Vater­schafts­an­fech­tung durch den leib­li­chen Vater

Die beschränk­ten gesetz­li­chen Mög­lich­kei­ten der Vater­schafts­an­fech­tung für den bio­lo­gi­schen Vater sind ver­fas­sungs­ge­mäß. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat die bis­he­ri­ge Recht­spre­chung zur Vater­schafts­an­fech­tung durch den bio­lo­gi­schen Vater bekräf­tigt. Hier­nach ist es mit dem Eltern­recht des Art. 6 Abs. 2 GG ver­ein­bar, den bio­lo­gi­schen Vater von der Anfech­tung aus­zu­schlie­ßen, um eine bestehen­de recht­lich-sozia­le Fami­lie zu schüt­zen.

Vater­schafts­an­fech­tung durch den leib­li­chen Vater

In dem hier vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ent­schie­de­nen Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist der Beschwer­de­füh­rer über­zeugt, bio­lo­gi­scher Vater einer Toch­ter zu sein, die in die Ehe ihrer Mut­ter mit einem ande­ren Mann hin­ein­ge­bo­ren wur­de. Der Ehe­mann ist recht­li­cher Vater des Kin­des. Die außer­ehe­li­che Bezie­hung der Mut­ter zum Beschwer­de­füh­rer, deren Inten­si­tät im fami­li­en­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren strei­tig blieb, ende­te, als das Kind vier Mona­te alt war. Seit das Kind elf Mona­te alt ist, lebt es mit der Mut­ter, deren Ehe­mann und mit den min­der­jäh­ri­gen Geschwis­tern in einem gemein­sa­men Haus­halt.

Eine Vater­schafts­an­fech­tungs­kla­ge des Beschwer­de­füh­rers blieb vor dem Amts­ge­richt Zwi­ckau 1 und dem Ober­lan­des­ge­richt Dres­den 2 erfolg­los, da die sozi­al-fami­liä­re Bezie­hung zwi­schen dem Kind und sei­nem recht­li­chen Vater gemäß § 1600 Abs. 2 BGB einer Anfech­tung ent­ge­gen­stün­de.

Hier­ge­gen wen­det sich der Beschwer­de­füh­rer. Er hält die Abwei­sung sei­ner Vater­schafts­an­fech­tungs­kla­ge für ver­fas­sungs­wid­rig; sie ver­let­ze unter ande­rem Art. 6 Abs. 1 und Abs. 2 GG sowie Art.20 Abs. 3 GG in Ver­bin­dung mit Art. 8 EMRK. Der Gesetz­ge­ber sei ver­fas­sungs­recht­lich ver­pflich­tet, dem bio­lo­gi­schen Vater die recht­li­che Eltern­stel­lung ein­zu­räu­men, es sei denn, nach einer Inter­es­sen­ab­wä­gung im Ein­zel­fall stün­den aus­nahms­wei­se gleich­ran­gi­ge Inter­es­sen ande­rer Betei­lig­ter ent­ge­gen. Gefähr­de eine Anfech­tung im kon­kre­ten Ein­zel­fall weder das Kin­des­wohl noch den Fami­li­en­frie­den, müs­se sich der bio­lo­gi­sche Vater durch­set­zen. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nahm die Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zur Ent­schei­dung an:

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat bereits fest­ge­stellt, dass es mit Art. 6 Abs. 2 GG ver­ein­bar ist, den mut­maß­li­chen bio­lo­gi­schen Vater zum Schutz der recht­lich-sozia­len Fami­lie von der Vater­schafts­an­fech­tung aus­zu­schlie­ßen, auch wenn der bio­lo­gi­sche Vater vor­trägt, vor und in den Mona­ten nach der Geburt eine sozi­al-fami­liä­re Bezie­hung zum Kind auf­ge­baut zu haben und hat für die­sen Fall ledig­lich aus Art. 6 Abs. 1 GG ein Umgangs­recht abge­lei­tet 3. Aus der Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te folgt nichts ande­res. Der Gerichts­hof hat ins­be­son­de­re klar­ge­stellt, dass die Ent­schei­dung dar­über, ob dem bio­lo­gi­schen Vater in dem Fall, dass die recht­li­che Vater­schaft mit der Rol­le als sozia­ler Vater über­ein­stimmt, die Anfech­tung der Vater­schaft gestat­tet wer­den soll, inner­halb des Beur­tei­lungs­spiel­raums des Staats liegt 4.

Vor die­sem Hin­ter­grund wirft die Ver­fas­sungs­be­schwer­de nach Ansicht des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts kei­ne klä­rungs­be­dürf­ti­ge ver­fas­sungs­recht­li­che Fra­ge von grund­sätz­li­cher Bedeu­tung auf. Auch habe der Beschwer­de­füh­rer nicht dar­ge­legt, dass die ange­grif­fe­nen fach­ge­richt­li­chen Ent­schei­dun­gen unter Her­an­zie­hung der genann­ten ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung sei­ne Grund­rech­te ver­let­zen.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 4. Dezem­ber 2013 – 1 BvR 1154/​10

  1. AG Zwi­ckau, Urteil vom 30.10.2009 – 8 F 502/​09[]
  2. OLG Dres­den, Urteil vom 19.03.2010 – 20 UF 730/​09; Beschluss vom 08.04.2010 – 20 UF 730/​09[]
  3. BVerfGE 108, 82, 87 f., 90, 106, 109, 112 f.[]
  4. EGMR, Urtei­le vom 22.03.2012 – Beschwer­de-Nr. 23.338/​09, Kautzor/​Deutsch­land, Rn. 78 ff. und – Beschwer­de-Nr. 45.071/​09, Ahrends/​Deutschland, Rn. 74 ff.; Ent­schei­dung vom 11.12.2012 – Beschwer­de-Nr. 11858/​10, Koppikar/​Deutschland[]