Unter­halts­pflich­ten – und der ehe­an­ge­mes­se­ne Selbst­be­halt

Die Bemes­sung des ehe­an­ge­mes­se­nen Selbst­be­halts ist Auf­ga­be des Tatrich­ters. Dabei ist es die­sem nicht ver­wehrt, sich an Erfah­rungs­und Richt­wer­te anzu­leh­nen, sofern nicht im Ein­zel­fall beson­de­re Umstän­de eine Abwei­chung gebie­ten. Die Erfah­rungs­und Richt­wer­te kön­nen dabei auch eine Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen erwerbs­tä­ti­gen und nicht erwerbs­tä­ti­gen Unter­halts­pflich­ti­gen vor­se­hen 1.

Unter­halts­pflich­ten – und der ehe­an­ge­mes­se­ne Selbst­be­halt

Die Leis­tungs­fä­hig­keit des Antrag­stel­lers ergibt sich aus sei­nen Ein­künf­ten abzüg­lich eines ihm zu belas­sen­den Selbst­be­halts. Eine Unter­halts­pflicht besteht jeden­falls dann nicht, wenn der Unter­halts­schuld­ner infol­ge einer sol­chen Pflicht selbst sozi­al­hil­fe­be­dürf­tig wür­de. Denn dem Unter­halts­pflich­ti­gen muss schon aus ver­fas­sungs­recht­li­chen Grün­den jeden­falls der Betrag ver­blei­ben, der sei­nen eige­nen Lebens­be­darf nach sozi­al­hil­fe­recht­li­chen Grund­sät­zen sicher­stellt. Die finan­zi­el­le Leis­tungs­fä­hig­keit endet des­we­gen jeden­falls dann, wenn der Unter­halts­pflich­ti­ge nicht mehr in der Lage ist, sei­ne eige­ne Exis­tenz zu sichern. Bei der Bemes­sung des Selbst­be­halts, die nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs grund­sätz­lich Auf­ga­be des Tatrich­ters ist, sind zusätz­lich die gesetz­li­chen Vor­ga­ben zu beach­ten, die sich ins­be­son­de­re aus dem Wesen der Unter­halts­pflicht erge­ben 2.

der Leit­li­ni­en des Ober­lan­des­ge­richts Hamm dif­fe­ren­ziert zwi­schen dem ehe­an­ge­mes­se­nen Selbst­be­halt für Nicht­er­werbs­tä­ti­ge (1.090 €) und für Erwerbs­tä­ti­ge (1.200 €). Die­se Dif­fe­ren­zie­rung wird über die Leit­li­ni­en des Ober­lan­des­ge­richts Hamm hin­aus gegen­wär­tig nur von den Ober­lan­des­ge­rich­ten Frank­furt, Braun­schweig, Cel­le, Hamm, Karls­ru­he, Stutt­gart und dem 2. und dem 6. Zivil­se­nat des Ober­lan­des­ge­richts Zwei­brü­cken 3 vor­ge­nom­men, wäh­rend die über­wie­gen­de Zahl der Leit­li­ni­en der Ober­lan­des­ge­rich­te Kam­mer­ge­richt Ber­lin, Ober­lan­des­ge­rich­te Bre­men, Bran­den­burg, Düs­sel­dorf, Ham­burg, Jena, Koblenz, Köln, Naum­burg, Olden­burg, Ros­tock, Saar­brü­cken und Schles­wig 4 eine sol­che Dif­fe­ren­zie­rung beim Ehe­gat­ten­un­ter­halt ablehnt.

Indes­sen hat der Bun­des­ge­richts­hof bereits wie­der­holt ent­schie­den, dass ein erhöh­ter Selbst­be­halt des Erwerbs­tä­ti­gen im Rah­men der Leis­tungs­fä­hig­keit wie der Erwerbs­tä­ti­gen­bo­nus im Rah­men der Bedarfs­be­mes­sung die Fort­füh­rung der Erwerbs­tä­tig­keit hono­riert 5. Ist der Unter­halts­pflich­ti­ge aller­dings nicht erwerbs­tä­tig, ent­fällt auch die­se Recht­fer­ti­gung 6. Soweit der Tatrich­ter im Rah­men der Leis­tungs­fä­hig­keit auch beim Ehe­gat­ten­un­ter­halt eine ent­spre­chen­de Dif­fe­ren­zie­rung vor­nimmt, ist dies daher aus Rechts­grün­den nicht zu bean­stan­den 7.

Nach der Berech­nung des Ober­lan­des­ge­richts ist der ehe­an­ge­mes­se­ne Selbst­be­halt von 1.090 € nach Nr. 21.4 der Leit­li­ni­en des Ober­lan­des­ge­richts Hamm für den nicht erwerbs­tä­ti­gen Antrag­stel­ler gewahrt. Die Vor­aus­set­zun­gen einer Anpas­sung des Selbst­be­halts, wie sie in Nr. 21.5 die­ser Leit­li­ni­en gere­gelt ist, hat das Ober­lan­des­ge­richt ver­neint. Dabei hat es dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die Leit­li­ni­en aus­weis­lich ihrer Vor­be­mer­kung kei­ne ver­bind­li­chen Regeln dar­stel­len, son­dern ledig­lich dazu bei­tra­gen sol­len, ange­mes­se­ne Lösun­gen zu fin­den, ohne den Spiel­raum ein­zu­en­gen, der erfor­der­lich ist, um den jewei­li­gen Beson­der­hei­ten des Ein­zel­falls gerecht zu wer­den. Daher hat das Ober­lan­des­ge­richt zusätz­lich noch geprüft, ob wei­te­re Gesichts­punk­te vor­lie­gend für eine Erhö­hung des Selbst­be­halts des Antrag­stel­lers spre­chen könn­ten, dies aber im Ergeb­nis ver­neint, da der Antrag­stel­ler kon­kre­te Mehr­kos­ten nicht vor­ge­tra­gen hat.

Die­se Aus­füh­run­gen des Ober­lan­des­ge­richts las­sen Rechts­feh­ler nicht erken­nen, zumal die Rechts­be­schwer­de­be­grün­dung auch kei­ne kon­kre­ten Mehr­kos­ten benen­nen kann, deren Vor­trag das Ober­lan­des­ge­richt etwa über­gan­gen haben soll­te.

Eben­so wenig ist es zu bean­stan­den, dass das Ober­lan­des­ge­richt Hamm einen ange­mes­se­nen Selbst­be­halt des nicht erwerbs­tä­ti­gen Antrag­stel­lers von 1.090 € nach Nr. 21.4 sei­ner Leit­li­ni­en als gewahrt ange­se­hen hat.

Da die Ein­künf­te des Antrag­stel­lers nicht um Haus­kos­ten und Grund­steu­er zu kür­zen sind, kann dar­aus auch kei­ne Unter­schrei­tung des Selbst­be­halts her­ge­lei­tet wer­den. Auch der Regel­satz der Sozi­al­hil­fe wird selbst dann nicht unter­schrit­ten, wenn man berück­sich­tigt, dass in dem vom Ober­lan­des­ge­richt ange­nom­me­nen Selbst­be­halt von 1.090 € der Wohn­wert von 400 € ent­hal­ten ist.

Eine Abän­de­rung des Ver­gleichs ist auch nicht im Hin­blick dar­auf gebo­ten, dass der Unter­halts­be­darf der Antrags­geg­ne­rin den ehe­an­ge­mes­se­nen Selbst­be­halt des Antrag­stel­lers über­stei­ge. Dass das Ober­lan­des­ge­richt dem Halb­tei­lungs­grund­satz Rech­nung getra­gen hat, zeigt sich im Ver­gleich des dem unter­halts­pflich­ti­gen Antrag­stel­ler tat­säch­lich ver­blei­ben­den Selbst­be­halts (1.090 €) mit dem der Antrags­geg­ne­rin tat­säch­lich zur Ver­fü­gung ste­hen­den Ele­men­tar­un­ter­halt (1.075 €). Soweit hier­ge­gen ein­ge­wen­det wird, dass im Selbst­be­halt des Antrag­stel­lers ein geld­wer­ter Vor­teil des miet­frei­en Woh­nens in Höhe von 400 € ent­hal­ten sei, steht dem gegen­über, dass die Antrags­geg­ne­rin aus ihrem Ele­men­tar­un­ter­halt auch die Mie­te für ihre Woh­nung zah­len muss.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 16. Okto­ber 2019 – XII ZB 341/​17

  1. Fort­füh­rung von BGH, Urteil vom 17.03.2010 XII ZR 204/​08 Fam­RZ 2010, 802[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 19.11.2008 XII ZR 129/​06 Fam­RZ 2009, 307 Rn. 23 mwN[]
  3. vgl. Anmer­kung zu Nr. 21.4 SüdL[]
  4. jeweils unter Nr. 21.4 der Unter­halts­leit­li­ni­en[]
  5. vgl. auch BGH, Beschluss vom 13.11.2019 XII ZB 3/​19 zur Ver­öf­fent­li­chung bestimmt[]
  6. vgl. BGH, Urtei­le vom 19.11.2008 XII ZR 129/​06 Fam­RZ 2009, 307 Rn. 15, 25, 27; und vom 09.01.2008 XII ZR 170/​05 Fam­RZ 2008, 594 Rn. 26[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 17.03.2010 XII ZR 204/​08 Fam­RZ 2010, 802 Rn. 27 mwN; vgl. auch BGH, Beschluss BGHZ 210, 124 = Fam­RZ 2016, 1142 Rn. 7 f., 26 bezüg­lich der Leit­li­ni­en des OLG Hamm[]