Ver­sa­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe wegen fal­scher oder unvoll­stän­di­ger Anga­ben

§ 124 Abs. 1 Nr. 2 ZPO, wonach die Pro­zess­kos­ten­be­wil­li­gung auf­zu­he­ben ist, wenn die Par­tei absicht­lich oder aus gro­ber Nach­läs­sig­keit unrich­ti­ge Anga­ben über die per­sön­li­chen oder wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se gemacht oder eine Erklä­rung nach § 120a Absatz 1 Satz 3 nicht oder unge­nü­gend abge­ge­ben hat, ist im Bewil­li­gungs­ver­fah­ren nicht – auch nicht ana­log – anzu­wen­den 1.

Ver­sa­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe wegen fal­scher oder unvoll­stän­di­ger Anga­ben

Die Vor­schrift ist nach Inhalt und sys­te­ma­ti­scher Stel­lung im Rah­men der §§ 114 ff. ZPO für das auf Auf­he­bung bereits ergan­ge­ner Bewil­li­gungs­ent­schei­dun­gen gerich­te­te Ver­fah­ren kon­zi­piert und nicht für das Bewil­li­gungs­ver­fah­ren. Das Bewil­li­gungs­ver­fah­ren ist von Erklä­rungs- und Mit­wir­kungs­pflich­ten der Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe bean­tra­gen­den Par­tei und Hin­weis­pflich­ten des Gerichts bei der Auf­klä­rung der sub­jek­ti­ven Bewil­li­gungs­vor­aus­set­zun­gen (Bedürf­tig­keit) geprägt 2. Das Prü­fungs­ver­fah­ren (§§ 117, 118 ZPO) sieht bei unzu­rei­chen­der Mit­wir­kung und bei feh­ler­haf­ten Anga­ben des Antrag­stel­lers ein dif­fe­ren­zier­tes Instru­men­ta­ri­um vor. Dies beginnt mit der Mög­lich­keit, die Bewil­li­gung abzu­leh­nen, wenn auch nach Frist­set­zung das ein­ge­führ­te For­mu­lar (§ 117 Abs. 4 ZPO) mit der Erklä­rung zu sei­nen per­sön­li­chen und wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­sen nicht vor­ge­legt wird 3, geht wei­ter über die Auf­la­gen und Anord­nun­gen nach § 118 Abs. 2 Satz 1 und 2 ZPO und sieht schließ­lich bei unzu­rei­chen­der Mit­wir­kung oder Glaub­haft­ma­chung die Mög­lich­keit vor, die Bewil­li­gung "inso­weit" abzu­leh­nen (§ 118 Abs. 2 Satz 4 ZPO). Ins­be­son­de­re die letzt­ge­nann­te Rege­lung lässt erken­nen, dass – auch vor­sätz­lich oder grob nach­läs­sig – unter­las­se­ne oder nicht glaub­haft gemach­te Anga­ben nicht etwa in Form einer Straf­sank­ti­on die pau­scha­le Ableh­nung der Bewil­li­gung zu begrün­den ver­mö­gen, son­dern es dafür wei­ter­hin einer dif­fe­ren­zier­ten Beur­tei­lung ("inso­weit") und dar­über hin­aus ins­be­son­de­re einer vor­he­ri­gen Frist­set­zung bedarf. Die Ver­let­zung von Offen­ba­rungs­pflich­ten kann danach zwar zur Ableh­nung der Bewil­li­gung füh­ren, führt aber zu kei­ner Ver­wir­kung des Anspruchs auf Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe 4. Hat das Gericht Zwei­fel an Rich­tig­keit oder Voll­stän­dig­keit der gemach­ten Anga­ben, ist es – auch zur Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs 5 – gehal­ten, vor einer ableh­nen­den Ent­schei­dung auf die­se Zwei­fel hin­zu­wei­sen.

Nicht bereits dann, wenn ein­zel­ne Ein­nah­men, Aus­ga­ben- oder Ver­mö­gens­po­si­tio­nen unvoll­stän­dig oder feh­ler­haft dar­ge­legt wor­den, son­dern erst dann, wenn die Anga­ben des Antrag­stel­lers zu sei­ner Ein­kom­mens- und Ver­mö­gens­si­tua­ti­on ins­ge­samt so unvoll­stän­dig, wider­sprüch­lich oder sonst feh­ler­haft und damit nicht glaub­haft erschei­nen, dass eine Bedürf­tig­keit nicht glaub­haft dar­ge­legt ist, kommt eine Ableh­nung der Bewil­li­gung in Betracht. Wenn feh­ler­haf­te, nicht glaub­haf­te oder unvoll­stän­di­ge Anga­ben dage­gen ledig­lich unwe­sent­li­che Ein­zel­po­si­tio­nen betref­fen, ist die Bewil­li­gung ledig­lich "inso­weit" abzu­leh­nen 6. Durch eine ableh­nen­de Ent­schei­dung nach § 118 Abs. 2 Satz 4 ZPO wer­den die Nach­ho­lung und Kor­rek­tur feh­ler­haf­ter Anga­ben nicht prä­k­lu­diert 7. Das sol­cher­art aus­dif­fe­ren­zier­te Instru­men­ta­ri­um der §§ 117, 118 ZPO wür­de in den Fäl­len von § 124 Abs. 1 Nr. 2 ZPO, zumal in der durch die neue­re höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung gepräg­ten, von einem Straf­cha­rak­ter der Vor­schrift aus­ge­hen­den Aus­le­gung, weit­ge­hend aus­ge­he­belt.

Unab­hän­gig davon fehlt es für eine ana­lo­ge Anwen­dung von § 124 Abs. 1 Nr. 2 ZPO im Bewil­li­gungs­ver­fah­ren an einer plan­wid­ri­gen Rege­lungs­lü­cke 8. Der Gesetz­ge­ber hat die Vor­schrif­ten der §§ 114 ff. ZPO und ins­be­son­de­re die des § 124 ZPO erst jüngst mit dem am 01.01.2014 in Kraft getre­te­nen Gesetz zur Ände­rung des Pro­zess­kos­ten­hil­fe- und Bera­tungs­kos­ten­hil­fe­rechts über­ar­bei­tet. Er hat es dabei bei der oben geschil­der­ten Sys­te­ma­tik und der Anwen­dung von § 124 Abs. 1 Nr. 2 ZPO ledig­lich unter den beson­de­ren Vor­aus­set­zun­gen eines Auf­he­bungs­ver­fah­rens belas­sen. Für eine gleich­wohl erwei­ter­te, ana­lo­ge Anwen­dung im Bewil­li­gungs­ver­fah­ren ist weder eine Not­wen­dig­keit noch ein Rege­lungs­be­dürf­nis erkenn­bar. Dabei ist zu berück­sich­ti­gen, dass ein kor­rek­tes und voll­stän­di­ges Aus­fül­len des amt­li­chen Vor­drucks (§ 117 Abs. 4 ZPO) selbst an einen ver­stän­di­gen und gut­wil­li­gen Antrag­stel­ler erheb­li­che Anfor­de­run­gen stellt, viel­fach nicht gelingt und gericht­li­che Rück­fra­gen aus die­sem Grund viel­fach uner­läss­lich sind 9. Dar­auf, ob § 124 ZPO als Aus­nah­me­vor­schrift qua­li­fi­ziert wer­den kann und schon aus die­sem Grun­de eine ana­lo­ge Anwen­dung aus­schei­det 10, kommt es nicht ent­schei­dend an.

Im Übri­gen eröff­net § 118 Abs. 2 Satz 4 ZPO im Regel­fall hin­rei­chen­de Mög­lich­kei­ten, auf absicht­lich oder aus gro­ber Nach­läs­sig­keit gemach­te unrich­ti­ge Anga­ben – nach Frist­set­zung und Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs – ange­mes­sen zu reagie­ren. Die Vor­schrift ent­hält eine Sank­ti­on für unvoll­stän­di­ge oder nicht recht­zei­ti­ge Anga­ben 11. Wenn offen­sicht­lich fal­sche Anga­ben gemacht wer­den, kann die Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe ver­wei­gert wer­den 12. Lücken in der Dar­le­gung und Glaub­haft­ma­chung der wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se gehen zu Las­ten des Antrag­stel­lers.

Die neue­re höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung zu § 124 Nr. 2 ZPO a.F. 11, wonach die Vor­schrift nicht allei­ne auf einen objek­ti­ven kos­ten­recht­li­chen Aus­gleich im Fal­le von Falsch­an­ga­ben abzielt, son­dern ihr dar­über hin­aus auch Straf­cha­rak­ter zukommt, hat den auf das Auf­he­bungs­ver­fah­ren beschränk­ten Anwen­dungs­be­reich der Vor­schrift nicht erwei­tert.

Das Gesetz zur Ände­rung des Pro­zess­kos­ten­hil­fe- und Bera­tungs­kos­ten­hil­fe­rechts, wel­ches nach sei­nem Art.20 am 01.01.2014 in Kraft getre­ten ist und auf alle seit die­sem Tage gestell­ten Anträ­ge auf Bewil­li­gung von Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe Anwen­dung fin­det, hat die Bedeu­tung der Vor­schrift zwar ver­stärkt, da im Fall unrich­ti­ger Anga­ben die Bewil­li­gung von Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe nicht nur auf­ge­ho­ben wer­den kann, wie dies nach der vor­an­ge­gan­ge­nen Fas­sung der Vor­schrift der Fall war, son­dern sie sogar auf­ge­ho­ben wer­den "soll". Eine Erwei­te­rung ihres Anwen­dungs­be­reichs über das Auf­he­bungs­ver­fah­ren hin­aus ist damit jedoch nicht ver­bun­den.

Unab­hän­gig davon lie­gen im hier ent­schie­de­nen Fall die Vor­aus­set­zun­gen einer gro­ben Nach­läs­sig­keit im Sin­ne von § 124 Abs. 1 Nr. 2 ZPO nicht vor.

Eine gro­be Nach­läs­sig­keit kann in Anleh­nung an den mate­ri­ell-recht­lich ent­wi­ckel­ten Begriff der gro­ben Fahr­läs­sig­keit ange­nom­men wer­den, wenn die ver­kehrs­er­for­der­li­che Sorg­falt in beson­ders schwe­rem Maße ver­letzt wird, weil schon ein­fachs­te, ganz nahe­lie­gen­de Über­le­gun­gen nicht ange­stellt wer­den und das nicht beach­tet wird, was in gege­be­nem Fall jedem ein­leuch­ten muss 13. Den Han­deln­den muss auch in sub­jek­ti­ver Hin­sicht ein schwe­res Ver­schul­den tref­fen 14. Grob nach­läs­sig sind unrich­ti­ge Anga­ben, wenn die Par­tei die jedem ein­leuch­ten­de Sorg­falt bei Zusam­men­stel­lung und Über­prü­fung der Anga­ben außer Acht gelas­sen hat 15. Gro­be Nach­läs­sig­keit kann in Betracht kom­men, wenn Falsch­an­ga­ben und Lücken bei sorg­fäl­ti­gem Aus­fül­len des For­mu­lars ein­fach nicht vor­kom­men kön­nen, so etwa wie bei einem "Ver­ges­sen" von "wert­hal­ti­gen" Grund­stü­cken oder Bank­ver­bin­dun­gen, von Neben­tä­tig­kei­ten oder sonst wesent­li­chen Anga­ben zu Ein­kom­men und Ver­mö­gen 16. Das Ver­schwei­gen von (nicht ganz uner­heb­li­chen) Ver­mö­gens­wer­ten, die unter dem Gesichts­punkt des Sozi­al­leis­tungs­cha­rak­ters von Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe für eine Ver­wer­tung grund­sätz­lich in Betracht kom­men kön­nen, wird daher regel­mä­ßig als grob nach­läs­sig anzu­se­hen sein.

Inso­weit ist im vor­lie­gen­den Fal­le ins­be­son­de­re zu berück­sich­ti­gen, dass auf dem ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­chen Schwei­zer Kon­to der Antrags­geg­ne­rin bei der Raiff­ei­sen­bank ent­spre­chend ihrem Vor­trag und aus­weis­lich der im Beschwer­de­ver­fah­ren vor­ge­leg­ten Bele­ge über Kon­to­be­we­gun­gen ledig­lich ihre Gehalts­zah­lun­gen abge­wi­ckelt wur­den. Aus den vor­ge­leg­ten Kon­to­un­ter­la­gen sind weder ver­schwie­ge­ne Ein­künf­te noch wei­te­res Ver­mö­gen ersicht­lich. Dies lässt es glaub­haft erschei­nen, wenn die Antrags­geg­ne­rin vor­trägt, sich über die Not­wen­dig­keit der Anga­be die­ses Kon­tos nicht im Kla­ren gewe­sen zu sein.

Unge­ach­tet des­sen hat die (ver­schärf­te) Neu­fas­sung von § 124 Abs. 1 Nr. 2 ZPO nichts dar­an geän­dert, dass das Gericht bei der Ent­schei­dung über die Auf­he­bung der Bewil­li­gung wei­ter eine Ermes­sens­ent­schei­dung zu tref­fen und Ermes­sen aus­zu­üben hat 17. Dabei ist zu berück­sich­ti­gen, dass ein Rechts­irr­tum über die Not­wen­dig­keit bestimm­ter Anga­ben der gro­ben Nach­läs­sig­keit ent­ge­gen­ste­hen kann 18.

Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he, Beschluss vom 6. Juni 2014 – 18 WF 76/​14

  1. OLG Bran­den­burg vom 20.02.2007 – 10 WF 41/​07; wohl auch OLG Köln vom 24.04.1995 – 25 WF 72/​95, OLGR 1995, 327; a.A. OLG Bam­berg vom 02.08.2013 – 4 U 38/​13, Fam­RZ 2014, 589; LAG Hamm vom 30.01.2002 – 4 Ta 148/​01 und vom 18.03.2003 – 4 Ta 446/​02[]
  2. vgl. Zim­mer­mann, Pro­zess­kos­ten- und Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe, 4. Auf­la­ge 2012, Rz. 241, 243; Bütt­ner/W­ro­bel-Sachs/Gott­schal­k/­Dür­beck, Pro­zess- und Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe, Bera­tungs­hil­fe, 6. Auf­la­ge 2012, Rz. 148 ff.[]
  3. vgl. Zöller/​Geimer, ZPO, 30. Aufl.2014, § 117 Rz. 17 m.w.N.[]
  4. BGH vom 14.03.1984 – IVb ZB 114/​83, Fam­RZ 1984, 677 Tz. 9[]
  5. vgl. BVerfG vom 11.02.1999 – 2 BvR 229/​98, NJW 2000, 275[]
  6. vgl. Zöller/​Geimer, a.a.O., § 118 Rz. 17 und § 124 Rz. 5, jeweils m.w.N.[]
  7. OLG Cel­le vom 20.12.2012 – 4 W 212/​12, MDR 2013, 364; Zöller/​Geimer, a.a.O., § 118 Rz. 17[]
  8. OLG Bran­den­burg, a.a.O.[]
  9. vgl. Zim­mer­mann, Pro­zess­kos­ten- und Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe, 4. Aufl.2012, Rz. 241; Bütt­ner/W­ro­bel-Sachs/Gott­schal­k/­Dür­beck, Pro­zess- und Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe, Bera­tungs­hil­fe, 6. Aufl.2012, Rz. 148[]
  10. so OLG Zwei­brü­cken vom 01.08.2002 – 2 WF 80/​02, Fam­RZ 2003, 1021[]
  11. BGH vom 10.10.2012 – IV ZB 16/​12, Fam­RZ 2013, 124[][]
  12. KG vom 03.05.1996 – 13 WF 2973/​96, zitiert nach Juris; Musielak/​Fischer, ZPO, 10. Aufl.2013, § 118 Rz. 10[]
  13. BGHZ vom 10.05.2011 – VI ZR 196/​10, NJW-RR 2011, 1055 Rz. 10[]
  14. BGH vom 11.07.2007 – XII ZR 197/​05, NJW 2007, 2988 Rz. 15; Palandt/​Grüneberg, BGB, 73. Aufl.2014, § 277, Rz. 5[]
  15. Bütt­ner/W­ro­bel-Sachs/Gott­schal­k/­Dür­beck, a.a.O., Rz. 839[]
  16. vgl. Zim­mer­mann, a.a.O., Rz. 463; Zöller/​Geimer, a.a.O., § 124 Rz. 9[]
  17. Zöller/​Geimer, a.a.O. § 124 Rz. 7 – anders aller­dings dort bei Rz. 3[]
  18. Bütt­ner/W­ro­bel-Sachs/Gott­schal­k/­Dür­beck, a. a. O., Rz. 839[]