Ver­gü­tung für die allei­ni­ge Nut­zung der Ehe­woh­nung

Eine Ver­gü­tung für die allei­ni­ge Nut­zung der Ehe­woh­nung kann auch zuge­spro­chen wer­den, wenn ein Ehe­gat­te wäh­rend des Getrennt­le­bens aus einer Ehe­woh­nung weicht, für die bei­den Ehe­gat­ten gemein­sam ein unent­gelt­li­ches Woh­nungs­recht ein­ge­räumt ist 1. Dies setzt nicht vor­aus, dass der in der Ehe­woh­nung ver­blei­ben­de Ehe­gat­te die ihm durch die unge­teil­te Nut­zung zuwach­sen­den Vor­tei­le wirt­schaft­lich ver­wer­ten kann 2.

Ver­gü­tung für die allei­ni­ge Nut­zung der Ehe­woh­nung

Gemäß § 1361 b Abs. 3 Satz 2 BGB kann der Ehe­gat­te, der dem ande­ren die Ehe­woh­nung wäh­rend des Getrennt­le­bens ganz oder zum Teil über­las­sen hat, von dem nut­zungs­be­rech­tig­ten Ehe­gat­ten eine Ver­gü­tung für die Nut­zung ver­lan­gen, soweit dies der Bil­lig­keit ent­spricht. Seit der Neu­fas­sung der Vor­schrift durch das Gewalt­schutz­ge­setz zum 1.01.2002 knüpft die Ver­gü­tungs­re­ge­lung nur noch an die fak­ti­sche Über­las­sung der Woh­nung an, ohne dass es dar­auf ankommt, ob der wei­chen­de Ehe­gat­te die Ehe­woh­nung frei­wil­lig ver­lässt oder er ver­pflich­tet ist, sie dem ande­ren zur allei­ni­gen Benut­zung zu über­las­sen 3.

Die fami­li­en­recht­li­che Nut­zungs­ver­gü­tung soll den Ver­lust des Woh­nungs­be­sit­zes und die damit ein­her­ge­hen­den wirt­schaft­li­chen Nach­tei­le für den wei­chen­den Ehe­gat­ten im Ein­zel­fall und nach Bil­lig­keit kom­pen­sie­ren 4. Zugleich schafft sie einen Aus­gleich dafür, dass nur noch der Ver­blie­be­ne allein die­je­ni­gen Nut­zun­gen zieht, die nach der ursprüng­li­chen ehe­li­chen Lebens­pla­nung bei­den Ehe­gat­ten gemein­sam zuste­hen soll­ten. Die Ver­gü­tungs­re­ge­lung nach § 1361 b Abs. 3 Satz 2 BGB ermög­licht somit einen nach fami­li­en­recht­li­chen Bil­lig­keits­kri­te­ri­en ori­en­tier­ten Aus­gleich für die Zeit des Getrennt­le­bens. Der Anspruch schei­det aus, wenn der Wohn­vor­teil des in der Ehe­woh­nung ver­blei­ben­den Ehe­gat­ten bereits ander­wei­tig fami­li­en­recht­lich kom­pen­siert wird, er ins­be­son­de­re bei der Unter­halts­be­mes­sung ent­we­der bedarfs­min­dernd oder die Leis­tungs­fä­hig­keit erhö­hend berück­sich­tigt ist 5.

In die Rege­lun­gen des § 1361 b BGB sind, wie sich aus Absatz 1 Satz 3 der Vor­schrift ergibt, Fäl­le von Eigen­tum, Erb­bau­recht, Nieß­brauch, Woh­nungs­ei­gen­tum, Dau­er­wohn­recht und ding­li­chem Wohn­recht grund­sätz­lich unab­hän­gig davon ein­be­zo­gen, ob sie bei­den Ehe­gat­ten gemein­sam oder nur einem von ihnen allein oder gemein­sam mit einem Drit­ten zuste­hen.

Ob eine Nut­zungs­ver­gü­tung zu ent­rich­ten ist, hängt daher grund­sätz­lich nicht von der Art des Rechts ab, auf dem die gemein­sa­me ehe­li­che Nut­zung der Woh­nung beruht. Das ent­spricht dem Rege­lungs­zweck der Norm, die den wirt­schaft­li­chen Nach­teil des wei­chen­den Ehe­gat­ten nach Bil­lig­keit kom­pen­sie­ren und einen Aus­gleich dafür schaf­fen will, dass aus dem zuvor gemein­sam genutz­ten Recht nur noch der Ver­blie­be­ne allein die Nut­zun­gen zieht.

Der Ver­gü­tungs­an­spruch besteht daher auch, wenn ein Ehe­gat­te aus einer Ehe­woh­nung weicht, für die bei­den gemein­sam ein unent­gelt­li­ches ding­li­ches Woh­nungs­recht ein­ge­räumt ist. Denn wäh­rend der Zeit des gemein­sa­men ehe­li­chen Woh­nens ist das Wohn­recht jedes Ehe­gat­ten mit der Ver­pflich­tung belas­tet, die Mit­nut­zung durch den ande­ren Ehe­gat­ten zu dul­den 6. Die­se Dul­dungs­pflicht ent­fällt für den ver­blei­ben­den Ehe­gat­ten mit dem Wei­chen des ande­ren aus der Woh­nung. Die fort­an unge­teil­te Nut­zung durch den ver­blie­be­nen Ehe­gat­ten kann einen höhe­ren Wohn­wert ver­kör­pern als die ursprüng­lich nur antei­li­ge Nut­zung. Sowohl die­ser Vor­teil als auch der dem wei­chen­den Ehe­gat­ten ent­ste­hen­de Nach­teil kann, soweit es der Bil­lig­keit ent­spricht, durch eine Ver­gü­tung an den wei­chen­den Ehe­gat­ten aus­zu­glei­chen sein.

Soweit der Bun­des­ge­richts­hof einen Aus­gleichs­an­spruch in sei­nem Urteil vom 8. Mai 1996 7 wei­ter­hin davon abhän­gig gemacht hat, dass der in der Ehe­woh­nung ver­blei­ben­de Ehe­gat­te die ihm durch die unge­teil­te Nut­zung zuwach­sen­den Vor­tei­le wirt­schaft­lich ver­wer­ten kön­ne, hält er dar­an nicht fest. Der Ver­gü­tungs­an­spruch nach § 1361 b Abs. 3 Satz 2 BGB setzt nach dem Wort­laut der Vor­schrift nur das Über­las­sen der Ehe­woh­nung wäh­rend des Getrennt­le­bens vor­aus und eröff­net auf der Rechts­fol­gen­sei­te eine Bil­lig­keits­ab­wä­gung.

Der Nut­zungs­ver­gü­tung steht es auch nicht gene­rell ent­ge­gen, wenn dem in der Woh­nung ver­blie­be­nen Ehe­gat­ten die allei­ni­ge Nut­zung letzt­lich auf­ge­drängt wor­den ist. Die­sem Gesichts­punkt kann mit dem Kri­te­ri­um der Bil­lig­keit Rech­nung getra­gen wer­den, an das der Ver­gü­tungs­an­spruch nach Grund und Höhe anknüpft 8.

Ob und in wel­chem Umfang eine Wohn­wert­stei­ge­rung für den ver­blei­ben­den Ehe­gat­ten tat­säch­lich ein­tritt, in wel­chem Umfang der wei­chen­de Ehe­gat­te durch den Ver­lust des Woh­nungs­be­sit­zes wirt­schaft­li­che Nach­tei­le erlei­det und inwie­weit es der Bil­lig­keit ent­spricht, die­ses durch eine Nut­zungs­ver­gü­tung zu kom­pen­sie­ren, obliegt einer wer­ten­den Betrach­tungs­wei­se des Tatrich­ters.

Im vor­lie­gen­den Fall bil­lig­te es der Bun­des­ge­richts­hof, dass unter Berück­sich­ti­gung, dass neben dem Ehe­mann noch vier erwach­se­ne Töch­ter sowie ein Enkel­kind die Ehe­woh­nung nut­zen, die vom Ehe­mann zu zah­len­de Nut­zungs­ver­gü­tung auf rund ein Fünf­tel des Gesamt­wohn­werts des Anwe­sens fest­ge­setzt wur­de.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 18. Dezem­ber 2013 – XII ZB 268/​13

  1. Fort­füh­rung von BGH, Urteil vom 15.02.2006 – XII ZR 202/​03 , Fam­RZ 2006, 930[]
  2. inso­weit Auf­ga­be von BGH, Urteil vom 08.05.1996 – XII ZR 254/​94 , Fam­RZ 1996, 931[]
  3. OLG Bran­den­burg NJW-RR 2009, 725 und Fam­RZ 2006, 1392; OLG Jena Fam­RZ 2008, 1934; Götz/​Brudermüller Die gemein­sa­me Woh­nung Rn. 274; Johannsen/​Henrich/​Götz Fami­li­en­recht 5. Aufl. § 1361 b BGB Rn. 33; Haußleiter/​Schulz Ver­mö­gens­aus­ein­an­der­set­zung bei Tren­nung und Schei­dung 5. Aufl. Kap. 4 Rn. 63; Münch­Komm-BGB/We­ber­Mon­ecke 6. Aufl. § 1361 b Rn. 17; Kem­per Der Rechts­streit um Woh­nung und Haus­rat in der gericht­li­chen, anwalt­li­chen und nota­ri­el­len Pra­xis Rn. 180; Wever Ver­mö­gens­aus­ein­an­der­set­zung der Ehe­gat­ten außer­halb des Güter­rechts 5. Aufl. Rn. 101; vgl. zur frü­he­ren Rechts­la­ge bereits BGH, Urteil vom 15. Febru­ar 2006 – XII ZR 202/​03 , Fam­RZ 2006, 930; aA: OLG Frank­furt AGS 2013, 341; kri­tisch auch Staudinger/​Voppel BGB [2012] § 1361 b Rn. 63 ff.[]
  4. BGH, Urteil vom 15.02.2006 – XII ZR 202/​03 , Fam­RZ 2006, 930[]
  5. Staudinger/​Voppel BGB [2012] § 1361 b Rn. 71 mwN[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 08.05.1996 – XII ZR 254/​94 , Fam­RZ 1996, 931 mwN[]
  7. BGH, Urteil vom 08.05.1996 – XII ZR 254/​94Fam­RZ 1996, 931[]
  8. BGH, Urteil vom 15.02.2006 – XII ZR 202/​03 , Fam­RZ 2006, 930, 933 in teil­wei­ser Abgren­zung zum BGH, Urteil vom 08.05.1996 – XII ZR 254/​94 , Fam­RZ 1996, 931[]