Ver­län­ge­rung des Betreu­ungs­un­ter­halts und das Alters­pha­sen­mo­dell

Ein Alters­pha­sen­mo­dell, das bei der Fra­ge der Ver­län­ge­rung des Betreu­ungs­un­ter­halts aus kind­be­zo­ge­nen Grün­den allein oder wesent­lich auf das Alter des Kin­des, etwa wäh­rend der Kin­der­gar­ten- und Grund­schul­zeit, abstellt, wird den gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen nicht gerecht 1.

Ver­län­ge­rung des Betreu­ungs­un­ter­halts und das Alters­pha­sen­mo­dell

Für die Betreu­ung des gemein­sa­men Kin­des ist grund­sätz­lich auch der bar­un­ter­halts­pflich­ti­ge Eltern­teil in Betracht zu zie­hen, wenn er dies ernst­haft und ver­läss­lich anbie­tet. Wie bei der Aus­ge­stal­tung des Umgangs­rechts nach § 1684 BGB ist auch im Rah­men des Betreu­ungs­un­ter­halts nach § 1570 BGB maß­geb­lich auf das Kin­des­wohl abzu­stel­len, hin­ter dem rein unter­halts­recht­li­che Erwä­gun­gen zurück-tre­ten müs­sen 2.

Zutref­fend ist das Beru­fungs­ge­richt davon aus­ge­gan­gen, dass mit Voll­endung des drit­ten Lebens­jahrs des gemein­sa­men Kin­des grund­sätz­lich eine Erwerbs­ob­lie­gen­heit des betreu­en­den Eltern­teils ein­setzt. Mit der Neu­re­ge­lung des Betreu­ungs­un­ter­halts durch das Gesetz zur Ände­rung des Unter­halts­rechts vom 21. Dezem­ber 2007 3 hat der Gesetz­ge­ber einen auf drei Jah­re befris­te­ten Basis­un­ter­halt ein­ge­führt, der aus Grün­den der Bil­lig­keit ver­län­gert wer­den kann 4. Im Rah­men die­ser Bil­lig­keits­ent­schei­dung sind nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers kind- und eltern­be­zo­ge­ne Ver­län­ge­rungs­grün­de zu berück­sich­ti­gen. Dabei wird der Betreu­ungs­un­ter­halt vor allem im Inter­es­se des Kin­des gewährt, um des­sen Betreu­ung und Erzie­hung sicher­zu­stel­len 5.

Zugleich hat der Gesetz­ge­ber mit der Neu­re­ge­lung dem unter­halts­be­rech­tig­ten Eltern­teil die Dar­le­gungs- und Beweis­last für die Vor­aus­set­zun­gen einer Ver­län­ge­rung des Betreu­ungs­un­ter­halts über die Dau­er von drei Jah­ren hin­aus auf­er­legt. Kind- oder eltern­be­zo­ge­ne Umstän­de, die aus Grün­den der Bil­lig­keit zu einer Ver­län­ge­rung des Betreu­ungs­un­ter­halts über die Voll­endung des drit­ten Lebens­jahrs hin­aus füh­ren könn­ten, sind des­we­gen vom Unter­halts­be­rech­tig­ten dar­zu­le­gen und gege­be­nen­falls zu bewei­sen 6.

Wie der Bun­des­ge­richts­hof bereits wie­der­holt aus­ge­spro­chen hat, ver­langt die gesetz­li­che Neu­re­ge­lung zwar kei­nen abrup­ten Wech­sel von der elter­li­chen Betreu­ung zu einer Voll­zeit­er­werbs­tä­tig­keit 7. Nach Maß­ga­be der im Gesetz genann­ten kind­be­zo­ge­nen (§ 1570 Abs. 1 Satz 3 BGB) und eltern­be­zo­ge­nen (§ 1570 Abs. 2 BGB) Grün­de ist auch nach dem neu­en Unter­halts­recht ein gestuf­ter Über­gang bis hin zu einer Voll­zeit­er­werbs­tä­tig­keit mög­lich 8. Ein sol­cher gestuf­ter Über­gang setzt aber nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers vor­aus, dass der unter­halts­be­rech­tig­te Eltern­teil kind- und/​oder eltern­be­zo­ge­ne Grün­de vor­trägt, die einer voll­schich­ti­gen Erwerbs­tä­tig­keit des betreu­en­den Eltern­teils mit Voll­endung des drit­ten Lebens­jahrs ent­ge­gen­ste­hen. Nur an sol­chen indi­vi­du­el­len Grün­den kann sich der gestuf­te Über­gang im Ein­zel­fall ori­en­tie­ren.

Soweit in Recht­spre­chung und Lite­ra­tur auch zu der seit dem 1. Janu­ar 2008 gel­ten­den Rechts­la­ge abwei­chen­de Auf­fas­sun­gen ver­tre­ten wur­den, die an das frü­he­re Alters­pha­sen­mo­dell anknüpf­ten und eine Ver­län­ge­rung des Betreu­ungs­un­ter­halts allein oder über­wie­gend vom Kin­des­al­ter abhän­gig mach­ten, sind die­se im Hin­blick auf den ein­deu­ti­gen Wil­len des Gesetz­ge­bers nicht halt­bar 9. Die kind­be­zo­ge­nen Ver­län­ge­rungs­grün­de, ins­be­son­de­re die Betreu­ungs­be­dürf­tig­keit, und die eltern­be­zo­ge­nen Ver­län­ge­rungs­grün­de als Aus­druck der nach­ehe­li­chen Soli­da­ri­tät sind viel­mehr nach den indi­vi­du­el­len Ver­hält­nis­sen zu ermit­teln.

Kind­be­zo­ge­ne Grün­de für eine Ver­län­ge­rung des Betreu­ungs­un­ter­halts nach Bil­lig­keit ent­fal­ten im Rah­men der Bil­lig­keits­ent­schei­dung das stärks­te Gewicht und sind des­we­gen vor­ran­gig zu prü­fen 10.

Mit der Neu­re­ge­lung des Betreu­ungs­un­ter­halts zum 1. Janu­ar 2008 hat der Gesetz­ge­ber für Kin­der ab Voll­endung des drit­ten Lebens­jahrs grund­sätz­lich den Vor­rang der per­sön­li­chen Betreu­ung gegen­über ande­ren kind­ge­rech­ten Betreu­ungs­mög­lich­kei­ten auf­ge­ge­ben. In dem Umfang, in dem das Kind nach Voll­endung des drit­ten Lebens­jahrs eine kind­ge­rech­te Ein­rich­tung besucht oder unter Berück­sich­ti­gung der indi­vi­du­el­len Ver­hält­nis­se besu­chen könn­te, kann sich der betreu­en­de Eltern­teil also nicht mehr auf die Not­wen­dig­keit einer per­sön­li­chen Betreu­ung des Kin­des und somit nicht mehr auf kind­be­zo­ge­ne Ver­län­ge­rungs­grün­de im Sin­ne von § 1570 Abs. 1 Satz 3 BGB beru­fen. Das gilt sowohl für den rein zeit­li­chen Aspekt der Betreu­ung als auch für den sach­li­chen Umfang der Betreu­ung in einer kind­ge­rech­ten Ein­rich­tung 11.

Hin­zu kommt, dass im hier ent­schie­de­nen Fall der Antrags­geg­ner, der bereits den vor­zei­ti­gen Ruhe­stand ange­tre­ten hat, ein groß­zü­gi­ges Umgangs­recht aus­übt und ange­bo­ten hat, die Antrag­stel­le­rin in der Betreu­ung des gemein­sa­men Kin­des wei­ter zu unter­stüt­zen, um ihr eine voll­schich­ti­ge Erwerbs­tä­tig­keit zu ermög­li­chen. Nach den Fest­stel­lun­gen betreut der Antrags­geg­ner das gemein­sa­me Kind an jedem Mitt­woch­nach­mit­tag sowie im wöchent­li­chen Wech­sel von sams­tags 10.00 Uhr bis sonn­tags 18.00 Uhr oder frei­tags nach­mit­tags. Damit ist schon jetzt eine zusätz­li­che Ent­las­tung der Antrag­stel­le­rin ver­bun­den. Hin­zu kommt, dass der Antrags­geg­ner eine Aus­wei­tung oder Umge­stal­tung der Betreu­ung des gemein­sa­men Kin­des ange­bo­ten hat. Der Bun­des­ge­richts­hof hat bereits ent­schie­den, dass grund­sätz­lich auch der bar­un­ter­halts­pflich­ti­ge Eltern­teil als Betreu­ungs­per­son in Betracht zu zie­hen ist, wenn er dies ernst­haft und ver­läss­lich anbie­tet 12. Wie bei der Aus­ge­stal­tung des Umgangs­rechts nach § 1684 BGB ist auch im Rah­men des Betreu­ungs­un­ter­halts nach § 1570 BGB maß­geb­lich auf das Kin­des­wohl abzu­stel­len, hin­ter dem rein unter­halts­recht­li­che Erwä­gun­gen zurück­tre­ten müs­sen. Ist bereits eine am Kin­des­wohl ori­en­tier­te abschlie­ßen­de Umgangs­re­ge­lung vor­han­den, ist die­se grund­sätz­lich vor­greif­lich.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 1. Juni 2011 – XII ZR 45/​09

  1. im Anschluss an BGH, Urteil vom 30.03.2011 – XII ZR 3/​09, Fam­RZ 2011, 791[]
  2. im Anschluss an BGH, Urteil vom 15.09.2010 – XII ZR 20/​09, Fam­RZ 2010, 1880[]
  3. BGBl. I S. 3189[]
  4. BT-Drucks. 16/​6980 S. 8 f.[]
  5. BT-Drucks. 16/​6980 S. 9; BGH, Urteil vom 30.03.2011 – XII ZR 3/​09Fam­RZ 2011, 791 Rn. 18 mwN[]
  6. BGH, Urtei­le in BGHZ 180, 170 = Fam­RZ 2009, 770 Rn. 23; und in BGHZ 177, 272 = Fam­RZ 2008, 1739 Rn. 97[]
  7. BT-Drucks. 16/​6980 S. 9[]
  8. BGH, Urteil vom 30.03.2011 – XII ZR 3/​09, Fam­RZ 2011, 791 Rn. 20 mwN[]
  9. BGH, Urteil BGHZ 180, 170 = Fam­RZ 2009, 770 Rn. 28[]
  10. BT-Drucks. 16/​6980 S. 9; BGH, Urteil vom 30.03.2011 – XII ZR 3/​09, Fam­RZ 2011, 791 Rn. 23 mwN[]
  11. BGH, Urteil vom 30.03.2011 – XII ZR 3/​09Fam­RZ 2011, 791 Rn. 24 mwN[]
  12. BGH, Urteil vom 15.09. 2010 – XII ZR 20/​09, Fam­RZ 2010, 1880 Rn. 28; vgl. auch Emp­feh­lung 5 des Arbeits­krei­ses 2 des 18. Deut­schen Fami­li­en­ge­richts­ta­ges[]