Ver­sor­gungsaugleich – gesetz­li­che Ren­ten­ver­si­che­rung und der Zugangs­fak­tor

Bei der Tei­lung von Anrech­ten in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung bleibt der Zugangs­fak­tor unbe­rück­sich­tigt. Ein durch vor­zei­ti­ge Inan­spruch­nah­me der Alters­ren­te ver­rin­ger­ter Zugangs­fak­tor ist nicht zuguns­ten des Aus­gleichs­pflich­ti­gen zu berück­sich­ti­gen.

Ver­sor­gungsaugleich – gesetz­li­che Ren­ten­ver­si­che­rung und der Zugangs­fak­tor

Gemäß § 1 Abs. 1 VersAus­glG sind die in der Ehe­zeit erwor­be­nen Antei­le von Anrech­ten (Ehe­zeit­an­tei­le) jeweils zur Hälf­te zwi­schen den geschie­de­nen Ehe­gat­ten zu tei­len. Befin­det sich ein Anrecht in der Anwart­schafts­pha­se und rich­tet sich sein Wert nach einer Bezugs­grö­ße, die unmit­tel­bar bestimm­ten Zeit­ab­schnit­ten zuge­ord­net wer­den kann, so ent­spricht der Wert des Ehe­zeit­an­teils gemäß § 39 Abs. 1 VersAus­glG dem Umfang der auf die Ehe­zeit ent­fal­len­den Bezugs­grö­ße. Die­se unmit­tel­ba­re Bewer­tung ist nach § 39 Abs. 2 Nr. 1 VersAus­glG ins­be­son­de­re bei Anrech­ten anzu­wen­den, bei denen für die Höhe der lau­fen­den Ver­sor­gung die Sum­me der Ent­gelt­punk­te oder ver­gleich­ba­rer Rechen­grö­ßen wie Ver­sor­gungs­punk­te oder Leis­tungs­zah­len bestim­mend ist.

Maß­geb­lich für den Ver­sor­gungs­aus­gleich ist das in der Ehe­zeit tat­säch­lich erwor­be­ne Anrecht des Antrag­stel­lers. Die hier­für maß­geb­li­che Bezugs­grö­ße im Sin­ne von § 5 Abs. 1 VersAus­glG sind die wäh­rend der Ehe­zeit erwor­be­nen Ent­gelt­punk­te. Dem­ge­gen­über bil­den weder der Ren­ten­be­trag noch die wei­te­ren für sei­ne Berech­nung maß­ge­ben­den Fak­to­ren eine den Ehe­zeit­an­teil prä­gen­de Bezugs­grö­ße.

Der Abschlag, der dadurch ent­stan­den ist, dass der Antrag­stel­ler nach Ende der Ehe­zeit vor­zei­tig Alters­ru­he­geld in Anspruch genom­men hat (zum Zugangs­fak­tor vgl. § 77 SGB VI), bleibt eben­falls unbe­rück­sich­tigt.

Schon nach frü­he­rem Recht schloss § 1587 a Abs. 2 Nr. 2 BGB für die gesetz­li­che Ren­ten­ver­si­che­rung eine Berück­sich­ti­gung des Abschlags aus. Danach war bei Ren­ten oder Ren­ten­an­wart­schaf­ten aus der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung der Betrag zugrun­de zu legen, der sich am Ende der Ehe­zeit aus den auf die Ehe­zeit ent­fal­len­den Ent­gelt­punk­ten ohne Berück­sich­ti­gung des Zugangs­fak­tors als Voll­ren­te wegen Alters ergä­be. Der Zugangs­fak­tor sah gemäß § 77 Abs. 2 Nr. 2 Buchst. a SGB VI bei vor­zei­ti­ger Inan­spruch­nah­me der Alters­ren­te in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung für jeden Kalen­der­mo­nat einen Abschlag von "0,003 nied­ri­ger als 1,0" vor. Die Rege­lung des § 1587 a Abs. 2 Nr. 2 BGB wird nun­mehr von § 109 Abs. 6 SGB VI fort­ge­schrie­ben.

Zwar hat­te der Bun­des­ge­richts­hof nach frü­he­rem Recht für sol­che Fäl­le, in denen der Aus­gleichs­pflich­ti­ge bereits wäh­rend der Ehe­zeit vor­zei­ti­ges Alters­ru­he­geld bezo­gen hat, Aus­nah­men von die­sem Grund­satz zuge­las­sen 1. Die­se Recht­spre­chung kann jedoch auf die seit dem 1.09.2009 gel­ten­de Rechts­la­ge nicht über­tra­gen wer­den 2.

Wie das Ober­lan­des­ge­richt zutref­fend aus­ge­führt hat, schließt das neue Recht eine Berück­sich­ti­gung des Zugangs­fak­tors aus­drück­lich aus. Nach §§ 41 Abs. 1, 39 Abs. 1, Abs. 2 Nr. 1 VersAus­glG i.V.m. § 109 Abs. 6 SGB VI erge­ben sich die zu ermit­teln­den Ent­gelt­punk­te aus der Berech­nung einer Voll­ren­te wegen Errei­chens der Regel­al­ters­gren­ze. Zur Begrün­dung ist im Gesetz­ent­wurf aus­ge­führt, dass für die Tei­lung von Anrech­ten aus der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung nicht mehr (fik­ti­ve oder tat­säch­li­che) Ren­ten­be­trä­ge, son­dern die für das Ver­sor­gungs­sys­tem maß­geb­li­che Bezugs­grö­ße aus­schlag­ge­bend sei, näm­lich Ent­gelt­punk­te. Damit soll­te die für das frü­he­re Recht begrün­de­te Bun­des­ge­richts­hofs­recht­spre­chung, die eine Berück­sich­ti­gung des Zugangs­fak­tors bei ehe­zeit­li­cher Inan­spruch­nah­me vor­ge­zo­ge­nen Alters­ru­he­gel­des aus­nahms­wei­se zuließ, aus­drück­lich nicht in das neue Recht über­tra­gen wer­den 3.

Hier­durch wird der Halb­tei­lungs­grund­satz nicht ver­letzt. Das wäh­rend der Ehe­zeit erwor­be­ne Stamm­recht in Form der erwor­be­nen Ent­gelt­punk­te wird hälf­tig geteilt. Ob der Aus­gleichs­pflich­ti­ge aus dem bei ihm ver­blei­ben­den Teil die­sel­be Ren­te wie der Aus­gleichs­be­rech­tig­te bezieht oder der Ren­ten­be­trag wegen der vor­zei­ti­gen Inan­spruch­nah­me und der dar­aus fol­gen­den län­ge­ren Ren­ten­dau­er durch einen geän­der­ten Zugangs­fak­tor gemin­dert wird, hängt von sei­ner eige­nen Ent­schei­dung und indi­vi­du­el­len Umstän­den ab. Es han­delt sich dabei um per­so­nen­be­zo­ge­ne, nicht anrechts­be­zo­ge­ne Umstän­de, die im Ver­sor­gungs­aus­gleich nicht zu berück­sich­ti­gen sind 4.

Zwar ver­bleibt dem Ehe­mann aus dem geteil­ten Anrecht dann nur eine gerin­ge­re Alters­ren­te, als sie der Ehe­frau ab dem Errei­chen ihrer Regel­al­ters­gren­ze zustün­de. Damit geht jedoch ein­her, dass der Ehe­mann die um den Ver­sor­gungs­ab­schlag gekürz­te Ren­te vor­ge­zo­gen bean­tragt hat und die­se bereits vor dem Errei­chen sei­ner Regel­al­ters­gren­ze bezieht. Sein vor­ge­zo­ge­ner und damit ver­län­ger­ter Ren­ten­be­zug spie­gelt den ver­si­che­rungs­ma­the­ma­ti­schen Bar­wert einer betrags­hö­he­ren Ren­te, die erst nach Errei­chen der Regel­al­ters­gren­ze in Anspruch genom­men wür­de und nach sei­ner Wahl auch von ihm hät­te bezo­gen wer­den kön­nen 5.

Schließ­lich erge­ben sich auch aus der Ren­ten­kür­zung, die der Ehe­mann infol­ge sei­nes durch vor­zei­ti­gen Ren­ten­ein­tritt gemin­der­ten Zugangs­fak­tors hin­zu­neh­men hat, kei­ne grob unbil­li­gen Här­ten im Sin­ne von § 27 VersAus­glG. Der Umstand, dass ihm nach durch­ge­führ­tem Ver­sor­gungs­aus­gleich bezo­gen auf den Ehe­zeit­an­teil weni­ger ver­bleibt als der aus­gleichs­be­rech­tig­ten Ehe­frau, beruht auf sei­nem Ent­schluss, bereits im Alter von 62 Jah­ren vor­ge­zo­ge­nes Alters­ru­he­geld in Anspruch zu neh­men und damit in den Genuss eines ver­län­ger­ten Ren­ten­be­zugs zu kom­men 6.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 9. Sep­tem­ber 2015 – XII ZB 211/​15

  1. BGH, Beschlüs­se vom 22.06.2005 – XII ZB 117/​03, Fam­RZ 2005, 1455, 1457; und vom 09.05.2007 – XII ZB 77/​06, Fam­RZ 2007, 1542[]
  2. Abgren­zung zu BGH, Beschluss vom 07.03.2012 – XII ZB 599/​10, Fam­RZ 2012, 851 Rn. 22, 24[]
  3. BT-Drs. 16/​10144 S. 80[]
  4. Wick Der Ver­sor­gungs­aus­gleich 3. Aufl. Rn. 177; Ruland Ver­sor­gungs­aus­gleich 3. Aufl. Rn. 360 ff.; Borth Ver­sor­gungs­aus­gleich 7. Aufl. Rn. 325; Glockner/​Hoenes/​Weil Der Ver­sor­gungs­aus­gleich 2. Aufl. § 5 Rn. 12; Erman/​Norpoth BGB 14. Aufl. § 41 VersAus­glG Rn. 4 ff.; Palandt/​Brudermüller 74. Aufl. § 43 VersAus­glG Rn. 8; aA unter Beru­fung auf die BGH-Recht­spre­chung zum frü­he­ren Recht: OLG Hamm Beschluss vom 17.03.2014 – 5 UF 61/​13; Holz­warth, Fam­RZ 2012, 1101, 1102 f.[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 18.05.2011 – XII ZB 127/​08, Fam­RZ 2011, 1214 Rn. 17[]
  6. BGH, Beschluss vom 07.03.2012 – XII ZB 599/​10, Fam­RZ 2012, 851 Rn. 30 mwN[]