Ver­sor­gungs­aus­gleich – und das Abse­hen von der Tei­lung gleich­ar­ti­ger Anrech­te in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung

Mit einem Abse­hen von der Tei­lung gleich­ar­ti­ger Anrech­te in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung hat­te sich erneut 1 der Bun­des­ge­richts­hof zu befas­sen:

Ver­sor­gungs­aus­gleich – und das Abse­hen von der Tei­lung gleich­ar­ti­ger Anrech­te in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung

Nach § 18 Abs. 1 VersAus­glG soll das Fami­li­en­ge­richt bei­der­sei­ti­ge Anrech­te glei­cher Art nicht aus­glei­chen, wenn die Dif­fe­renz ihrer Aus­gleichs­wer­te gering ist, wobei die Vor­schrift dem Gericht einen Ermes­sens­spiel­raum eröff­net. Die tatrich­ter­li­che Ermes­sens­ent­schei­dung unter­liegt im Rechts­be­schwer­de­ver­fah­ren einer nur ein­ge­schränk­ten recht­li­chen Kon­trol­le. Sie ist durch das Rechts­be­schwer­de­ge­richt ins­be­son­de­re dar­auf­hin zu über­prü­fen, ob das Beschwer­de­ge­richt die gesetz­li­chen Gren­zen sei­nes Ermes­sens über­schrit­ten oder von sei­nem Ermes­sen einen unsach­ge­mä­ßen, Sinn und Zweck des Geset­zes zuwi­der­lau­fen­den Gebrauch gemacht hat. Fer­ner ist nach­zu­prü­fen, ob das Beschwer­de­ge­richt von unge­nü­gen­den oder ver­fah­rens­feh­ler­haft zustan­de gekom­me­nen Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen aus­ge­gan­gen ist oder ob es wesent­li­che Umstän­de uner­ör­tert gelas­sen hat 2.

Wel­che Kri­te­ri­en bei der Ermes­sens­aus­übung im Ein­zel­nen zu berück­sich­ti­gen sind, lässt das Gesetz dabei offen. Wie der Bun­des­ge­richts­hof mehr­fach aus­ge­spro­chen hat, ist der Halb­tei­lungs­grund­satz Maß­stab des Ver­sor­gungs­aus­gleichs­rechts, so dass der Aus­schluss des Aus­gleichs von Anrech­ten in Anwen­dung von § 18 Abs. 1 oder Abs. 2 VersAus­glG sei­ne Gren­ze stets in einer unver­hält­nis­mä­ßi­gen Beein­träch­ti­gung des Halb­tei­lungs­grund­sat­zes fin­det (vgl. zu § 18 Abs. 1 VersAus­glG: BGH, Beschluss vom 28.09.2016 XII ZB 325/​16 10; vgl. zu § 18 Abs. 2 VersAus­glG: BGH, Beschlüs­se vom 22.06.2016 XII ZB 490/​15 Fam­RZ 2016, 1658 Rn. 8; und vom 02.09.2015 XII ZB 33/​13 Fam­RZ 2015, 2125 Rn. 25). Eine sol­che Beein­träch­ti­gung liegt immer dann vor, wenn ein Anrecht mit gerin­gem Aus­gleichs­wert oder gleich­ar­ti­ge Anrech­te mit einer gerin­gen Wert­dif­fe­renz unter Anwen­dung von § 18 Abs. 1 oder Abs. 2 VersAus­glG nicht aus­ge­gli­chen wer­den, obwohl die mit der Vor­schrift ver­folg­ten Zwe­cke nicht oder nur in Ansät­zen erreicht wer­den.

Der Rege­lungs­zweck des § 18 Abs. 1 VersAus­glG erschöpft sich nicht dar­in, einem (mut­maß­lich) feh­len­den wirt­schaft­li­chen Inter­es­se der Ehe­leu­te an einem Aus­gleich von gleich­ar­ti­gen Anrech­ten mit gerin­ger Wert­dif­fe­renz Rech­nung zu tra­gen. Rich­tig ist zwar, dass in den Geset­zes­ma­te­ria­li­en zu § 18 Abs. 1 VersAus­glG beson­ders her­vor­ge­ho­ben wor­den ist, dass bei Ehe­leu­ten mit annäh­rend gleich hohen Ver­sor­gun­gen kein Anlass für einen Hin­und-Her-Aus­gleich bestehe, weil der Ver­zicht auf den Aus­gleich in die­sen Fäl­len "meist" dem Wil­len der Ehe­leu­te ent­spre­che 3. Allein die typi­sie­ren­de Annah­me, dass das Unter­blei­ben eines Aus­gleichs gleich­ar­ti­ger Anrech­te mit einer gerin­gen Wert­dif­fe­renz dem Wunsch geschie­de­ner Ehe­gat­ten ent­spre­che, ver­mag die mit dem Aus­schluss ver­bun­de­ne Beein­träch­ti­gung des Halb­tei­lungs­grund­sat­zes jedoch nicht zu recht­fer­ti­gen. Unab­hän­gig davon, dass die­se Annah­me empi­risch schon nicht belegt ist 4, müss­te sie als (allei­ni­ge) trag­fä­hi­ge Recht­fer­ti­gung für ein Abse­hen vom Aus­gleich spä­tes­tens dann ver­sa­gen, wenn ein abwei­chen­des Peti­tum des durch den Aus­schluss benach­tei­lig­ten Ehe­gat­ten vor­liegt.

Im Übri­gen las­sen die Geset­zes­ma­te­ria­li­en erken­nen, dass auch mit der Vor­schrift des § 18 Abs. 1 VersAus­glG die Inter­es­sen der Ver­sor­gungs­trä­ger in den Blick genom­men wer­den soll­ten 5. Stim­men die Ehe­leu­te einem Aus­schluss nicht aus­drück­lich zu, kann eine sach­li­che Recht­fer­ti­gung für die Durch­bre­chung des Halb­tei­lungs­grund­sat­zes zumeist nur in einer nen­nens­wer­ten Ver­rin­ge­rung des Ver­wal­tungs­auf­wands für die Ver­sor­gungs­trä­ger erblickt wer­den. Aus die­sem Grun­de sind auch bei der Ermes­sens­ent­schei­dung im Rah­men der Anwen­dung von § 18 Abs. 1 VersAus­glG in ers­ter Linie die Belan­ge der Ver­wal­tungs­ef­fi­zi­enz auf Sei­ten der Ver­sor­gungs­trä­ger gegen das Inter­es­se des aus­gleichs­be­rech­tig­ten Ehe­gat­ten an der Erlan­gung eines auch gering­fü­gi­gen Zuwach­ses an Anrech­ten abzu­wä­gen 6.

Nach die­sen Maß­stä­ben hat im hier ent­schie­de­nen Fall das Thü­rin­ger Ober­lan­des­ge­richt 7 von dem ihm durch § 18 Abs. 1 VersAus­glG ein­ge­räum­ten Ermes­sen in unsach­ge­mä­ßer, Sinn und Zweck des Geset­zes zuwi­der­lau­fen­der Wei­se Gebrauch gemacht. Im Aus­gangs­punkt hat das Beschwer­de­ge­richt wohl erkannt, dass die Durch­füh­rung der Tei­lung durch Ver­rech­nung der Anrech­te und Umbu­chung der Aus­gleichs­wert­dif­fe­renz auf den gesetz­li­chen Ver­si­che­rungs­kon­ten bei­der Ehe­gat­ten (§§ 10 Abs. 2 VersAus­glG, 120 f Abs. 1 SGB VI) übli­cher­wei­se kei­nen beson­ders hohen Ver­wal­tungs­auf­wand ver­ur­sacht 8. In die­sen Fäl­len wird dem Halb­tei­lungs­grund­satz regel­mä­ßig der Vor­rang gebüh­ren, sofern nicht der Wert­un­ter­schied zwi­schen den bei­den gleich­ar­ti­gen Anrech­ten wirt­schaft­lich völ­lig bedeu­tungs­los ist 9. Nach den bis­he­ri­gen Fest­stel­lun­gen des Beschwer­de­ge­richts beträgt der Wert­un­ter­schied der kor­re­spon­die­ren­den Kapi­tal­wer­te 1.855, 17 €, was nach der­zei­ti­gem Ren­ten­wert einem zusätz­li­chen Ren­ten­be­trag von monat­lich 8, 57 € ent­spricht. Bei die­sen Ver­hält­nis­sen wird von völ­li­ger wirt­schaft­li­cher Bedeu­tungs­lo­sig­keit des Aus­gleichs nicht aus­ge­gan­gen wer­den kön­nen 10. Trag­fä­hi­ge Erwä­gun­gen, die unter die­sen Umstän­den gleich­wohl ein Abse­hen vom Aus­gleich recht­fer­ti­gen kön­nen, las­sen sich der ange­foch­te­nen Ent­schei­dung im Übri­gen nicht ent­neh­men. Sie kann ins­be­son­de­re schon des­halb nicht auf ein über­ein­stim­men­des Votum der Ehe­leu­te gestützt wer­den, weil der Ehe­mann dem vom Beschwer­de­ge­richt in sei­ner Hin­weis­ver­fü­gung in Aus­sicht gestell­ten Aus­schluss der bei­der­sei­ti­gen regel­dyna­mi­schen Ren­ten­an­rech­te unter Anwen­dung des § 18 Abs. 1 VersAus­glG aus­drück­lich ent­ge­gen­ge­tre­ten ist.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 23. Novem­ber 2016 – XII ZB 323/​15

  1. im Anschluss an BGH, Beschlüs­se vom 28.09.2016 – XII ZB 325/​16; und vom 12.10.2016 – XII ZB 372/​16[]
  2. BGH, Beschluss vom 28.09.2016 XII ZB 325/​16 8; vgl. zu § 18 Abs. 2 VersAus­glG auch BGH, Beschlüs­se vom 22.06.2016 XII ZB 490/​15 Fam­RZ 2016, 1658 Rn. 6; und vom 02.09.2015 XII ZB 33/​13 Fam­RZ 2015, 2125 Rn. 22[]
  3. vgl. BT-Drs. 16/​10144 S. 36[]
  4. vgl. Wick FS Hah­ne S. 419, 422[]
  5. BT-Drs. 16/​10144 S. 36, 60 f.[]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 28.09.2016 – XII ZB 325/​16[]
  7. Thü­rO­LG, Beschluss vom 19.03.2015 – 8 UF 243/​14[]
  8. vgl. Wick Ver­sor­gungs­aus­gleich 3. Aufl. Rn. 426[]
  9. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 28.09.2016 XII ZB 325/​16 12 ff.; und vom 12.10.2016 XII ZB 372/​16 17 f.[]
  10. vgl. zur Abgren­zung BGH, Beschlüs­se vom 28.09.2016 XII ZB 325/​16 14 [0, 07 €]; und vom 12.10.2016 XII ZB 372/​16 18 [0, 83 €][]