Ver­fah­rens­bei­stand und Kin­des­an­hö­rung

Das Fami­li­en­ge­richt hat dem für das Kind bestell­ten Ver­fah­rens­pfle­ger (nun­mehr: Ver­fah­rens­bei­stand) regel­mä­ßig die Mög­lich­keit zu geben, an der Kin­des­an­hö­rung teil­zu­neh­men, damit die­ser sei­ne Auf­ga­be, die Kin­des­in­ter­es­sen zu ver­tre­ten, sinn­voll erfül­len kann. Anders kann nur ver­fah­ren wer­den, wenn kon­kre­te Grün­de dafür spre­chen, dass die Sach­auf­klä­rung durch die Teil­nah­me des Ver­fah­rens­pfle­gers beein­träch­tigt wird.

Ver­fah­rens­bei­stand und Kin­des­an­hö­rung

Wenn es für die Ent­schei­dung auf den per­sön­li­chen Ein­druck von dem Kind und des­sen Wil­len ankommt, ist die Anhö­rung in der Beschwer­de­instanz vom gesam­ten Senat durch­zu­füh­ren 1.

Zur Berück­sich­ti­gung des Wil­lens des Kin­des und sei­ner Inter­es­sen sieht das Gesetz die Bestel­lung eines Ver­fah­rens­pfle­gers vor (§ 50 FGG; nun­mehr: Ver­fah­rens­bei­stand, § 158 FamFG)). Die Ein­rich­tung der Ver­fah­rens­pfleg­schaft ist Aus­druck der Sub­jekt­stel­lung des Kin­des in sei­ner Indi­vi­dua­li­tät als Grund­rechts­trä­ger 2. Sie soll in Fäl­len eines Inter­es­sen­kon­flikts zwi­schen Kind und Eltern ins­be­son­de­re die ein­sei­ti­ge Ver­tre­tung der Inter­es­sen des Kin­des ermög­li­chen und unter­schei­det sich inso­fern von dem Auf­ga­ben­kreis des Fami­li­en­ge­richts und der wei­te­ren Betei­lig­ten 3. Die Ver­fah­rens­pfleg­schaft trägt auch dem Umstand Rech­nung, dass Schei­dungs­kin­der sich oft­mals in einer ver­un­si­cher­ten psy­chi­schen Situa­ti­on befin­den 4 und ein Ver­fah­rens­pfle­ger das Kind durch die Ver­tre­tung sei­ner Inter­es­sen gegen­über dem Fami­li­en­ge­richt ent­las­ten kann.

Das Fami­li­en­ge­richt hat dem Ver­fah­rens­pfle­ger durch die Gestal­tung des Ver­fah­rens zu ermög­li­chen, sei­ne Funk­ti­on sinn­voll wahr­zu­neh­men und zu den die Inter­es­sen und den Wil­len des Kin­des betref­fen­den Tat­sa­chen und den dies­be­züg­li­chen Ermitt­lun­gen des Fami­li­en­ge­richts umfas­send Stel­lung zu neh­men. Die­se Not­wen­dig­keit wird in Fäl­len der hier vor­lie­gen­den Art beson­ders deut­lich. Denn der Aus­wan­de­rungs­wunsch geht regel­mä­ßig auf die Inter­es­sen und Nei­gun­gen des Eltern­teils zurück, die sich mit denen des Kin­des nicht ohne wei­te­res decken müs­sen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 28. April 2010 – XII ZB 81/​09

  1. im Anschluss an BGH, Beschluss vom 11.07.1984 – IVb ZB 73/​83, Fam­RZ 1985, 169[]
  2. BVerfG Fam­RZ 2007, 1078 Tz. 10 m.w.N.; vgl. auch BVerfG Fam­RZ 2004, 86; Wil­lutz­ki ZKJ 2009, 237[]
  3. BT-Drucks. 13/​4899 S. 129 f.[]
  4. Arnt­zen Elter­li­che Sor­ge und Umgang mit Kin­dern 2. Aufl. S. 12[]