Unwirk­sa­mer Ver­zicht auf nach­ehe­li­chen Unter­halt

Hält ein ehe­ver­trag­lich ver­ein­bar­ter Ver­zicht auf nach­ehe­li­chen Unter­halt der rich­ter­li­chen Aus­übungs­kon­trol­le nicht stand, so muss die anzu­ord­nen­de Rechts­fol­ge im Lich­te des Unter­halts­rechts und damit auch der zum 1. Janu­ar 2008 in Kraft getre­te­nen Unter­halts­rechts­re­form und deren Ände­run­gen gese­hen wer­den. Des­halb ist zu berück­sich­ti­gen, dass § 1570 BGB nur noch einen auf drei Jah­re begrenz­ten Basis­un­ter­halt vor­sieht, der aus kind- und eltern­be­zo­ge­nen Grün­den ver­län­gert wer­den kann.

Unwirk­sa­mer Ver­zicht auf nach­ehe­li­chen Unter­halt

Die Par­tei­en haben im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall Ansprü­che auf nach­ehe­li­chen Unter­halt durch den am 19.05.1994 abge­schlos­se­nen Ehe­ver­trag wirk­sam aus­ge­schlos­sen.

Rich­ter­li­che Inhalts­kon­trol­le

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs unter­lie­gen die gesetz­li­chen Rege­lun­gen über nach­ehe­li­chen Unter­halt, Zuge­winn- und Ver­sor­gungs­aus­gleich grund­sätz­lich der ver­trag­li­chen Dis­po­si­ti­on der Ehe­gat­ten. Die Dis­po­ni­bi­li­tät der Schei­dungs­fol­gen darf aller­dings nicht dazu füh­ren, dass der Schutz­zweck der gesetz­li­chen Rege­lun­gen durch ver­trag­li­che Ver­ein­ba­run­gen belie­big unter­lau­fen wer­den kann. Das wäre der Fall, wenn dadurch eine evi­dent ein­sei­ti­ge und durch die indi­vi­du­el­le Gestal­tung der ehe­li­chen Lebens­ver­hält­nis­se nicht gerecht­fer­tig­te Las­ten­ver­tei­lung ent­stün­de, die hin­zu­neh­men für den belas­te­ten Ehe­gat­ten – bei ange­mes­se­ner Berück­sich­ti­gung der Belan­ge des ande­ren Ehe­gat­ten und sei­nes Ver­trau­ens in die Gel­tung der getrof­fe­nen Abre­de – unzu­mut­bar erscheint 1.

Bei einer sol­che ein­sei­ti­gen Las­ten­ver­tei­lung wäre die Aner­ken­nung der Rechts­ord­nung wegen Ver­sto­ßes gegen die guten Sit­ten zu ver­sa­gen (§ 138 Abs. 1 BGB).

Rich­ter­li­che Aus­übungs­kon­trol­le

Soweit ein Ehe­ver­trag im Rah­men der Inhalts­kon­trol­le nicht zu bean­stan­den und auch nicht aus sons­ti­gen Grün­den sit­ten­wid­rig ist, muss der Rich­ter – im Rah­men einer Aus­übungs­kon­trol­le – prü­fen, ob und inwie­weit es einem Ehe­gat­ten nach Treu und Glau­ben (§ 242 BGB) ver­wehrt ist, sich auf eine ihn begüns­ti­gen­de Rege­lung zu beru­fen. Ent­schei­dend ist inso­fern, ob sich im Zeit­punkt des Schei­terns der Ehe aus dem ver­ein­bar­ten Aus­schluss der Schei­dungs­fol­ge eine evi­dent ein­sei­ti­ge, unzu­mut­ba­re Las­ten­ver­tei­lung ergibt. Hält die Beru­fung eines Ehe­gat­ten auf die getrof­fe­ne Rege­lung der Aus­übungs­kon­trol­le nicht stand, so führt dies weder zur Unwirk­sam­keit des Aus­schlus­ses der gesetz­li­chen Schei­dungs­fol­ge noch dazu, dass die gesetz­li­che Rege­lung in Voll­zug gesetzt wird. Der Rich­ter hat viel­mehr die­je­ni­ge Rechts­fol­ge anzu­ord­nen, die den berech­tig­ten Belan­gen bei­der Par­tei­en in der ein­ge­tre­te­nen Situa­ti­on in aus­ge­wo­ge­ner Wei­se Rech­nung trägt 2. Auch die Grund­sät­ze über den Weg­fall der Geschäfts­grund­la­ge (§ 313 BGB) fin­den auf Ehe­ver­trä­ge Anwen­dung, soweit die tat­säch­li­che Gestal­tung der ehe­li­chen Lebens­ver­hält­nis­se von der ursprüng­li­chen Lebens­pla­nung, die die Ehe­gat­ten dem Ehe­ver­trag zugrun­de gelegt haben, abweicht. In die­sem Fall kann eine Ver­trags­an­pas­sung vor­zu­neh­men sein 3.

Rechts­fol­gen der Aus­übungs­kon­trol­le

Wenn die Beru­fung eines Ehe­gat­ten auf den Aus­schluss einer Schei­dungs­fol­ge der Aus­übungs­kon­trol­le nicht stand­hält, so wird aller­dings nicht not­wen­di­ger­wei­se die vom Gesetz vor­ge­se­he­ne, aber ver­trag­lich aus­ge­schlos­se­ne Schei­dungs­fol­ge in Voll­zug gesetzt. Der Rich­ter hat viel­mehr die­je­ni­ge Rechts­fol­ge anzu­ord­nen, die den Belan­gen bei­der Par­tei­en in aus­ge­wo­ge­ner Wei­se Rech­nung trägt 4. Dabei darf er den durch den Ehe­ver­trag benach­tei­lig­ten Ehe­gat­ten nicht bes­ser stel­len, als die­ser ohne die ver­trag­li­che Rege­lung stün­de. Die Par­tei­en hat­ten im hier ent­schie­de­nen Fall gegen­sei­tig auf Unter­halt ver­zich­tet. Da die von ihnen gewoll­ten Rechts­fol­gen – unter Wah­rung des Ver­trags­wil­lens im Übri­gen – nur an die ver­än­der­te tat­säch­li­che oder recht­li­che Lage ange­passt wer­den dür­fen, bil­den somit die gesetz­li­chen Kri­te­ri­en des § 1570 BGB, auf den die Antrags­geg­ne­rin ihren Unter­halts­an­spruch auf Grund der Betreu­ung der Kin­der stützt, die Ober­gren­ze. Die im Rah­men der Aus­übungs­kon­trol­le anzu­ord­nen­de Rechts­fol­ge muss des­halb im Lich­te des Unter­halts­rechts, damit aber auch der zum 1.01.2008 in Kraft getre­te­nen Unter­halts­rechts­re­form und deren Ände­run­gen gese­hen wer­den. Dage­gen kommt eine Her­an­zie­hung des § 1578 b BGB jeden­falls für die Fra­ge einer Befris­tung des Betreu­ungs­un­ter­halts nicht in Betracht, da § 1570 BGB inso­weit eine Son­der­re­ge­lung für die Bil­lig­keits­ab­wä­gung ent­hält. Nicht aus­ge­schlos­sen ist aller­dings eine Her­ab­set­zung des Unter­halts auf das Niveau des ange­mes­se­nen eige­nen Lebens­be­darfs nach dem Rechts­ge­dan­ken des § 1578 b Abs. 1 BGB 5.

Von daher steht im Vor­der­grund, dass der Grund­satz der Eigen­ver­ant­wor­tung (§ 1569 Satz 1 BGB) gestärkt und der Unter­halts­an­spruch wegen Betreu­ung eines Kin­des grund­le­gend umge­stal­tet wor­den ist. § 1570 BGB sieht nun­mehr einen auf drei Jah­re befris­te­ten Basis­un­ter­halt vor, der aus kind- und eltern­be­zo­ge­nen Grün­den ver­län­gert wer­den kann, wenn dies der Bil­lig­keit ent­spricht. Für Kin­der, die das drit­te Lebens­jahr voll­endet haben, ist der Vor­rang der per­sön­li­chen Betreu­ung gegen­über ande­ren kind­ge­rech­ten Betreu­ungs­mög­lich­kei­ten auf­ge­ge­ben wor­den. In dem Umfang, in dem das Kind nach Voll­endung des drit­ten Lebens­jah­res die Schu­le oder eine kind­ge­rech­te Ein­rich­tung besucht oder unter Berück­sich­ti­gung der indi­vi­du­el­len Ver­hält­nis­se besu­chen könn­te, kann sich der betreu­en­de Eltern­teil nicht mehr auf die Not­wen­dig­keit einer per­sön­li­chen Betreu­ung des Kin­des und somit nicht mehr auf kind­be­zo­ge­ne Ver­län­ge­rungs­grün­de beru­fen 6.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 2. Febru­ar 2011 – XII ZR 11/​09

  1. BGH, Urtei­le BGHZ 158, 81 = Fam­RZ 2004, 601; vom 25.05.2005 – XII ZR 296/​01, Fam­RZ 2005, 1444 und vom 17.10.2007 – XII ZR 96/​05, Fam­RZ 2008, 386, 387[]
  2. vgl. grund­le­gend BGH, Urteil BGHZ 158, 81 = Fam­RZ 2004, 601, 606[]
  3. BGH, Urtei­le vom 17.10.2007 – XII ZB 96/​05, Fam­RZ 2008, 386 Rn. 36 und vom 25.05.2005 – XII ZR 296/​01, Fam­RZ 2005, 1444, 1448[]
  4. BGH, Urteil BGHZ 158, 81 = Fam­RZ 2004, 601, 606[]
  5. vgl. BGH, Urtei­le vom 06.05.2009 – XII ZR 114/​08, Fam­RZ 2009, 1124 Rn. 55 ff., vom 21.04.2010 – XII ZR 134/​08, Fam­RZ 2010, 1050 Rn. 50; und vom 15.09. 2010 – XII ZR 20/​09, Fam­RZ 2010, 1880 Rn. 33 f.[]
  6. BGH, Urteil vom 15.09. 2010 – XII ZR 20/​09, Fam­RZ 2010, 1880 Rn. 24 mwN[]