Unter­brin­gungs­ver­fah­ren – und die unter­blie­be­ne Anhö­rung

Der im Grund­ge­setz ver­an­ker­te Anspruch auf Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs ist eine Fol­ge­rung aus dem Rechts­staats­ge­dan­ken für das Gebiet des gericht­li­chen Ver­fah­rens 1. Der Ein­zel­ne soll nicht blo­ßes Objekt des gericht­li­chen Ver­fah­rens sein, son­dern er soll vor einer Ent­schei­dung, die sei­ne Rech­te betrifft, zu Wor­te kom­men, um Ein­fluss auf das Ver­fah­ren und sein Ergeb­nis neh­men zu kön­nen 2.

Unter­brin­gungs­ver­fah­ren – und die unter­blie­be­ne Anhö­rung

er Anspruch auf recht­li­ches Gehör schützt so auch vor Über­ra­schungs­ent­schei­dun­gen 3. Da die Unter­brin­gung einen erheb­li­chen Grund­rechts­ein­griff bedeu­tet, der nur zuläs­sig ist, wenn der Betrof­fe­ne sei­nen Wil­len nicht frei bestim­men kann und infol­ge­des­sen sich oder ande­re gefähr­det, kommt in einem Unter­brin­gungs­ver­fah­ren dem Recht des Betrof­fe­nen, auf die Sach­ver­halts­er­mitt­lung und Ent­schei­dungs­fin­dung des zustän­di­gen Betreu­ungs­ge­richts in Anhö­run­gen und Stel­lung­nah­men ein­wir­ken zu kön­nen, beson­de­re Bedeu­tung zu 4.

Dem trägt das ein­fa­che Recht in § 322 in Ver­bin­dung mit § 283 Abs. 3 Satz 2 FamFG durch eine grund­sätz­lich zwin­gen­de Anhö­rung vor einer Vor­füh­rungs­an­ord­nung im Unter­brin­gungs­ver­fah­ren Rech­nung 5. Die­se Anhö­rung schützt den Betrof­fe­nen daher auch vor einer über­ra­schen­den zwangs­wei­sen Vor­füh­rung 6.

Unter Berück­sich­ti­gung der vor­ge­nann­ten Maß­stä­be hält in dem hier ent­schie­de­nen Fall der ange­grif­fe­ne Beschluss des Amts­ge­richts Sol­tau 7 einer ver­fas­sungs­recht­li­chen Prü­fung nicht stand. Das Betreu­ungs­ge­richt hat­te zwar am 13.02.2018 Kon­takt zu der Betrof­fe­nen. Dabei han­del­te es sich jedoch nicht um eine Anhö­rung im Hin­blick auf den ange­grif­fe­nen Beschluss. Nach­dem das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt mit Beschluss vom 15.02.2018 die ers­te Unter­su­chungs­an­ord­nung des Amts­ge­richts 8 bis zur Ent­schei­dung über die Haupt­sa­che einst­wei­len aus­ge­setzt hat­te, muss­te die Betrof­fe­ne zudem nicht damit rech­nen, dass die Unter­su­chung, wenn auch nicht in ihrer Woh­nung, son­dern in Räum­lich­kei­ten des Gerichts, zu dem im aus­ge­setz­ten Beschluss avi­sier­ten Zeit­punkt auf der Grund­la­ge eines neu­en Beschlus­ses doch statt­fin­den wer­de.

Im Hin­blick auf die Erle­di­gung des Beschlus­ses durch Zeit­ab­lauf blieb für die Auf­he­bung der amts­ge­richt­li­chen Anord­nung durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt kein Raum. Die Ent­schei­dung beschränk­te sich des­halb auf die Fest­stel­lung einer Ver­let­zung des Grund­ge­set­zes 9.

Ob die ange­grif­fe­ne Ent­schei­dung dar­über hin­aus wei­te­re Grund­rech­te der Betrof­fe­nen ver­letzt, kann dahin­ste­hen, weil bereits die Ver­let­zung von Art. 103 Abs. 1 GG zur Fest­stel­lung eines Ver­fas­sungs­ver­sto­ßes führt 10.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 11. April 2018 – 2 BvR 328/​18

  1. vgl. BVerfGE 74, 220, 224[]
  2. vgl. BVerfGE 9, 89, 96; 55, 1, 5 f.; 57, 250, 275; 84, 188, 189 f.; 86, 133, 144; 89, 28, 35; 107, 395, 410[]
  3. vgl. BVerfGE 107, 395, 410[]
  4. vgl. in Bezug auf die Ein­rich­tung einer Betreu­ung BVerfG, Beschluss vom 12.01.2011 – 1 BvR 2539/​10, Rn. 26[]
  5. vgl. BT-Drs. 17/​10490, S. 21; Kretz, in: Jür­gens, Betreu­ungs­recht, 5. Aufl.2014, § 283 FamFG Rn. 4; Bu?i?, in: Jur­ge­leit, Betreu­ungs­recht, 3. Aufl.2013, § 283 FamFG Rn. 16; Beer­mann, in: Horndasch/​Viefhues, FamFG, 3. Aufl.2014, § 283 Rn. 8[]
  6. Bud­de, in: Kei­del, FamFG, 19. Aufl.2017, § 283 Rn. 5[]
  7. AG Sol­tau, Beschluss vom 20.02.2018 – 6 XVII L 405[]
  8. AG Sol­tau, Beschluss vom 08.02.2018 – 6 XVII L 405[]
  9. vgl. BVerfGE 42, 212, 222[]
  10. vgl. BVerfGE 128, 226, 268[]