Vater­schafts­an­fech­tung und PKH für die Kinds­mut­ter

Wenn die Kin­des­mut­ter einem Ver­fah­ren auf Anfech­tung der Vater­schaft zur Wah­rung ihrer eige­nen Rech­te auf Sei­ten des Kin­des bei­tritt, ist die Rechts­ver­fol­gung nach einer aktu­el­len Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs regel­mä­ßig nicht mut­wil­lig im Sin­ne der für Alt­ver­fah­ren noch anwend­ba­ren Vor­schrift des § 114 Satz 1 ZPO, auch wenn sie kei­ne wei­te­ren Bei­trä­ge zur Pro­zess­för­de­rung leis­ten kann.

Vater­schafts­an­fech­tung und PKH für die Kinds­mut­ter

Einem Neben­in­ter­ve­ni­en­ten kann nach sei­nem Bei­tritt eben­so wie einer Pro­zess­par­tei Pro­zess­kos­ten­hil­fe bewil­ligt wer­den. Dabei ist das Gericht auf der Grund­la­ge der per­sön­li­chen Ver­hält­nis­se des Streit­hel­fers an die gesetz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die Bewil­li­gung der Pro­zess­kos­ten­hil­fe nach den §§ 114, 115 ZPO und für die Bei­ord­nung eines Rechts­an­walts nach § 121 ZPO gebun­den 1. Das gilt auch für einen Neben­in­ter­ve­ni­en­ten in einer Kind­schafts­sa­che (jetzt Abstam­mungs­sa­che). Da die Mut­ter in dem Pro­zess des Vaters auf Anfech­tung der Vater­schaft nach § 640 e ZPO a.F. zwin­gend zu betei­li­gen ist, unter­schei­det sich ihre Stel­lung nach ihrem Bei­tritt zum Pro­zess inso­weit nicht von der­je­ni­gen einer Par­tei des Rechts­streits. Ihr ist des­we­gen wie einer Par­tei des Rechts­streits und unter den­sel­ben Vor­aus­set­zun­gen Pro­zess­kos­ten­hil­fe zu bewil­li­gen. Das gilt auch für Ver­fah­ren mit Amts­er­mitt­lungs­grund­satz. Auch in sol­chen Ver­fah­ren darf eine mit­tel­lo­se Par­tei nicht schlech­ter gestellt wer­den als eine Par­tei, die die Kos­ten des Rechts­streits selbst auf­brin­gen kann 2. Einem Neben­in­ter­ve­ni­en­ten im Vater­schafts­an­fech­tungs­ver­fah­ren kann die begehr­te Pro­zess­kos­ten­hil­fe aber ver­sagt wer­den, wenn die beab­sich­tig­te Rechts­ver­fol­gung bzw. Rechts­ver­tei­di­gung kei­ne hin­rei­chen­de Aus­sicht auf Erfolg bie­tet oder mut­wil­lig ist (§ 114 ZPO). Eine Ver­let­zung des recht­li­chen Gehörs (Art. 103 Abs. 1 GG) liegt dann nicht vor 3.

Strei­tig ist aller­dings, ob der Bei­tritt der Mut­ter in einem Ver­fah­ren des Vaters auf Anfech­tung der Vater­schaft mut­wil­lig ist, wenn kei­ne kon­kre­te Unter­stüt­zung der Pro­zess­par­tei mög­lich oder beab­sich­tigt ist.

Teil­wei­se wird die Auf­fas­sung ver­tre­ten, die durch den Bei­tritt der Mut­ter erfolg­te Pro­zess­füh­rung sei mut­wil­lig, wenn die Abstam­mung des Kin­des nur durch ein Gut­ach­ten zu klä­ren sei und die Neben­in­ter­ve­ni­en­tin kei­nen Ein­fluss auf den Pro­zess habe 4. Die Pro­zess­füh­rung durch den Neben­in­ter­ve­ni­en­ten sei auch dann mut­wil­lig, wenn das Kind im Rah­men einer Ergän­zungs­pfleg­schaft durch das sach­kun­di­ge Jugend­amt ver­tre­ten wer­de und des­we­gen eine zusätz­li­che Rechts­ver­fol­gung durch die Mut­ter zur Wah­rung der Rech­te des Kin­des nicht erfor­der­lich sei 5. Der Mut­ter sei Pro­zess­kos­ten­hil­fe stets zu ver­sa­gen, wenn sie einem der Sache nach "unstrei­ti­gen" Ehe­lich­keits­an­fech­tungs­pro­zess bei­tre­ten wol­le, aber weder eige­ne Inter­es­sen oder Inter­es­sen der unter­stütz­ten Par­tei wah­ren noch selb­stän­di­ge Bei­trä­ge zur Pro­zess­för­de­rung leis­ten kön­ne 6.

Nach ande­rer Auf­fas­sung ist ent­schei­dend dar­auf abzu­stel­len, dass die dem Anfech­tungs­pro­zess bei­tre­ten­de Mut­ter wie eine Par­tei des Anfech­tungs­pro­zes­ses zu behan­deln ist. Ihr sei des­we­gen auf Antrag regel­mä­ßig Pro­zess­kos­ten­hil­fe zu bewil­li­gen 7. Im Rah­men der zu bewil­li­gen­den Pro­zess­kos­ten­hil­fe sei der Mut­ter ein Rechts­an­walt bei­zu­ord­nen, wenn die Ver­tre­tung durch einen Anwalt erfor­der­lich schei­ne oder auch der Geg­ner durch einen Anwalt ver­tre­ten sei 8. Der Grund­satz der Waf­fen­gleich­heit sei nicht bereits dadurch gewahrt, dass die Par­tei, die der Streit­hel­fer unter­stüt­ze, anwalt­lich oder sach­kun­dig ver­tre­ten wer­de 9.

Der Bun­des­ge­richts­hof schließt sich für das bis August 2009 gel­ten­de Recht der zuletzt genann­ten Auf­fas­sung an:

Nach § 1599 Abs. 1 BGB kann eine gemäß § 1592 Nr. 1 und 2 BGB bestehen­de Vater­schaft gericht­lich ange­foch­ten wer­den. Anfech­tungs­be­rech­tigt sind nach § 1600 Abs. 1 BGB u.a. der Mann, des­sen Vater­schaft nach §§ 1592 Nr. 1 und 2, 1593 BGB besteht, die Mut­ter und das Kind. Dabei han­del­te es sich nach dem hier noch anwend­ba­ren frü­he­ren Recht um eine Kind­schafts­sa­che (§ 640 Abs. 2 Nr. 1 ZPO a.F.; jetzt Abstam­mungs­sa­che nach § 169 Nr. 1 FamFG), in der das Urteil, sofern es bei Leb­zei­ten der Par­tei­en rechts­kräf­tig wird, für und gegen alle wirkt (§ 640 h Abs. 1 Satz 1 ZPO a.F. jetzt § 184 Abs. 2 Satz 1 FamFG) 10. Die Ent­schei­dung wirkt also auch für und gegen die an dem Rechts­streit nicht als Par­tei betei­lig­te Mut­ter des beklag­ten Kin­des, auf deren Rechts­stel­lung sie dadurch mit­tel­bar ein­wirkt. Nach Art. 103 Abs. 1 GG hat die Mut­ter des­halb auch im Anfech­tungs­ver­fah­ren des Vaters Anspruch auf recht­li­ches Gehör 11. Dem trägt § 640 e ZPO a.F. Rech­nung (vgl. jetzt §§ 27, 34 Abs. 1, 172 Abs. 1 Nr. 2 FamFG). Danach ist in einer Kind­schafts­sa­che ein Eltern­teil, der an dem Rechts­streit nicht als Par­tei betei­ligt ist, zwin­gend am Ver­fah­ren zu betei­li­gen und unter Mit­tei­lung der Kla­ge zum Ter­min zur münd­li­chen Ver­hand­lung zu laden. Der Eltern­teil kann der einen oder ande­ren Par­tei zu ihrer Unter­stüt­zung bei­tre­ten (§ 640 e Abs. 1 Satz 2 ZPO a.F.; jetzt § 27 FamFG).

Zwar setzt die Neben­in­ter­ven­ti­on nach § 66 Abs. 1 ZPO grund­sätz­lich ein recht­li­ches Inter­es­se am Aus­gang des Rechts­streits vor­aus. Weil die Anfech­tung der Vater­schaft nach § 640 h Abs. 1 Satz 1 ZPO a.F. (jetzt § 184 Abs. 2 FamFG) aber für und gegen alle wirkt, greift die Ent­schei­dung mit­tel­bar auch in die Rech­te der Mut­ter ein 12. Des­we­gen ver­zich­tet § 640 e Abs. 1 Satz 2 ZPO a.F. auf die­se zusätz­li­che Vor­aus­set­zung und erlaubt den Bei­tritt in jedem Fall. Als selb­stän­di­ge Streit­hel­fe­rin des Kin­des (§ 69 ZPO) kann die Mut­ter frei von den für gewöhn­li­che Neben­in­ter­ve­ni­en­ten gel­ten­den Beschrän­kun­gen (§ 67 ZPO) Pro­zess­hand­lun­gen auch im Wider­spruch zu der von ihr unter­stütz­ten Par­tei vor­neh­men und dadurch selb­stän­dig, auch durch Ein­le­gung eines Rechts­mit­tels, auf eine nach ihrer Ansicht rich­ti­ge Ent­schei­dung hin­wir­ken 13.

Wegen der aus mate­ri­el­len Grün­den gebo­te­nen zwin­gen­den Betei­li­gung der Mut­ter, ihres dar­aus fol­gen­den Rechts zum Bei­tritt und der beson­de­ren Stel­lung als streit­ge­nös­si­sche Neben­in­ter­ve­ni­en­tin kann die Bewil­li­gung der Pro­zess­kos­ten­hil­fe und die Bei­ord­nung eines Rechts­an­walts kei­nen stren­ge­ren Anfor­de­run­gen unter­lie­gen, als sie für die Par­tei­en des Anfech­tungs­pro­zes­ses gel­ten.

Die Par­tei­en eines Anfech­tungs­pro­zes­ses sind wegen der Gel­tung der Ent­schei­dung für und gegen alle also grund­sätz­lich nicht anders zu behan­deln als die Par­tei­en in einem Vater­schafts­fest­stel­lungs­ver­fah­ren. Die­sen ist nach der Recht­spre­chung des Senats wegen der Bedeu­tung der Sta­tus­fest­stel­lung im Fal­le der Bedürf­tig­keit regel­mä­ßig sogleich – und nicht erst nach Ein­gang eines die Vater­schaft beja­hen­den Abstam­mungs­gut­ach­tens – Pro­zess­kos­ten­hil­fe zu bewil­li­gen und ein Rechts­an­walt bei­zu­ord­nen 14.

Zwar kön­nen in Ver­fah­ren der Vater­schafts­an­fech­tung nach §§ 640 Abs. 1, 616 Abs. 1 ZPO a.F. (vgl. jetzt § 26 FamFG) Bewei­se auch von Amts wegen erho­ben wer­den. Trotz die­ser Amts­er­mitt­lungs­pflicht muss den Par­tei­en des Rechts­streits aber die Mög­lich­keit ver­blei­ben, das Ver­fah­ren in eige­nem Inter­es­se zu betrei­ben und zu beglei­ten. Auch in Ver­fah­ren mit Amts­er­mitt­lung darf eine mit­tel­lo­se Par­tei inso­weit nicht schlech­ter gestellt wer­den als eine Par­tei, die die Kos­ten des Rechts­streits selbst auf­brin­gen kann 2.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 2. Juni 2010 – XII ZB 60/​09

  1. BGH, Beschluss vom 17.01.1966 – VII ZR 125/​65, NJW 1966, 597; vgl. auch BGH Beschluss vom 26.02.2008 – XI ZR 258/​07[]
  2. BVerfG Fam­RZ 2002, 531, 532[][]
  3. BVerfGE 9, 256; Staudinger/​Rauscher BGB (2004) § 1600 e Rdn. 103[]
  4. OLG Karls­ru­he, Fam­RZ 1998, 485; und OLG Düs­sel­dorf, DAVorm 1982, 478[]
  5. OLG Cel­le, DAVorm 1993, 589; und OLG Hamm, DAVorm 1991, 772[]
  6. OLG Düs­sel­dorf, Fam­RZ 1995, 1506 f.[]
  7. OLG Düs­sel­dorf, Fam­RZ 2001, 1467, 1468; OLG Koblenz, Fam­RZ 1986, 1233; OLG Frank­furt, Fam­RZ 1984, 1041, 1042; OLG Stutt­gart, DAVorm 1984, 610; und OLG Bre­men, AnwBl. 1981, 71[]
  8. OLG Hamm, Fam­RZ 1991, 347 f.[]
  9. OLG Köln Fam­RZ 2002, 1198[]
  10. vgl. inso­weit BGH, Beschluss vom 04.07.2007 – XII ZB 68/​04, Fam­RZ 2007, 3062, Tz. 15[]
  11. BVerfGE 21, 132, 137, m.w.N.[]
  12. vgl. Scholz/​Stein/​Eckebrecht Pra­xis­hand­buch Fami­li­en­recht Stand Okto­ber 2009 Q Rdn. 77[]
  13. BGH, Urtei­le in BGHZ 180, 51 = Fam­RZ 2009, 861, Tz. 13; und in BGHZ 89, 121, 123 f. = Fam­RZ 1984, 164[]
  14. BGH, Beschluss vom 11.09.2007 – XII ZB 27/​07, Fam­RZ 2007, 1968, Tz. 8 ff.[]