Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe im Betreu­ungs­ver­fah­ren

Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe kann nach §§ 76 Abs. 1 FamFG, 114 ff. ZPO nur der bedürf­ti­ge Betei­lig­te erhal­ten, der in eige­nen Rech­ten betrof­fen ist. Für eine rein fremd­nüt­zi­ge Ver­fah­rens­be­tei­li­gung (hier: der Mut­ter) ist die Gewäh­rung von Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe hin­ge­gen nicht mög­lich.

Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe im Betreu­ungs­ver­fah­ren

§ 76 Abs. 1 FamFG ord­net an, dass auf die Bewil­li­gung von Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe für Ver­fah­ren in Fami­li­en­sa­chen und in den Ange­le­gen­hei­ten der frei­wil­li­gen Gerichts­bar­keit die §§ 114 ff. ZPO ent­spre­chend anwend­bar sind. Der dem­nach ein­schlä­gi­ge § 114 Abs. 1 Satz 1 ZPO sieht vor, dass einer Pro­zess­par­tei, die die Kos­ten der Pro­zess­füh­rung selbst nicht oder nicht voll­stän­dig auf­brin­gen kann, bei Vor­lie­gen wei­te­rer Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen Pro­zess­kos­ten­hil­fe zur Rechts­ver­fol­gung oder zur Rechts­ver­tei­di­gung gewährt wer­den kann.

Eine Ver­fah­rens­be­tei­li­gung, die die­ser gesetz­li­chen Vor­ga­be ent­spricht, ist aber nur zur Durch­set­zung eige­ner Rechts­po­si­tio­nen denk­bar. Dies bedurf­te in § 114 ZPO kei­ner aus­drück­li­chen Klar­stel­lung, weil es sich für die Par­tei des Zivil­pro­zes­ses aus der Natur der Sache ergibt. Indem § 76 Abs. 1 FamFG auf die­se Vor­schrift ver­weist, ord­net er auch für das Ver­fah­ren in Fami­li­en­sa­chen und in den Ange­le­gen­hei­ten der frei­wil­li­gen Gerichts­bar­keit eine ent­spre­chen­de Begren­zung der Mög­lich­keit, Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe zu erhal­ten, an.

Erfolgt die Ver­fah­rens­be­tei­li­gung nicht, um eige­ne Rech­te zu ver­fol­gen oder zu ver­tei­di­gen, mit­hin ledig­lich beglei­tend und damit fremd­nüt­zig, kommt Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe daher nicht in Betracht 1. Sie kann dann viel­mehr nur dem Betei­lig­ten gewährt wer­den, der unter­stützt wer­den soll, um des­sen Recht es also geht. Dem ent­spricht spie­gel­bild­lich, dass nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs bei einer Ver­fah­rens­füh­rung durch den Anwalts­be­treu­er für den Betreu­ten oder durch den Vor­mund für das Mün­del dem Betreu­ten bzw. Mün­del als dem in sei­nen Rech­ten Betrof­fe­nen Ver- fah­rens­kos­ten­hil­fe zu bewil­li­gen ist 2.

Dar­aus, dass in Ver­fah­ren vor dem Betreu­ungs­ge­richt gemäß § 274 Abs. 4 Nr. 1 FamFG auch nahe Ange­hö­ri­ge und Ver­trau­ens­per­so­nen des Betrof­fe­nen in des­sen Inter­es­se betei­ligt wer­den kön­nen, folgt nichts ande­res.

Der Gesetz­ge­ber hat mit die­ser Vor­schrift beschrie­ben, wer in Betreu­ungs­ver­fah­ren als Betei­lig­ter nach § 7 Abs. 3 Satz 1 FamFG von Amts wegen oder auf sei­nen Antrag hin­zu­ge­zo­gen wer­den kann. § 274 Abs. 4 Nr. 1 FamFG kon­kre­ti­siert zwar den Kreis der Per­so­nen, die im Betreu­ungs­ver­fah­ren trotz Feh­lens einer eige­nen Rechts­be­trof­fen­heit betei­ligt wer­den kön­nen, weil sie etwa als Ange­hö­ri­ge ein schüt­zens­wer­tes ide­el­les Inter­es­se haben 3, und trägt so wie § 1897 Abs. 5 BGB als mate­ri­ell­recht­li­che Norm im Zusam­men­hang mit der Betreu­er­aus­wahl Art. 6 GG Rech­nung 4. Die Kann-Betei­li­gung von Ver­wand­ten und Ver­trau­ens­per­so­nen des Betrof­fe­nen zielt aber nicht dar­auf ab, die­sen Betei­lig­ten im Betreu­ungs­ver­fah­ren die Wahr­neh­mung eige­ner mate­ri­ell­recht­li­cher Rechts­po­si­tio­nen zu ermög­li­chen. Viel­mehr erfolgt sie im Inter­es­se des Betrof­fe­nen, zu des­sen Wohl sie eine umfas­sen­de Sach­auf­klä­rung sowie die Berück­sich­ti­gung sei­ner ver­wandt­schaft­li­chen und sons­ti­gen beson­de­ren Nähe­ver­hält­nis­se ver­fah­rens­recht­lich sicher­stel­len soll 5. Sie ist altru­is­tisch ange­legt, um zu ver­mei­den, dass etwa Ver­wand­te ohne ein Betrof­fen­sein in eige­nen Rech­ten auch dann Ein­fluss auf das Ver­fah­ren neh­men kön­nen, wenn dies den Inter­es­sen des Betrof­fe­nen zuwi­der­läuft 3.

Die Mög­lich­keit, trotz Feh­lens eige­ner Rechts­be­trof­fen­heit den Betei­lig­ten­sta­tus zu erlan­gen, hat nicht zur Fol­ge, dass ein der­ge­stalt Betei­lig­ter Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe erlan­gen kön­nen muss. Deren Bewil­li­gung kommt viel­mehr nur dann in Betracht, wenn der Betei­lig­te zwecks Ver­bes­se­rung oder Ver­tei­di­gung sei­ner eige­nen Rechts­po­si­ti­on Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe erhal­ten möch­te. Denn eine über § 114 ZPO hin­aus­rei­chen­de Erstre­ckung der Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe auf Per­so­nen, die sich ledig­lich mit fremd­nüt­zi­gen Zie­len am Ver­fah­ren betei­li­gen, hat der Gesetz­ge­ber auch mit Blick auf den gemäß § 26 FamFG gel­ten­den Amts­er­mitt­lungs­grund­satz gera­de nicht für gebo­ten erach­tet 6.

Der Aus­schluss Betei­lig­ter, die sich allein mit fremd­nüt­zi­gen Zie­len am Ver­fah­ren betei­li­gen, von der Mög­lich­keit, Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe zu erhal­ten, ist ver­fas­sungs­recht­lich unbe­denk­lich.

Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit dem Rechts­staats­prin­zip gebie­tet eine weit­ge­hen­de Anglei­chung der Situa­ti­on von Bemit­tel­ten und Unbe­mit­tel­ten bei der Ver­wirk­li­chung ihres Rechts­schut­zes 7. Pro­zess- und Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe sol­len ver­hin­dern, dass Bedürf­ti­ge aus wirt­schaft­li­chen Grün­den gehin­dert sind, ihr Recht vor Gericht zu suchen 8, und stel­len eine spe­zi­al­ge­setz­lich gere­gel­te Form der Sozi­al­hil­fe im Bereich der Rechts­pfle­ge dar 9.

Durch die Gewäh­rung von Pro­zess- und Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe soll mit­hin ver­mie­den wer­den, dass ein wirt­schaft­lich Bedürf­ti­ger nur des­halb einen Rechts­ver­lust erlei­det, weil er die für eine Ver­fah­rens­be­tei­li­gung erfor­der­li­chen Mit­tel nicht selbst auf­brin­gen kann. Sie dient hin­ge­gen nicht dazu, dem Unbe­mit­tel­ten Ver­fah­rens­be­tei­li­gun­gen jed­we­der Art und damit auch sol­che ohne Ver­fol­gung oder Ver­tei­di­gung eige­ner Rech­te zu ermög­li­chen, die sich ein Bemit­tel­ter aus rein fremd­nüt­zi­gen Moti­ven leis­ten will und kann. Man­gels Beein­träch­ti­gung der Rechts­po­si­ti­on des bedürf­ti­gen Betei­lig­ten trifft den Staat inso­weit von Ver­fas­sungs wegen kei­ne Für­sor­ge­ver­pflich­tung.

Mit Recht hat das Land­ge­richt die Betei­li­gung der Mut­ter des Betrof­fe­nen am Beschwer­de­ver­fah­ren als eine sol­che ein­ge­stuft, die nicht der Wahr­neh­mung ihrer eige­nen Rech­te dient, son­dern aus­schließ­lich im Inter­es­se des Betrof­fe­nen erfolgt, und ihr daher Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe ver­sagt. Denn die Mut­ter macht nicht gel­tend, sie selbst müs­se als Betreue­rin bestellt wer­den. Viel­mehr ver­folgt sie mit ihrer Betei­li­gung im Beschwer­de­ver­fah­ren allein das Ziel, dass es bei der ange­ord­ne­ten Berufs­be­treu­ung bleibt und nicht der Vater zum Betreu­er bestellt wird.

Daher kann vor­lie­gend dahin­ste­hen, unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen davon aus­zu­ge­hen ist, dass ein nach § 274 Abs. 4 Nr. 1 FamFG Betei­lig­ter im Ein­zel­fall gleich­wohl (auch) eige­ne Rech­te ver­folgt (etwa indem er ver­langt, auf­grund durch fami­liä­re Ver­bun­den­heit gepräg­ter beson­ders enger Bin­dun­gen zum Betrof­fe­nen bei der Betreu­er­aus­wahl bevor­zugt berück­sich­tigt zu wer­den) 10, und hier­für Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe ohne oder mit Bei­ord­nung eines Rechts­an­walts (§ 78 Abs. 2 FamFG) erhal­ten kann.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 22. Okto­ber 2014 – XII ZB 125/​14

  1. Bassenge/​Roth/​Gottwald FamFG/​RPflG 12. Aufl. § 76 FamFG Rn. 14; Horndasch/​Viefhues/​Götsche FamFG 3. Aufl. § 76 Rn. 13; Jurgeleit/Bu?i? Betreu­ungs­recht 3. Aufl. § 307 FamFG Rn. 22; Prütting/​Helms/​Stößer FamFG 3. Aufl. § 76 Rn. 10; Zöller/​Geimer ZPO 30. Aufl. § 76 FamFG Rn. 12; vgl. auch Holzer/​Netzer FamFG § 76 Rn. 4; Schul­te-Bun­er­t/Wein­reich/Kes­ke FamFG 4. Aufl. § 76 Rn. 4[]
  2. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 19.01.2011 – XII ZB 323/​10 Fam­RZ 2011, 633 Rn. 11 ff.; und vom 20.12 2006 – XII ZB 118/​03 Fam­RZ 2007, 381 ff.[]
  3. vgl. BT-Drs. 16/​6308 S. 265[][]
  4. Keidel/​Busse FamFG 18. Aufl. § 274 Rn. 15; Münch­Komm-BGB/­Schwab 6. Aufl. § 1897 Rn. 31[]
  5. vgl. Keidel/​Budde FamFG 18. Aufl. § 274 Rn. 15[]
  6. BT-Drs. 16/​6308 S. 213; Bassenge/​Roth/​Gottwald FamFG/​RPflG 12. Aufl. § 76 FamFG Rn. 14; Horndasch/​Viefhues/​Götsche FamFG 3. Aufl. § 76 Rn. 13; Johannsen/​Henrich/​Markwardt Fami­li­en­recht 5. Aufl. § 76 Rn. 4; Jurgeleit/Bu?i? Betreu­ungs­recht 3. Aufl. § 307 FamFG Rn. 22; Göt­sche Fam­RZ 2009, 383, 384; Zöller/​Geimer ZPO 30. Aufl. § 76 FamFG Rn. 13 f.; im Grund­satz wohl eben­so Keidel/​Zimmermann FamFG 18. Aufl. § 76 Rn. 7; Münch­Komm-FamFG/­Vief­hu­es 2. Aufl. § 76 Rn. 8[]
  7. BVerfG NJW 2014, 1291; 1991, 413; BGH, Beschluss vom 29.02.2012 – XII ZB 198/​11 Fam­RZ 2012, 783 Rn. 26[]
  8. Zöller/​Geimer ZPO 30. Aufl. Vor § 114 ZPO Rn. 1 mwN[]
  9. BGH, Beschlüs­se vom 30.09.2009 – XII ZB 135/​07 Fam­RZ 2009, 1994 Rn. 9; und vom 26.01.2005 – XII ZB 234/​03 Fam­RZ 2005, 605[]
  10. vgl. hier­zu BVerfG Fam­RZ 2006, 1509, 1510[]