Ver­fah­rens­wert in Ehe­schei­dungs­sa­chen – und das Ver­mö­gen der Ehe­gat­ten

Die Berech­nung des Ver­fah­rens­wer­tes in Ehe­schei­dungs­sa­chen rich­tet sich nach §§ 43 und 50 FamGKG. Ent­spre­chend § 43 Abs. 1 FamGKG ist in Ehe­sa­chen der Ver­fah­rens­wert unter Berück­sich­ti­gung aller Umstän­de des Ein­zel­falls, ins­be­son­de­re des Umfangs und der Bedeu­tung der Sache und der Ein­kom­mens- und Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se der Ehe­gat­ten nach Ermes­sen zu bestim­men.

Ver­fah­rens­wert in Ehe­schei­dungs­sa­chen – und das Ver­mö­gen der Ehe­gat­ten

Absatz 2 die­ser Vor­schrift regelt, dass für die Ein­kom­mens­ver­hält­nis­se das in drei Mona­ten erziel­te Net­to­ein­kom­men der Ehe­gat­ten ein­zu­set­zen ist. Dar­über hin­aus sind die Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se der Ehe­gat­ten zu berück­sich­ti­gen. Die Anknüp­fung an das Ein­kom­men und die wirt­schaft­li­che Situa­ti­on dient dem legi­ti­men Ziel, eine nach sozia­len Gesichts­punk­ten gestaf­fel­te Gebüh­ren­er­he­bung zu ermög­li­chen [1]. Dem ent­spricht es, auch das Ver­mö­gen der Ehe­gat­ten, ins­be­son­de­re wenn es eine bestimm­te Grö­ßen­ord­nung erreicht, bei der Bewer­tung ein­zu­be­zie­hen.

Vor­lie­gend unstrei­tig hat das Net­to­ein­kom­men der Betei­lig­ten ins­ge­samt 8.400,00 € betra­gen, sodass inso­fern ein Betrag von 25.200,00 € zu berück­sich­ti­gen ist. Ent­spre­chend dem ergän­zen­den Vor­trag der Antrags­geg­ne­rin im Rah­men der sofor­ti­gen Beschwer­de ist davon aus­zu­ge­hen, dass die Betei­lig­ten über­dies über ein Ver­mö­gen in Höhe von etwa 1, 4 Mil­lio­nen ver­fü­gen. Es ist davon aus­zu­ge­hen, dass es sich dabei um das Rein­ver­mö­gen, also nach Abzug sämt­li­cher Ver­bind­lich­kei­ten, han­delt. Nach über­wie­gen­der Ansicht in der Recht­spre­chung sind von die­sem Rein­ver­mö­gen Frei­be­trä­ge abzu­zie­hen. Die­ser Abzug eines Frei­be­trags hat in Anleh­nung an das frü­he­re Ver­mö­gens­steu­er­recht (§ 6 Ver­mö­gens­steu­er­ge­setz) sei­nen Grund dar­in, den Ehe­gat­ten zu ermög­li­chen, eine durch­schnitt­li­che Vor­sor­ge für die „Wech­sel­fäl­le des Lebens“ zu tref­fen [2]. Die Höhe der Frei­be­trä­ge wird aller­dings nicht ein­heit­lich gehand­habt: Teil­wei­se wer­den 60.000,00 € pro Ehe­gat­ten in Abzug gebracht [3], teil­wei­se 30.000,00 € pro Ehe­gat­te [4] oder auch nur 15.000,00 € pro Ehe­gat­te [5]. Von dem nach Abzug der Frei­be­trä­ge ver­blei­ben­den Ver­mö­gen wird wie­der­um nur ein Bruch­teil für die Wert­fest­set­zung ver­wen­det, da § 43 FamGKG auf die Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se, nicht hin­ge­gen auf das Ver­mö­gen abstellt. Nicht ein­heit­lich gehand­habt wird, in wel­cher Grö­ßen­ord­nung ein Abzug erfolgt: Es wer­den zum Teil 5% [6], zum Teil auch 10% [7] als Ver­mö­gen berück­sich­tigt. Teil­wei­se wird auch kein star­rer Pro­zent­satz ver­wen­det, son­dern nach den Umstän­den des Ein­zel­falls ent­schie­den [8].

Unter Beach­tung des Umfangs der Sache – eine ein­ver­ständ­li­che Ehe­schei­dung stellt zwar den „sta­tis­ti­schen Nor­mal­fall“ dar und führt daher grund­sätz­lich zu kei­nem Wert­ab­schlag bei der Ver­fah­rens­wert­fest­set­zung [9], bei der Gesamt­be­trach­tung aller Umstän­de ist die­ser gerin­ge­re Umfang in der Sache aber durch­aus zu wür­di­gen – und ange­sichts des Umstan­des, dass nicht nur uner­heb­li­ches Ver­mö­gen in Höhe von 1, 4 Mil­lio­nen vor­liegt, ist es sach­ge­recht, zunächst für jeden Ehe­gat­ten einen Frei­be­trag von jeweils 60.000,00 € vom Rein­ver­mö­gen abzu­zie­hen und sodann nur einen Bruch­teil von 5 % des ver­blei­ben­den Betra­ges wert­er­hö­hend zu berück­sich­ti­gen. Es ergibt sich so ein Ver­fah­rens­wert von 89.200,00 € (25.200,00 €+ 64.000,00 €).

Dem ist ein Wert von 1.000,00 € für die Fol­ge­sa­che Ver­sor­gungs­aus­gleich gemäß § 50 FamGKG hin­zu­zu­rech­nen. Die Ehe­gat­ten haben zwar in der nota­ri­ell beur­kun­de­ten Ver­ein­ba­rung auf die Durch­füh­rung des Ver­sor­gungs­aus­gleichs ver­zich­tet, gleich­wohl bedarf es auch in die­sem Fall der Prü­fung des Fami­li­en­ge­richts, §§ 6, 8 VersAus­glG, und der Nega­tiv­fest­stel­lung im Schei­dungs­be­schluss, § 224 Abs.3 FamFG. Es ist daher auch ein Ver­fah­rens­wert für die Fol­ge­sa­che Ver­sor­gungs­aus­gleich fest­zu­set­zen [10]. Nach­dem der nota­ri­el­le Ver­trag vom 21.07.2014 dem Fami­li­en­ge­richt erst in der nicht­öf­fent­li­chen Sit­zung am 21.07.2014 vor­ge­legt und noch am 21.07.2014 der Schei­dungs­be­schluss ver­kün­det wor­den ist, ist davon aus­zu­ge­hen, dass die Prü­fung der Fest­stel­lung, dass ein Ver­sor­gungs­aus­gleich auf­grund einer nach §§ 6, 8 VersAus­glG bin­den­den Ver­ein­ba­rung der Ehe­gat­ten nicht statt­fin­det, kei­nen beson­de­ren Auf­wand erfor­dert hat. In die­sem Fall ent­spricht es der Bil­lig­keit, von einer regel­rech­ten Fest­set­zung des Ver­fah­rens­wer­tes in der Fol­ge­sa­che Ver­sor­gungs­aus­gleich abzu­se­hen und es beim Min­dest­wert nach § 50 Abs. 1 Satz 2, Abs. 3 FamGKG, also 1.000,00 €, zu belas­sen [11]. Auch wenn sich in dem Ver­fah­rens­wert­be­schluss des Fami­li­en­ge­richts kein Hin­weis auf die Berück­sich­ti­gung eines Wer­tes für den Ver­sor­gungs­aus­gleich fin­det, ist die­ser im Rah­men des Beschwer­de­ver­fah­rens dem Ver­fah­rens­wert für die Ehe­schei­dung hin­zu­zu­rech­nen. Grund­sätz­lich ist das Beschwer­de­ge­richt im Rah­men der Ver­fah­rens­wert­be­schwer­de ver­pflich­tet, von Amts wegen den Ver­fah­rens­wert fest­zu­le­gen, das Ver­bot der refor­ma­tio in pei­us hat hier kei­ne Gel­tung [12]. Die­ses muss auch dann Gel­tung haben, wenn im Ehe­schei­dungs­ver­fah­ren nicht aus­drück­lich für den Ver­sor­gungs­aus­gleich ein Ver­fah­rens­wert fest­ge­setzt wor­den ist, der Ver­fah­rens­wert im Übri­gen aber ange­grif­fen wor­den ist, zumal gemäß § 44 Abs.1 FamGKG die Schei­dungs­sa­che und die Fol­ge­sa­chen als ein Ver­fah­ren gel­ten.

Gemäß § 44 Abs. 2 FamGKG sind die Ein­zel­wer­te für Ehe­schei­dung und Ver­sor­gungs­aus­gleich zu addie­ren, so dass sich im vor­lie­gen­den Fall ein Ver­fah­rens­wert von 90.200,00 € ergibt.

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Beschluss vom 22. Janu­ar 2015 – 11 WF 6/​15

  1. BVerfG, FamRZ 1989, Sei­te 944[]
  2. KG Ber­lin, FamRZ 2010, 829[]
  3. vgl. OLG Koblenz, FamRZ 2003, 1681; OLG Stutt­gart, FamRZ 2010, 1940; OLG Mün­chen FamRZ 2009, 1703[]
  4. OLG Bran­den­burg, FamRZ 2011, 755; OLG Cel­le, FamRZ 2013, 149; KG Ber­lin, FamRZ 2010, 829: min­des­tens 30.000,00 €[]
  5. OLG Karls­ru­he, FamRZ 2008, 2050; OLG Stutt­gart, FamRZ 2009, 1176; eine Über­sicht fin­det sich bei Schneider/​Volpert/​Fölsch, FamGKG.02. Auf­la­ge 2014, Türck-Bro­cker § 43 RN 35[]
  6. OLG Cel­le, FamRZ 2013, 149; OLG Karls­ru­he, FamRZ 2008, 2050; OLG Hamm, FamRZ 2006, 353[]
  7. OLG Düs­sel­dorf, FamRZ 1994, 249; KG Ber­lin, FamRZ 2010, 829[]
  8. OLG Stutt­gart, FamRZ 2010, 1940; OLG Stutt­gart, FamRZ 2009, 1176 – hier wur­den letzt­lich 5% berück­sich­tigt[]
  9. OLG Dres­den, FamRZ 2003, 1677[]
  10. OLG Mün­chen, FamRZ 2011, 1813; OLG Cel­le, FamRZ 2010, 2013[]
  11. vgl. OLG Koblenz, FamRZ 2014, 1809; KG Ber­lin, MDR 2012, 1347[]
  12. OLG Jena, FamRZ 2010, 2099; OLG Jena, FamRZ 2013, 489[]