sind, wonach das Gut­ach­ten dem Betrof­fe­nen nicht hät­te in vol­lem Wort­laut über­ge­ben wer­den dür­fen, war das Gericht von die­ser Ver­pflich­tung nicht ent­bun­den.

Die Ent­schei­dung beruht auf die­sem Feh­ler, weil nicht aus­ge­schlos­sen wer­den kann, dass sich der Betrof­fe­ne nach vol­ler Kennt­nis des Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens anders ein­ge­las­sen und das Land­ge­richt dar­auf­hin eine ande­re Ent­schei­dung getrof­fen hät­te. Dar­an ändern auch die Aus­füh­run­gen in dem land­ge­richt­li­chen Beschluss nichts, denen zufol­ge die­se "psych­ia­tri­sche Dia­gno­se" von dem im Betreu­ungs­ver­fah­ren ein­ge­hol­ten Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten vom 23.01.2017 "auch getra­gen" wird. Zum einen ist nicht ersicht­lich, dass die­ses Gut­ach­ten ord­nungs­ge­mäß in das Ver­fah­ren ein­ge­führt wor­den ist 3. Aus den Akten ergibt sich zudem, dass das besag­te Gut­ach­ten, das der Betreu­er im Beschwer­de­ver­fah­ren an das Land­ge­richt gesandt hat, ledig­lich zu den Akten genom­men wor­den ist. Weder fin­det sich eine Über­sen­dungs­ver­fü­gung an die Betei­lig­ten des Unter­brin­gungs­ver­fah­rens, noch ist das zwei­te Gut­ach­ten in der Anhö­rung vor dem Land­ge­richt the­ma­ti­siert wor­den. Zum ande­ren zieht das Land­ge­richt das zwei­te Gut­ach­ten nur für die Dia­gno­se her­an, nicht aber für die übri­gen, im Beweis­be­schluss des Amts­ge­richts auf­ge­wor­fe­nen Fra­gen, wie etwa die Erfor­der­lich­keit der Unter­brin­gung und das Vor­lie­gen eines frei­en Wil­lens.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 19. Juli 2017 – XII ZB 183/​17

  1. im Anschluss an BGH, Beschluss vom 22.03.2017 – XII ZB 358/​16 Fam­RZ 2017, 996[]
  2. BGH, Beschlüs­se vom 22.03.2017 – XII ZB 358/​16 Fam­RZ 2017, 996 Rn. 15; und vom 07.08.2013 – XII ZB 691/​12 Fam­RZ 2013, 1725 Rn. 11 mwN[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 05.10.2016 – XII ZB 152/​16 Fam­RZ 2017, 48 Rn. 7 f.[]